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TEST Fairer Handel: Unfaire Geschäfte


ÖKO-TEST Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 8/2012 vom 27.07.2012

Der faire Handel wächst rasant. Das lockt Geschäftemacher. Doch es gibt Siegel, denen Sie vertrauen können. Welche das sind, zeigt unser Test.


Für 413 Millionen Euro haben die Deutschen im Jahr 2010 faire Produkte gekauft. Das ist nicht allzu viel. Von den 500.000 Tonnen Kaffee beispielsweise, die Deutschland jährlich verbraucht, waren gerade einmal 8.152 Tonnen fair gehandelt. Doch mit zweistelligen Wachstumsraten, 2010 waren es 28 Prozent, ist fair schwer im Kommen. Das heißt, es ist viel Geld zu verdienen. Trotzdem wundert es, welch verwirrende Vielfalt von Siegeln auf Lebensmitteln, Kleidung und ...

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Bildquelle: ÖKO-TEST Magazin, Ausgabe 8/2012

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Für 413 Millionen Euro haben die Deutschen im Jahr 2010 faire Produkte gekauft. Das ist nicht allzu viel. Von den 500.000 Tonnen Kaffee beispielsweise, die Deutschland jährlich verbraucht, waren gerade einmal 8.152 Tonnen fair gehandelt. Doch mit zweistelligen Wachstumsraten, 2010 waren es 28 Prozent, ist fair schwer im Kommen. Das heißt, es ist viel Geld zu verdienen. Trotzdem wundert es, welch verwirrende Vielfalt von Siegeln auf Lebensmitteln, Kleidung und sogar auf Pflastersteinen pappt. So haben wir allein für die Kaffees in unserem Test 14 verschiedene Auslobungen gefunden.

Montage: ÖKO-TEST


Es gibt keine Mindestkriterien für faire Siegel und Auslobungen


Dass Bauern von ihrer Arbeit nicht leben können, ist längst kein Phänomen mehr, das allein die Südhalbkugel betrifft. Um über die Runden zu kommen, bräuchte ein Milchbauer in Deutschland etwa 40 Cent pro Liter. Derzeit bekommt er jedoch nur 26,5 bis 31 Cent. Daher versuchen seit einiger Zeit Molkereien und Lebensmittelketten, Verbraucher mit fairer Milch zur Zahlung eines höheren Preises zu bewegen. So kostet die Unsere Heimat frische fettarme Milch (Fair handeln) bei Edeka 55 Cent pro Liter, Gut & Günstig, aber nicht fair, ist der Liter dort für nur 45 Cent zu haben.

Insgesamt haben wir für unseren Test 72 Importprodukte eingekauft sowie sieben Milchsorten.

ÖKO- TEST rät

• Die höchsten Standards bieten die Label Fairtrade und Fair for Life sowie Produkte von Gepa, El Puente, Bananafair und DWP.

• Bei Textilien steht das Zeichen der Fair Wear Foundation für starke Bemühungen um bessere Arbeitsbedingungen in den Textilfabriken. Das Label Fairtrade Certified Cotton bezieht sich sowohl auf die Baumwollernte als auch auf die Weiterverarbeitung.

• Misstrauen ist angebracht. Es mehren sich Zeichen auf den Verpackungen, die wie Label aussehen, aber nur Werbung des Herstellers sind. Denn einheitliche Regelungen, was als fair bezeichnet werden darf, gibt es nicht.

