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TEST Multivitaminsäfte: Oobs(t)!


ÖKO-TEST Spezial Kosmetik und Wellness - epaper ⋅ Ausgabe 5/2014 vom 02.05.2014

Wer die Gesundheit stärken möchte, greift gern zu Multivitaminsäften. Wir raten ab: viel zu viele Vitamine, die man sich besser aus richtigen Lebensmitteln holt. Gute Noten gibt es nur für Bio-Multisäfte.


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Foto: [M] Ina Peters/Serghei Velusceac//iStock/Thinkstock

Es gibt wohl kaum jemanden, der noch nicht von Dr. Koch’s Trink 10 gehört hat. Weniger bekannt dürfte sein, dass es sich um das erste Produkt einer neuen Saftgattung handelte, an der Fruchtsafthersteller Eckes Anfang der 70er-Jahre tüftelte und die er 1979 erstmals auf den Markt brachte. Das damals als „Frucht-Multi-Vitaminsaft“ bezeichnete ...

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... Getränk bestand aus „10 wohlschmeckenden Früchten“ und „10 lebenswichtigen Vitaminen“. Eine clevere Geschäftsidee – versprach der Hersteller doch Geschmack und Gesundheit in einem. Insofern überrascht es nicht, dass der Saft bald zahlreiche Nachahmer fand. Mittlerweile rangiert Multivitaminsaft auf Platz drei der beliebtesten Fruchtsäfte.

An der Rezeptur heutiger Multivitaminsäfte hat sich seit den Anfängen kaum etwas geändert. Noch immer kombinieren die Hersteller Fruchtsäfte und zugesetzte Vitamine. Die Grundlage bilden meist Apfel-, Orangen- und Birnensaft. Typisch exotisch schmeckt der Saft jedoch erst durch Früchte wie Maracuja, Mango, Ananas oder Guave. Das grelle Orange mancher Säfte ist dagegen eher ein Resultat der Vitaminmischung.

Der industrielle Charakter der Produkte offenbart sich auch beim Blick auf die Zutatenliste: Denn meist ist kein direkt gepresster Saft in der Flasche, sondern Fruchtsaft aus Fruchtsaftkonzentrat. Konzentrat entsteht, wenn rohem Fruchtsaft ein Teil des enthaltenen Wassers entzogen wird. Dabei gehen Aromen verloren, die aufgefangen und dem Konzentrat bei der Aufbereitung zu Saft wieder zugefügt werden. Wer jetzt allerdings glaubt, das Aroma der Früchte in seinem Produkt stammt auch aus genau jenem Konzen trat, der irrt. Denn die Fruchtsaftund Erfri schungsgetränkeverordnung schreibt nicht vor, genau die Aromen der Früchte zu verwenden, aus denen das Ganze einmal entstanden ist. Es müssen lediglich Aromen „derselben Fruchtart“ zugefügt werden. Das freut die Fruchtsaftindustrie, denn so ist es möglich, unter schiedliche Rohstoffqualitäten durch den Zukauf passender Fruchtaromen aus aller Herren Länder auszugleichen und die Getränke mit einem gleichmäßigen Geschmacksprofil auszustatten. Von einem ursprünglichen Saft kann man nach diesem künstlichen Aufmotzen allerdings kaum noch sprechen.


Zu viel Vitaminzufuhr birgt Risiken für die Gesundheit


Einmal abgesehen vom Geschmack: Echte Multifans interessieren sich natürlich vor allem für die Vitamine. Hersteller preisen ihre Produkte denn auch als „Vitaminfrühstück“ an oder schreiben in großen Lettern „vitaminreich“ auf die Flasche. Zugesetzt wird in der Regel eine Vitaminmischung aus bis zu zwölf Komponenten. Wie viel genau enthalten ist, besagt das Etikett. Dort erfährt man beispielsweise auch, dass schon 100 Milli liter Saft genügen, um 50 Prozent des Tagesbedarfs an wichtigen Vitaminen zu decken. Für viele Verbraucher hört sich das verlockend an. Die Verunsicherung ist groß, und nicht wenige fragen sich, ob normale Lebensmittel wirklich genügend Vitamine liefern.

