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TEST BLONDIERUNGEN: ROTE KARTE


ÖKO-TEST Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 9/2018 vom 30.08.2018

Wer von heller sommerlicher Haarpracht träumt, greift zu Blondierungen. Unser Test fällt alarmierend aus: Ohne schädlichen Chemiecocktail geht’s offenbar nicht.


Fußballprofis wie Mats Hummels, Jérôme Boateng und Neymar schaffen es mit ihren Leistungen auf dem Feldund mit Frisuren in die Schlagzeilen. Was die einen für gelungen halten, beschreiben andere als „Vogelnest“. Wir sind eben alle ein bisschen Fußballtrainer und Styleberater. Wer mit einem kleinen Budget und ohne (Star-)Friseur zu hellen Haaren kommen will, findet Produkte für zu Hause im Drogeriemarkt. Aber wie schädlich sind Blondierungen? ...

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Fußballprofis wie Mats Hummels, Jérôme Boateng und Neymar schaffen es mit ihren Leistungen auf dem Feldund mit Frisuren in die Schlagzeilen. Was die einen für gelungen halten, beschreiben andere als „Vogelnest“. Wir sind eben alle ein bisschen Fußballtrainer und Styleberater. Wer mit einem kleinen Budget und ohne (Star-)Friseur zu hellen Haaren kommen will, findet Produkte für zu Hause im Drogeriemarkt. Aber wie schädlich sind Blondierungen? Und sollte man überhaupt selbst Hand anlegen? Wir haben die Fakten rund ums kühle Blonde.

Das ist drin: Eines haben alle Blondierungen im Laden oder beim Friseur gemein: Deutlich heller bekommt man Haare nur mit der Chemiekeule. Das lässt sich schon an den zahlreichen Warnhinweisen auf den Verpackungen erkennen. Zum Aufhellen kommt meist ein Cocktail aus Wasserstoffperoxid und Persulfaten zum Einsatz, den der Verbraucher kurz vor der Anwendung aus verschiedenen Komponenten zusammenmischt. Bis zu fünf Teile stecken in einer Packung. Ergänzend zu den Inhaltsstoffen, die für das blonde Wunder sorgen sollen, gibt es Pflegemittelchen wie Spülungen.

So wirken die Stoffe: Wasserstoffperoxid kennt kein Pardon. Es baut Melanin ab, zerstört also die natürlichen Farbpigmente des Haares. Gegebenenfalls verstärken Persulfate die Aufhellung. Das Haar verwandelt sich so zum Beispiel von hellbraun zu rot über orange und gelb zu blond. Bis zu neun Stufen heller versprechen die Anbieter von Blondierungen im Test. Allerdings empfehlen sie die Produkte meist nur für die natürlichen Haarfarben Hellbraun oder Blond. Von Pechschwarz auf Haare wie Marylin Monroe ist nicht drin. Die Bleichmittel haben in reiner Form schwere Nebenwirkungen. Wasserstoffperoxid beispielsweise ist in Reinform giftig, in Haarprodukten darf es deshalb nur in einer Konzentration von zwölf Prozent enthalten sein, in Produkten für den Heimgebrauch sind die Mengen in der Regel deutlich geringer.


Blondes Gift: Wasserstoffperoxid zerstört die natürlichen Farbpigmente. So bleicht es die Haare. Und macht sie rau und spröde.


Foto: imago/Chai v.d. Laage


„Mich hat überrascht, dass auch noch in Produkten zur Nachbehandlung bedenkliche Färbesubstanzen stecken.“


Svenja Markert , ÖKO-TEST-Redakteurin, hat aktuell hellere Haare durch die Sommersonne und den zurückliegenden Kretaurlaub.


Foto: Anja Wägele


Die Theorie: Aufheller hellen auf, Colorationen färben zusätzlich. Die Praxis am Regal: Kunden können nicht unterscheiden.


So belasten sie die Haare: Die Blondierungen dringen tief ins Haarinnere und verändern es. Das strapaziert das Haar. Es ist nach der Blondierung rauer und spröder. Die Widerstandsfähigkeit und die Reißfestigkeit sind geringer. Und was die frischen Blondschöpfe auch merken: Beim Kämmen ziept es öfters. Weil das Bleichen die Haare so strapaziert, empfehlen viele Friseure nur Kurzhaarigen, den ganzen Schopf zu blondieren. Sonst setzen sie auf blonde Strähnchen. Und raten: Unbedingt Pausen einlegen und nicht schnell nach einer Dauerwelle oder chemischen Färbung erneut den Farbkick suchen. Bei geschädigtem Haar ist es besser, die Finger von der Chemiekeule zu lassen.