Das Testergebnis

Von fair bis unfair: Nur die Vergabebedingungen der Siegel und Auslobungen auf 50 der 79 Produkte im Test erfüllen alle vier grundlegenden Anforderungen. Denn anders als im Bio-Bereich, wo es durch die EU-Ökoverordnung und das EU-Bio-Siegel Mindeststandards gibt, die alle Bio-Produkte erfüllen müssen, legt für faire Produkte jedes Label die Kriterien nach eigenem Gusto fest.
Kaffee mit bitterem Nachgeschmack: Von den 34 Kaffeesorten im Test stufen wir 18 als fair ein. Nicht überzeugen können uns Kaffees mit den Labeln Rainforest Alliance Certified und UTZ Certified. Beide machen zwar Vorgaben für soziale und ökologische Kriterien, die zum Teil über gesetzliche Mindestanforderungen hinausgehen. Sie garantieren aber keine Mindestpreise, und die Vorfinanzierung ist nicht Teil der Vergabebedingungen. Während sich beide Label immerhin um Verbesserungen bemühen, ist der Verhaltenskodex 4C (C ommonC ode of theC offeeC ommunity) eher ein Marketinginstrument. „Wir sind Mitglied der 4C Association und unterstützen den 4C Nachhaltigkeitsansatz“, schreibt beispielsweise Melitta auf die Packung der Auslese. Das heißt, die Firma bzw. ihre Lieferanten sollen von zehn „nicht akzeptablen“ Praktiken lassen, zum Beispiel der Rodung von Regenwald für den Kaffeeanbau oder von „unmoralischen Finanztransaktionen“. Trotzdem könnte der Melitta-Kaffee unter Missachtung aller 4C-Vorgaben angebaut worden sein. Denn „die 4C Association arbeitet nicht mit einer Produktzertifizierung“, schreibt uns das Sekretariat der Vereinigung in Bonn. Der Hinweis auf der Verpackung sei „ein deutliches Zeichen“ dafür, dass sich die 4C-Mitglieder „an die Regeln und die Philosophie der 4C Association gebunden fühlen“. Weil der Hinweis kein Produktversprechen sei, dürfe er „unabhängig vom Anteil des 4C-konformen Kaffees in einer Packung auf der gesamten Produktpalette angebracht werden“. So werde „sichergestellt, dass bei Konsumenten keine falschen Produkterwartungen erzeugt werden“. Auf eine derart verquere Argumentation muss man erst einmal kommen. Für uns sind alle Kaffees mit 4C-Auslobung „unfair“, auch weil Verbraucher nicht erkennen können, ob der Kaffee die ohnehin niedrigen 4C-Anforderungen erfüllt.

Unfaire Kaffeesorten
Auf Jacobs Krönung, Eduscho Gala, Nescafé Gold, Dallmayr Prodomo, Idee Kaffee, Mövenpick, Café Hag, Onko, Rewe Edle Bohne und Medium Guatemala Antigua von Starbucks findet sich kein Siegel für fairen Handel oder nachhaltigen Anbau. Trotzdem ist der Preis teilweise höher als für zertifizierte Produkte. So haben wir für das Pfund Der Himmlische von Mövenpick 5,55 Euro bezahlt, für den Bio und Fairtrade Café del Mundo von Lidl 5,49.



Kaffeekäufer werden offenbar gezielt in die Irre geführt


Verwirrung ist gewollt: In einer Stellungnahme zur Einführung im Jahr 2007 kritisierten die Fair-Handelshäuser Gepa, dwp und El Puente, 4C werde als „die nachhaltige Lösung für Mainstream-Kaffee ge - priesen“. Der Standard „auf nied rigem Niveau“ diene als „wertvolles Marketinginstrument der Kaffeekonzerne“, es bestehe die „Gefahr der Irreführung“, weil Kunden den Unterschied zwischen 4C- und wirklich fair gehandeltem Kaffee nur schwer nachvollziehen könnten. Tatsächlich schmeißt Nestlé offenbar gezielt 4C und Fair trade in einen Topf und schreibt in einer Pressemitteilung, der Konzern setze einerseits auf den „anerkannten“ 4C-Standard, andererseits biete er ein Fairtradeprodukt. Tchibo wiederum macht keinen Unterschied zwischen Rainforest Alliance Certified- und Fairtrade-Kaffees und erklärt, beide seien zu „100 % nachhaltig erzeugt“.

