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TEST Lederhandschuhe: Schlechtes Hand-Werk


ÖKO-TEST Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 11/2011 vom 28.10.2011

Nicht frieren mit Stil: Dafür gibt es Lederhandschuhe. Nur leider macht das nützliche Accessoire, das frau auch gerne modisch trägt, im Schadstoff test keine gute Figur. Statt die Vorteile des Naturmaterials auszuspielen, setzt die Lederindustrie die Chemiekeule ein.


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Foto: Warren Goldswain/Fotolia.com

Leder ist ein Naturmaterial. Trotzdem ist an Handschuhen aus Leder so gut wie nichts natürlich. „Nahezu hundert Prozent der Lederhandschuhe sind chromgegerbt“, sagt Johann Peter Schomisch von Ecopell. Er muss es wissen. Seit fast 20 Jahren produziert und vertreibt er pflanzlich gegerbtes Leder. Zwar erhält ...

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Leder ist ein Naturmaterial. Trotzdem ist an Handschuhen aus Leder so gut wie nichts natürlich. „Nahezu hundert Prozent der Lederhandschuhe sind chromgegerbt“, sagt Johann Peter Schomisch von Ecopell. Er muss es wissen. Seit fast 20 Jahren produziert und vertreibt er pflanzlich gegerbtes Leder. Zwar erhält er immer öfter Anfragen aus der Schuhindustrie und auch die Nachfrage für Accessoires wie Ledertaschen ist gestiegen, auf Handschuhe trifft das aber nicht zu. Für Schomisch ein großer Fehler: „Die Industrie lässt sich ein wichtiges Geschäftsfeld entgehen. Statt sich umzustellen, wartet man ab, bis die Produkte aus Öko-Leder irgendwann aus Asien kommen.“

Auch aus Sicht des Internationalen Verbands der Naturtextilwirtschaft (IVN) gibt es in Sachen Naturleder noch jede Menge Entwicklungspotenzial. „Was das Thema Nachhaltigkeit angeht, liegt die Lederbranche weit hinter den Standards der Textilindustrie zurück“, stellt Heike Scheuer vom IVN fest. Seit 2004 gibt es ein Siegel für Naturleder (siehe Kasten „Naturleder IVN zertifiziert“), noch trägt es allerdings kein einziges Produkt. Von der Zertifizierung der ersten Betriebe im kommenden Jahr erhofft sich Scheuer aber weitreichende Impulse: „Wenn es das Angebot gibt, wird Naturleder auch nachgefragt.“


Pflanzlich gegerbtes Leder nur auf Kundenwunsch


Rico Wappler aus Sachsen ist einer der wenigen Lederhandschuhmacher in Deutschland, der pflanzlich gegerbte Handschuhe bereits anbietet. Allerdings fertigt er sie nur auf Kundenwunsch an. 20- bis 30-mal im Jahr kommt das vor. „Oft melden sich Neurodermitiker bei mir, deren Haut auf chromgegerbte Leder allergisch reagiert“, erzählt Wappler. Warum Verbraucher in Geschäften bislang vergebens nach pflanzlich gegerbten Lederhandschuhen fragen, weiß Schomisch: „Das ist nicht nur eine Frage des Geldes. Ein häufiges Argument der Lederindustrie gegen pflanzlich gegerbtes Leder sind seine natürlichen Merkmale. Unregelmäßigkeiten werden leider als Fehler wahrgenommen.“

Wir wollten wissen, wie es um die Qualität der Lederhandschuhe in dieser Wintersaison bestellt ist und haben 17 verschiedene Modelle für Frauen und Männer einer umfassenden Schadstoffpüfung unterzogen.

