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TEST ÄPFEL: GANZ WEIT VOM STAMM


ÖKO-TEST Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 9/2018 vom 30.08.2018

Das ganze Jahr über liegen sie im Obstregal: immer knackig, immer frisch. Äpfel scheinen gar keine Saison zu kennen. Viele stammen aus Chile oder Neuseeland, aber auch deutsche Äpfel gibt es immer. Wir wollten wissen: Wie steht es um ihre Belastung mit Spritzgiften? Und wie um ihre Klimabilanz?


Artikelbild für den Artikel "TEST ÄPFEL: GANZ WEIT VOM STAMM" aus der Ausgabe 9/2018 von ÖKO-TEST Magazin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Foto: Maren Winter/getty images

Nehmen wir einmal an, es ist Mai. Im Supermarktregal liegen zwei Äpfel nebeneinander – der eine stammt aus Neuseeland, der andere aus der Region. Beide sehen gleich knackig aus, gleich rot, gleich frisch. Klar, wir greifen zu dem heimischen Apfel. Schließlich ist er nicht um die ...

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... ganze Welt gereist. Und hat ganz klar die bessere Öko-Bilanz. Oder? Drehen wir die Zeit zurück und gehen mit den beiden Äpfeln auf die Reise.

Apfel Nummer eins wächst in Neuseeland. Das Land am anderen Ende der Welt ist Deutschlands größter Apfellieferant außerhalb der EU; 2017 haben die Deutschen rund 38.000 Tonnen neuseeländische Äpfel gegessen. Während in Deutschland die Apfelernte im Spätsommer und Herbst ansteht, werden neuseeländische Äpfel im Frühjahr reif. Auf die etwa 20.000 Kilometer lange Schiffsreise gehen also in der Regel frische, nicht oder nur kurz gelagerte Äpfel. Negativ auf die Energiebilanz wirkt sich hingegen die lange Reise auf dem Kühlschiff aus. Die dauert etwa vier Wochen.


Liegen im Supermarkt zwei Äpfel nebeneinander, einer weit gereist, einer aus der Region – dann greifen wir zum heimischen Apfel. Weil er klar die bessere Öko-Bilanz hat. Sicher?


Apfel Nummer zwei wächst am Bodensee. Er ist einer von rund 1,5 Milliarden, die die Obstbauern im Umkreis von etwa 30 Kilometern um den See pro Jahr ernten. Der Großteil von ihnen findet sich direkt nach dem Pflücken in Großkisten wieder, eingelagert in riesigen Kühlhallen – unter kontrollierter Atmosphäre. Das bedeutet, unser Apfel harrt – je nach Sorte – bei einem Grad Celsius, rund drei Prozent Kohlenstoffdioxid und etwa einem Prozent Sauerstoff aus, bis das Verkaufsangebot auf dem Tisch liegt. Dann geht es ab in die Sortier- und Verpackungsanlage und später mit dem Lastwagen auf die Reise in den Supermarkt. Heißt: Nicht nur die weitgereisten Äpfel belasten das Klima. Heimische Äpfel, die im Frühsommer im Obstregal liegen, haben mindestens ein halbes Jahr Kühllager hinter sich. Und das verbraucht ebenfalls jede Menge Energie.

Rund 1,5 Milliarden Äpfel pro Jahr: Die Region rund um den Bodensee ist eins der größten Apfelanbaugebiete Deutschlands.


Foto: Sarah Becker/ÖKO-TEST

Katja Tölle , ÖKO-TEST-Redakteurin


Foto: Anja Wägele


„Kaum Pestizide in den meisten Äpfeln? Das täuscht darüber hinweg, dass auf den Plantagen eigentlich viel gespritzt wird. Nur: Nachdem die Äpfel gewaschen sind, lassen sich viele Spritzgifte nicht mehr nachweisen. Für die Umwelt sind sie trotzdem ein Problem.“


Das Institut für Energie- und Umweltforschung Heidelberg (Ifeu) kommt dennoch zu dem Schluss, dass Äpfel aus der Region auch nach einem halben Jahr im Kühllager noch eine bessere CO2-Bilanz haben – wenn dieser Vorteil natürlich auch mit jeder Woche Kühlung schrumpft. „Aber die Kühlsysteme haben sich in den vergangenen Jahren wesentlich verbessert“, erklärt Dr. Guido Reinhardt vom Ifeu. Ältere Studien kamen zu dem Ergebnis, dass der Unterschied zwischen deutschen und Überseeäpfeln im April gar nicht mehr groß sei. „Die Zeiten sind vorbei“, sagt Reinhardt. „Der vermeintliche ‚Breakeven-point‘, der da festgestellt wurde, der ist mittlerweile widerlegt.“ Deshalb gilt: Deutsche Äpfel haben für gewöhn-lich die bessere Klimabilanz. Je länger sie gelagert wurden, desto schlechter ist sie allerdings. Wer bewusst einkaufen will, sollte regionale Äpfel kaufen – am besten in der Saison, etwa von August bis November.


Regionale Äpfel haben auch nach sechs Monaten im Kühllager die bessere Klimabilanz. Aber der Vorteil schrumpft mit jeder Woche.


