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TEST Anti-Aging-Pflegelinien: Falten-Verwalter?


ÖKO-TEST Ratgeber Kosmetik und Wellness - epaper ⋅ Ausgabe 6/2016 vom 09.06.2016

„Die Zeit bleibt stehen.“ Mit großen Worten wie diesen werden Anti-Aging-Kosmetika angepriesen – auch in der Naturkosmetikbranche. ÖKO-TEST hat sich elf „grüne“ Produktlinien angeschaut. Die Inhaltsstoffe überzeugen, die Wirkversprechen nicht.


Artikelbild für den Artikel "TEST Anti-Aging-Pflegelinien: Falten-Verwalter?" aus der Ausgabe 6/2016 von ÖKO-TEST Ratgeber Kosmetik und Wellness. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Foto: goodluz/Shutterstock

Kaum ein Kosmetiksegment wirbt mit vollmundigeren Schlachtrufen als das der Anti-Aging-Produkte. Schon im zarten Alter von 25 sollte Frau am besten mit der Antifaltenvorsorge beginnen, spätestens mit 30 bestehe akuter Handlungsbedarf, propagieren die Hersteller. Ganze Serien werden entwickelt, die tagsüber und nachts, für jede ...

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... Gesichtspartie und in jedem Alter, für alle Hauttypen und jedwede Faltentiefe das passende Rundum-sorglos-Paket bieten wollen.


Anti-Aging ist ein großer Wachstumstreiber der Naturkosmetik


Auf diesen Zug ist auch die Naturkosmetikbranche aufgesprungen, denn auch ihre Zielgruppe wird dank des demografischen Wandels immer älter. Insgesamt ist laut den Marktforschern der Information Resources GmbH (Iri) der Umsatz im Naturkosmetiksegment Gesichtspflege im Jahr 2014 um 12,6 Prozent gestiegen – Anti-Age und die Pflege für reife Haut seien dabei die größten Wachstumstreiber, so Iri-Mitarbeiterin Kristina Thum. Ein großer Teil davon entfalle auf kleine und neue Marken, die in der Statistik allerdings nicht einzeln erfasst seien.

An großen Worten sparen auch die Naturkosmetikhersteller nicht. So verspricht etwa der Anbieter der Tages- und der Nachtcreme von Dr. Scheller „maximale Anti-Aging-Wirkung“, der Anbieter der Mádara Time Miracle Tagescreme gar eine stimulierte „Produktion der, Jugend-Proteine‘“ und – wie auch für das Pendant für die Nacht – schlicht einen Effekt „als hätten Sie die Zeit zurückgedreht“. Doch wie groß dürfen die Worte eigentlich sein? Dieser Frage hat sich vor drei Jahren die EU-Kommission gewidmet und schärfere Kriterien für Werbeaussagen festgelegt. Unter anderem dürfen Werbeversprechen zur Wirkung eines Produkts demnach „nicht über das hinausgehen, was die vorhandenen Nachweise belegen“ – das müssen die Hersteller den Behörden in Form von Wirksamkeitsstudien beweisen. Diese dienen allerdings in der Regel nur dem „Claim-Support“, sie belegen also nur genau so viel, wie auf Grundlage der Studienergebnisse so hochtönend wie möglich und so schwammig wie nötig formuliert wird.

Dass ein Produkt mithilfe feuchtigkeitsspendender Inhaltsstoffe die Haut etwas aufpolstert und so kleine Fältchen und eine raue Hautstruktur kurzzeitig optisch verschwinden lässt, darf man sogar glauben. Doch das kann eine gute Feuchtigkeitscreme auch – und kostet dabei häufig weitaus weniger. Das allerdings wird auf der Verpackung nicht zu lesen sein. Und letzten Endes sollte sich die Verbraucherin ohnehin die Frage stellen: Wären die Botoxindustrie und all die Schönheitschirurgen nicht längst arbeitslos, wenn man den Falten tatsächlich nur mit ein paar Cremes beikommen könnte?