Das Testergebnis

■ Wenig Natur, viel Chemie: 13 der 17 Produkte im Test fallen mit „ungenügend“ durch. Mit „mangelhaft“ schneiden die beiden Damenmodelle der bekannten Handschuhhersteller Roeckl und Eska kaum besser ab. Kleiner Lichtblick: Je ein Paar in der Kategorie Damen- und Herrenhandschuhe ist vergleichsweise gering mit bedenklichen und umstrittenen Inhaltsstoffen belastet, die Handschuhe von H & M und des Lederhandschuhmachermeisters Bernd Vojtisek sind daher „befriedigend“.
■ Gesundheitsgefährdende Gesetzeslücke: Die C & ALederhandschuhe hätten unserer Ansicht nach gar nicht verkauft werden dürfen. Das Labor hat darin mehr als ein Prozent kurzkettiger Chlorparaffine nachgewiesen, die als krebserzeugend gelten. Weil sie außerdem als umweltgefährdend eingestuft sind, ist ihre Verwendung in der Lederherstellung EU-weit reglementiert. Allerdings gilt diese Beschränkung nicht für die Lederherstellung außerhalb der EU. Da unser Testmodell in China produziert worden ist, wie uns C & A-Mitarbeiterin Nadine Rentmeister mitteilte, sehen die deutschen Behörden keine Möglichkeit zur Beanstandung. „Dafür gibt es momentan keine gesetzliche Handhabe“, sagt Dr. Norbert Martin vom Chemischen und Veterinäruntersuchungsamt Freiburg, obwohl er den Befund als alarmierend einstuft. Zum einen greift die EU-Regelung nicht, weil das Produkt außerhalb der EU produziert wurde. Zum anderen ist die Konzentration kurzkettiger Chlorparaffine paradoxerweise nur in der Herstellung beschränkt, nicht aber im fertigen Handschuh, den der Kunde im Geschäft kauft. Eine Lücke im Gesetz, die es zu schließen gilt.
■ Lieber bleifrei: In drei Handschuhen hat das Labor Blei nachgewiesen, in dem Modell von EleMar einen Gehalt von 2.800 Milligramm pro Kilogramm (mg/kg). Das ist um ein Vielfaches höher als der Grenzwert des Textillabels Öko-Tex Standard 100 für Materialien wie Leder, an dem sich viele Hersteller freiwillig orientieren.
■ Es geht auch ohne: Nahezu unvermeidlich in chromgegerbten Ledern sind Rückstände von dreiwertigem Chrom. Bis auf zwei Ausnahmen hat das Labor Gehalte von mehreren 1.000 mg/kg in den Handschuhen nachgewiesen. Zwar ist dieses – anders als das hochgiftige Chrom VI – gesundheitlich relativ unbedenklich, wegen seiner Umweltschädlichkeit werten wir es aber trotzdem ab. Schließlich gibt es alternative Gerbverfahren, in denen auf Chrom verzichtet wird. Das ist zum Beispiel bei den Lederhandschuhen von Bernd Vojtisek der Fall. Auf Nachfrage teilte uns der Lederhandschuhmachermeister mit, dass ihr Leder neusämisch gegerbt ist (siehe Lexikon). Chromfrei ist aber auch dieses Modell leider nicht. Vojtisek nannte die Quelle: Das Chrom kommt aus der Farbe. Schade.
■ Farbe kann es in sich haben: In vielen Handschuhen haben wir den krebsverdächtigen Farbbaustein Anilin festgestellt. Was allerdings nicht heißt, dass anilingefärbte Handschuhe das aromatische Amin abspalten müssen. Im Gegenteil: Wenn die Färbung gut gemacht ist, wie bei den Handschuhen von Eska, die laut Anbieter anilingefärbt sind, lässt sich Anilin nicht nachweisen. Doch selbst wenn der Endverbraucher hier von Anilin verschont bleibt, in den Färbereien haben Menschen mit dem problematischen Stoff arbeiten müssen.

Pflanzlich gegerbtes Leder wird etwa über angewärmte Edelstahlplatten (Foto) oder auf Spannrahmen im Trockenofen schonend getrocknet.


Foto: ecopell GmbH

So reagierten die Hersteller

■ Capelli zeigt sich erschrocken über die Ergebnisse und bietet Kunden an, den Kaufpreis der Handschuhe per Gutschein zurückzuerstatten. Mehr zu der Aktion finden Sie im Internet auf der Seitewww.capellishop.de/rueckrufaktion/

■ Barbour teilt mit, man habe den Vertrieb derBarbour Leather Thinsulate Gloves gestoppt: „Wir werden den Artikel erst wieder auf den Markt bringen, wenn wir sicherstellen können, dass Öko-Tex Standard 100 eingehalten wird.“ In unserem Test haben die Handschuhe den Öko-Tex-Grenzwert für o-Phenylphenol und Blei überschritten.
■ C & A reagiert ähnlich. Man habe die Lederhandschuhe bereits aus dem Verkauf genommen, teilt das Textilunternehmen mit.
■ Emu reagiert nicht im Sinne der Verbraucher. Die Firma will nicht, dass die Testergebnisse veröffentlicht werden. Außer dieser pauschalen Forderung, der wir natürlich nicht nachgeben, gab es keine Reaktion.