So unterscheiden sich Aufheller von Blond-Colorationen: Aufheller arbeiten mit Wasserstoffperoxid, Blond-Colorationen auch. Trotzdem ist es nicht dasselbe. Denn die Aufheller bleichen nur, die Colorationen bringen Farbe ins Haar. Sie enthalten zusätzlich Färbechemikalien. Die sogenannten Farbvorstufen sind kleine, farblose Moleküle, die in die Haarstruktur eindringen und hier – mithilfe von Wasserstoffperoxid – größere Farbmoleküle bilden. Die Farbe entsteht also direkt im Haar.

So die Theorie. In der Praxis allerdings können Kunden vor dem Regal kaum unterscheiden, ob es sich um ein reines Bleichprodukt oder eine aufhellende Coloration handelt – zumal verschiedene Anbieter die Begriffe unterschiedlich verwenden.

Guter Ansatz: Blondieren erfordert Geschick. Blonde Strähnchen sind Königsklasse. Einfacher und entspannter geht es, wenn jemand dabei hilft.


Foto: Alex_Doubovitsky/getty images

So empfehlenswert ist do it yourself: Keine Frage, Salonprodukte stehen in Sachen Chemie den Blondierungen für zu Hause in nichts nach. Tatsächlich ist der Wasserstoffperoxidanteil beim Friseur meist sogar höher. Das größte Argument für den Friseurbesuch ist eine Binsenweisheit: Wer sein Handwerk gelernt hat, kann Dinge in der Regel besser als der Laie. Es gibt natürlich Ausnahmen. Davon zeugen Gerichtsurteile zu professionellen Blondierungsunfällen. Aber sicherer ist es doch. Denn: Grundsätzlich sind Blondierungen keine einfachen Kosmetika, die mehrteiligen Komponenten und die Dauer der Anwendungen bergen einige Schwierigkeiten. Gerade wenn der gewünschte Farbunterschied groß oder das Haar schon vorgefärbt ist, gestaltet sich Blondieren schwierig.


Die Blondierungen enthalten einen ganzen Cocktail bedenklicher Inhaltsstoffe.


DAS TESTERGEBNIS

Abstiegskandidaten: Statt blond ist die Tabelle der Ergebnisse vor allem rot. Es hagelt schlechte Noten.
Bekannte Foulspieler: Ein Grund für die schlechten Ergebnisse sind bedenkliche Färbestoffe, die wir schon aus vorherigen Haarfarbentests kennen. Teilweise können sie zu schweren Allergien führen. Am stärksten werten wir p-Aminophenol in der Garnier Nutrisse Creme Aufhellende Pflege-Haarfarbe ab. Das Färbemittel ist im Chemikalienrecht als CMR-Stoff eingestuft. CMR steht für „cancerogen, muta-gen, reproduktionstoxisch“. Übersetzt: „krebserzeugend, erbgutverändernd, fortpflanzungsgefährdend“.p-Aminophenol kann möglicherweise das Erbgut verändern.
Kritisches Nachspiel: Bedenkliche Färbestoffe sind eher in Colorationen als in reinen Aufhellern zu erwarten. Doch auch die vorwiegend pflegenden Nachbehandlungsmittel können es in sich haben. Im Test setzt Schwarzkopf & Henkel in drei Nachbehandlungen bedenkliche Färbestoffe ein. Sie sollen, so steht es auf der Verpackung, für ein kühles Blond beziehungsweise für einen Anti-Gelbstich-Effekt sorgen. Ganz sicher sorgen die Nachbehandlungen für bedenkliche Stoffe im Haar.
Bis zu eine Halbzeit lang, also bis zu 45 Minuten, bleiben die Blondierungen auf dem Kopf. Aufgrund dieser langen Einwirkzeit werten wir streng ab, wenn die Hersteller PEG/PEG-Derivate einsetzen. PEG/PEG-Derivate können die Haut durchlässiger für Fremdstoffe machen.
Bitte auswechseln! Mikroplastik, das die Umwelt belastet, ist nicht erwünscht. Während die Industrie nur „feste Partikel“ in abwaschbaren Kosmetika als Mikroplastik sieht, kritisieren Umweltschützer alle in der Umwelt schwer abbaubaren synthetischen Polymere. Dazu können Verbindungen zählen, wie sie laut Deklaration in drei Blondierern zu finden sind.
Platzverweis: Die Duftstoffe Lyral und Hydroxycitronellal lösen häufig Allergien aus. Den Duftstoff Lyral, den das beauftragte Labor im Colourless Extrem Aufheller Go Blonde nachgewiesen hat, ist deshalb bald verboten. Von Sommer 2019 an dürfen Hersteller keine Kosmetika mit Lyral mehr in den Handel bringen. Ab 2021 ist der Verkauf entsprechender Produkte komplett untersagt. ÖKO-TEST kritisiert noch weitere Duftstoffe: Lilial etwa hat sich in Tierversuchen als fortpflanzungsschädigend erwiesen – trotzdem steckt es noch in der Hälfte der Produkte.