Zum Label-Wirrwarr trägt aber auch die Gepa bei, deren Produkte in Weltläden verkauft werden. Sie nutzt selbst kreierte Logos wie „Wir handeln grundsätzlich fair“ oder Fair + und verzichtet dafür zunehmend auf das Fairtrade-Zeichen, nach dessen Anforderungen die meisten Produkte zertifiziert sind. Fair + sei dennoch kein neues Siegel, sondern stelle „die Gepa als faire und nachhaltige Marke in den Mittelpunkt“. Zur besseren Orientierung der Verbraucher trägt das allerdings nicht bei.
Fairtrade oder Fair Trade? Die Berliner Firma Circle Products hat ein „eigenes Fairtrade-System“ entwickelt, den direkten Handel mit äthiopischen Kaffeebauern. So versickere kein Geld in der „Fair Trade-Kaffee-Überwachungsbürokratie“, zudem sei die Qualität des Kaffees von Circle Products wesentlich besser. Auf den guten Ruf von Fairtrade will man dennoch nicht verzichten, auf der Internetseite findet sich das selbst gebastelte Siegel Fair Trade. Für das seien Mindestlohn und Vorfinanzierung nicht relevant, denn „durch die Kooperativen-Struktur in Äthiopien gibt es keine Beschäftigten“. Auch einen garantierten Mindestpreis zahlt Circle Products nicht, sondern spendet den Kaffeebauern einen Euro pro Kilo für soziale Projekte. Das ist engagiert, hat mit fairem Handel aber nichts zu tun.

Auch die Firma Seitenbacher schreibt auf ihren Kaffee Der pure Stoff eine firmeneigene Auslobung: „Sorgsamkeit, Erfahrung, fairer Handel“. Warum, das wissen wir nicht, denn der Müslispezialist hat unseren Fragebogen nicht ausgefüllt. Wie problematisch solche Auslobungen sind, zeigt das Beispiel der Ethical Coffee Company. Sie hat zwar zwei Fairtrade-Kaffees im Angebot. Die von uns bei Rewe gekauften Espresso Decarabica-Kapseln sind aber nicht zertifiziert. Doch der Name Ethical Coffee Company weckt die Erwartung, dass sie grundsätzlich ethisch handelt, das heißt auch, nur fairen Kaffee anbietet.
An Kleidung kann man sich die Finger verbrennen. An den Kleidungsstücken baumeln viele selbst gebastelte Label. Die Produkte sind allerdings vor allem des- halb schwer zu beurteilen, weil kein firmenübergreifendes Siegel sowohl die Erzeugung der Rohstoffe wie die Produktion der Kleidung umfasst. Die Fair Wear Foundation steht für die Arbeitsbedingungen in den Textilfabriken, Cotton made in Africa für den Baumwollanbau. Fairtrade Certified Cotton ist ebenfalls hauptsächlich ein Label für den Baumwollanbau, berücksichtigt aber zusätzlich Aspekte der Verarbeitung in den Textilfabriken. So müssen alle Kernarbeitsnormen beachtet und wenigstens der gesetzliche Mindestlohn bezahlt werden. Die Kontrolle, ob das tatsächlich passiert, überlässt Fairtrade aber anderen.

Den Grund dafür ahnt man, wenn man um die Missstände in den Textilfabriken in Indien, Bangladesch oder Kambodscha weiß: Die Gefahr ist groß, sich die Finger zu verbrennen. Denn die Prüfer müssten ihre Hand dafür ins Feuer legen, dass auch dann noch alles korrekt läuft, wenn sie nicht mehr vor Ort in der Fabrik sind.

