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TEST Haftpflichtversicherungen mit Höchstleistungsgarantien: Eigentlich eine gute Idee


ÖKO-TEST Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 1/2017 vom 29.12.2016

Der Wettbewerb unter den privaten Versicherungen gipfelt jetzt in sogenannten „Höchstleistungsgarantien“. Sie sollen automatisch die höchsten Leistungen garantieren, die Versicherer am deutschen Markt bieten. ÖKO-TEST hat die brandneuen Garantien unter die Lupe genommen und Erstaunliches erlebt.


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Bildquelle: ÖKO-TEST Magazin, Ausgabe 1/2017

Die tolle Idee hat viele Namen. Die Ostangler Brandkasse nennt sie „Bedarfsgerechte Leistungsgarantie“, die Onlineversicherung Bavaria-Direkt „Best-Bedingungs-Zusage“, die Wuppertaler Barmenia „Leistungs-Garantie“ und bei der VHV aus Hannover ist sogar von der „Best-Leistungs-Garantie“ die Rede.

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... gehen die Anbieter noch mehr in die Vollen: „Besser gibt es nicht“, preist sich die Bavaria. Die Barmenia verspricht ihren Kunden, dass Sie automatisch immer auf dem neuesten Stand sind – „garantiert“. Derweil lobt das VHV-Partner-Magazin, dass nun die vielleicht beste Private Haftpflichtversicherung aller Zeiten an den Markt gegangen ist. Der Grund: „Die besten Leistungen aller deutscher Versicherer sind ab sofort vorsorglich mitversichert.“ Im Versicherungschinesisch liest sich das deutlich trockener: „Sofern ein in Deutschland zum Betrieb zugelassener Versicherer eine Privat-Haftpflichtversicherung mit weitergehendem Leistungsumfang, höheren Entschädigungsgrenzen (Sublimits) oder geringeren Selbstbeteiligungen als die VHV anbietet, wird die VHV im Schadenfall den Versicherungsschutz um solche Leistungen erweitern.“

Zu einfach und zu schön um wahr zu sein. Denn wie bei jeder Versicherung gibt es auch bei den Policen mit Marktgarantie das Kleingedruckte. Damit schließt der eine Versicherer Schäden im Ausland aus, der andere Schäden durch deliktunfähige Kinder, der nächste begrenzt die Deckungssumme auf 100.000 Euro, der übernächste möchte nur eingeschränkt zahlen, wenn eine Tagesmutter einen Schaden verursacht.

ÖKO-TEST hat den Markt sondiert, insgesamt 102 Versicherer angeschrieben und nach „Marktgarantien“ gefragt. 23 haben in der privaten Haftpflichtversicherung eine solche Leistung im Programm.


