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TEST MITTEL GEGEN SCHEIDENINFEKTION: MEINE SCHEIDE GEHÖRT MIR


ÖKO-TEST Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 70/2019 vom 27.06.2019

Über Scheideninfektionen spricht man nicht, man will sie loswerden – und zwar schnell. Wir haben 16 rezeptfreie Arzneimittel und ein Medizinprodukt getestet und können viele zuverlässige Mittel empfehlen. Der Hersteller des Medizinproduktes bewirbt es mit einer dreisten Werbemasche.


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Foto: Annette Shaff/shutterstock

ÖKO-TEST RÄT

• Beschwerden im Intimbereich durch einen Arzt abklären lassen. Tritt Scheidenpilz wiederholt auf, spricht nichts gegen einen Behandlungsversuch mit einem „guten“ rezeptfreien Mittel mit Clotrimazol.

• Während der Behandlung Handtücher und Unterwäsche täglich wechseln und bei 60 Grad ...

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... waschen.

• Enge Kleidung und Synthetikwäsche fördern feuchtes Klima im Intimbereich und begünstigen so Probleme.

Es brennt, es juckt, es soll weg – und zwar so schnell wie möglich. Infektionen im Intimbereich sind lästig, lassen sich aber gut behandeln. In der Apotheke gibt es dazu eine Reihe erprobter Mittel – ohne Rezept. Meist handelt es sich bei den unangenehmen Leiden um Pilzinfektionen, verursacht von Hefepilzen der Gattung Candida. Dagegen wissen wir Rat: Fast alle Arzneimittel gegen Scheidenpilz in unserem Test schneiden „gut“ ab. Komplizierter wird die Sache, wenn eine bakterielle Infektion vorliegt. Die Präparate, die dagegen helfen sollen, sehen wir kritischer.

Womit wir bei einem wichtigen Thema wären: Wer in der Apotheke ein Mittel gegen Scheideninfektionen kauft, muss wissen, was untenrum vor sich geht. Pilz oder Bakterien? Vor der Medikation steht die Diagnose. Und die gehört in die Hand eines Fachmanns oder einer Fachfrau. Dr. Christian Albring vom Berufsverband der Frauenärzte sagt: „Die Infektionen sind aber jeweils ganz unterschiedlich zu behandeln.“ Der niedergelassene Gynäkologe aus Hannover rät betroffenen Frauen, sich an ihren Frauenarzt zu wenden. Er kann mit einem Abstrich und dem Mikroskop eine Diagnose stellen.

Die meisten Mittel gegen Scheidenpilz in unserem Test können wir empfehlen. Fast alle enthalten den gut untersuchten Wirkstoff Clotrimazol, der sicher wirkt. Die Substanz Nystatin in der Biofanal Kombipackung wirkt vor allem gegen Candida-Arten, nicht aber gegen Derma tophyhten, weshalb Biofanal nur nach einer genauen Diagnose durch den Arzt zu empfehlen ist. Dagegen hat Clotrimazol ein breiteres Wirkungsspektrum.


Pilz oder Bakterien? Infektionen im Intimbereich sind jeweils unterschiedlich zu behandeln. Die Frauenärztin kann mit einem Abstrich und dem Mikroskop eine Diagnose stellen.


WICHTIG ZU WISSEN

IM GLEICHGEWICHT:
Pilze und Bakterien in der Scheide – das ist immer so. Die normale Scheidenflora besteht überwiegend aus Milchsäurebakterien. Sie sorgen für ein saures Milieu mit einem pH-Wert zwischen 4,2 und 4,5 und halten krank machende Keime in Schach. In diesem Milieu können sich Pilze nicht stark vermehren. Zur Infektion kommt es, wenn die gesunde Mischung aus dem Gleichgewicht gerät.

INFEKTION:
Wenn Pilze die Oberhand gewinnen, ist der äußere Genitalbereich gerötet und geschwollen, juckt stark und ist weiß belegt. Der Ausfluss ist weißlich bis hellgelb und bröckelt. Liegt eine Bakterieninfektion vor, ist der Ausfluss gräulich und hat einen leicht fischigen Geruch.