Bei der Kontrolle der Textilfabriken geht die Fair Wear Foundation weiter als andere Label und prüft beispielsweise, ob die Näherinnen von den gezahlten Löhnen tatsächlich leben können. Das ist bei den gesetzlichen Mindestlöhnen nämlich teilweise nicht der Fall. Trotzdem ist das T-Shirt von Hemp Age nur „teilweise fair“. Die Firma hat uns keinen zusätzlichen Nachweis über die faire Rohstofferzeugung geliefert. Der wäre für ein „fair“ aber nötig gewesen. Denn die Rohstofferzeugung wird für das Fair Wear Foundation-Label nicht geprüft.


Die Anforderungen der Siegel für Kleidung sind nicht umfassend


Die Aid by Trade Foun dation, die das Label Cotton made in Africa vergibt, hat uns geantwortet, sie fordere einen garantierten Mindestpreis. Doch der wird „in dem hoch volatilen Markt der Baumwolle jedes Jahr neu zwischen den verschiedenen Akteuren des Baumwollsektors ausgehandelt“. Ein solcher Mindestpreis macht die Bauern aber gerade nicht unabhängig von den Preisschwankungen und der Spekulation auf dem Weltmarkt.

Faire Kosmetik – eine Nische in der Nische: Im (Natur-) Kosmetikmarkt spielt der faire Handel bislang kaum eine Rolle. Auch wenn große Hersteller wie Weleda auf firmeneigene Projekte verweisen, haben wir kein einziges Produkt mit dem Fairtrade-Siegel gefunden. Auf der Dr. Bronner’s Magic Soap klebt das Siegel Fair for Life. Nach Darstellung der Schweizer Bio-Stiftung, die das Siegel entwickelt hat, ist es eine „alternative Fair Trade Zertifizierung“. Ziel sei es, das „Leben und die Lebensbedingungen von benachteiligten Produzenten/innen und Arbeitern/ innen auf allen Kontinenten, aller Kulturen und in allen Produktionsbereichen zu verbessern“. Warum es dazu eines weiteren Siegels und damit weiterer Unübersichtlichkeit für die Verbraucher bedurfte, will uns allerdings nicht recht einleuchten – auch wenn die Vergabebedingungen hohe Anforderungen stellen.

Warum Wein aus Südafrika? Die sieben Weine im Test bekommen das Gesamturteil „fair“. Sie sind mit Fairtrade, Fair for Life, Gepa – Wir handeln grundsätzlich fair gelabelt. Auf dem Etikett des Cuvée du Président steht lediglich Import El Puente GmbH. Für die Firma ist ihr Name Programm (Die Brücke), sie vermeidet konsequent, ein Label auf ihre Verpackungen zu drucken, während die dwp (Dritte Welt Partner) wie die Gepa eigene Label verwendet („Fair gehandelt“ oder „Produkt aus fairem Handeln“). Eingeweihte wissen zwar, dass die drei Firmen ausschließlich faire Produkte handeln. Alle anderen dürfte der Auslobungswirrwarr eher verunsichern.

Die Weine sind zwar „fair“, machen aber Probleme. Sie stammen aus Südafrika, Chile und Algerien. Das wirft die Frage auf: Ist es sinnvoll, Produkte um die halbe Welt zu transportieren, die es in guter Qualität auch um die Ecke gibt, in Deutschland, Frankreich, Spanien oder Italien?