Spritzgifte: Ohne Pestizide kommt der Apfelanbau nicht aus. Auf den Äpfeln bleibt allerdings nur wenig davon zurück.


Foto: imago/blickwinkel

Deutlich mehr ins Gewicht fällt übrigens das eigene Einkaufsverhalten: „Es ist natürlich völlig unsinnig, mit dem SUV zum Hofladen zu fahren, um zwei Kilo Äpfel zu kaufen“, sagt Reinhardt. Sobald der Verbraucher mit dem Auto fährt, vervielfachen sich Energieaufwand und Treibhauseffekt. Der Unterschied zwischen dem neuseeländischen und dem deutschen Apfel fällt da kaum noch ins Gewicht. Es ist also viel ausschlaggebender für das Klima, wie wir einkaufen, als was wir einkaufen.

ÖKO-TEST wollte wissen, wie weit die Äpfel gereist sind, wie lange sie im Kühlhaus lagen und wie es um ihre Belastung mit Spritzgiften steht. Deswegen haben wir 27 Packungen Äpfel ins Labor geschickt und die Hersteller befragt.

DAS TESTERGEBNIS

Süß und knackig: Die meisten Äpfel im Test können wir empfehlen, darun ter auch alle fünf Bio-Äpfel. Acht Äpfel sind allerdings mit besonders bedenklichen Pestiziden belastet. Und einige Hersteller mauern, wenn es darum geht, Transportwege und Kühldauer der Äpfel offenzulegen.
Wenig Spritzgifte: Neun Äpfel weisen überhaupt keine Rückstände von Pestiziden auf, darunter alle Bio-Äpfel. Die Belastung von Äpfeln mit Pestiziden ist im Vergleich zu anderem Obst wie Erdbeeren oder Bananen eher gering. In den beiden Produkten Real Quality Äpfel, Royal Gala Tenroy und Apfel rot Ambrosia von Lidl hat das Labor allerdings ein beziehungsweise zwei Pestizide analysiert, deren Gehalte wir als „erhöht“ einstufen. Dafür gibt es eine Note Abzug. Auch die River Valley Fresh Äpfel rot, Tenroy-Royal Gala fallen auf. In ihnen stecken fünf verschiedene Pestizide. Zwar sind die Mengen gering, aber es gibt nur sehr wenige Untersuchungen zu den gesundheitlichen Auswirkungen von Mehrfachrückständen. Viele Hersteller nutzen da einen Trick: Gesetzlich vorgeschrieben sind nur Rückstandshöchstmengen für einzelne Pestizide. Wenn die Obstbauern also mehrere verschiedene Spritzgifte einsetzen, von jedem einzelnen aber etwas weniger, dann bleiben sie bequem unter den jeweiligen Höchstmengen.
Wenig Rückstände = kaum Pestizide? Die geringen Funde sind leider kein Anzeichen dafür, dass die Obstbauern kaum Pestizide spritzen. Da sie aber weder kurz vor der Ernte noch nach der Ernte spritzen dürfen, sind die meisten Pestizide bereits abgebaut. Außerdem werden die Äpfel, bevor sie auf den Markt kommen, nach Größe und Qualität sortiert. Bei diesem Schritt schwimmen die Äpfel in einem Wasserbad; Pestizide auf der Schale werden dadurch größtenteils abgewaschen.
Besonders giftig: Einige der in den Äpfeln analysierten Pestizide sind besonders bedenklich. Etwa weil sie als wahrscheinlich krebserregend gelten, beim Einatmen lebensgefährlich sein können oder vermutlich dem Kind im Mutterleib schaden. Auch stark bienengiftige Spritzgifte kritisieren wir. Warum diese dennoch eingesetzt werden dürfen, ist uns ein Rätsel.
Weit gereist oder lang gelagert: Wir wollten von den Herstellern wissen, wie lang die Äpfel im Kühlhaus lagen und wie weit sie gereist sind. Viele haben weite Strecken mit dem Kühlschiff und Lastwagen hinter sich. Die anderen lagen mehr als ein halbes Jahr im Kühllager – auch nicht besonders ökologisch. Mit mehr als 20.000 Kilometern haben die Äpfel aus Neuseeland die weiteste Reise hinter sich; am längsten im Kühllager haben gleich drei Äpfel gelegen – und zwar ganze neun Monate. Da die Klimabilanzen von gelagerten und weit gereisten Äpfeln sich im Juni – zu diesem Zeitpunkt haben wir eingekauft-nur noch wenig unterscheiden, werten wir unter den Weiteren Mängeln nur ab, wenn die Hersteller sich nicht einmal um Transparenz bemühen. Etwa die Hersteller von Edeka und Tochter Netto Marken-Discount schwiegen konsequent zu beiden Produkten, die wir dort eingekauft haben.

Runter damit: Wenn die Äpfel sortiert werden, kommen sie ins Wasserbad. Dort waschen sich viele Pestizidrückstände ab.


Foto: imago/PanoramiC


Die Äpfel aus Neuseeland haben mehr als 20.000 Kilometer hinter sich, die deutschen lagen bis zu neun Monate im Kühllager.