Einige Substanzen könnten zwar durchaus „über Feuchtigkeit kleine Knitterfältchen ausgleichen“, Pigmentflecken beeinflussen oder gegen freie Radikale wirken, erklärt Professorin Christiane Bayerl, Direktorin der Klinik für Dermatologie und Allergologie an der Dr. Horst Schmidt Klinik Wiesbaden. Radikalfänger, zum Beispiel das Coenzym Q10 und Vitamin E, die auch in der Naturkosmetik gerne eingesetzt werden, und Cremes mit UV-Schutz wirken aber eher präventiv gegen äußere Einflüsse wie die Sonneneinstrahlung. Gegen bereits vorhandene, tiefe Falten könnten auch sie nichts ausrichten, sagt Bayerl.

Auch wenn die Anti-Aging-Auswahl in der Naturkosmetik immer weiter wächst, spielen nicht alle Anbieter das Spiel mit. Naturkosmetikherstellerin Martina Gebhardt etwa positioniert sich mit ihrer Kosmetiklinie Happy Aging als Gegenpol zum „Anti“-Trend. „, Anti‘ bedeutet Widerstand und richtet sich letztlich gegen uns selbst und damit gegen unsere Fähigkeiten, uns zu regenerieren. ,Anti‘ macht alt!“ – mit diesen Worten bewirbt Gebhardt ihre Linie als Wohlfühlpflege für reife Haut. „Das Altern als negative Lebensphase zu sehen, ist der falsche Ansatz. Das geht über die Kosmetik hinaus. Man wird verbissen und verbittert und das sieht man sofort an den Gesichtszügen.“

Für die Unternehmerin ist die Naturkosmetikherstellung zudem mit einer Berufsethik verbunden, die es verbiete, „mit der Angst Geschäfte zu machen“. Anti-Aging-Produkte teurer zu verkaufen, obwohl sie keine teureren Inhaltsstoffe enthielten, sei ein weiterer Aspekt dieser problematischen Entwicklung. Deshalb werde es von Martina Gebhardt auch in Zukunft keine Anti-Aging-Linie geben. Als einen Grund dafür, dass trotzdem immer mehr Naturkosmetikhersteller in Sachen Anti-Aging mitmischen, sieht Gebhardt den „derzeitigen besonders starken Wettbewerb in diesem Segment“. So bewegten sich die Naturkosmetik und ihre Zertifizierer immer weiter in Richtung der konventionellen Kosmetik – und profitierten dabei dennoch von dem positiven Image der Branche beim Verbraucher. Gebhardts Ratschlag: „Jeder, der sich interessiert, sollte sich die zugelassenen Inhaltsstoffe genau anschauen, also nicht blind vertrauen und keinem Trend hinterherrennen.“

Wir haben uns die Inhaltsstoffe und Wirkversprechen der „grünen“ Anti-Aging-Linien genauer angesehen und je drei Produkte von insgesamt elf Marken untersucht: eine Creme für den Tag, eine für die Nacht und eine Augencreme. Bis auf drei Produkte tragen alle eine Naturkosmetikzertifizierung von BDIH, Natrue oder Ecocert.

Das Testergebnis

Gute Zutaten, überzogene Versprechen. Die Inhaltsstoffe der „grünen“ Anti-Aging-Linien halten, was sie versprechen – hier hatten wir bei keinem der insgesamt 33 Produkte etwas zu beanstanden. Auch die Linie von Annemarie Börlind, deren Cremes als einzige keine von uns akzeptierte Zertifizierung für echte Naturkosmetik tragen, reiht sich in das positive Bild ein. Problematisch wird es, wenn die Hersteller die Wirksamkeit ihrer Produkte belegen sollen. Beweisen, dass die Anti-Aging-Produkte einer normalen Feuchtigkeitscreme etwas voraushaben, konnte kein Hersteller. Dennoch haben es 13 Produkte auf ein „gutes“ Gesamturteil gebracht.
Schadet nichts. Gute Pflegecremes ohne problematische Inhaltsstoffe sind die Produkte allemal. Sie enthalten weder Parabene noch Paraffine, Silikone oder Formaldehyd/-abspalter. In einigen Produkten stecken Aluminiumverbindungen, deren genauen Gehalt wir im Labor bestimmen ließen. Allesamt liegen auf einem Niveau, das bei normaler Anwendung nur einen sehr geringen Einfluss auf die wöchentliche tolerierbare Aufnahmemenge (TWI) hat. Der TWI von einem Milligramm Aluminium pro Kilogramm Körpergewicht wurde von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) errechnet und bezieht sich auf die Gesamtaufnahme aus sämtlichen Quellen wie Lebensmitteln, Trinkwasser und eben auch Kosmetika. Wir werten Aluminium hier nicht ab, raten aber grundsätzlich dazu, jede unnötige Aluminiumaufnahme zu vermeiden.

