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TEST Lipgloss: Rote Zone


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ÖKO-TEST Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 12/2021 vom 25.11.2021

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RATGEBER

1 „Sehr guter“ Lipgloss ist in diesem Test nur mit Naturkosmetik-Siegel zu haben: Alverde, Benecos und Dr. Hauschka überzeugten.

2 Auf kleinen Kosmetikprodukten wie Lipgloss ist die Inhaltsstoffliste nicht immer auf der Packung abgedruckt. Der Handel muss sie aber am Verkaufsständer einsehbar machen.

3 Wer Lippenschminke ohne Titandioxid sucht, achtet auf die Liste der Inhaltsstoffe: Dort ist der Stoff als „CI 77891“ oder „Titanium Dioxide“ aufgeführt.

Titandioxid: Das ist jenes natürliche Weißpigment, das bis vor ein paar Jahren noch als völlig unbedenklich galt. Doch seither tauchen immer mehr Zweifel an seiner weißen Weste auf. Zuletzt beschloss die EU-Kommission, Titandioxid (TiO 2 ) ab 2022 als Zusatzstoff in Lebensmitteln zu verbieten. Nun ist Lipgloss zwar kein Lebensmittel – doch einen Großteil davon lecken sich Nutzer dennoch von den Lippen und verschlucken es. In einer ...

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... Beispielrechnung hat das EU-Gremium für Verbrauchersicherheit SCCS errechnet, dass Verbraucherinnen sich täglich bis zu 57 Milligramm Schminke von den Lippen ablecken. Da kann dann schon einiges zusammenkommen. Deshalb bewerten auch wir Titandioxid hier – anders als in sonstigen Kosmetika – strenger und ziehen zwei Noten ab. Fast alle Lipglosse in diesem Test enthalten den Stoff, der als Farbpigment für Deckkraft und satte Töne sorgt. Auch die Naturkosmetik setzt Titandioxid ein: Vier der sieben zertifizierten Lipglosse sind deshalb nur „befriedigend“; der Rest kommt ohne Titandioxid aus und überzeugt mit „sehr gut“. Das war es dann aber auch schon mit empfehlenswertem Lippenglanz: Denn bei den konventionellen Produkten fallen alle außer einem mit „ungenügend“ durch.

Titandioxid: Absturz auf Raten

Doch wie konnte Titandioxid derart in Verruf geraten, und was weiß man über seine Gefahrenpotenzial genau? Lange Zeit galt das Pulver nur dann als gefährlich, wenn es als ganz feiner Staub eingeatmet wird: Inzwischen ist es für die Inhalation offiziell als „vermutlich karzinogen“ eingestuft und in Sprays oder Pulvern reguliert.

Frankreich war dann 2020 das erste Land, das Titandioxid auch in Lebensmitteln verbot: Französische Forscher hatten bereits 2017 an Ratten Veränderungen der Darmschleimhaut und Effekte auf das Immunsystem beobachtet, nachdem sie diesen Titandioxid, zur Hälfte in Nano-Größe, eingeflößt hatten. Allerdings blieb fraglich, ob sich diese sehr kleine Studie ohne Weiteres auf den Menschen übertragen ließ.

E 171: erbgutverändernd oder nicht?

Das geplante EU-weite Verbot von E 171 – so der Name von Titandioxid als Lebensmittelzusatzstoff – beruht nun jedoch auf einer breiteren Datengrundlage. Die Europäische Agentur für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat rund 200 Studien gesichtet, bevor sie E 171 als „nicht mehr sicher“ beurteilte. Im Raum steht der Verdacht auf Genotoxizität: Eine erbgutschädigende Wirkung von TiO 2 kann laut EFSA bei oraler Aufnahme nicht mehr ausgeschlossen werden.

„Solange für Titandioxid eine genotoxische Wirkung nicht ausgeschlossen werden kann, hat das Pigment in Lippenkosmetik nichts zu suchen.“

Hanh Friedrich ÖKO-TEST-Redakteurin

Vorbeugender Verbraucherschutz

Trotzdem dürfte von Lipgloss mit Titandioxid keine akute Gesundheitsgefahr ausgehen. In diese Richtung argumentieren zumindest die zuständigen Behörden, die wir um eine Einschätzung gebeten haben. Das EFSA-Gutachten sei nicht eindeutig darin, ob eine orale Einnahme von Titandioxid genotoxisch wirke, schreibt uns Kristina Pötter, Leiterin des Arbeitsbereichs Kosmetik im Landesuntersuchungsamt Koblenz. Aus ihrer Sicht spricht „nach derzeitigem Stand nichts gegen den Einsatz von Titandioxid in Lippenkosmetik.“ Das Bundesamt für Risikobewertung (BfR) meint, dass unklar sei, inwieweit Titandioxid als Lebensmittelzusatzstoff (E 171) identisch sei mit Titandioxid in Kosmetika (CI 77891). Letzteres existiert in zahlreichen verschiedenen, sehr häufig beschichteten Varianten. Daher lasse sich die Bewertung der EFSA nicht ohne Weiteres auf kosmetische Mittel übertragen.