Megaschutz: Guter Tarif plus Marktgarantie


Das Testergebnis
■ Nur die Haftpflichtkasse Darmstadt zahlt in allen von uns abgefragten Bereichen tatsächlich die höchsten am Markt erhältlichen Leistungen. Gleich dahinter liegen die VHV und ihre Tochter Hannoversche mit dem Tarif Klassik-Garant Exklusiv mit Best-Leistungs-Garantie sowie die Swiss Life Partner mit Prima Plus 2016 mit Sorglospaket. Sie erzielen 98 von 100 möglichen Punkten. Super im Rennen liegt auch der Maklerkonzeptanbieter ConceptIF mit dem Tarif CIF:PRO complete best advice mit 97 Punkten.
■ Der Best Selection von Janitos „holt“ schon ohne Marktgarantie 92 Punkte. Daher kann sie auch nur noch in wenigen Fällen wirken und beschert mit drei Punkten zusätzlich dem Tarif ein Gesamtergebnis von 95 Punkten. Die gleich gute und hohe Punktzahl erzielt der Optimum T15 vom Maklerkonzeptanbieter Degenia. 12 Punkte des Gesamtergebnisses kommen hier aus der Marktgarantie.
■ Alle anderen Anbieter haben sich zu weit aus dem Fenster gelehnt. Daher werden sie abgewertet, auch wenn es sich eigentlich um leistungsstarke Tarife handelt. So würden 19 der 24 Angebote auf dem 1. Rang landen – wenn wir allein die Leistungen bewertet hätten. Wegen ihrer teilweise haltlosen Versprechungen müssen sich elf davon aber mit dem 2. und 3. Rang begnügen.
■ Ratlos machen uns die Ostangler und ihre Schwester, die Schwarzwälder Versicherung. Zwar nennen sie die Marktgarantie „Bedarfsgerechte Leistungsgarantie“, doch überall verhindern besondere Ausschlüsse, dass sich die Leistung verbessert. Wenig Wirkung erzielen zudem die Angebote von Maxpool und Interlloyd. Beide deckeln nämlich ihre Marktgarantie auf 100.000 Euro bzw. auf eine Million Euro.
■ Ein wichtiges Testergebnis lässt sich kaum in Zahlen fassen. Viele Anbieter haben Schwierigkeiten, ihre „Megaangebote“ zu verstehen. So gibt es Unsicherheiten, wann und wie ein Ausschluss wirkt. Am deutlichsten wird das an der Leistung „Sachschäden durch nicht deliktfähige Minderjährige“. Nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch (§ 828) sind Kinder vor dem siebten Geburtstag nicht für Schäden verantwortlich. Im Straßenverkehr gilt das sogar, solange die Kinder noch keine zehn Jahre alt sind. Da niemand haftet, wenn die Eltern ihre Aufsichtspflicht nicht verletzten, leisten viele Versicherer inzwischen für Kleinkinder und seit neuestem auch für ältere Menschen mit Demenz, um beispielsweise Nachbarschaftsstreitigkeiten zu vermeiden. Doch die Zusatzleistung ist vielfach begrenzt, etwa auf 100.000 Euro. Mit der Marktgarantie würde nun diese Leistung auf die Deckungssumme des Vertrages – mindestens zehn Millionen Euro – hochschnellen. Doch die Mehrleistung kollidiert mit dem Ausschluss „Leistungen, die über die gesetzliche Haftpflicht hinausgehen“, den alle Anbieter in ihren Bedingungen verankert haben. Die Marktgarantie wirkt damit nicht. Zu diesem Ergebnis kam beispielsweise die Alte Leipziger erst nach einigen Mailwechseln. Allerdings sei das gar nicht beabsichtigt gewesen, schreibt das Unternehmen und kündigt an: „Mit der nächsten Überarbeitung unserer Bedingungen werden wir Ihren Hinweis klarstellend berücksichtigen.“ Künftig sollen solche Schäden von der Marktgarantie erfasst werden. Fazit: Unter dem Strich sind die Bedingungen vielfach noch schlecht und intransparent formuliert, was die Kunden ins Risiko bringt.

Johannes Brück vom Bundesverband mittelständischer Versicherungs- und Finanzmakler (BMVF)


Foto: Privat


„Zahlt der Versicherer nicht, müssen Makler prüfen, ob die Kunden nicht doch Geld bekommen, weil ein anderer Anbieter mehr leistet.“


■ Probleme dürfte es aber zudem bei Schadenregulierung geben. So müssen Kunden im Schadenfall den Markt nach besseren Bedingungen absuchen und ihrem Versicherer weitergehende Leistungen des Konkurrenten schriftlich nachweisen. „Der Kunde ist mehr in der Pflicht, als er im Recht ist. Er muss herausfinden, ob er irgendwo im Markt den benötigten Versicherungsschutz hat. Diesen Beitrag wird er oft nicht leisten können“, kritisiert Gerhard Meyer von HUK-Coburg die neuen Angebote. Der fränkische Versicherer habe sich daher ganz bewusst dagegen entschieden, Tarife mit Marktgarantie einzuführen.
■ Auf Nummer sicher gehen die Kunden, wenn sie die private Haftpflichtversicherung künftig über einen Versicherungsmakler oder Versicherungsberater abschließen. „Sollte ein Schaden eintreten, der durch den, Grundvertrag‘ nicht ersatzpflichtig ist, ist es Aufgabe des Maklers zu prüfen, ob über die Marktgarantie Deckung besteht“, sagt Johannes Brück vom Bundesverband mittelständischer Versicherungs- und Finanzmakler (BMVF) aus Hagen.

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Die detaillierten Testergebnisse finden Sie unterwww.oekotest.de → Suchen → „M1701“ eingeben.