Nicht zu viel erwarten. Um nachvollziehen zu können, wie weit es mit dem Anti-Aging-Effekt der Produkte her ist, baten wir die Hersteller um die Zusendung vollständiger Studien zu den getesteten Produkten. Diesem Wunsch sind nur wenige nachgekommen: Wir haben jeweils vollständige Studien zu allen drei Produkten der zertifizierten Drogerie-Eigenmarken Alterra und Alverde sowie den Marken Alviana und Lavera erhalten, außerdem zur Farfalla Age Miracle Reichhaltige Regenerationscreme Anti-Aging. Die damit abgedeckten 13 Produkte schneiden im Gesamturteil mit „gut“ ab, weil sie aufgrund dieses Bemühens um Transparenz im Testergebnis Weitere Mängel besser wegkommen. Zu allen anderen Kosmetika haben wir zwar zum Teil sehr umfangreiches Material erhalten, die Hersteller schickten uns aber entweder nur Auszüge ihrer Studien, Dokumente zu selbst durchgeführten Untersuchungen mit subjektiven Bewertungen der Probanden oder Wirksamkeitsnachweise einzelner Inhaltsstoffe. Als vollständige Studie akzeptieren wir jedoch nur, wenn aus den Dokumenten eine Untersuchung des konkreten Produkts in standardisierten Verfahren, die vollständige Durchführungsbeschreibung, das Gesamtergebnis sowie die individuellen Ergebnisse aller Probanden hervorgehen. Denn wir möchten genau nachvollziehen können, welchen Einfluss eine Creme in ihrer speziellen Zusammensetzung auf die Haut hat – und das nicht nur bei wenigen ausgesuchten Testpersonen. Weil es für eine mögliche Wirksamkeit auf die Konzentration, vor allem aber auf die Zusammensetzung der Zutaten ankommt, reichen uns Nachweise zu einzelnen Substanzen nicht als Beweis für die Wirksamkeit des Endproduktes. Zwar scheinen manche Stoffe einen Effekt auf leichte Fältchen, Hautrauigkeiten und Pigmentflecken zu haben, doch dass ein Anti-Aging-Produkt im direkten Vergleich mit einer herkömmlichen Creme wirklich bessere Resultate erzielt, konnte uns auch keine der vollständigen Studien beweisen.

Jedes Alter hat seine Reize: Nichts spricht dagegen, auf die Haut abgestimmte Pflege zu verwenden. Doch Falten wegcremen gelingt nicht.


Foto: imago/Westend61

Fett gedruckt sind Mängel.
Glossar: Erläuterung zu den untersuchten Parametern finden Sie auf Seite 208.
Anmerkungen: 1) Weiterer Mangel: Umkarton, der kein Glas schützt und/oder keinen notwendigen, produktspezifischen Beipackzettel beinhaltet.2) Produkt enthält eine oder mehrere Aluminiumverbindungen.3) Der Hersteller beruft sich auf das CSE-Siegel als Naturkosmetikzertifizierung. ÖKO-TEST akzeptiert jedoch als Zertifizierungen für Naturkosmetikprodukte nur BDIH, Natrue, Ecocert, Demeter, Icada und Naturland.4) Farnesol nicht deklariert, aber im Labor nachgewiesen.5) Farnesol deklariert, aber im Labor nicht nachgewiesen.Abkürzungen: n. u. = nicht untersucht, weil sich dieser Parameter durch die Zusammensetzung des Produkts erübrigt.
Legende: Produkte mit dem gleichen Gesamturteil sind in alphabetischer Reihenfolge aufgeführt. Unter dem Testergebnis Weitere Mängel führt zur Abwertung um vier Noten: Keine vollständige Wirksamkeitsstudie für das Produkt vorgelegt. Zur Abwertung um zwei Noten führt: Vorteil des Anti-Aging-Produktes gegenüber einem herkömmlichen Pflegeprodukt nicht belegt. Zur Abwertung um eine Note führt: Umkarton, der kein Glas schützt und/ oder keinen notwendigen, produktspezifischen Beipackzettel beinhaltet. Das Gesamturteil beruht auf dem Testergebnis Inhaltsstoffe. Ein Testergebnis Weitere Mängel, das „befriedigend“ oder „ausreichend“ ist, verschlechtert das Gesamturteil um eine Note. Ein Testergebnis Weitere Mängel, das „mangelhaft“ oder „ungenügend“ ist, verschlechtert das Gesamturteil um zwei Noten.
Testmethoden undAnbieterverzeichnis finden Sie unterwww.oekotest.de → Suchen → „N1606“ eingeben.

