Lesezeit ca. 5 Min.
arrow_back

SYSTEME AM KIPPEN


Logo von Businessart
Businessart - epaper ⋅ Ausgabe 3/2022 vom 22.09.2022
Artikelbild für den Artikel "SYSTEME AM KIPPEN" aus der Ausgabe 3/2022 von Businessart. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Businessart, Ausgabe 3/2022

Ende der 1960er-Jahre wird auf den Straßen Mitteleuropas demonstriert. Hauptsächlich gegen Nazis und den Vietnamkrieg. Schäden, die das ungebremste Wirtschaftswachstum der Nachkriegsjahre verursacht, sind dabei eher ein Randthema.

Doch die Schaumberge auf den Flüssen sowie wilde Müllkippen, die mitten in der Landschaft wuchern, sind bald nicht mehr zu übersehen. Spätestens als in größerem Stil Atomkraftwerke gebaut werden, sind Umwelt- und Nachhaltigkeitsthemen in der Protestbewegung angekommen. Vor 50 Jahren bringt der Club of Rome, ein weltweiter Zusammenschluss von Menschen, die sich über die Zukunft des Planeten Erde Gedanken machen, ein unscheinbares Büchlein mit dem Titel „Die Grenzen des Wachstums“ heraus. Der Inhalt hat es in sich – und nicht an Aktualität verloren. Die Kernaussage: „Wenn die gegenwärtige Zunahme der Weltbevölkerung, der Industrialisierung, der Umweltverschmutzung, der ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 4,99€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Businessart. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1050 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 3/2022 von DU BIST WIE EIN GRASHÜPFER. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
DU BIST WIE EIN GRASHÜPFER
Titelbild der Ausgabe 3/2022 von VOM ORCHIDEENFACH ZUR PFLICHT. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
VOM ORCHIDEENFACH ZUR PFLICHT
Titelbild der Ausgabe 3/2022 von Könnt ihr nicht auch etwas für Unternehmen machen?. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Könnt ihr nicht auch etwas für Unternehmen machen?
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
DU BIST WIE EIN GRASHÜPFER
Vorheriger Artikel
DU BIST WIE EIN GRASHÜPFER
VOM ORCHIDEENFACH ZUR PFLICHT
Nächster Artikel
VOM ORCHIDEENFACH ZUR PFLICHT
Mehr Lesetipps

... Nahrungsmittelproduktion und der Ausbeutung von natürlichen Rohstoffen unverändert anhält, werden die absoluten Wachstumsgrenzen auf der Erde im Laufe der nächsten hundert Jahre erreicht. Mit großer Wahrscheinlichkeit führt dies zu einem ziemlich raschen und nicht aufhaltbaren Absinken der Bevölkerungszahl und der industriellen Kapazität.“

WUT UND ANGST BEFEUERN GLOBALE PROTESTE

Ob Klimakrise, Gesetzesänderungen, staatlich verordnete Maßnahmen zum Schutz vor dem Corona-Virus, die Preise an der Zapfsäule oder explodierende Kosten für Güter des täglichen Bedarfs – in den letzten Monaten und Jahren gingen tausende Menschen in Santiago, Paris, Kairo, Hongkong,

Wien, ja auch in vielen Kleinstädten und ländlich geprägten Regionen auf die Straßen. Sie wollten und wollen damit ihrem Frust über schwerfällige und unprofessionelle politische Diskussionen, ihrer Verzweiflung, ihrer Angst um das wirtschaftliche Überleben Ausdruck verleihen. Was mit „Occupy Wallstreet“ begonnen hat, endet in der konsequenten, konstruktiven und lautstarken Forderung nach Veränderung. Immer wieder haben wir es zuletzt auch erlebt, dass Angst in unbändige Wut überschlägt. Wer sich öffentlich positioniert, ob als Politiker*in oder Expert*in, muss offenbar mit üblen Beschimpfungen und Bedrohungen von Verschwörungsideolog*innen leben.