URSACHEN:
Hormonpräparate, die Einnahme von Antibiotika, übertriebene Intimpflege oder Stress können das gesunde Gleichgewicht stören. Schwangerschaften erhöhen das Risiko, Eisenmangel kann eine Rolle spielen.

MUSS ICH ZUM ARZT?
Es ist das erste Mal? Sie kennen die Symptome noch nicht sicher? Dann unbedingt zum Arzt, Keime bestimmen und Arzneimittel aufschreiben lassen. Kommt die Scheidenpilzinfektion später wieder und Sie sind sicher, was Sache ist, dann können Sie sich selbst behandeln. Ärztlicher Rat ist gefragt, wenn die Beschwerden sich nicht bessern oder sich sogar verstärken oder die Infektion alle paar Wochen wiederkehrt.

WAS MACHT DER MANN?
Auch Männer können von der Pilzinfektion betroffen sein. Dann sind Vorhaut und Eichel gerötet, und der Partner muss ebenfalls cremen.

Viele der Präparate kombinieren Vaginaltabletten oder -zäpfchen mit einer Creme. Die Tabletten wirken gut am Ort der Infektion – in der Vagina. Die Cremes helfen, Juckreiz oder Brennen am Scheideneingang und im äußeren Vaginalbereich zu lindern. Die Antipilzstoffe hemmen das Wachstum der Pilze und töten sie ab. Die Präparate im Test gelten als gut verträglich. Sie werden am besten abends an einem oder drei aufeinanderfolgenden Tagen eingeführt, je nachdem wie hoch der Wirkstoff dosiert ist.

Das Präparat Fenizolan Kombi der Firma Exeltis enthält gleich mehrere umstrittene Bestandteile: den möglicherweise hormonell wirksamen Konservierungsstoff Propylparaben und Paraffine. Das von uns beauftragte Labor hat in den Vaginalkapseln problematische aromatische Mineralölbestandteile (MOAH) nachgewiesen, unter ihnen können sich auch krebserregende Substanzen befinden.

Neben einer Pilzinfektion können auch Bakterieninfektionen Probleme im Intimbereich bereiten. Gewinnen Keime wie Gardnerella vaginalis und andere aerobe Bakterien die Oberhand, sprechen Fachleute von bakterieller Vaginose. Sie kann das Risiko für eine Frühgeburt erhöhen, Schwangere sollten sie also unbedingt behandeln. Besser: behandeln lassen. „Von einer Selbstbehandlung ist abzuraten“, sagt Albring, „sie zögert eine effektive Therapie nur hinaus.“

Die Frauenärztin oder der Frauenarzt verschreiben dazu meist ein Antibiotikum oder ein Mittel mit dem Wirkstoff Dequaliniumchlorid. Diese Substanz steckt in den „gut“ getesteten Fluomizin, Vaginaltabletten. In einer klinischen Studie war sie ebenso wirksam wie ein Antibiotikum, schreibt unser Gutachter Professor Manfred Schubert-Zsilavecz, pharmazeutischer Chemiker an der Universität Frankfurt. Wir nehmen trotzdem eine Note Abzug vor, weil der Wirkstoff häufig, das heißt in mehr als einem von 100 Fällen, Reizungen verursacht.


Die Mittel gegen Scheidenpilz wirken und sind gut verträglich. Die Präparate gegen Bakterieninfektionen sehen wir kritischer.


„Ohne Diagnose wende ich kein Antipilzmittel im Intimbereich an. Selbstmedikation bedeutet vielfach nur eines: ein sehr lukratives Geschäft für die Pharmaindustrie.“

Christine Throl, ÖKO-TEST-Redakteurin


Foto: Anja Waegele

Genau hinschauen: Unterm Mikroskosp können Experten erkennen, welche Keime für die Scheideninfektion verantwortlich sind.