Bereits veröffentlicht: ÖKO-TEST-Magazin 9/2015. Aktualisierung der Testergebnisse/Angaben, sofern sich aufgrund neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse die Bewertung von Mängeln geändert oder ÖKO-TEST neue/zusätzliche Untersuchungen durchgeführt hat.Einkauf der Testprodukte: Juni/Juli 2015.

So reagierten die Hersteller

Alsitan , Hersteller der Alsiroyal Anti-Aging-Linie, teilte mit, den Umkarton einzusetzen, damit der Beipackzettel nicht verloren geht. Diese Erklärung leuchtet uns bei Medikamenten ein – schließlich enthält er dort wichtige Informationen. Der Alsiroyal-Beipackzettel allerdings besteht aus Eigenwerbung und allgemeinen Inhaltsstoffbeschreibungen. Dass in allen drei Produkten die gleiche Beilage steckt, zeigt den mangelnden direkten Produktbezug. Verzichtbare Informationen, zu denen man auch auf eine Internetseite verweisen könnte.
Börlind undWeleda bitten um Verständnis, dass sie uns keine vollständigen Studien zur Verfügung stellen, da es sich um unternehmensinterne und vertrauliche Daten handele, die nur Behörden zugänglich gemacht würden. Natürlich hatten auch wir von ÖKO-TEST bereits im Vorfeld einen vertraulichen Umgang mit den Dokumenten zugesichert, doch letztlich ist kein Hersteller verpflichtet, uns seine Wirksamkeitsstudien zuzuschicken. Aber um den Studienverlauf und die Ergebnisse nachvollziehen zu können, brauchen wir diese Daten. Bekommen wir sie nicht, werten wir ab.

ÖKO-TEST rät

■ Alle drei Produkte der bis zu 150 Euro teuren Linien belasten Ihren Geldbeutel, nicht aber Ihre Gesundheit.
■ Statt eines teuren Anti-Aging-Produkts tut es auch eine herkömmliche Creme mit wenigen, hochwertigen Inhaltsstoffen. Sie versorgt die Haut mit Feuchtigkeit und polstert Fältchen etwas auf – mehr macht eine Anti-Aging-Creme letztlich auch nicht.
■ Um die Haut frisch und gesund aussehen zu lassen, helfen vor allem gesunde Ernährung, regelmäßiger Sport, ein guter UV-Schutz und der Verzicht auf Zigaretten.

Experte

Das Altern als gestaltbar betrachten

Prof. Dr. Hans-Werner Wahl , Leiter der Abteilung für Psychologische Alternsforschung am Psychologischen Institut der Universität Heidelberg


Foto: Netzwerk für Alternsforschung, Universität Heidelberg

„Das Gute an der Anti-Aging-Bewegung, auch wenn ich das Wort, Anti-Aging‘ nicht mag, ist vielleicht, dass sie positive Einstellungen zum Älterwerden befördert, weil sie Altern als gestaltbar betrachtet. Denn es ist wichtig, unser eigenes Älterwerden innerlich und äußerlich als einen ganz natürlichen Teil unserer Entwicklung zu sehen. Wir haben in einer Zusammenführung aller Langzeitstudien zeigen können, dass jene älteren Menschen, die positivere Haltungen ihrem eigenen Älterwerden gegenüber haben, auf lange Sicht gesehen auch gesünder leben, zu mehr Vorsorgeuntersuchungen gehen, geistig reger sind und sogar länger leben.“