Fairtrade-Schokolade ist nicht vollständig fair: Während Wein oder Kaffee zumindest bei den seriösen Siegeln zu 100 Prozent aus zertifi- zierten Rohstoffen bestehen müssen, können verarbeitete Produkte wie Schokolade nicht faire Anteile enthalten. Das soll den Absatz fair gehandelter Rohware erhöhen. Doch im schlechtesten Fall sind nur 20 Prozent eines Produkts Fairtrade-zertifiziert. Das ist uns viel zu wenig. Für Bio-Produkte beispielsweise gilt, dass 95 Prozent der Zutaten aus ökologischem Anbau stammen müssen. Wir werten weniger als 50 Prozent faire Zutaten um eine Stufe ab. Wenn der Anteil nicht deklariert ist, wie bei der Hand in Hand Vollmilch Schokolade von Rapunzel, gibt es ebenfalls eine Stufe Abzug. Die einzige zu 100 Prozent faire Schokolade ist die Grand Noir feinherb von Gepa. Denn sie enthält neben fairem Kakao und fairem Zucker auch noch vom Naturland-Verband zertifizierte faire Bio-Milch der Milchwerke Berchtesgadener Land.
Was ist fair an fairer Milch? Die Milchwerke in Berchtesgaden beliefern auch die Bio-Supermarktkette Alnatura (Alpenmilch haltbar), und sind mit ihrer Eigenmarke Berchtesgadener Land Bio haltbare Alpenmilch im Test vertreten. Entscheidend für unsere Bewertung der Milch ist die Frage, ob die Bauern so viel Geld für ihre Milch bekommen, dass die Kosten gedeckt sind und noch etwas zum Leben bleibt. Die beantwortet das Label Fair kontrolliert bio geniessen auf der Milch der Upländer Bauernmolkerei nicht. Es schreibt nicht einmal einen garantierten Mindestpreis vor. Durch die genossenschaftliche Organisation der Molkerei garantieren sich die Milchlieferanten den Preis aber quasi selbst. Wesentlich verbindlicher ist das Siegel Naturland fair auf Milch der Milchwerke Berchtesgadener Land. Wir bewerten die 50 Cent pro Liter, die deren Milchlieferanten bekommen, ebenso als „fair“ wie die 40 Cent, die es von der Upländer Bauernmolkerei gibt, weil die Erzeugungskosten im Upland um einiges niedriger liegen als in Berchtesgaden.

„Unfair“ ist Die faire Milch, auch wenn auf der Verpackung „40 Cent je Liter für unsere Milchbauern“ steht. Doch der Vertreiber, die Milchvermarktungs-GmbH in Freising, wollte uns keinerlei Auskunft zum Beispiel darüber geben, wer darüber wacht, dass die Bauern ihr Geld tatsächlich bekommen. Edeka (Unsere Heimat – Fair handeln) und der zu Edeka gehörende Discounter Netto (Ein Herz für Erzeuger) wollten uns nicht sagen, wie viel Geld sie pro Liter Milch bezahlen. Dafür bekommen sie ebenfalls ein „unfair“. Denn „garantiert + 10 Cent für die heimischen Erzeuger“ (Netto) oder „Unsere heimischen Milchbauern erhalten für das Produkt eine Milchpreiserhöhung von 10%“ (Edeka) hört sich zwar gut an, kann aber zum Leben zu wenig sein. Bei einem Preis von 55 Cent für die Produkte ist jedenfalls kaum vorstellbar, dass davon mindestens 40 Cent bei den Bauern landen.


Nicht in jedem fairen Produkt sind zu 100 Prozent faire Rohstoffe


Sex sells, Sex verkauft, wissen Verkaufsprofis. Fair verkauft auch. Deswegen werden inzwischen selbst Sexportale als fair beworben.


Faire Bananen von Chiquita? Mit Rainforest Alliance Certified sind die Bananen von Chiquita gelabelt. Wir bewerten sie mit „überwiegend unfair“, denn das Siegel schreibt weder einen Mindestpreis vor, noch ist die Vorfinanzierung gesichert. Mit der gleichen Beurteilung kommen die Bio-Bananen von Tegut Fairbindet möglicherweise etwas zu schlecht weg. Aber bei der Auslobung ist die Vorfinanzierung nur „prinzipiell“ möglich, und einen garantierten Mindestpreis gibt es „nicht als Prinzip“, weil auch „andere Vorteile aus Sicht des Herstellers“ in die Kooperationen einfließen. Zwar liegt der Preis, den Tegut nach eigenen Angaben für Bio-Bananen zahlt, über dem garantierten Mindestpreis von Fairtrade. Doch für eine bessere Note fehlt es an der Verbindlichkeit der Vorgaben.