ÖKO-TEST rät

• Fragen Sie nach pflanzlich gegerbten Lederhandschuhen. Je stärker die Nachfrage, desto größer sind die Chancen, dass sich die Lederindustrie umstellt.

• Alternativen zu chromgegerbten Lederhandschuhen sind bereits erhältlich, Veloursleder etwa wird auch neusämisch gegerbt angeboten. Bislang ist das für den Verbraucher aber kaum zu erkennen, weil nur wenige Hersteller das Gerbverfahren auf ihrem Produkt angeben.

• Auch festgestrickte Wollhandschuhe halten die Hände im Winter gut warm.

Kompakt

Lexikon

Gerbverfahren Chromgerbung: Lederbekleidung wird zum überwiegenden Teil aus Chrom-III-Salzen hergestellt. Der Gerbprozess ist schneller und materialsparender als bei pflanzlich gegerbten Ledern, was Kosten spart: Wet Blue, frisch gegerbtes offenporiges Leder mit seinem charakteristischen bläulichen Farbton, ist gut transportfähig und lässt sich gut lagern, sodass Vertrieb und Weiterverarbeitung weltweit möglich sind. Allerdings entstehen bei der Gerbung chromhaltige Abwässer und Reststoffe, die aufbereitet und recycelt werden müssen. Auch die Entsorgung gestaltet sich problematisch: Bei der Verbrennung kann giftiges Chromat erzeugt werden. Zudem kann Chrom VI im Leder entstehen, wenn die Chromgerbung nicht optimal ausgeführt worden ist.
Pflanzliche Gerbung: Pflanzlich gegerbtes Leder wird aus pflanzlichen Gerbstoffen wie Eichenrinde, Valonea oder der Rhabarberwurzel gewonnen, die mit Wasser extrahiert traditionell in der Grube gegerbt werden. Der Gerbprozess in der Grube kann bis zu 15 Monate dauern. Aus diesem Grund wird die Rohhaut häufig mit synthetischen Gerbstoffen vorgegerbt und anschließend auf pflanzlicher Basis in Fässern ausgegerbt. So kann das Verfahren auf nur einige Tage verkürzt werden.

Die Fruchtbecher der Valonea-Eiche sind Gerbstofflieferanten für pflanzlich gegerbtes Leder.


Foto: ecopell GmbH

Naturleder IVN zertifiziert

Der Kriterienkatalog, an den der Internationale Verband der Naturtextilwirtschaft (IVN) die Vergabe seines Siegels „Naturleder IVN zertifiziert“ knüpft, umfasst nicht nur Anforderungen an das Endprodukt, sondern auch an die Rohstoffe und die Lederherstellung. So ist die Chromgerbung ausgeschlossen. Neben pflanzlichen Gerbstoffen sind Aluminium, Zirkonium und Titan zugelassen. Auch die sogenannte Alt- und Neusämischgerbung (siehe Lexikon) sind erlaubt. Allerdings verbietet der IVN bei neusämisch gegerbtem Leder, das mit synthetischen Gerbstoffen vor- und dann mit Tran nachgegerbt wird, die Verwendung von Formaldehyd. Die Substanz steht im Verdacht, krebsserzeugend zu sein. Glutaraldehyd, das ebenfalls zur Familie der Aldehyde gehört und allergisierend wirkt, stuft der IVN weniger kritisch ein. Daher ist es als Gerbmittel erlaubt. Ein Nachweis von Glutaraldehyd in Produkten führt bei ÖKOTEST aber zur Abwertung. Auch Vorgaben zur Konservierung gibt es. Zwar dürfen die Häute gesalzen werden, allerdings nicht mithilfe von chemischen Konservierungsmitteln. Werden beim Reinigen Tenside und waschaktive Substanzen verwendet, müssen diese biologisch abbaubar sein. Zugelassen sind nur Häute von Tieren, die primär zur Fleischgewinnung gehalten und geschlachtet werden. Wild lebende oder vom Aussterben bedrohte Tierarten sind ausgeschlossen. Das Zeichen beinhaltet Grenzwerte für viele Schadstoffe im Produkt, als eines der wenigen Label schließt es bei der Kontrolle der Farbstoffe auch die problematischen, aber nicht gesetzlich verbotenen aromatischen Amine Anilin und p-Phenylendiamin ein. Betriebe, die sich zertifizieren lassen wollen, verpflichten sich dem Umwelt- und Gesundheitsschutz und der Einhaltung sozialer Kriterien in der Produktion. Zurzeit ist die Zertifizierung der ersten Gerberei auf dem Weg.

