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TEST JOHANNISKRAUTPRÄPARATE: WANN KOMMT DIE SONNE?


ÖKO-TEST Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 2/2018 vom 25.01.2018

Johanniskraut kann gegen leichte bis mittelschwere Depressionen helfen. Wenn Extrakt und Dosierung stimmen, gilt seine Wirkung als wissenschaftlich belegt. Doch nur rund die Hälfte der Präparate im Test ist empfehlenswert.


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Foto: aldomurillo/getty images

ÖKO-TEST RÄT

► Einen ersten Therapieversuch können Sie mit den „sehr guten“ und „guten“ Mitteln unternehmen. Sie wirken frühestens nach zwei Wochen regelmäßiger Einnahme.
► Nehmen Sie Johanniskraut nur in Absprache mit einem Arzt ein. Das Kraut ist tabu, wenn sie schwanger sind oder stillen und auch für Kinder unter zwölf Jahren.
► Eine Depression ist eine ...

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► Einen ersten Therapieversuch können Sie mit den „sehr guten“ und „guten“ Mitteln unternehmen. Sie wirken frühestens nach zwei Wochen regelmäßiger Einnahme.
► Nehmen Sie Johanniskraut nur in Absprache mit einem Arzt ein. Das Kraut ist tabu, wenn sie schwanger sind oder stillen und auch für Kinder unter zwölf Jahren.
► Eine Depression ist eine ernsthafte Erkrankung. Wenn Sie sich länger als zwei Wochen ständig niedergeschlagen und innerlich leer fühlen, ohne Freude am Leben sind und schlecht schlafen, suchen Sie unbedingt Hilfe bei einem Hausarzt, Nervenarzt oder Therapeuten.

Jeder Mensch kennt Zeiten, in denen sich die Welt grau anfühlt. Doch eine Depression im medizinischen Sinne ist mehr als ein vorübergehendes Stimmungstief. Laien setzen „depressiv“ häufig mit zeitweiliger Traurigkeit oder schlechter Laune gleich. So glaubt fast jeder Fünfte, dass sich Betroffene einfach zusammenreißen sollten und dass Schokolade die psychische Störung heilen kann. Das ergab eine Befragung der Stiftung Deutsche Depressionshilfe von mehr als 2.000 Erwachsenen.

Schokolade hilft nichts. Aus dem Seelentief retten meist nur professionelle Hilfe und Medikamente. Den Erkrankten fällt es oft schwer, überhaupt etwas zu empfinden. Sie spüren nichts als innere Leere. Laut dem Robert-Koch-Institut zählen Depressionen zu den häufigsten psychischen Leiden. Innerhalb eines Jahres erkranken demnach bundesweit etwa 6,2 Millionen Menschen an einer behandlungsbedürft igen depressiven Episode. Frauen trifft es häufi ger als Männer. Sie suchen meist aber auch schneller Hilfe.

Eine Depression entwickelt sich meist schleichend. Betroffene sind niedergeschlagen und antriebslos. Sie leiden unter diffusen Kopf- oder Nervenschmerzen, Schlafstörungen, körperlicher Kraft losigkeit und haben wenig Appetit. Auch Störungen von Magen, Darm sowie Herz und Kreislauf können auf die Krankheit hinweisen. Ärzte und Therapeuten sprechen erst dann von einer Depression, wenn sich jemand länger als zwei Wochen dauerhaft bedrückt und niedergeschlagen fühlt. Typisch ist es, in dieser Zeit das Interesse an ansonsten wichtigen Aktivitäten zu verlieren, die sonst Freude bereiten. Etwa an Hobbys, der Familie oder der Arbeit. Auch der innere Antrieb ist bei einer Depression zunehmend gehemmt. Betroffene ermüden bereits durch kleine Alltagsaufgaben. So fällt es ihnen etwa schwer, aus dem Bett zu kommen, zu telefonieren oder außer Haus zu gehen. Daneben leiden Depressive häufi g unter verminderter Konzentration und Aufmerksamkeit. Gefühle von Wertlosigkeit, Schuld sowie Perspektivlosigkeit stellen sich ein. Die Vorstellung, der als ausweglos empfundenen Situation irgendwie zu entkommen und sei es durch Selbstmord, ist ebenfalls symptomatisch.


„Jedes Jahr erkranken bundesweit etwa 6,2 Millionen Menschen an einer behandlungsbedürftigen depressiven Phase.“


Hoher Leidensdruck: Von Depressionen Betroffene fühlen sich andauernd niedergeschlagen, freud- und antriebslos. Oft helfen nur Psychotherapie und Medikamente gegen die Krankheit.


Foto: Africa Studio/Shutterstock

„Es hat einen zynischen Beigeschmack, dass die Pharmaindustrie wirkungslose Mittelchen als Arzneien gegen psychische Beschwerden verkaufen darf.“

Kai Thomas, Redakteur Gesundheit & Fitness


Foto: Anja Wägele

Eine Behandlung zielt vor allem darauf ab, die depressive Phase zu durchbrechen. Es geht darum, den oft erheblichen Leidensdruck zu mindern und die Teilnahme am Leben zu sichern. Dabei gilt es, akute Angst, Unruhe, Schlafstörungen und Suizidgefährdung zu lindern und Rückfälle zu verhindern. Wichtiger Pfeiler der Behandlung ist die Psychotherapie. Verläuft die Krankheit mittelgradig oder schwer, verschreiben Ärzte zudem chemische Antidepressiva. Für einen ersten Therapieversuch bei leichten bis mittelschweren Phasen gelten auch Extrakte aus Johanniskraut als Alternative.

