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TEST Lebensmittel mit Zuckerkulör: Wir bekennen Farbe


ÖKO-TEST Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 5/2013 vom 26.04.2013

4-MEI heißt ein Schadstoff, der in Zuckerkulör enthalten sein kann und im Tierversuch Krebs erzeugte. Während die kalifornische Gesundheitsbehörde daraufhin einen strengen Warnwert festlegte, wiegelt die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit ab.


Artikelbild für den Artikel "TEST Lebensmittel mit Zuckerkulör: Wir bekennen Farbe" aus der Ausgabe 5/2013 von ÖKO-TEST Magazin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Foto: ©ExQuisine/Fotolia.com

Macht Cola Krebs?“ So oder so ähnlich lauteten die Schlagzeilen, nachdem der US-Bundesstaat Kalifornien 4-MEI auf eine Liste mit krebserregenden Stoffen setzte. 4-MEI ist die Abkürzung für 4-Methyl imidazol – ein Imidazol und Nebenprodukt von der Lebensmittelfarbe Zuckerkulör, die unter anderem Cola braun färbt.

Im Frühjahr ...

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... 2011 war 4-MEI in einer Rattenstudie unter Krebsverdacht geraten, woraufhin die kalifornische Gesundheitsbehörde OEHHA den Stoff als krebserregend einstufte und einen strengen Warnwert festlegte. Seither müssen Produkte, die diesen Wert nicht einhalten, in Kalifornien einen Warnhinweis tragen. Anders als in dem US-Bundesstaat, wo Unternehmen wie Coca-Cola ihre Produkte an die gesetzliche Vorschrift angepasst haben, ist in Europa nicht viel geschehen. Warum auch? Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) beurteilt den Verzehr von Produkten, die mit Zuckerkulör gefärbt sind, als gesundheitlich unbedenklich, wenn ein Schwellenwert nicht überschritten wird.

Dabei ist die Diskrepanz zwischen dem kalifornischen Warnwert und dem von der EFSA als sicher erachteten Aufnahmewert enorm. So ziehen die Kalifornier bereits bei mehr als 29 Mikrogramm (μg) 4-MEI am Tag die Grenze, während der Wert in Europa über 1.500 Mal so hoch ist. Den Toxikologen von der Universität Kiel, Dr. Hermann Kruse, wundert das nicht. „Die EFSA ist wesentlich unkritischer bei der Risikobewertung von Zuckerkulör vorgegangen“, sagt er. Das sei typisch für den europäischen Raum. „In den USA herrscht ein ganz anderer Vorsorgegedanke vor“, so Kruse. Mehr oder weniger gute Gründe für ihre Einschätzungen liefern beide Parteien:

Die Kalifornier deuten die in den Tierstudien hervorgerufenen Geschwüre als Beweis für die krebserregende Wirkung von 4-MEI. Die EFSA beruft sich hingegen darauf, dass keine Veränderungen des Erbgutes beobachtet wurden, sodass ein Schwellenwert festgelegt werden könne. Unterhalb dieses Wertes bliebe eine 4-MEI-Aufnahme ohne gesundheitliche Folgen.

Unklar ist zudem, wie der Stoff genau wirkt. „Aber auch wenn es keinen Nachweis für eine krebserregende Wirkung beim Menschern gibt“, sagt der Toxikologe Kruse, „so besteht doch ein Ver- dacht aufgrund von Tierexperimenten.“

ÖKO-TEST rät

•Z uckerkulör ist zumeist in Produkten enthalten, auf die man gut verzichten kann. Ganz sicher geht man, wenn man Produkte mit Ammonsulfit-Zuckerkulör (E 150d) und Ammoniak-Zuckerkulör (E 150c) meidet.

•B ei Lakritze können Zutaten wie Salmiaksalz oder Ammoniumchlorid auf eine mögliche Belastung hindeuten. Besonders viel steckt in Salzlakritz, Salmiakpastillen und in der sogenannten Erwachsenenlakritz – diese Produkte besser nur in Maßen verzehren. Anderes Lakritz ist in der Regel unbedenklich.

•B io-Produkte dürfen nicht mit Zuckerkulör gefärbt werden – hier ist man per se auf der sicheren Seite.