Fett gedruckt sind Mängel
Abkürzung: CMR = cancerogen (kanzerogen), mutagen, reproduktionstoxisch; DEP = Diethylphthalat
Glossar: Erläuterung zu den untersuchten Parametern finden Sie auf Seite 144.
Anmerkungen: 1) Weiterer Mangel: Mehr als 1.000 mg/ kg Blei in den Handschuhen.2) Isoeugenol und Geraniol deklariert, aber im Labor nicht nachgewiesen.
Legende: Produkte mit gleichem Gesamturteil sind in alphabetischer Reihenfolge aufgeführt. Unter dem Testergebnis Inhaltsstoffe führt zur Abwertung vier Noten: aromatische Amine, die nach CLP-Verordnung als CMR-Stoff eingestuft sind (hier: p-Aminophenol). Zur Abwertung um jeweils zwei Noten führen: a) ein oder mehrere bedenkliche Färbestoffe, die laut SCCS-Einstufung ein extremes und/oder starkes Sensibilisierungspotenzial haben (hier: Toluene-2,5-Diamine Sulfate, m-Aminophenol, Resorcin) oder für die noch keine Einordnung bezüglich ihres Sensibilisierungspotenzials vorliegt (hier: Acid Violet 43, 2-Amino-4-Hydroxyethylaminoanisole Sulfate), wenn nicht bereits wegen eines CMR-Stoffs (hier: p-Aminophenol) um vier Noten abgewertet wurde; b) PEG/PEG-Derivate in einem Bestandteil des Produktes, der länger als 20 Minuten auf der Kopfhaut verbleibt; c) halogenorganische Verbindungen (hier: Chlorhexidindigluconat); d) Mikroplastik/synthetische Polymere (hier: Acrylates Copolymer, Acrylamidopropyltrimonium Chloride/Acrylates Copolymer, Acrylates/Beheneth-25 Methyacrylate Copolymer); e) Butylphenyl Methylpropional (in der Tabelle: Lilial); f) mehr als 10 mg/kg polyzyklische Moschus-Verbindungen (in Tabelle: künstlicher Moschusduft); g) der bedenkliche UV-Filter Ethylhexylmethoxycinnamat. Zur Abwertung um jeweils eine Note führen: a) bedenkliche Färbestoffe, die laut SCCS-Einstufung ein moderates Sensibilisierungspotenzial haben (hier: 2,4-Diaminophenoxyethanol HCl, HC Blue No. 12), wenn nicht bereits wegen eines Stoffs mit extremem und/oder starkem Sensibilisierungspotenzial um zwei Noten oder wegen eines CMR-Stoffs um vier Noten abgewertet wurde; b) mehr als 10 mg/kg Diethylphthalat; c) deklarationspflichtige Duftstoffe, die Allergien auslösen können (Lyral, Hydroxycitronellal). Unter dem Testergebnis Weitere Mängel führt zur Abwertung um zwei Noten: mehr als 1.000 mg/kg Blei im Handschuh. Das Gesamturteil beruht auf dem Testergebnis Inhaltsstoffe. Aus rechtlichen Gründen weisen wir darauf hin, dass wir die (vom Hersteller versprochenen) Wirkungen der Produkte nicht überprüft haben.

Ein Testergebnis Weitere Mängel, das „befriedigend“ oder „ausreichend“ ist, verschlechtert das Gesamturteil um eine Note.