Kompakt

Lexikon

Gerbverfahren Alt- und Neusämischgerbung: Zur Herstellung von altsämischgegerbtem Leder wird Dorschtran verwendet, früher wurde der Tran auch aus dem Fettgewebe von Walen und Robben gewonnen. Das „Fischöl“ hat einen besonders hohen Anteil ungesättigter Fettsäuren, die für diese Gerbart notwendig sind. Die Fette oxidieren in den Fasern des Leders und bewirken den Gerbeffekt. Die Lederherstellung dauert traditionell etwa sechs bis neun Monate. In Deutschland versteht man unter Sämischleder trangegerbtes Rauleder etwa aus Schaf-, Lamm-, Hirsch-, Rehund Ziegenleder. Die altsämische Gerbung ist heute kaum noch üblich, stattdessen wird das Leder mit synthethischen Gerbstoffen wie Formaldehyd oder Glutaraldehyd vorgegerbt und mit Tran nachgegerbt (neusämisch). Bei unserem Testmodell von Berd Vojtisek wurde Glutaraldehyd zur Vorgerbung verwendet – im Endprodukt war die Substanz nicht nachweisbar.
Alaungerbung: Das auch Weißgerbung genannte Verfahren wird oft verwendet, um Dekorationsfelle herzustellen. Die Lederseite wird bei dieser Gerbart weiß. Weil der Gerbstoff Aluminiumsulfat durch Wasser aus dem Fell wieder ausgespült werden kann, gelten sie als nicht waschbar. Wird diese Eigenschaft gewünscht, greift man auf Glutaraldehyd zurück. Das weiße Fell erhält dann allerdings eine gelbliche Färbung.
Synthetische Gerbung: Synthetische Gerbstoffe werden künstlich hergestellt, haben also keine Entsprechung in der Natur. Dazu gehören Formaldehyd, Glutaraldehyd, Phenole und Acrylate. In der Regel wird die synthetische Gerbung in Kombination mit Chrom-, Pflanzen- oder Trangerbung in der Lederherstellung eingesetzt.

So haben wir getestet

Der Einkauf

Wir haben 17 Handschuhe aus Glatt- und Veloursleder in Kaufhäusern, im Versandhandel und beim Herrenausstatter eingekauft. Neben Schwarz- und Brauntönen bei den Herren haben wir bei den Damenmodellen auch modische Farben gewählt. Alle Handschuhe sind gefüttert.

Die Inhaltsstoffe

Lederhandschuhe werden fast ausschließlich aus chromgegerbtem Leder hergestellt. Unter bestimmten Umständen kann das dafür verwendete Chrom III zu krebserregendem Chrom VI oxidieren, daher haben wir alle Modelle einer Schwermetallprüfung unterzogen. Auch auf Formaldehyd und Glutaraldehyd, die als zusätzliche Gerbstoffe eingesetzt werden können, haben wir die Handschuhe untersuchen lassen. Zur Konservierung des Leders werden häufig Chlorphenole und -kresole oder andere umstrittene halogenorganische Verbindungen eingesetzt, Chlorparaffine sind in Fettungsmitteln für Leder zu finden. Aus Produktionsrückständen können außerdem polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK), von denen einige krebserzeugend sind, und giftige zinnorganische Verbindungen im Leder enthalten sein.

Im Labor werden die Lederhandschuhe auf giftige Schwermetalle untersucht.


Foto: Labor