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TEST KINDERKARNEVALSKOSTÜME: DIE GUTEN, DIE SCHLECHTEN & DIE HÄSSLICHEN


ÖKO-TEST Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 2/2018 vom 25.01.2018

Ob als Prinzessin oder Jedi-Ritter: Verkleiden macht Spaß. Mit Karnevalskostümen können Kinder in andere Rollen schlüpfen. In den Kostümen von der Stange stecken allerdings Problemstoffe.


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Foto: Tutye/getty images

ÖKO-TEST RÄT

► Kein einziges Kinderkarnevalskostüm ist komplett schadstofffrei. Es stehen aber zumindest ein paar „gute“ Produkte zur Auswahl.
► Die meisten Verkleidungen kosten zwischen 25 und 30 Euro. Das ist angesichts der mäßigen Qualität nicht gerade günstig. Kinder haben auch viel Freude an selbst genähten und selbst gebastelten Kostümen.
► I n Aufdrucken, Applikationen und Accessoires aus ...

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► Kein einziges Kinderkarnevalskostüm ist komplett schadstofffrei. Es stehen aber zumindest ein paar „gute“ Produkte zur Auswahl.
► Die meisten Verkleidungen kosten zwischen 25 und 30 Euro. Das ist angesichts der mäßigen Qualität nicht gerade günstig. Kinder haben auch viel Freude an selbst genähten und selbst gebastelten Kostümen.
► I n Aufdrucken, Applikationen und Accessoires aus Plastik oder Gummi stecken häug Schadstoffe. Wenn möglich darauf verzichten oder austauschen: Was ist schon ein Jedi-Ritter-Gürtel aus Kunststoff gegen einen alten Gürtel aus Papas Schrank!

Was ist denn heute bloß los? Von einem Tag auf den nächsten sind die Kinder wie verwandelt. Die kleine Hexe aus dem gleichnamigen Kinderbuch kann es sich nicht erklären. Ein Kind nach dem anderen kommt in Verkleidung daher: „Die Chinesenmädchen kreischten auf Chinesisch, die Indianerinnen quietschten in der Indianersprache und die Cowboys schossen mit Stöpselpistolen in die Luft. Der Schornsteinfeger schwenkte seinen Pappzylinder, der Kasperl haute dem Wüstenscheich mit der Pritsche eins auf den Turban und der Räuberhauptmann Jaromir schnitt so grimmige Gesichter, dass ihm der angeklebte Schnurrbart nicht halten wollte und immer wieder herunterfiel.“ Als die Hexe endlich begreift, dass Karneval ist, stellt ihr Begleiter, der Rabe Abraxas, fest: „Fastnacht ist eine famose Sache!“ Und flugs beginnen sie, selber Fasching mit den Tieren im Wald zu feiern. Dem Hasen zaubert die kleine Hexe ein Hirschgeweih, die Waldmäuse lässt sie auf die Größe von Kaninchen wachsen und der Rabe Abraxas bekommt einen Eichhörnchenschwanz verpasst: „Heute soll jeder anders sein, als er sonst ist.“

Anders sein – wenn auch nur für ein paar närrische Tage. Das ist die Idee, die hinter jeder Karnevalskostümierung steckt. Seit der Erstveröffentlichung von Otfried Preußlers „Die kleine Hexe“ im Jahr 1957 hat sich das kaum geändert. Seitdem haben zwar die Moden gewechselt. Kinder von heute gehen eher selten als Schornsteinfeger oder Chinesin. Doch Filmhelden wie Darth Vader und Harry Potter haben die alten klassischen Kostüme nicht vollends verdrängt. Einer Umfrage des Marktforschungsunternehmens Ipsos aus dem Jahr 2014 zufolge rangieren Fantasie- und Märchenfiguren wie Prinzessin, Hexe, Vampir und Zauberer mit 43 Prozent ganz vorne unter den beliebtesten Faschingsverkleidungen von Kindern und Erwachsenen. Es folgen Berufe wie Polizist und Krankenschwester mit 26 Prozent. Der Pirat kommt auf 22 Prozent. Charaktere aus Film und Fernsehen rangieren mit 20 Prozent erst auf Platz vier. Cowboy und Indianer sind mit 15 Prozent ein wenig aus der Mode gekommen.