Drei weitere Mittel gegen Vaginosen schneiden nur „ausreichend“ ab. Sie enthalten die antiseptisch wirkenden Substanzen Hexetidin, Povidon-Jod oder eine Kombination aus Octenidindihydrochlorid und Phenoxyethanol. „Es gibt für diese Wirkstoffe keine belastbaren Studien, die zeigen, dass sie effektiv gegen Vaginosen wirken“, sagt ÖKO-TEST-Berater Schubert-Zsilavecz. Die Traumasept Vaginal-Ovula, Vaginalzäpfchen mit Povidon-Jod sollen laut Beipackzettel auch gegen Scheidenpilz helfen. Gutachter Schubert-Zsilavecz urteilt: Antiseptika wirken unspezifisch und sind deshalb – wenn überhaupt – nur zweite Wahl, um Scheidenpilz zu behandeln.

„Mangelhaft“ schneidet das einzige Medizinprodukt im Test, das Multi-Gyn Actigel, ab. Es soll gegen bakterielle Vaginosen wirken, und zwar „mit einem patentierten 2QR-Komplex“. Die natürliche Substanz besitze „die Eigenschaft, die Anlagerung vieler schädlichen Bakterien zu verhindern und sie auf diese Weise wirkungsvoll zu neutralisieren“, heißt es im Beipackzettel. So seien laut Hersteller BioClin bakterielle Vaginosen zu behandeln und so sei ferner Juckreiz, Brennen, Ausfluss und Geruch beizukommen. Das Unternehmen wirbt unter multi-gyn.de/ downloadbereich-fachpersonen. html mit einer klinischen Studie von Tatjana Bojovic und Mitautoren, die die Fachzeitschrift European Obstetrics & Gynaecology im Jahr 2012 veröffentlicht hat, und schreibt dazu: „Die Studie legt nahe, dass Multi-Gyn Actigel einen alternativen Weg zur Antibiotika-Intervention als First-Line-Behandlung für bakterielle Vaginosen … bietet.“

Das Problem: Die von dem niederländischen Hersteller des Produkts vorgelegte Studie von Tatjana Bojovic und Mitautoren aus dem Jahr 2012 weist nach Auffassung unseres Experten Schubert-Zsilavecz eine Reihe von methodischen Unzulänglichkeiten auf. „Als Beleg für eine Wirksamkeit reichen die Ergebnisse keinesfalls aus“, urteilt Schubert-Zsilavecz.

Grafik: Design lover/shutterstock

ECHT JETZT? VON JOGHURTTAMPONS BIS SCHEIDEFÖHNEN

Erprobtes Hausmittel oder Unsinn? Die beste Freundin rät, die Scheidenflora mit in Joghurt getränkten Tampons auf Vordermann zu bringen. Was bringt das?

„Joghurt ist kontraproduktiv, da er häufig Pilze enthält, die ihrerseits Infektionen auslösen können, die durch Fungizide nicht behandelbar sind“, warnt Gynäkologe Christian Albring. Ob Bakterienpräparate oder Probiotika aus der Apotheke vorbeugen, ist wissenschaftlich umstritten. Nach einer aktuellen Übersichtsarbeit der Cochrane Collaboration gibt es schwache bis sehr schwache Hinweise, dass eine zusätzliche Behandlung mit probiotischen Vaginalkapseln eine Heilung fördern und einen Rückfall etwas hinauszögern kann. Das Internet rät, die Scheide nach dem Sex zu föhnen – soll ich? Nein.

Sex erhöht zwar das Risiko für Pilzinfektionen, aber der Fön danach hilft eher nicht: „Das Föhnen erhitzt nur die Haut und entfettet sie, sodass der natürliche Hautschutz gestört ist“, sagt Gynäkologe Albring. Statt nach dem Sex hektisch zum Föhn zu greifen, lieber gelassen bleiben. Scheide vorsichtig mit Wasser abspülen und die Haut trocken tupfen.

