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TEST Gummistiefel: Oh Sohle mio!


ÖKO-TEST Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 9/2011 vom 26.08.2011

Angesichts unserer miesen Testergebnisse würden wir gerne für Sie die Sonne hinter den Wolken hervorsingen: Die meisten Gummistiefel für Kinder stinken nicht nur zum Himmel. Sie stecken auch voller Schadstoffe. Nur ein Modell ist halbwegs tragbar.


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Foto: Banana Stock

Für Sophie (3 Jahre) und Jan (4) sind Spaziergänge bei Regenwetter das reinste Vergnügen. Unterwegs stapfen sie durch jede Pfütze, fangen Tropfen mit der Zunge auf, stauen Rinnsale am Wegesrand. Damit die Kleinen nicht mit durchnässten Socken herumlaufen müssen, stehen bei ihren Eltern jetzt Gummistiefel auf dem Einkaufszettel. Das Problem: ...

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Für Sophie (3 Jahre) und Jan (4) sind Spaziergänge bei Regenwetter das reinste Vergnügen. Unterwegs stapfen sie durch jede Pfütze, fangen Tropfen mit der Zunge auf, stauen Rinnsale am Wegesrand. Damit die Kleinen nicht mit durchnässten Socken herumlaufen müssen, stehen bei ihren Eltern jetzt Gummistiefel auf dem Einkaufszettel. Das Problem: Es gibt schlichtweg keine guten.

In unseren ÖKO-TESTs fallen die praktischen Treter reihenweise durch. Das liegt natürlich auch am Produkt als solchem: Gummistiefel bestehen meist aus synthetischem Kautschuk beziehungsweise einer Kunststoffmischung – die genauen Ausgangsmaterialien will kaum ein Hersteller angeben. Um den Stiefel wasserfest und gleichzeitig schön anschmiegsam zu machen, wird tief in die chemische Trickkiste gegriffen: Unter anderem kommen gesundheitsschädliche Weichmacher zum Einsatz sowie Weichmacheröle, die ebenfalls jede Menge übles Zeugs enthalten können. Auch Produkte aus Naturkautschuk sind erfahrungsgemäß nicht viel besser. Umso schlimmer, dass es in der Branche bisher kaum Bestrebungen gab, die Schadstoffbelastung zu reduzieren.

Rechtzeitig vor Herbstbeginn stellte sich uns die Frage, ob sich an der miesen Qualität inzwischen etwas verbessert hat. Wir haben 16 kunterbunte Kindermodelle eingekauft und einem umfangreichen Schadstofftest unterzogen.

Das Testergebnis

Fast alle untersuchten Gummistiefel sind geradezu verseucht mit Schadstoffen – für Eltern ein niederschlagendes Ergebnis bei einem Produkt, an dem sie kaum vorbeikommen. Im Gegensatz zu unserem letzten Test Gummistiefel gibt es aber immerhin auch ein „ausreichendes“ Modell.
Nicht verkehrsfähig: Das Modell von Playshoes enthält den verbotenen Farbbaustein p-Aminoazobenzol im Außenmaterial des Schnürsenkels – und zwar in einer Größenordnung, die den amtlichen Grenzwert weit überschreitet.
Am besten schneiden die Marken von Deichmann ab. Vor allem beim Elefanten Gummistiefel ist die Schadstoffbelastung noch vergleichsweise moderat.
Aufgrund von Regelungslücken haben die Hersteller gar keinen Grund, etwas zu verbessern. Auch im Käpt’n Blaubär-Stiefel steckt ein verbotener Farbbestandteil. Hautkontakt mit dem krebserregenden Stoff kann nicht ganz ausgeschlossen werden. Trotzdem darf das Produkt so verkauft werden (siehe Kasten „Gesetzliche Grauzone“). Nächstes Beispiel: Im Maximo Gummistiefel stecken 1,5 Prozent kurzkettige Chlorparaffine. Die Weichmacher und Flammhemmer stehen unter Krebsverdacht. In der Schweiz wären die Gummitreter deshalb nicht verkehrsfähig. Hierzulande wie auch in anderen EU-Ländern gilt das Verbot aber bisher nur für Lederprodukte und in der Metallindustrie. Laut EU-Kommission ist ein Vorschlag für eine strengere Beschränkung noch in Arbeit.