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) hat auf diese Frage eine klare Antwort: Deutschland ist kein Vitaminmangelland. „Die überwiegende Zahl der Menschen hierzulande ist ausreichend mit Vitaminen versorgt“, sagt Professor Dr. Helmut Heseker, Präsident der DGE. Zudem hätten Studien bislang nicht belegt, dass zusätzliche Vitamingaben Ernährungsfehler ausgleichen können. Mehr noch: „Dem fehlenden Nutzen steht das Gesundheitsrisiko durch zu hohe Zufuhrmengen gegenüber, insbesondere dann, wenn hoch dosierte Vitaminpräparate über eine längere Zeit eingenommen und zusätzlich angereicherte Lebensmittel verzehrt werden“, so Heseker.

Für Aufsehen sorgten in den 90er-Jahren insbesondere Studien mit Betacarotin, einer Vorstufe von Vitamin A. Damals war Betacarotin als sogenanntes Rauchervitamin zum Schutz vor Lungenkrebs bei Rauchern propagiert worden. Zwei klinische Prüfungen zeigten jedoch das Gegenteil: Raucher, die Betacarotin einnahmen, erkrankten deutlich häufiger an Lungenkrebs als Studienteilnehmer, denen ein Scheinmedikament verabreicht wurde. Unklar ist, ob eine erhöhte Zufuhr auch Nichtrauchern gefährlich werden kann. Angesichts zahlreicher weiterer Wissenslücken und aus Gründen des vorbeugenden Gesundheitsschutzes rät das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) zu Vorsicht im Umgang mit Beta carotin. Lebensmittel, zum Beispiel, sollten gar nicht damit angereichert werden.

Wir wollten wissen, ob etwa das problema tische Betacarotin verstärkt ersetzt wird, zum Beispiel durch betacarotinhaltigen Karottensaft, und kauften 16 Produkte ein, darunter vier Bio-Multisäfte. Die Vitamingehalte prüften wir anhand der Packungsangaben. Im Labor wurde das Aroma unter die Lupe genommen.

Das Testergebnis

■ Enttäuschend: Noch immer ist viel zu häufig isoliertes Betacarotin enthalten. Aber auch überhöhte Gehalte anderer Vitamine sowie der Zusatz von Vitaminen, die gar nicht aus den verwendeten Zutaten stammen können, sehen wir kritisch. Konventionelle Marken schneiden daher bestenfalls mit „befriedigend“ ab. Die meisten Multivitaminsäfte sind mit einem „ungenügend“ allerdings total aus dem Rennen. Ein Lichtblick sind nur die „sehr guten“ Bio-Säfte, da sie ohne künstliche Vitamine auskommen und auch sonst überzeugen konnten. Was nicht bedeutet, dass sie kaum Vitamine enthalten – aber eben weniger und aus natür licher Quelle. Ausgelobt werden vor allem Vitamin C und Provitamin A.
■ Schlimm genug, dass überhaupt noch immer Betacarotin zugesetzt wird – auch die Mengen sind erheblich. So liefern die einzelnen Produkte 3,6 bis 4,5 Milligramm pro 250-Milliliter-Glas. Das ist mehr als das Doppelte der Tagesdosis, die das BfR für Nahrungsergänzungsmittel höchstens empfiehlt. In den Säften mit Karotte liegen die Gehalte an natürlichem Betacarotin um einiges niedriger als in den angereicherten.
■ Wer glaubt, die Vitamine in Multivitaminsaft kämen aus den verarbeiteten Früchten oder würden zugesetzt, um herstellungsbedingte Verluste auszugleichen, der irrt. Denn de facto ähnelt die zugesetzte Nährstoffmischung eher Multi vitaminpräparaten als dem, was Früchte und Karotten üblicherweise enthalten. So kommt beispielsweise Vitamin B12, das in allen angereicherten Testprodukten steckt, normalerweise nur in tierischen oder fermentierten Lebensmitteln vor. Auch Vitamin E und Biotin – beide ebenfalls in allen angereicherten Produkten vertreten – sind wenig frucht typisch. Ein solcher Gemischtwarenladen ist nicht nur überflüssig, sondern auch unübersichtlich. Denn ein Vitaminmangel sollte immer von einem Arzt diagnostiziert und gezielt behandelt werden.
■ Vergleicht man die deklarierten Vitamingehalte auf den einzelnen Produkten, dann zeigen sich deutliche Unterschiede. Wir überprüften die Gehalte anhand von Vorschlägen des BfR für Höchstmengen zur Anreicherung von Lebensmitteln bezogen auf eine Tagesportion – auch wenn die deklarierten Vitamine zu einem gewissen Teil aus den Früchten stammen können. Danach enthalten vier Säfte pro 250-Milliliter-Glas mehr, als laut BfR zugesetzt werden sollte. Im Albi Multivitamin gilt dies sogar für das fettlösliche Vitamin K, das sich im Körper anreichern kann und daher zusätzlich abgewertet wird. Ärgerlich ist, dass nach wie vor eine gesetzliche Regelung fehlt, die auf EU-Ebene erarbeitet werden sollte. Denn der Markt mit angereicherten Lebensmitteln wächst stetig weiter, und Verbrauchern ist nicht zuzumuten, da den Überblick zu behalten. Zumal es derzeit jedem Einzelnen überlassen bleibt, wie viel Lebensmittel mit Vitaminzusatz er konsumiert. Auch im Fall der Multi vitaminsäfte können schnell mehr als ein Glas pro Tag zusammenkommen.