So haben wir getestet

Achtung! Deutsche Cola müsste in Kalifornien folgenden Warnhinweis tragen.


Der Einkauf

Im Fokus unseres Einkaufs standen zuallererst Produkte, die mit den Zuckerkulören E150c (Ammoniak-Zuckerkulör) oder E 150d (Ammoniumsulfi t-Zuckerkulör) gefärbt sind, etwa Colagetränke, Energydrinks, Würzsaucen, Balsam essige und Saucenbinder. Gekauft wurden auch sechs Lakritzprodukte, da bei deren Herstellung die gleichen schädlichen Stoffe wie bei Zuckerkulör entstehen können. Weil das theoretisch auch für andere braune Zuckerprodukte gelten könnte, landeten noch ein Zuckerrübensirup und ein Getreidekaff ee aus Gerstenmalz im Einkaufskorb.

Die Inhaltsstoff e

Die Substanzen, um die es geht, gehören chemisch gesehen zu den Imidazolen – einer großen Gruppe an Verbindungen, von denen viele in der Natur vorkommen. Bedenklich sind ausgerechnet zwei Vertreter, die als Nebenprodukte bei der Herstellung bestimmter Zuckerkulöre entstehen und damit Lebensmittel und Getränke belasten können: 4-Methylimidazol, kurz 4-MEI, und 2-Acety-tetrahydroxy-butylimidazol, kurz THI. Nach beiden Substanzen ließen wir in einem Speziallabor fahnden.

Das Fazit

Bislang existieren keinerlei Regelungen, wie hoch Lebensmittel oder Getränke mit den schädlichen Stoff en belastet sein dürfen. Der Gesetzgeber hat lediglich Höchstgehalte für Imidazole in Zuckerkulör selbst festgelegt. Doch dabei wollten wir es nicht bewenden lassen. Wir berechneten die Gehalte an 4-MEI, die man mit einer Portion der untersuchten Produkte aufnimmt, und stellten sie den kalifornischen Warnwerten gegenüber. Danach überschreiten immerhin zwölf Produkte den Wert und hätten in Kalifornien mit dem Warnhinweis auf eine krebserzeugende Wirkung gekennzeichnet werden müssen. Die europäischen Behörden würden hingegen alle Gehalte als unbedenklich einstufen.

Experte Besser an niedrigen Werten orientieren

Dr. Hermann Kruse, Toxikologe an der Universität Kiel


„Man ist besser beraten, wenn man sich an den niedrigeren Werten – also den kalifornischen – orientiert. So mache ich es auch bei meiner eigenen Arbeit: Bei einer Risikobewertung gehe ich immer von dem niedrigsten Schwellenwert aus.“

Fakt ist, bei den Imidazolen in Zuckerkulör handelt es sich um schädliche Substanzen, deren Aufnahme allein aus Vorsorgegründen so niedrig wie möglich sein sollte – egal ob sich 4-MEI am Ende als ein bisschen oder stark krebserregend erweisen sollte.

Warum Hersteller, die Zuckerkulör verarbeiten, dies offensichtlich nicht so sehen und sich stattdessen auf die Seite der EFSA schlagen, kann man sich vorstellen. Im Verlaufe unseres Tests zeigte sich lediglich die Lakritzbranche verantwortungsbewusster.

So merkte der Schweizer Hersteller Ricola an, schon bei der Produktentwicklung auf die Vermeidung der schädlichen Substanzen zu achten. Die Firma Dr. Soldan, die unter anderem Salmiakpastillen produziert, arbeitet an einer Optimierung der Herstellungsweise – mit dem Ziel, ohne problematische Imidazole auszukommen. Ganz auf Zuckerkulör verzichten will Hersteller Katjes. „Die Verbraucher sind sensibilisiert, die wollen kein Zuckerkulör mehr“, sagt Dr. Oliver Maier aus der Qualitätssicherung. Viele Produkte seien schon umgestellt – wenn möglich auf Karamellsirup. „Der färbt zwar nicht ganz so braun, ist aber frei von 4-MEI.“

Der Erfrischungsgetränkeanbieter Coca-Cola wird unterdessen nicht müde, gebetsmühlenartig auf die gesundheitliche Unbedenklichkeit seiner Produkte hinzuweisen. Man hätte zwar Schritte eingeleitet, die 4-MEI-Gehalte weltweit zu reduzieren, aber letztlich nur, um den „aus unserer Sich ungerechtfertigten Warnhinweis“ in Kalifornien zu verhindern, so die Stellungnahme von Coca-Cola.