Anmerkungen: 1) Fur die Bereiche Gefalligkeitsschaden an Sachen, Mietsachschaden am Inventar von Hotelzimmern und Ferienhausern, Sachschaden durch nicht deliktfahige Minderjahrige und Schaden an fremden gemieteten, geliehenen Sachen gelten nach Angaben des Anbieters zwar Ausschlusse in der Marktgarantie. Sie wirken aber nach Angaben des Anbieters nicht, weil alle diese Leistungen schon „in der Sache“ im Tarif versichert sind. Zum Spezial-Rechtsschutz gibt es keine Wirkung der Marktgarantie, weil der Anbieter diese Sparte nicht betreibt.2) Fur die Bereiche selbststandige Nebentatigkeit, Mietsachschaden am Inventar von Hotelzimmern und Ferienhausern, Sachschaden durch nicht deliktfahige Minderjahrige, Schaden an fremden gemieteten, geliehenen Sachen, Verlust privater, fremder Schlussel (auch beruflicher Schlussel) gelten nach Angaben des Anbieters in der Marktgarantie Ausschlusse. Sie wirken aber nicht, weil diese Leistungen schon im Tarif angeboten werden.3) Fur den Bereich Sachschaden durch nicht deliktfahige Minderjahrige gilt in der Marktgarantie ein Ausschluss. Bei hoheren Leistungen durch einen Mitbewerber am Markt will der Anbieter trotzdem leisten, weil er selbst diese Leistung grundsatzlich anbietet.4) Fur den Bereich Selbststandige Nebentatigkeit sind laut den Bedingungen „berufliche und gewerbliche Risiken“ ausgeschlossen. Laut dem Anbieter ist die Nebentatigkeit aber grundsatzlich versichert und womit die Marktgarantie wirke. Fur die Bereiche Mietsachschaden am Inventar von Hotelzimmern und Ferienhausern sowie Schaden an fremden gemieteten, geliehenen Sachen „zieht“ nach Angaben des Anbieters kein Ausschluss. Die Marktgarantie wirkt deshalb.5) Fur den Bereich „selbststandiger Nebentatigkeit“ verweist der Anbieter auf eine individuelle Prufung. Eine Marktgarantie gebe es, wenn sich eine „Gefahr des taglichen Lebens als Privatperson“ verwirklicht hat. OKO-TEST bewertet dies aber als Ausnahmefall und hat daher keine Wirkung der Marktgarantie angenommen.6) Vorsatz ist in der Forderungsfall-Versicherung uber Gewaltopferschutz mitversichert, der aber keine Sachschaden umfasst.7) Bei Gefalligkeitsschaden wirkt die Marktgarantie, weil nach Angaben der Anbieter laut Rechtsprechung immer Haftung besteht.8) Fur die Bereiche Selbststandige Nebentatigkeit, Gefalligkeitsschaden an Sachen und Auslandsdeckung weltweit gelten nach Angabe des Unternehmens die in der Marktgarantie (erweiterte Vorsorge) aufgefuhrten Ausschlusse nicht, weil spezielle Regelungen in den Bedingungen diesen Ausschlussen vorangehen. Fur die Bereiche Mietsachschaden, Mietsachschaden am Inventar von Hotelzimmern und Ferienhausern sowie Schaden an fremden gemieteten, geliehenen Sachen haftet der Schadiger nach Angaben des Anbieters als Schadiger aus § 823 BGB und nicht aus Vertrag. Der Ausschluss „aus vertraglicher Haftung“ wirkt daher nicht.9) Fur den Bereich Gefalligkeitsschaden will der Versicherer leisten. Ausschlusse in der Marktgarantie wurden nicht gelten.
Legende: Tarife mit dem gleichen Rang sind nach Gesamtpunktzahl geordnet. Tarife mit weniger als 75 Punkten wurden mit dem Gesamturteil 4. Rang bewertet. Fur weniger als 85 Punkte gab es den 3. Rang, fur weniger als 95 Punkte den 2. Rang.
DieTestmethode finden Sie unterwww.oekotest.de → Suchen → „M1701“ eingeben.
Stand: Dezember 2016
Tests und deren Ergebnisse sind urheberrechtlich geschützt. Ohne schriftliche Genehmigung des Verlags dürfen keine Nachdrucke, Kopien, Mikrofilme oder Einspielungen in elektronische Medien angefertigt und/oder verbreitet werden.


Foto: sturti/iStockphoto