Auf den bei Netto gekauften Physalis-Früchten haben wir die Auslobung First + Fair entdeckt. Um sie zu erhalten, muss nur eine der vier wichtigsten Vergabebedingungen erfüllt sein: die Zahlung des gesetzlichen Mindestlohns. „Mit dem Label“, so Maurice Peters vom Importeur Scherpenhuizen, „wird die Einhaltung der arbeitsrechtlichen Vorgaben im hart umkämpften Wettbewerbsmarkt Kolumbien garantiert“. Sich dafür aber gleich das Etikett First + Fair anzuheften, ist unfair.
Fazit: Von den Beteiligten ist keine Einigung auf gemeinsame Mindestanforderungen für faire Auslobungen zu erwarten, besonders wenn die Bedeutung des fairen Handels wie erwartet schnell zunehmen sollte und somit viel Geld zu verdienen ist. Somit ist die Politik gefordert, Mindeststandards festzulegen und ein einheitliches Fair-Label zu schaffen. Wie im Bio-Bereich mit dem EU-Bio-Siegel könnten Organisationen und Unternehmen darüber hinausgehende Anforderungen durch zusätzliche, eigene Label dokumentieren.

In der World Fair Trade Organisation (WFTO) sind etwa 350 Firmen und Organisationen zusammengeschlossen. Sie haben sich auf weltweit geltende Prinzipien des fairen Handels geeinigt. Verbraucher können sich am Label der WFTO orientieren. Findet es sich auf der Internetseite eines Anbieters, handelt er tatsächlich mit fairen Produkten.

Foto: Trans-Fair e.V./c. Nusch

Unfairer Handel?

Unfair Trade, so war ein Bericht überschrieben, den das Londoner Adam Smith Institute im Frühjahr 2008 veröffentlichte. Er wird immer wieder zitiert, wenn es um Kritik am fairen Handel geht. Einer der zentralen Vorwürfe lautete: Der faire Handel behindere die wirtschaftliche Entwicklung. Er binde wettbewerbsunfähige Bauern an ihr Land, verhindere die Mechanisierung der Landwirtschaft und mache damit sogar zukünftigen Generationen die Chancen auf ein besseres Leben zunichte. Zudem komme vom Mehrpreis, den die Verbraucher für faire Produkte zahlen, nur ein Bruchteil bei den Bauern an, der größte Teil versickere in der Fairtrade-Bürokratie und im Handel. Folglich sei fairer Handel unfair, nur der freie Handel sei fair und mache reich, so Marc Sidwell, der Autor des Berichts.

Der Verein Transfair, der in Deutschland das Fairtrade-Siegel vergibt, wies die Vorwürfe umgehend zurück – was nicht verwunderlich ist. Gewichtiger ist, dass verschiedene Studien die positiven Auswirkungen des fairen Handels belegt haben. „Unabhängige empirische Studien haben vielfach zeigen können, dass die wichtigsten Ziele des Systems in der Regel erfüllt werden“, fasst Valentin Beck vom Institut für Interkulturelle und Internationale Studien der Universität Bremen die Ergebnisse zusammen. So konnte Prof. Stockmann vom Centrum für Evaluation der Universität des Saarlandes zeigen, dass die Menschen in Fairtrade-zertifizierten Produzentenorganisationen besser lesen können, mehr sparen und um ein Vielfaches häufiger Mitglied in einer lokalen Institution sind als andere.

