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TEST: Milchprodukte: Weide weit weg


ÖKO-TEST Ratgeber Essen und Trinken - epaper ⋅ Ausgabe 95/2013 vom 17.05.2013

Kraftfutter, riesige Ställe, wenig Tageslicht – so sieht das Leben der meisten Kühe aus. Auf den Verpackungen von Milchprodukten aber tummeln sich nur glückliche Kühe, die sattes Grün von der Weide fressen. Unser Test enthüllt: Rund zwei Drittel der Produkte, die mit „Weidemilch“ oder grünen Wiesen locken, sind von Kühen, die wohl selten Gras gesehen haben.


Artikelbild für den Artikel "TEST: Milchprodukte: Weide weit weg" aus der Ausgabe 95/2013 von ÖKO-TEST Ratgeber Essen und Trinken. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Foto: xyno/iStockphoto

Saftig grüne Wiesen, hübsche Fachwerkhäuschen, glückliche Kühe auf der Alm – die Verpackungen von Milch, Käse und Co. im Supermarkt zeigen eine Bauernhofidylle wie aus dem Bilderbuch. Aber wie realistisch sind solche Weidebilder ...

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... wirklich?

Insgesamt werden in ganz Deutschland jedes Jahr rund 29 Milliarden Liter Milch erzeugt – so viel wie in keinem anderen EU-Land. Doch die Zahl der Molkereien ist stark rückläufig. Inzwischen sind es weniger als 100, die ihre Produkte zum Teil weltweit vermarkten. Die Milch wird aus immer größer werdenden Gebieten eingesammelt. Woher sie kommt, weiß der Verbraucher in der Regel nicht.

Wie viele Kühe überhaupt noch auf die Weide kommen, wollte die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen vor einiger Zeit in einer Anfrage an die Bundesregierung wissen. Laut der jüngsten Landwirtschaftszählung im Jahr 2010 sind es 42 Prozent. Experten sehen diese Zahl jedoch mit großer Skepsis: „Es gibt einen klaren Trend zu Null-Weidegang“, sagt der Agrarexperte Dr. Daniel Weiß. Er schätzt, dass weniger als ein Zehntel der deutschen Milchkühe regelmäßig auf einer Weide grasen, „die große Mehrheit kommt aus dem Stall nicht mehr heraus“.

Die klassische Kuh auf der Weide findet man vor allem noch in den sattgrünen Gebieten der Nordseeküste, in Mittelgebirgsregionen, in denen die Hänge steil und unbefahrbar sind, etwa im Schwarzwald und Bergischen Land sowie in den Alpen oder im Alpenvorland. Zu den Ländern mit dem geringsten Anteil weidehaltender Betriebe zählt das traditionelle Milcherzeugerland Bayern – trotz seiner großen Landwirtschaftsfläche. „Schon in der Schule wird den jungen Milchbauern eingeimpft, Weide sei rückständig und ineffizient im Vergleich zur Stallfütterung“, sagt Weiß, der mehrere Jahre an der Fachhochschule Weihenstephan in Freising gelehrt hat. Einen großen Teil der Weidefläche haben die Landwirte umgepflügt, um darauf Getreide und Mais anzubauen. Der Mais wird nach der Ernte im Herbst als Silage haltbar gemacht und das ganze Jahr über an das Milchvieh im Stall verfüttert. Dazu landet tonnenweise Kraftnahrung, darunter neben Getreide, Rapsschrot und industriell getrockneten Rübenschnitzeln auch genmanipuliertes Soja aus Übersee, in den Futtertrögen – Konservenfutter für Hochleistungskühe.

Die Tiere werden draufhin gezüchtet, mehr Milch zu geben, als es ihre Körper vertragen: 8.000 bis 10.000 Liter pro Jahr. Auch die hohe Kraftfutterdosis bekommt den Wiederkäuern nicht, da ihr Verdauungssystem auf Grasrohkost ausgelegt ist. Doch davon steht nichts auf den Verpackungen der Milchprodukte. Aber es braucht weder Hochleistungskühe noch Unmengen an Kraftfutter, um effizient Milch zu produzieren. Weidehaltung ist in Irland und Neuseeland längst Standard. Studien zeigen, dass sich der Weidegang im sogenannten Low-Cost-System (Niedrigkostensystem) auch in Deutschland wirtschaftlich rechnen kann.