Üble Stinkstiefel: Die Giesswein und ganz be sonders die Yigga Gummistiefel riechen penetrant nach Chemie. Beide strotzen nur so vor polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen (PAK), darunter die krebserzeugende PAK-Leitsubstanz Benzo[a]pyren. Im Yigga wurden 1,6 Milligramm pro Kilogramm nachgewiesen. Zum Vergleich: Das ist mehr Benzo[a]pyren als in Weichmacherölen für Autoreifen erlaubt ist. Das Bundesinstitut für Risikobewertung fordert eine Beschränkung für alle Produkte auf maximal 0,2 mg/kg.
Falsche Werbeversprechen: Anbieter Lexpo schreibt auf dem Etikett, sein Stiefel sei „aus einem umweltfreundlichen Material“ hergestellt und zudem „Phthalat frei“. Die Sohle kann er damit nicht gemeint haben, sie besteht steht aus umweltbelastenden chlorierten Kunststoffen. Um das Material biegsam zu machen. wurden bedenkliche Phthalatwelchmacher beige-mischt-Stoffe. die In Spielzeug und Babyartlkeln längst verboten slnd. Lelder 1st man auch mlt Stlefeln. die laut An-bletern aus Naturkautschuk slnd. nicht auf der slcheren Selte: Sle konnen chlorlerte Kunststoffe enthalten. wie die Produkte von Viking und Bruno Barthel zelgen.

So reagierten die Hersteller

■ Erschreckend, dass einige Anbieter kaum bereit sind, Verantwortung für ihre schlechten Produkte zu übernehmen.Playshoes zeigte sich zwar schockiert von den Ergebnissen, beharrte aber darauf, dass seine Stiefel verkehrsfähig seien. KinderschuhanbieterBeck hat nach eigenen Angaben „einen möglichen Chargen-Bereich ermittelt“ und „vorsorglich aus dem Verkehr gezogen“. Wie aber Verbraucher die belasteten Chargen erkennen sollen, konnte uns das Unternehmen nicht mitteilen.
■ Es geht auch anders:Ernsting’s Family hat seinen PAK-belasteten Artikel aus dem Verkauf genommen und eine Rückrufaktion veranlasst: „Selbstverständlich erstatten wir Ihnen den Kaufpreis – auch ohne Bon – zurück“, versprach das Unternehmen auf seiner Homepage.
Jack Wolfskin : „Die von Ihnen festgestellten Mengen an Schwermetallen (300 mg/kg Blei, d. Red.) übersteigen die von uns definierten und mit den Lieferanten vertraglich vereinbarten Grenzwerte.“ Der Outdooranbieter gelobt, „Verbesserungsmaßnahmen in die Wege zu leiten“.

Kompakt: Stiefelkunde

Nichts für Laufanfänger
Für die ganz Kleinen sind Gummistiefel ohnehin nichts. „Man hat darin nicht so einen guten Halt wie in festen Schuhen“, sagt Dr. Ludwig Schwering, ärztlicher Leiter der Kinderorthopädie und Fußchirurgie an der Uniklinik Freiburg. Für einen gesunden Kinderfuß sei das zwar prinzipiell kein Problem, „aber Laufanfängern fallen die ersten Schritte in den flexiblen Stiefeln besonders schwer“. Mit dem Kauf solle man mindestens so lange warten, bis das Kind einen halbwegs sicheren Gang hat.

Die richtige Größe
Gummistiefel sollten weder zu groß noch zu klein sein. Das heißt, vorne darf noch ein bis zwei Fingerbreit zwischen Schuh- und Zehenspitze Platz sein. Bei Kindern mit schmalen Füßen ist es mitunter hilfreich, eine Einlegesohle in den Stiefel zu legen.