Nichts als Frucht? Die Vitamine im Saft lassen bei manchen Produkten eher an einen Pillencocktail denken.


Foto: pilipphoto /Shutterstock

■ Die Fruchtaromen der Marken Rapp’s, Bauer und Hohes C wurden nicht ausreichend wiederhergestellt. Sie verfügen somit nicht über das Aromenprofil, das man von den deklarierten Zutaten erwarten würde. Die Firma Eckes-Granini nutzt dabei ein Schlupfloch und bezeichnet ihren Hohes C Multivitamin als „konzentrierten Mehrfruchtsaft“, der per Gesetz nicht rearomatisiert werden muss. Wir werten trotzdem ab, da sich das Produkt „100 % Saft“ nennt und unseres Erachtens dann auch die Anforderungen für Fruchtsaft erfüllen sollte.
■ An dem Aromenprofil des Rewe Beste Wahl Multivitaminsafts gibt es auf den ersten Blick erst einmal nichts zu bemängeln. Auf den zweiten Blick fallen jedoch geringe Mengen des Aromastoffs Allylhexanoat auf, die in einem Fruchtsaft nichts zu suchen haben. Die Verunreinigung deutet darauf hin, dass ein Teil des wiederhergestellten Fruchtaromas aus der Aromenindustrie stammen könnte. Fruchtsäfte sollten jedoch ausschließlich Aromen aus natürlicher Quelle enthalten.

So reagierten die Hersteller

■ Hersteller Eckes-Granini bestätigt die teilweise nicht vollständige Wiederherstellung der natürlichen Fruchtaromen im Hohes C Multivitamin. Das Produkt entspreche jedoch dem Geschmacksprofil, das die Konsumenten von einem typischen Multivitaminsaft erwarten.