Ganze 16 Millionen Euro setzte die Pharmabranche 2016 laut Ims Health mit rezeptfreien Johanniskrautmitteln um. Können sie wirklich helfen? Wir haben 20 Produkte eingekauft und einen kritischen Blick auf Wirk- und Hilfsstoffe geworfen.

DAS TESTERGEBNIS

Schlechte Tradition: Fünf rezeptfreie Arzneien aus der Apotheke können wir mit „sehr gut“ empfehlen, sieben mit „gut“. Sieben frei verkäufliche traditionelle pflanzliche Mittel schneiden mit „mangelhaft“ ab, eins ist „ungenügend“.
Bewährt und bewiesen: Die Trockenextrakte aus Johanniskraut in den „guten“ und „sehr guten“ Präparaten gelten als wirksam. Sie können bei leichten bis mittleren depressiven Störungen helfen. Dies bestätigen aktuelle Übersichtsarbeiten zur Forschungslage. Allerdings wurden nur die Spezialextrakte in den fünf „sehr guten“ Produkten in eigenen klinischen Studien untersucht. Für die „guten“ Präparate fehlen solche direkten Wirknachweise. Die Europäische Arzneimittelbehörde erkennt aber auch ihre Rezepturen und Herstellungsverfahren als medizinisch wirksam und durch Studien belegt an. Die „sehr guten“ und „guten“ Produkte im Test sind ausreichend hoch dosiert. Die Tageseinheiten betragen 500 bis 1.000 Milligramm Extrakt. Damit entsprechen sie der Empfehlung der aktuellen wissenschaftlichen Leitlinie zur unipolaren Depression.

Wirkungslos: Die Wirkung der „mangelhaften“ und „ungenügenden“ Präparate im Test ist nicht belegt. Weder bei geistiger Erschöpfung noch bei depressiver Verstimmung. Für Effekte ihrer verschiedenen Johanniskrautrezepturen fehlt es an wissenschaftlichen Daten. Auch liegt der Wirkstoffgehalt, wenn überhaupt angegeben, durch die Bank unter den Tagesdosierungen, die als effektiv gelten. Die Anbieter dürfen die getesteten Produkte dennoch als „traditionelle pflanzliche Arzneien“ verkaufen. Aber nur, weil die eingesetzten Rezepturen bereits seit mehr als 30 Jahren in der EU verfügbar sind.
Fehlanzeige: Im Infomaterial der Kneipp Johanniskraut Dragees H vermissten wir den sinnvollen Hinweis, bei anhaltenden Beschwerden zum Arzt zu gehen. Das macht das Produkt zum schlechtesten im Test.


„Für Effekte der traditionellen pflanzlichen Arzneien bei depressiven Verstimmungen mangelt es an wissenschaftlichen Daten .“


Nicht ohne: Mittel mit Johanniskraut können die Wirksamkeit anderer Arzneien abschwächen. Sie beeinflussen etwa den Effekt von Gerinnungshemmern, Asthmamitteln, der Antibabypille sowie von Präparaten, die in der Aidstherapie die Virusvermehrung bremsen. Die Beipackzettel der „guten“ und „sehr guten“ Arzneien informieren umfänglich über solche Wechselwirkungen. Die freiverkäuflichen Mittel im Test sind so niedrig dosiert, dass keine Wirkung und folglich auch keine Nebeneffekte auf andere Arzneien zu erwarten sind. Entsprechende Hinweise sind daher entbehrlich.
Verzichtbar: In den Abtei Johanniskraut, Kapseln steckt der Farbstoff Ponceau 4R. Er kann laut Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte allergische Reaktionen hervorrufen. In den Johanniskrau-ragees von Dm und Rossmann findet sich das umstrittene Färbemittel Chinolingelb.

SO HABEN WIR GETESTET

Der Einkauf

Wir haben 20 Johanniskrautpräparate in Apotheken und Drogerien eingekauft. Zwölf sind als pflanzliche und acht als traditionelle pflanzliche Arzneien zugelassen. Die Packungspreise reichen von 3,55 bis 36,20 Euro.

Die Wirksamkeitsbelege und Beipackzettel

Wie empfehlenswert sind die Mittel bei leichten vorübergehenden depressiven Störungen, nervlicher Belastung und geistiger Erschöpfung? Wie steht es um Risiken und Nebenwirkungen? Diese Fragen hat Professor Manfred Schubert-Zsilavecz vom Institut für Pharmazeutische Chemie der Universität Frankfurt für uns beantwortet.

Die Hilfsstoffe

Stecken in den Präparaten problematische Stoffe? Wir haben die Deklarationen geprüft und unter anderem auf unnötige Farb- und Konservierungsstoffe geachtet.

Die Weiteren Mängel

Ein Labor untersuchte die Verpackungen auf umweltschädliche PVC/PVDC/chlorierte Verbindungen.

Die Bewertung

Die Wirksamkeit der Johanniskrautzubereitungen in den Tabletten ist maßgeblich für unsere Bewertung. Sie gilt für die pflanzlichen Arzneimittel im Test als wissenschaftlich belegt. An den als traditionelle pflanzliche Arzneien zugelassenen Mitteln beklagen wir eine mangelhafte Studienlage und eine durchgängige Unterdosierung. Weitere Minuspunkte gibt es für problematische Farbstoffe.

Scharfer Blick: Der Pharmazie-Experte Manfred Schubert-Zsilavecz begutachtete Wirksamkeit und Risiken der Antidepressiva im Test.


Foto: Anja Wägele