Wir ließen 33 Lebensmittel und Getränke auf 4-MEI und THI, ein weiteres schädliches Nebenprodukt der Zuckerkulörherstellung, untersuchen. Mit dabei sind sechs Lakritzprodukte, die entweder mit Zuckerkulör gefärbt sind – oder Salmiaksalz bzw. Ammoniumchlorid enthalten. Auch diese Substanzen können die Bildung von 4-MEI in der Lakritze fördern.

Das Testergebnis:

Kalifornischer Warnwert zwölfmal überschritten. Insbesondere Getränke liefern reichlich 4-MEI. Etliche müssten nach kalifornischem Recht sogar mit der Krebswarnung gekennzeichnet sein – darunter Coca-Cola, Pepsi, Afri-Cola und der Energydrink Relentless Origin. Aus EFSA-Sicht wären – wie zu erwarten – alle Gehalte unbedenklich.
Coca-Cola überschreitet US-Wert um das Sechsfache … und das mit jedem

Zuckerkulör – brauner Farbstoff mit Tücken

Zucker wird braun, wenn man ihn erhitzt. Gibt man Chemikalien dazu und setzt das Ganze starker Hitze aus, dann entsteht Zuckerkulör. Je nach eingesetzten Substanzen unterscheidet man einfaches Zuckerkulör (E 150a), Sulfitlaugen-Zuckerkulör (E 150b), Ammoniak-Zuckerkulör (E 150c) und Ammoniumsulfit-Zuckerkulör (E 150d). Die schädlichen Imidazole bilden sich allerdings nur in E 150c und E 150d. Das Färbemittel kommt vor allem in Erfrischungsgetränken, alkoholischen Getränken, Süßwaren, Essig und Würzsaucen zum Einsatz. Für Brot ist es nicht erlaubt – auch wenn sich dieser Irrglaube immer noch hält. In der Regel unproblematisch sind Gerstenmalz, Karamellzucker und Zuckersirup. Diese „natürlichen“ Braunfärber verfügen jedoch über einen ausgeprägten Eigengeschmack und sind wenig stabil.

Liter, den man trinkt. Was viel klingt, ist nach EFSA-Rechnung extrem wenig. So müsste man über 252 Liter Coca-Cola in sich hineingießen, um die in Europa akzeptierte Grenze zu erreichen. Von der höher belasteten Pepsi und Afri Cola wären „nur“ gut 70 Liter vonnöten.
Hohe Belastungen in Balsamessigen, Malzbier und Lakritz . Überrascht haben uns auch die 4-MEI-Gehalte in einigen anderen Produkten, etwa mit Zuckerkulör gefärbtem Aceto Balsamico. Hier reicht schon ein Esslöffel, um den Vorsorgewert aus Kalifornien zu toppen. Auch das gern von Kindern konsumierte Malzbier der Marke Karamalz weist eine relativ hohe Belastung auf – und selbst Lakritz aus dem Hause Haribo reißt die kalifornische Leitlinie.
Immunschädlicher Stoff in dreizehn Produkten. In fast allen Produkten mit Ammoniak-Zuckerkulör (E 150c) fand sich obendrein THI bzw. 2-Acety-tetrahydroxy- butylimidazol, wie der Stoff vollständig heißt. THI hat in Tierversuchen das Immunsystem geschädigt. Ob dies auch für den Menschen gilt, ist noch unklar.
Zuckerrübensirup und Gerstenmalz – auch belastet? Zum Teil: Der Sirup ist unbelastet, die Herstellung also offensichtlich unproblematisch. Im Malzkaffee stecken dagegen geringe 4-MEI-Gehalte. Birgit Hinsch/ Uta Gensichen