Der Apotheker empfiehlt, auf Zucker in der Nahrung zu verzichten. Hilft das? Der Tipp hält sich hartnäckig. Dafür, dass ein Verzicht auf Zucker, Süßigkeiten, Weißbrot und Zucker hilft, gibt es aber keine handfesten Belege. Wer seine Abwehrkräfte stärken will, ernährt sich ausgewogen mit viel frischem Obst und Gemüse sowie Vollkornprodukten.

SCHWACHES MEDIZINPRODUKTERECHT MACHT

DREISTE WERBUNG MÖGLICH

Arzneimittel müssen in der EU durch Behörden wie das deutsche Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) aufwendig zugelassen werden – im Gegensatz zu Medizinprodukten wie dem Produkt Multi-Gyn Actigel. Diese können Unternehmen auf dem Markt anbieten, wenn sie es mit einer CE-Kennzeichnung versehen. Die dafür erforderliche Konformitätsbewertung nimmt eine unabhängige Prüf- und Zertifizierungsstelle vor, die von den Unternehmen zu beauftragen ist. Damit steht der Fall exemplarisch für ein Problem: „Dass eine Studie mit Mängeln wie für das Produkt Multi-Gyn Actigel offenbar für die CE-Zertifizierung eines Medizinprodukts verwendet wurde, zeigt die großen regulatorischen Schwächen im Medizinprodukterecht“, erklärt Professor Stefan Sauerland, Ressortleiter am Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) in Köln. „Eine solche Studie würde sicherlich nicht für eine Arzneimittelzulassung berücksichtigt werden können.“

Nach der 2017 vorgenommenen Revision des europäischen Medizinprodukterechts sei zwar zu erwarten, dass es besser wird, erklärt der Kölner Mediziner. Da die Übergangsfrist aber bis 2020 laufe, könnten die derzeitigen Lücken dazu führen, dass weitere unwirksame oder auch unsichere Produkte auf den Markt gelangen. Zwar führt das Unternehmen BioClin die Studie unter multi-gyn.de als klinische Studie zum Produkt auf. Es teilte uns aber auf Nachfrage mit: „Ich möchte erwähnen, dass wir die Veröffentlichung der Studie als […] ein Kommunikationsinstrument nutzen, wir betrachten sie nicht als wissenschaftliche Veröffentlichung.“ Das ist dreist.

SO TESTET ÖKO-TEST

Medizinprodukt mit CE-Zeichen: Solche Produkte unterliegen keinem strengen Zulassungsverfahren wie Arzneimittel.


Foto: ÖKO-TEST

Wir haben 16 rezeptfreie Arzneimittel in Apotheken eingekauft und ein Medizinprodukt, das auch in der Drogerie erhältlich ist. Zwölf Produkte sollen gegen Scheidenpilz wirken, vier Präparate gegen bakterielle Scheideninfektionen und ein Produkt laut Beipackzettel gegen beides. Unter den Testprodukten sind auch Kadefungin, Canesten Gyn, Clotrimazol Aliud, Canifug und Vagisan Myko, die nach den Daten des Marktforschungsunternehmens IQVIA für den größten Absatz sorgen. ÖKO-TEST-Berater Professor Manfred Schubert-Zsilavecz von der Universität Frankfurt hat die aktuelle Studienlage zu den Wirkstoffen und Produkten gesichtet, ausgewertet und die Wirksamkeit der Mittel und ihre Risiken beurteilt. Stecken bedenkliche oder umstrittene Hilfsstoffe in den Mitteln? Sind Cremes oder Kapseln, die Paraffinöl enthalten, mit problematischen Mineralölkomponenten, von denen einige krebserregend sein können, verunreinigt? Das haben wir durch ein spezialisiertes Labor überprüfen lassen.

Produkte, die Frauen im empfindlichen Intimbereich anwenden, können nur „gut“ sein, wenn sie wirken, sicher anzuwenden und nicht übermäßig mit bedenklichen Stoffen belastet sind. Verunreinigungen mit Mineralölkomponenten verschlechtern das Gesamturteil ebenso wie bedenkliche Konservierer und Emulgatoren auf Basis von PEG/ PEG-Derivaten.