SYSTEME AM KIPPEN

„Die ökologischen, sozialen, wirtschaftlichen und politischen Krisen unserer Zeit wirken als Brennglas für Bruchlinien und Defizite, die längst bekannt sind“, erklärt Florian Leregger, Geschäftsführer des Instituts für Umwelt, Friede und Entwicklung in Wien. Er sieht in den 17 Nachhaltigkeitsprinzipien der Vereinten Nationen nicht nur den Schlüssel zu mehr sozialem Frieden und Nachhaltigkeit, sondern auch einen Kompass, wie ein achtsames Miteinander sowie Resilienz in der Krise gelingen können. „Die aktuellen Krisen beschleunigen sogar manche Entscheidungen in Richtung Nachhaltigkeit. Ich sehe da viele hoffnungsfrohe Beispiele“, so Leregger. Viele Unternehmen würden beispielsweise Abwärme aus dem eigenen Betrieb und andere erneuerbare Energieformen nutzen und damit einen effektiven Vorteil gegenüber Mitbewerbern haben. „Dennoch gibt es natürlich viele Herausforderungen und Fragezeichen, gerade in Bezug auf die Teuerung kommt noch einiges auf uns zu“, räumt Leregger ein.

SOZIALE KIPPPUNKTE ALS MOMENTUM FÜR DIE KLIMAWENDE

Ilona Otto ist Professorin für „Gesellschaftliche Auswirkungen des Klimawandels“ am Wegener Center für Klima und Globalen Wandel an der Universität Graz. Sie sieht laut Zukunftsreport 2022 in der globalen Protestkultur und dem daraus resultierenden „Green Pressure“ eine fruchtbare Grundlage für einen sogenannten sozialen Kipppunkt. Darunter versteht man einen Prozess, in dem es innerhalb einer sehr kurzen Zeitspanne und ohne gravierende oder vorhersehbare Auslöser zu tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen kommt. Ausgelöst wird dieser Prozess zunächst durch eine kleine Gruppe von Menschen, die es schafft, die „kritische Masse“ zu überzeugen.

Doch warum sollte gerade jetzt ein sozialer Kipppunkt bevorstehen? Betrachtet man die Zeitspanne zwischen der Veröffentlichung von „Die Grenzen des Wachstums“ und der Einsicht, dass es für die Klimawende womöglich schon fünf Minuten nach zwölf ist, so kann von kurz kaum eine Rede sein. Allerdings ist, getrieben von den aktuellen Krisen, heute vielen Menschen klar, dass ein zivilisiertes, friedliches Miteinander kaum noch möglich sein wird, wenn sich unsere ohnehin schon instabile Welt weiter destabilisiert. Dieser lebensbedrohende Kontext schafft vorteilhafte Rahmenbedingungen für einen sozialen Kipppunkt. Kurz gesagt: Der erhöhte Leidensdruck begünstigt gesellschaftliche Veränderung.

TRANSFORMATION IN DER WIRTSCHAFT

Dies scheinen auch immer mehr Unternehmen zu verinnerlichen, und manche von ihnen positionieren sich als strategische Vorreiter. So kündigte etwa die Erste Group letztes Jahr an, in ihrem Betrieb bis Ende 2023 klimaneutral zu sein und verbleibende CO2-Emissionen mit Ausgleichszahlungen zu kompensieren. Bis 2050 will das Unternehmen ein Netto-Null-Portfolio erreichen, also genauso viel Kohlenstoff aus der Atmosphäre reduzieren, wie es durch seine Geschäfte hinzufügt. Der schwedische Möbel- und Einrichtungsriese IKEA will sich an der Kreislaufwirtschaft ausrichten und bis 2030 eine positive Klimabilanz erzielen. Der US-Konzern Microsoft hat angekündigt, bis zur Jahrhundertmitte das gesamte Business-Ökosystem emissionsneutral zu gestalten, also sämtliche Emissionen, die das Unternehmen seit seiner Gründung verursacht hat, wieder aus der Atmosphäre zu holen. Otto und ihr Forschungsteam glauben, dass wir über das notwendige Wissen, die geeigneten Technologien und die erforderlichen wirtschaftlichen Hebel verfügen, um die Klimawende zu schaffen. Damit ein sozialer Kipppunkt ausgelöst wird, braucht es laut Otto „nur noch“ die unumstößliche Überzeugung, dass eine bessere, fairere Welt mit höherer Lebensqualität möglich ist.