Warum verkleiden sich Kinder eigentlich so gerne? „Es ist die Faszination, anders zu sein. In eine Rolle zu schlüpfen, die sich anfühlt wie echt“, erklärt der Kölner Pädagoge, Kinder- und Jugend psychotherapeut und Karnevalsexperte Wolfgang Oelsner. „Im Spiel der Verkleidung haben die Kinder die Freiheiten, sich auszuprobieren. Im Gegensatz zu Erwachsenen haben sie noch keinen festen Lebensentwurf. Im Als-ob-Spiel testen sie Fragen aus wie: Was wäre, wenn ich in eine reiche oder arme Familie, als Junge oder Mädchen geboren worden wäre?“

In andere Rollen schlüpfen: Für Kinder ist das Verkleiden nicht nur ein großer Spaß, sie lernen dabei auch, sich in andere Personen hineinzuversetzen.


„Auch wenn in den Kostümen leider zu viele Schadstoffe stecken: Es ist erfreulich, dass alle Produkte im Test die Materialprüfungen wie Entflammbarkeit bestanden haben.“

Frank Schuster, ÖKO-TEST-Redakteur


Foto: Anja Wägele

Das Wechseln von Rollen fördere die Entwicklung der Kinder, es steigere ihr Empathievermögen, also ihre Fähigkeit und Bereitschaft, die Gefühle und Gedanken anderer Personen zu erkennen und zu verstehen. „Es lässt Kinder die Frage stellen: Wie mag der andere sich fühlen? Das reicht bei Kindern nachhaltig über das Spiel hinaus. Kinder gehen so sehr in ihrer Verkleidung auf, dass sie sogar einen anderen Gang, eine andere Sprache und Mimik annehmen.“ Dafür genügen schon ganz einfache Requisiten. „Ein Tuch über den Schultern kann ein Gewand sein oder auch ein Lumpen, je nachdem schreiten sie wie ein König oder kauern wie ein Bettler“, beschreibt Oelsner. „Je perfekter das Kostüm, desto kleiner ist die Spielbreite.“ Bestehe das Cowboykostüm bloß aus Hut und Fransenjacke, könne das Kind einfach vom Held zum Schurken wechseln. Stelle das Kostüm jedoch eindeutig den „Star Wars“-Bösewicht Darth Vader dar, könne es schwerlich den Charakter wechseln.


Kindern genügen einfache Kostüme. Je perfekter sie ausgestaltet sind, desto weniger Raum lassen sie, sich im Spiel zu entfalten.


Wir haben 15 Kinderkarnevalskostüme eingekauft, darunter klassische wie Prinzessin und Clown sowie moderne wie Jedi-Ritter. Die Labore prüften alle Produkte auf schädliche Inhaltsstoffe und Entflammbarkeit. An Kostümen für Kinder unter drei Jahren haben wir zusätzliche Prüfungen vornehmen lassen, die die Spielzeugnorm vorschreibt.

DAS TESTERGEBNIS

Überwiegend Mittelmaß. Kein einziges getestetes Produkt ist komplett schadstofffrei und damit „sehr gut“. Immerhin gibt es sechs „gute“ Kostüme. Ansonsten: viel Mittelmaß. Jeweils vier sind „befriedigend“ und „ausreichend“. Als Totalausfall entpuppt sich ein Kostüm, das so voller Schadstoffe steckt, dass unser Urteil nur „ungenügend“ lauten kann.