„Ziel ist, möglichst viel Milch direkt aus Gras zu gewinnen“, sagt Johannes Brenner. Der 31-jährige Landwirt betreibt einen Bio-Hof mit 150 Kühen in Entraching nahe des Ammersees. Von April bis November stehen die Tiere auf der Weide, verpflegen sich selbst und kommen ganz ohne Kraftfutter aus. Auch das Mähen und Einbringen von Gras, Heu oder Silage entfällt. „So spare ich Kosten von fünf bis zehn Cent pro Liter“, sagt Brenner. Seine Kühe geben 4.500 bis 5.000 Liter Milch im Jahr. Dafür leben sie gesünder und länger als Hochleistungstiere. Idealerweise kalben alle zur gleichen Zeit im Frühjahr. So lässt sich fast eine ganze Herde wie ein einziges Tier führen. Und die Kühe geben dann am meisten Milch, wenn das Gras am besten wächst und am nährstoffreichsten ist.

Kühe, die viel Gras fressen, leben nicht nur gesünder, ihre Milch enthält auch mehr Omega-3-Fettsäuren. Das haben bisherige ÖKO-TESTs gezeigt. Die Omega-3-Fettsäuren stehen im Ruf, das Risiko für Herzinfarkte zu senken – nun enthält Milchfett nicht so viel davon, dass Milchprodukte einen wesentlichen Beitrag zur Bedarfsdeckung leisten könnten. Untersuchungen zeigen aber, dass mit der Grünfütterung auch die Anteile weiterer wertvoller Bestandteile im Milchfett steigen.


„Die große Mehrheit der Kühe kommt aus dem Stall nicht mehr heraus“


Ob und wie oft die Kühe auf der Weide sind, können wir zwar nicht überprüfen, wohl aber anhand der Fettzusammensetzung erkennen, ob sie eine artgerechte grünfuttertypische Ernährung genossen haben. ÖKO-TEST hat 31 Milchprodukte eingekauft, auf deren Verpackungen grüne Landschaften oder weidende Kühe abgebildet sind, und im Labor den Gehalt an Omegafettsäuren bestimmen lassen. Außerdem wollten wir von den Molkereien wissen, ob der Einsatz von gentechnikfreiem Futter vertraglich vorgegeben ist.

Das Testergebnis

■ Der gehörnte Verbraucher: 18 von 26 konventionell erzeugten Produkten wurden im Test als „wiesenfern“ entlarvt – sie enthalten zu niedrige Gehalte an Omega-3-Fettsäuren von unter 0,8 Gramm (g) pro 100 g Fett, was darauf schließen lässt, dass die Kühe nur einen geringen Anteil an Grünfutter bekommen haben und dafür hohe Kraftfuttermengen und hohe Anteile Maissilage.
■ Bio-Ware schneidet im Vergleich besser ab. Nur bei einem von fünf Produkten aus Bio-Erzeugung – Bio Frische Bio-Vollmilch von Aldi Süd – hatten die milchgebenden Kühe etwas zu wenig Gras im Futtermix. Laut Bio-Statuten besteht zwar nicht zwingend Weidepflicht. Aber im Bio-Betrieb wird schon allein deshalb mehr geweidet, weil Kraftfutter in Bio-Qualität sehr teuer ist. Auf Gen-Technik im Futter verzichten alle Bio-Anbieter, aber nur die wenigsten konventionellen Molkereien im Test. Konventionelles Kraftfutter enthält häufig auch Soja, das meist aus Gen-Tech-Anbau stammt.
■ Namenszusätze wie „Weidebutter“ oder „Weideglück“ bedeuten nicht, dass die Kühe auch Weidegang hatten. Sowohl in der Frau Antje Weidebutter mild gesalzen als auch im Weideglück Allgäuer Landjoghurt mild 3,5 % Fett sind die Anteile an grünfuttertypischen Fettsäuren zu niedrig. Es kann sich keinesfalls um Milch handeln, die ausschließlich von weidenden Kühen stammt.
■ „Die Kühe, deren Milch zur Herstellung von Kiri verwendet wird, werden (…) überwiegend auf Basis von Grünfutter gefüttert“, schrieb uns der Käseanbieter Bel Deutschland. Dazu passend sieht man die Kuh auf dem Kiri mit Sahne, Schmelzkäse aus Frischkäse fröhlich über eine Weide stolzieren. Die Molkerei Friesland Campina behauptet über den Frico Original Maasdam: „Die Kühe der Mitgliedsbauern werden vor allem mit Gras und Grünfutter von heimischen Weiden gefüttert“, nur ein geringer Teil sei Kraftfutter. Das Ergebnis der Laboranalysen zeigt: Beides kann so nicht stimmen. Immerhin räumt Bel Deutschland ein, dass die Milch im Winter einen „deutlich geringeren Omega-3-Gehalt“ als im Sommer aufweisen könne.