Bei allen Fragezeichen hinter der Neu- Einstufung von Titandioxid – wir denken: Der vorbeugenden Verbraucherschutz sollte in diesem Fall vorgehen.

Azofarben und mehr

Ach ja: Außer Titandioxid fanden sich noch weitere Problemstoffe in den Lippenglänzern. Zum Beispiel zwei Azofarbstoffe: Tartrazin (CI 19140), das zu Hautirritationen führen kann, und Gelborange S (CI 15985), welches im Verdacht steht, Asthma, Neurodermitis oder ADHS zu triggern. Fast alle konventionellen Produkte enthalten außerdem Paraffine. Diese erdölbasierten Fette können sich in Organen anreichern. Manchmal sind sie auch durch potenziell krebserregende Mineralölbestandteile – sogenannte MOAH – verunreinigt. In unserem Test fand das Labor nur im Produkt PS…High Gloss des Billig-Mode-Händlers Primark MOAH. Der Lipgloss mit der Farbe „Red Hurricane“ sammelte die meisten Abzüge: Wäre die Notenskala nach unten offen, bekäme er eine Elf.

TEST

Wir haben getestet

WISSEN

Problemstoff Titandioxid: TiO2

Titandioxid steckt überall: In Zahncreme ist es Schleifpartikel und sorgt für strahlendes Weiß, in dekorativer Schminke dient es als Farbpigment, in Sonnencreme als UV-Filter. Wie wird es mit TiO2 in solchen Kosmetika jetzt weitergehen? Nach derzeitigem Kenntnisstand kann Titandioxid nicht über gesunde Haut aufgenommen werden. Seine Verwendung in Sonnenschutzmitteln zum Eincremen gilt als unbedenklich, selbst in Nano-Größe. In Sonnenschutzsprays sind TiO2 -Partikel, die kleiner als 100 Nanometern sind, ohnehin verboten.

Gilt das auch für Zahnpasta? Komplizierter ist die Sache bei Zahnpasta, die genau wie Lippenpflege zum Teil verschluckt werden kann. Die EFSA betonte ausdrücklich, dass sie in ihrer Neubewertung die orale Aufnahme von Titandioxid aus Kosmetika nicht berücksichtigt habe. Jetzt soll der Wissenschaftliche Ausschuss der EU-Kommission für Verbrauchersicherheit (SCCS) eine Einschätzung erarbeiten, Für Naturkosmetik wäre ein Verbot dramatisch, denn dort sind die Alternativen rar, vor allem für TiO2 als Farbstoff in dekorativer Kosmetik. „Wir warten jetzt ab, was beim SCCS rauskommt“, sagt Harald Dittmar, der den Naturkosmetik-Standard Cosmos vertritt. „Erst dann ziehen wir Konsequenzen für unseren Standard.“ Das betreffe auch Lippenpflege und Zahnpasta.

So haben wir getestet

Wir haben 16 Mal Lipgloss – vorwiegend in Drogerien – eingekauft. Dabei haben wir zu intensiven Rottönen gegriffen. Sieben Marken sind als Naturkosmetika zertifiziert. Die Preise bewegen sich zwischen 1,95 Euro und 15,00 Euro pro Lipgloss.

Die Liste der Inhaltsstoffe haben wir unter anderem abgeklopft auf PEG/PEG-Derivate, die die Haut durchlässiger machen können für Fremdstoffe, auf problematische Farbstoffe, erdölbasierte Paraffine, Silikone und synthetische Polymere. In einer umfassenden Analyse ließen wir mögliche Gehalte von Schwermetallen wie Arsen, Blei und Quecksilber überprüfen. Spezialisierte Labore führten eine umfangreiche Duftstoffanalyse durch und suchten auch nach halogenorganischen Verbindungen, hormonell wirksamen Parabenen sowie weiteren problematische Substanzen.