Das wirft die Frage auf, warum das Adam Smith Institute zu einem völlig anderen Ergebnis kommt. Laut Wikipedia gehörte die Denkfabrik zu „Thatcher’s inner circle“, also zum engsten Beraterkreis der damaligen englischen Premierministerin Maggie Thatcher. Zu deren Credo gehörte der durch nichts reglementierte, freie Handel. In einem solchen Konzept stört die Idee des fairen Handels mächtig. Wenig verwunderlich ist daher auch, wo der Bericht auf fruchtbaren Boden fiel. „Fair Trade: Zu schön um fair zu sein“ fasst das Liberale Institut der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung die Vorwürfe zusammen. Für die Jungen Liberalen Österreich beweist Sidwell sogar, „warum Fair Trade die weltweite Armut fördert“.

Fett gedruckt sind Mängel
Anmerkungen: 1) Auslobung nicht auf dem Produkt, sondern nur in der Werbung oder auf der Internetseite. 2) Anteil zertifizierter Rohstoffe bezogen auf die Trockenmasse. 3) Vorfinanzierung gesichert unter der Voraussetzung, dass die Liquidität von Rapunzel erhalten bleibt. 5) Vorfinanzierung laut Anbieter nicht relevant, weil der Kaffee nicht jedes Jahr bei denselben Erzeugern gekauft wird. Mindestlohn nicht relevant, weil es keine Beschäftigten gibt. 6) Mindestlohn laut Anbieter nicht relevant, da die Kaffeebauern selbstständig in Kooperativen organisiert arbeiten. Seit Mitte 2012 ist das Produkt Fairtrade zertifiziert. 7) Vorfinanzierung laut Anbieter nicht relevant, da es sich meist um Baumfrüchte mit minimaler Vorleistung durch Landwirte handelt. 8) Preis für 10 Kapseln. 9) Preis für 16 Pads. 10) Preis für 10 Tassenportionen. 11) Laut Anbieter ist der gesetzliche Mindestlohn Ziel bis zur nächsten Überprüfung. 12) Zertifizierte Zutat Aloe Vera unter 50 Prozent im Produkt.
Legende: Produkte mit der gleichen Bewertung sind in alphabetischer Reihenfolge der Anbieter aufgeführt. Bestenfalls „teilweise unfair“ sind Produkte, deren Label/ Auslobungen eine der vier grundlegenden Vergabebedingungen (garantierter Mindestpreis, gesicherte Vorfinanzierung, gesetzlicher Mindestlohn, Einhaltung der ILO-Kernarbeitsnormen) nicht erfüllen, fehlen zwei, ist die Bewertung bestenfalls „überwiegend unfair“, wird lediglich eine oder keine Bedingung erfüllt, ist die Bewertung „unfair“. Für Kosmetika, Schokolade und Kaffee gilt zusätzlich: Zur Abwertung um eine Stufe führt ein Anteil zertifizierter Rohstoffe unter 50 Prozent. Zusätzlich um eine Stufe werden Produkte abgewertet, wenn der Anteil zertifizierter Zutaten nicht auf der Verpackung angegeben ist, außer er beträgt 100 Prozent. Für Textilien gilt: In Bezug auf die Rohstofferzeugung haben wir geprüft, ob die Label/Auslobungen garantierte Mindestpreise und eine gesicherte Vorfinanzierung fordern, in Bezug auf die Textilfabriken, ob mindestens der gesetzliche Mindestlohn bezahlt und die Kernarbeitsnormen eingehalten werden. Werden nur die Anforderungen für die Rohstofferzeugung oder nur für die Textilfabriken erfüllt, ist die Bewertung „teilweise fair“. Für Milch gilt: Gibt ein Anbieter keine Auskunft über den an die Bauern/die Molkerei gezahlten bzw. kalkulatorisch in den Verkaufspreis eingerechneten Milchpreis, so kann die Bewertung bestenfalls „teilweise unfair“ lauten. „Unfair“ sind alle Produkte, deren Anbieter/Hersteller die Beantwortung unseres Fragebogens verweigert haben.
Testmethoden und Anbieterverzeichnis finden Sie unter www.oekotest.de → Suchen → „M1208“ eingeben.Einkauf der Testprodukte: Mai/Juni 2012.
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