Eine hochgezüchtete Kuh gibt pro Tag genug Milch für eine ganze Schulklasse. Das halten die Tiere aber oft nur zwei Jahre lang durch – dann werden sie ausgesondert.


Foto: picture-alliance/ZB

■ „Bei uns auf dem Land legen wir besonders viel Wert auf artgerechte Tierhaltung, Gesundheit und Wohlergehen der Milchkühe“, druckt Friesland Campina auf die Landliebe haltbare Landmilch und fügt hinzu: „Ausschließliche Verwendung von traditionellen Futterpflanzen“. Das Testergebnis deutet allerdings nicht auf eine artgerechte und traditionelle Ernährung der Kühe mit viel Grünfutter hin. „Nur natürliche Zutaten“, lobt Arla Foods für den Arla Esrom aus, „100 Prozent natürliche Zutaten“, versichert Almette auf seinem Alpenfrischkäse Natur. Gentechnisch verändertes Soja darf dennoch verfüttert werden oder wird zumindest nicht verboten. Auch Markennamen wie Landfein (Norma) gaukeln dem Verbraucher vor, dass er ein Naturprodukt kauft und kein Stück Industrie.
■ Glückliche Kühe – das geht auch im konventionellen Betrieb. Die höchsten Omega-3-Gehalte (1,2 Gramm pro 100 Gramm Fett) wiesen Milchprodukte aus konventioneller Erzeugung auf, darunter der Alpengipfel Vorarlberger Berg- käse und der Käsehof Würzig-Kräftiger Original Bergkäse, die beide mit dem „Heumilch“-Label der Agrarmarkt Austria Marketing (Ama) werben – in Österreich haben sich unter dem Dach der Arge Heumilch rund 8.000 Bauern sowie mehr als 60 Molkereien und Käsereien vereinigt und auf „Vorschriften für silofreie Milch“ geeinigt. Silofrei bedeutet, dass die Kühe keine gärenden Futtermittel erhalten. Im Sommer gibt es frisches Gras, im Winter hauptsächlich Heu und dazu Getreideschrot. Gen-Technik ist tabu, Pestizide nicht – hier schneiden Bio-Produkte besser ab. Aufgrund des Maissilageverzichts und des geringeren Einsatzes von Kraftfutter haben Heumilchprodukte einen hohen Anteil an Omega-3-Fettsäuren. Die Einhaltung der Heumilchvorgaben wird in Österreich von unabhängigen Stellen kontrolliert.

■ Einen Spitzenwert an Omega-3-Fettsäuren erzielte außerdem der Berghütte Frischkäse Natur, der ebenfalls aus Österreich stammt und gentechnikfrei erzeugt wird. Auch die beiden deutschen Bergbauern-Produkte im Test und der Bergkäse halten, was Namen und Verpackungsmotive in puncto Fütterung versprechen.

So reagierten die Hersteller

■ Mehrere Unternehmen kündigten an, die weidenden Kühe beziehungsweise grünen Wiesen von den Verpackungen zu entfernen.
■ Einige Anbieter gaben an, dass die Verbindung zwischen schöner Verpackung und den wirklichen Bedingungen der Tiere nicht gewollt sei. So schrieb uns zum Beispiel Arla Foods (Arla Esrom): „Die Abbildung zeigt – in stilisierter Form – das Kloster Esrom in Dänemark, nach dessen Rezept der Käse hergestellt wird und aus dessen Region der Käse stammt.“ Das Kloster liege in einer Grünlandregion. Umso mehr fragen wir uns dann allerdings, warum die Kühe dort nicht mehr Gras zu fressen kriegen.
■ Friesland Campina versteht „die Abbildung einer grünen Wiese nicht als Hinweis auf die Verwendung von Weidemilch“.

ÖKO-TEST rät

■ Auslobungen wie „Weidemilch“, „natürliche Zutaten“ oder „artgerechte Haltung“ sagen über die Art der Fütterung genauso wenig aus wie vielversprechende Werbebildchen mit grünen Landschaften und weidenden Kühen. Wo Milch von Kühen verarbeitet ist, die viel Gras fressen und kein genmanipuliertes Kraftfutter, zeigt unser Test.
■ Bio-Produkte garantieren Gen-Technik-Freiheit und in der Regel auch einen hohen Grasanteil im Futtermix. Auch die konventionell erzeugten Bergbauern-, Bergkäse- und Heumilch-Produkte im Test können wir diesbezüglich empfehlen.