Fett gedruckt sind Mängel.
Anbieterverzeichnis: siehe Seite 142.
Glossar: siehe Seite 144.
Anmerkungen: 1) Das Produkt enthält keinen Fruchtsaft im Sinne der Fruchtsaft- und Erfrischungsgetränkeverordnung, sondern lediglich Wasser und konzentrierten Mehrfruchtsaft. Eine Verpflichtung zur Wiederherstellung der Fruchtsaftaromen besteht daher nicht. Durch die Angabe „100 % Saft“ sowie Abbildungen von Früchten entsteht aber der Eindruck, dass es sich um einen Mehrfruchtsaft handelt. 2) Weiterer Mangel: Produkt wird mit der Aussage „gemäß Gesetz ohne Konservierungs- und Farbstoffe hergestellt“ beworben. 3) Weiterer Mangel: Produkt wird mit der Aussage „ohne Konservierungsstoffe (laut Lebensmittelgesetz)“ beworben. 4) Weiterer Mangel: PVC/PVDC/chlorierte Verbindungen in der Verpackung. 5) Weiterer Mangel: Einwegflasche.
Legende: Produkte mit dem gleichen Gesamturteil sind in alphabetischer Reihenfolge aufgeführt. Unter dem Testergebnis Inhaltsstoffe führt zur Abwertung um vier Noten: der Zusatz von isoliertem Betacarotin (Provitamin A). Zur Abwertung um drei Noten führt: der Nachweis des Aromastoffs Allylhexanoat in einem Fruchtsaft. Allylhexanoat ist ein Aromastoff, der in der Zubereitung von Lebensmitteln (beispielsweise in Knoblauchkäse) entsteht. Zur Abwertung um jeweils zwei No-ten führen: a) eine nicht ausreichende Wiederherstellung der Fruchtsaftaromen; b) Vitamin K in erhöhter Menge. Zur Abwertung um jeweils eine Note führen: a) der Zusatz von Vitaminen generell; b) ein oder mehrere Vitamine in erhöhten Mengen (außer Vitamin K, siehe oben); c) der Zusatz fruchtuntypischer Vitamine. Die Abwertungen unter a) und b) erfolgen nur, sofern nicht schon für den Zusatz an isoliertem Betacarotin abgewertet wurde. Die Vitaminmengen wurde anhand der Packungsangaben und bezogen auf eine Tagesportion von 250 Milliliter ermittelt. Sie wurden in Anlehnung an die empfohlenen Höchstmengen des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) für die Vitaminanreicherung von Lebensmitteln pro Tagesverzehrsmenge (3/2004) beurteilt. Unter dem Testergebnis Weitere Mängel führen zur Abwertung um jeweils eine Note: a) die Auslobung von Selbstverständlichkeiten („gemäß Gesetz ohne Konservierungs- und Farbstoffe hergestellt“ oder vergleichbare Aussagen); b) PVC/PVDC/chlorierte Verbindungen in der Verpackung; c) Einwegflasche. Das Gesamturteil beruht auf dem Testergebnis Inhaltsstoffe. Ein Testergebnis Weitere Mängel, das „befriedigend“ ist, verschlechtert das Gesamturteil um eine Note.

Testmethoden: siehe www.oekotest.de → Suchen → „T1405“ eingeben.
Bereits veröffentlicht: ÖKO-TEST-Magazin 1/2014. Aktualisierung der Testergebnisse/Angaben, sofern sich aufgrund neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse die Bewertung von Mängeln geändert oder ÖKO-TEST neue/zusätzliche Untersuchungen durchgeführt hat.

ÖKO-TEST rät

■ Eine gute Empfehlung sind die Bio-Multisäfte. Sie bestehen aus verschiedenen Früchten, sind aber nicht mit Vitaminen angereichert. Im Heimischen Multi von Voelkel stecken ausschließlich Zutaten aus deutscher Landwirtschaft.
■ Eine vernünftige Ernährung versorgt uns mit einer ausgewogenen Mischung aller wichtigen Nährstoffe. Zusätzliche Vitamindosen sind in aller Regel überflüssig.
■ Multivitaminsäfte sind keine Schlankmacher. Sie enthalten ähnlich viele Kalorien wie andere Fruchtsäfte und Softdrinks – nämlich etwa 125 Kilokalorien pro Glas.

Was sind eigentlich… Lulo, Umbu und Co.?

Die Vielfalt an Fruchtzutaten in Multivitaminsäften kann schon verwirren: Während Äpfel und Birnen zum heimischen Allerweltsobst zählen, kann man bei Mango, Papaya und Maracuja – auch Passionsfrucht genannt – schon ins Schleudern geraten. Dabei kann man Exemplare dieser Fruchtarten bereits in vielen Supermärkten studieren. Ganz verzwickt wird die Lage bei Guave, Lulo oder Umbu, die sich oft auf den hinteren Rängen der Zutatenlisten befinden und meist der geschmacklichen Abrundung dienen. Gemeinsames Kennzeichen all dieser Exoten: Sie sind in tropischen Ländern zu Hause und müssen etliche Reisekilometer überwinden, um hierzulande zu Saft verarbeitet werden zu können. Die Fahrt über die Ozeane erfolgt in der Regel per Schiff. Direktsäfte benötigen dabei logischerweise mehr Stauraum als Fruchtkonzentrate, hinzu kommt ein Mehraufwand für Kühlung oder Gefrieren. Die Konzentrate wiederum brauchen Fruchtaromen zur Aufbereitung, die noch auf ganz anderen verschlungenen Wegen zu heimischen Fruchtsaftproduzenten gelangen können. Fazit: Multivitamin säfte sind in vielerlei Hinsicht global – was im Übrigen auch schon für einen Apfelsaft aus Konzentrat gelten kann. Wer in dieser Hinsicht bewusster einkaufen möchte, sollte auf Direktsäfte aus heimischem Anbau achten.