Ins Trockene bringen
Gummistiefel sind pflegeleicht. Dreck wird einfach mit Wasser und leichter Seifenlauge abgespült. Wichtig: Stiefel nach dem Tragen auslüften und langsam trocknen lassen, nicht auf die Heizung legen.

Foto: irisblende.de

Aufs „Zweitpaar“ verzichten
Aufgrund der Schadstoffbelastung sollte man sich nicht auch noch zusätzlich gefütterte Gummistiefel anschaffen. An kühleren Tagen helfen häufig schon Einlegesohlen aus Lammfell. Im tiefsten Winter sind dann ohnehin richtige Winterstiefel angesagt.

So haben wir getestet

Der Einkauf
An Gummistiefeln geht bei Matsch- und Regenwetter kaum ein Weg vorbei, in vielen Kindergärten gehören die praktischen Treter zur Pflichtausrüstung. Ausgewählt wurden Modelle großer Schuhund Kinderschuhmarken wie auch günstigere, die bei den Filialisten und in vielen Onlineshops für Kinderequipment angeboten werden. Im Warenkorb landeten 16 Produkte, davon sechs hauptsächlich aus Naturkautschuk. Die Preisspanne geht von sechs bis 35 Euro.

Die Inhaltsstoffe
In Gummistiefeln steckt mehr, als der Name vermuten lässt: Schaft und Sohle bestehen eher seltener aus Naturgummi, meist wird dafür synthetischer Kautschuk, ein anderer Kunststoff oder eine Mischung verwendet. Innenfutter und Schnürbänder sind aus Textil. Hinzu kommt Kleber, der alles zusammenhält. Geprüft wurde unter anderem auf Weichmacher und PAK, die sich aus Kunststoffen lösen können, krebserregende Nitrosamine, die bei der Vulkanisierung des Gummis entstehen, und verbotene Farbbausteine, die ÖKOTEST häufiger in gefärbten Garnen findet. Nebenprodukte aus der Kunststoffherstellung, die man sich nicht ans Bein binden will: 2-Phenyl-2-propanol und Acetophenon. Laut Behörden können sie möglicherweise allergische Reaktionen oder Hautreizungen hervorrufen.

Im Labor werden die Gummistiefelmaterialien auf giftige Schwermetalle durchleuchtet.


Foto: Labor

Die Bewertung
Gummistiefel sind keine Alltagsschuhe, bei denen die Passform wichtig ist oder eine stabile Sohle. Hauptproblem sind die Inhaltsstoffe. Das zeigen unsere Tests immer wieder. Stiefel, die voller übler Substanzen stecken, sollte man von Kindern fernhalten. Solche Schadstoffmauken bekommen von uns ein „ungenügend“.

Gesetzliche Grauzone

„Der Käpt’n-Blaubär-Stiefel ist laut Gesetz nicht zu beanstanden, da der gefundene verbotene Stoff nur im Innenfaden des Schnürsenkels steckt, mit dem zunächst kein Hautkontakt besteht. Wir würden dem Inverkehrbringer aber den dringenden Hinweis geben, dass er den Innenfaden in seine Qualitätssicherung mit aufnehmen sollte – ein Hautkontakt ist auf Dauer nicht ausgeschlossen, etwa wenn der Schnürsenkel ausfranst.“

Dr. Norbert Martin , Sachverständiger Textilien, Chemisches und Veterinäruntersuchungsamt (CVUA) Freiburg.

ÖKO- TEST rät

• Da keine guten Produkte im Test dabei sind, andererseits Gummistiefel für Kinder unabdingbar sind, bleibt uns nichts anderes übrig, als auf das „ausreichende“ Modell von Deichmann zu verweisen.

• Im Stiefel möglichst Socken aus reiner Wolle tragen, sie saugen den Schweiß auf und halten trotzdem warm.

• Gummistiefel sind keine Alltagsschuhe, für längere Spaziergänge auch bei Regenwetter ist festes Schuhwerk besser geeignet.

• Eltern, die den nicht verkehrsfähigen oder die Yigga-Stiefel gekauft haben, sollten diese zurück ins Geschäft bringen.