Angesichts der sozialen Verwerfungen, die uns zurzeit begleiten, stellt sich die Frage, ob Ottos Einschätzung nicht etwas zu optimistisch ist. Denn im Umkehrschluss wäre es durchaus möglich, dass eine kleine Gruppe die Stimmung in die umgekehrte Richtung kippen lässt und damit einen Abgesang auf die freie Welt, wie wir sie kennen, einleitet. „Zuversichtlich zu sein bedeutet nicht, dass man nicht realistisch ist“, entgegnet Carmencita Nader, die seit 2021 das Social Banking der Erste Group leitet. „Aus meiner beruflichen und privaten Erfahrung weiß ich, wie überwältigend solidarisch Menschen sein können“, führt die Volkswirtin weiter aus. Die Kombination aus günstigen politischen Rahmenbedingungen, unternehmerischer Verantwortung, sozialer Begleitung und vielen kleinen Schritten in der privaten Sphäre sind ihrer Meinung nach entscheidend für einen fairen, ökologischen und sozialen Wandel.

LANGFRISTIG DENKEN

Rebecca Schett ist seit 2014 gemeinsam mit ihrem Vater Josef Geschäftsführerin des Familienbetriebs Villgrater Natur Produkte. Das Unternehmen verarbeitet heute rund ein Drittel der österreichischen Schafschurwolle. Über Vertriebspartner in ganz Europa sowie Shops in Innervillgraten, Lienz, Schwaz und Wien vertreibt Villgrater Natur Produkte ein breites Produktsortiment mit Schlafsystemen, Dämmstoffen und Bettwaren. „Die ganze Produktentwicklung zielt auf Energieeffizienz, Langlebigkeit und Nachhaltigkeit ab. Das ist bei uns schon seit Jahrzehnten so. Deshalb treffen uns die Krisen dieser Zeit nicht extrem hart“, so Schett. Dieser Weg sei aufwändiger, und es gehe auch nicht von allein, erzählt die Unternehmerin. Vogel-Strauß-Taktik ist für sie trotzdem keine Option: „Eine Krise ist immer mal ein Schock, doch mit Mut und langfristigem Denken kann mal als Unternehmen gestärkt daraus hervorgehen“, ist Schett überzeugt.

Leregger stößt ins selbe Horn: „Es ist nie zu spät, mutig zu sein und das Richtige zu tun. Die Zahlen liegen auf dem Tisch. Jetzt nichts zu tun, käme uns wesentlich teurer als in Nachhaltigkeit zu investieren, sagt der zweifache Vater. Gleichzeitig warnt er vor Naivität: „Unsere Probleme wie etwa die Abhängigkeit auf dem Energiesektor werden sich nicht von heute auf morgen in Luft auflösen. Übergangstechnologien sind eine Notwendigkeit. Diese ‚Krout‘ müssen wir schlucken.“ Damit die Klimawende gelingt, müssten Unternehmen als Innovationsmotoren, Kommunen und natürlich auch die Zivilgesellschaft an einem Strang ziehen. Besonders in der Pflicht sieht er die Politik: „Ich halte nichts von einer Privatisierung der Nachhaltigkeit, damit meine ich, dass die gesamte Verantwortung von oben nach unten an den Einzelnen delegiert wird.“

Leregger und Schett betonen, wie sehr ihr Optimismus mit den eigenen Kindern zusammenhängt: „Generationenverantwortung macht Sinn.“ Langfristig zu denken, jetzt Entscheidungen zu treffen, die ein Unternehmen nachhaltiger machen, mutig zu sein sowie Nachhaltigkeit im eigenen Verantwortungsbereich aktiv vorzuleben – das klingt fast zu banal, zu einfach. Vielleicht sind es ja gerade die Unternehmer*innen, die den sozialen Kipppunkt ins Positive anstoßen und damit mehr Lebensqualität für Menschen auf der ganzen Welt bewirken.