Testmethoden undAnbieterverzeichnis finden Sie unter oekotest.de  „Aktuelle Hefte“  „Inhalt anzeigen“.
Einkauf der Testprodukte : Juni 2018.
Tests und deren Ergebnisse sind urheberrechtlich geschützt. Ohne schriftliche Genehmigung des Verlags dürfen keine Nachdrucke. Kopien. Mikrofilme oder Ein-spielungen in elektronische Medien angefertigt und/ oder verbreitet werden.

ÖKO-TEST RÄT

► Eine Alternative zu chemischen Blond-Colorationen sind Pflanzenhaarfarben. Sie hellen aber nicht auf.
► Wenn es doch heller sein soll: Unbedingt an die angegebene Einwirkzeit halten. Ist sie zu kurz, besteht die Möglichkeit, zum orangenen Pumuckl zu werden. Ist sie zu lang, können die Haare abbrechen.

TIPPS FÜR ZU HAUSE

Ob Blondierung oder Pflanzenhaarfarbe: Vorbereitung ist alles. Hier kommen die wichtigsten Tipps:
Keinen Allergietest machen. Auch wenn Anbieter es auf der Verpackung empfehlen. Es besteht die Gefahr, dass der Selbsttest die Allergie erst auslöst.
With a little help from my friend. Haare blondieren oder färben fällt sehr viel leichter, wenn helfende Hände zur Stelle sind. Gerade in Hinblick auf die gleichmäßige Verteilung der Mittel.
Handschuhe anziehen. Die in den Packungen mitgelieferten oder eigene Einmalhandschuhe verwenden. Sie schützen die Hände vor allergenen Substanzen und Verfärbungen.
Flecken vermeiden: Textilien wie Badunterlage entfernen, alte Handtücher nutzen. Spritzer auf Fliesen und Boden gleich wegwischen. Für den Look zum Färben empfiehlt sich ältere Kleidung.

GUTE ALTERNATIVEN

Pflanzenhaarfarben kommen meist als Pulver zum Anrühren daher. Die Mühe lohnt sich, denn die Farben sind sanft zu Haar und Kopfhaut.


Foto: Svetlana Zhukova/Shutterstock

Naturhaarfarben sind schonender als ihre chemischen Schwestern. Sie dringen nicht bis ins Innere der Haare ein, sondern lagern sich außen an. Die Pflanzenhaarfarben decken inzwischen die Farbpalette von Blond bis Schwarz ab. Die Haare heller zu färben, als es die Natur einem in die Wiege gelegt hat, bekommen sie aber nicht hin. Klassiker sind Pulver zum Anrühren. Inzwischen gibt es die natürlichen Alternativen auch als Creme.
Die Anwendung dauert im Vergleich zum chemischen Färben länger, dafür überzeugen die Inhaltsstoffe. In unserem Test 2016 haben 18 Pflanzenprodukte „sehr gut“ abgeschnitten. Orientierung bieten zudem die Naturkosmetiksiegel von BDIH, Ecocert und Natrue. Leider gibt es auch „Naturhaarfarben“, die nur einen grünen Anstrich haben.

SO HABEN WIR GETESTET

Diese Handschuhe , die die Hände vor Kontakt mit Schadstoffen schützen sollen, waren in unserem Test mit Blei belastet.


Foto: Labor

Der Einkauf
Unsere Einkäufer haben 13 Aufheller, Blondierungen und Blond-Colorationen für zu Hause erstanden. Sie hellen das Haar um bis zu neun Noten auf, sind aber nicht für graue Haare gedacht oder leisten nur eine geringe Grauabdeckung. Die günstigste Packung kostet 1,59 Euro, die teuerste knapp zehn Euro.

Die Inhaltsstoffe
Aufheller arbeiten mit Peroxiden wie Wasserstoffperoxid oder Persulfaten. Wir wollten wissen, was darüber hinaus noch auf dem Haar landet: kritische Konservierer oder problematische Haarfärbestoffe? Außerdem haben wir eine umfangreiche Duftstoffanalyse beauftragt.

Die Weiteren Mängel
Auch das Beiwerk zählt: Problematische oder umweltbelastende Verbindungen in Hauben, Handschuhen und anderem Zubehör sind wirklich unnötig und führen zum Punktabzug.

Die Bewertung
Blondierungen strapazieren das Haar. Grundsätzlich. Doch nicht alle blonden Wundermittel sind gleich problematisch. Stoffe, die das Erbgut verändern können oder die EU-Experten als extrem sensibilisierend bewertet haben, wollen wir nicht in Kosmetika sehen. Je kritischer die Hinweise, desto stärker werten wir den Inhaltsstoff ab.