Unnötige Weißmacher. In 14 der 15 Kostüme stecken optische Aufheller. Das einzige Produkt, das keine künstlichen Weißmacher enthält, ist das Lattjo Adlerkostüm, bunt. Anbieter Ikea verzichtet auch in anderen Produkten schon seit längerer Zeit auf optische Aufheller, die nicht nur die Umwelt belasten. Einige können im Zusammenspiel mit Sonneneinstrahlung auch allergische Reaktionen hervorrufen, wenn sie mit dem Schweiß auf die Haut gelangen. Meist finden sich die unnötigen Aufheller in den Etiketten. Im H&M Superheldenkostüm Rot/Spiderman analysierte das Labor die Weißmacher in der Füllwatte für die Schulterpolster. Da kein direkter Hautkontakt besteht, werten wir die Substanz hier unter den Weiteren Mängeln ab.
Umstrittene Stoffe. In sechs Produkten fand das Labor umstrittene halogenorganische Verbindungen, zum Teil als phosphororganische Substanzen. Die Stoffe können aus Färbemitteln oder Ausrüstungschemikalien stammen. Viele dieser Verbindungen aus einer Gruppe von mehreren Tausend Stoffen gelten als allergieauslösend.
Antimon im Polyester. In fünf Kostümen wies das Labor lösliches Antimon nach. Das problematische Halbmetall ist ein für Polyester typischer Schadstoff. Es wird häufig als Katalysator bei der Produktion eingesetzt oder auch als Flammhemmer. Studien zeigen, dass Antimonverbindungen Haut- und Schleimhäute reizen.
PAK im Plastikgürtel. Im Kunststoffgürtel des Rubie’s Kinderkostüm Star Wars Deluxe Jedi wiesen die Labore polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) nach. Die nachgewiesene PAK-Verbindung Phenanthren gilt zwar nicht als krebserregend oder krebsverdächtig. Die US-Umweltbehörde EPA hat sie jedoch in die Liste besonders problematischer Schadstoffe aufgenommen, sie ist giftig für Wasserorganismen und in der Umwelt schwer abbaubar. Ebenfalls im Gürtel stecken die phosphororganischen Verbindungen TCPP (Trischlorisopropylphosphat) und TDCPP (Tris[1,3-dichlorisopropyl] phosphat). In Tierversuchen schädigte TCPP Leber und Nieren und veränderte die Erbanlagen. TDCPP steht in Verdacht, Krebs zu erzeugen.

SO HABEN WIR GETESTET

Der Einkauf

Auch wenn es jedes Jahr neue Trends gibt: Die Kinder von heute verkleiden sich zu Fasching nicht nur gerne wie Figuren aus „Star Wars“ oder „Harry Potter“, sondern auch ganz klassisch als Prinzessin, Ritter oder Clown. Wir haben 15 Karnevalskostüme eingekauft. Darunter sind Modelle für Kinder unter drei Jahren sowie Produkte für Kinder im Kindergarten- und Grundschulalter.

Die Materialprüfung

Ein Labor prüfte für uns, wie schnell sich die Synthetikfasern entzünden und ob die Produkte mit entsprechenden Warnhinweisen versehen sind. Die beiden Kostüme für Unterdreijährige, das Incharacter Lil’ Froggy Babykostüm und Christys Dress Up Itsy Bitsy Spider, testeten die Laborexperten zusätzlich darauf, ob zum Beispiel eine Erstickungs- oder Strangulierungsgefahr durch herausquellende Füllwatte, Schnüre oder andere Produktteile besteht.

Die Inhaltsstoffe

Karnevalskostüme aus dem Handel sind meist aus Polyester, selten aus Baumwolle genäht. Wir haben sie in den Laboren deshalb auf Schadstoffe wie Antimon untersuchen lassen, die für Synthetik typisch sind. Das giftige Halbmetall wird häug als Katalysator bei der Produktion oder auch als Flammhemmer des leicht entzündbaren Polyesters eingesetzt. Alle Kostüme ließen wir auf problematische Farbbestandteile prüfen sowie auf optische Aufheller, die meist in den weißen Anteilen und Etiketten stecken. In Applikationen, Aufdrucken oder Accessoires aus Gummi oder Kunststoff stecken oft Weichmacher oder polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe, Baumwollanteile können mit Formaldehyd belastet sein.

Die Bewertung

Selbst wenn sie nur in der fünften Jahreszeit getragen werden: Mit ihren Kostümen kommen die Kinder mehrere Tage in Berührung. Das Wichtigste ist deshalb für uns, dass die Materialien frei von Schadstoffen sind. Für jeden Problemstoff ziehen wir Noten ab. Stecken umweltschädliche chlorierte Verbindungen in der Verpackung oder fehlen Warnhinweise, verbuchen wir das unter den Weiteren Mängeln.

Leicht entflammbar: In Polyesterkostüme gehört ein Warnhinweis.


Foto: ÖKO-TEST


Fotos: sergeyryzhov/getty images; FamVeld/getty images