Fett gedruckt sind Mängel.
Glossar: Erläuterungen zu den jeweiligen Testparametern finden Sie auf Seite 144. Anmerkungen:1) Weiterer Mangel: PVC/PVDC/chlorierte Verbindungen in der Verpackung.2) Die Marke Jazz ist eine von Enzafruit eingetragene Handelsmarke. Gekauft haben wir die Äpfel bei Rewe.3) Die Marke Pink Lady ist eine von Pink Lady eingetragene Handelsmarke. Gekauft haben wir die Äpfel bei Aldi Süd.
Legende: Produkte mit dem gleichen Gesamturteil sind in alphabetischer Reihenfolge aufgeführt. Unter dem Testergebnis Inhaltsstoffe führen zur Abwertung um jeweils eine Note: a) 5 bis 9 Pestizide in Spuren; b) ein „erhöhter“ Gehalt eines Pestizids, der mehr als 10 bis 50 Prozent der erlaubten Rückstandshöchstmenge erreicht, wenn diese bei 0,1 mg/kg oder höher liegt, und/oder ein „erhöhter“ Gehalt eines Pestizids von mehr als 20 bis 50 Prozent der erlaubten Rückstandshöchstmenge, wenn diese bei 0,05 mg/kg bis < 0,1 mg/kg liegt; c) ein oder mehrere besonders bedenkliche Pestizide in einer Menge von mehr als 0,01 mg/kg (hier: Carbendazim, Lambda-Cyhalothrin, Thiacloprid, Pirimicarb, Spirodiclofen, Tebuconazol, Etofenprox und/oder Acetamiprid). Unter dem Testergebnis Weitere Mängel führt zur Abwertung um zwei Noten: keine Angabe zur Dauer der Lagerung im Kühllager und/oder keine Angabe zur Entfernung, die die Äpfel von der Ernte bis zum Verkaufsort zurückgelegt haben. Zur Abwertung um eine Note führt: PVC/PVDC/chlorierte Verbindungen in der Verpackung.
Das Gesamturteil beruht auf dem Testergebnis Inhaltsstoffe. Ein Testergebnis Weitere Mängel, das „befriedigend“ oder „ausreichend“ ist, verschlechtert das Gesamturteil um eine Note. Ein Testergebnis Weitere Mängel, das „gut“ ist, hat keinen Einfluss auf das Gesamturteil.Testmethoden undAnbieterverzeichnis finden Sie unter oekotest.de  „Aktuelle Hefte“
→ „Inhalt anzeigen“.
Einkauf der Testprodukte: Juni 2018.
Tests und deren Ergebnisse sind urheberrechtlich geschützt. Ohne schriftliche Geneh- migung des Verlags dürfen keine Nachdrucke, Kopien, Mikrofilme oder Einspielungenin elektronische Medien angefertigt und/oder verbreitet werden.

ÖKO-TEST RÄT

► Unser Test zeigt: Äpfel sind in der Regel wenig mit Pestiziden belastet. Alle fünf getesteten Bio-Äpfel weisen überhaupt keine Rückstände auf. Das beruhigt erst einmal. Ökologisch guten Gewissens kann man Äpfel allerdings nur von August bis November kaufen.
► Äpfel halten sich im kalten Keller oder im Kühlschrank deutlich länger.
► Entscheidend für die Öko-Bilanz eines Apfels ist auch, wie Sie ihn kaufen: Wenn Sie mit dem Auto zum weit entfernten Hofladen fahren, um regionale Äpfel zu kaufen, dann ist das ökologischer Unsinn.

SO HABEN WIR GETESTET

Erst drauf, dann runter: Obstbauern setzen viele Pestizide ein. Wir haben im Labor überprüft, wie hoch die Rückstände sind, die nach dem Waschen noch auf den Äpfeln nachweisbar sind.


Foto: Olaf Speier/shutterstock

Der Einkauf
Äpfel sollten es sein – egal ob weit gereist oder aus der Region. Deswegen haben wir in Supermärkten, Discountern und Bio-Märkten 27 ganz verschiedene Sorten eingekauft, einige lose, andere verpackt.

Die Inhaltsstoffe
Auf vielen Apfelplantagen setzen Landwirte im Kampf etwa gegen Schädlinge, Mehltau und andere Pflanzenkrankheiten Spritzgifte ein. Deshalb hat ein von uns beauftragtes Labor in den Äpfeln nach mehr als 500 Pestiziden gefahndet.

Die Bewertung
Oft stecken in Äpfeln nur „Spuren“, also sehr geringe Mengen, von Pestiziden. Davon dann aber mehrere. Wechselwirkungen von Pestiziden im Körper sind so gut wie unerforscht. Deswegen werten wir fünf oder mehr verschiedene Spuren ab. Außerdem kritisieren wir, wenn mehr als zehn Prozent der erlaubten Höchstmenge ausgeschöpft sind oder die Obstbauern besonders bedenkliche Stoffe sprühen. Wenn die Hersteller nicht offenlegen, welche Transportwege oder Lagerzeiten die Äpfel hinter sich haben, kritisieren wir das unter den Weiteren Mängeln.