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TEST Pflegeversicherungen: Pflege-Bahr fällt voll durch


ÖKO-TEST Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 4/2015 vom 27.03.2015

Immer mehr Menschen in Deutschland werden zum Pflegefall. Doch die gesetzliche Pflegeversicherung schützt nur unzureichend gegen die finanziellen Folgen. ÖKO-TEST hat daher private Zusatzversicherungen unter die Lupe genommen.


Artikelbild für den Artikel "TEST Pflegeversicherungen: Pflege-Bahr fällt voll durch" aus der Ausgabe 4/2015 von ÖKO-TEST Magazin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: ÖKO-TEST Magazin, Ausgabe 4/2015

Derzeit sind rund 2,6 Millionen Menschen in Deutschland auf die Hilfe anderer angewiesen. Schon für das Jahr 2020 prognostiziert das Statistische Bundesamt 2,9 Millionen Betroffene, 2030 wird mit 3,4 Millionen gerechnet. Ohne eine private Zusatzversicherung werden viele zum Sozialfall, denn die Leistungen der gesetzlichen Pflegeversicherung reichen nicht, die Pflegekosten zu ...

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... decken. Heute liegt die geschätzte Lücke – die regional sehr unterschiedliche ausfallen kann – je nach Pflegstufe und Art der Betreuung zwischen 350 und 2.100 Euro im Monat. Daher wird die freiwillige private Vorsorge seit 2013 staatlich gefördert. Der Pflege-Bahr – benannt nach dem ehemaligen FDP-Gesundheitsminister Daniel Bahr – wurde geboren.


Gesetzlicher Pflegeschutz ist „Teilkaskoabsicherung“


Satte fünf Euro Zuschuss gibt es dafür – jeden Monat.

Ein wirkliches Plus der Bahr-Policen scheint, dass es im Gegensatz zu ungeförderten Tarifen keine Gesundheitsprüfung gibt. Somit können Menschen mit schweren Vorerkrankungen einen Pflege-Bahr-Tarif abschließen, wenn sie im Moment der Vertragsunterzeichnung noch keine Leistung aus der gesetzlichen Pflegeversicherung bezogen haben. Im Gegenzug wird erst nach einer Wartezeit von fünf Jahren gezahlt, auch wenn die Pflegebedürftigkeit früher eintritt.

Weil wahrscheinlich überwiegend Kranke einen solchen Tarif abschließen, haben die Assekuranzen einen deutlichen Sicherheitszuschlag eingepreist.

Das wiederum hat zur Folge, dass deutlich weniger Menschen als geplant eine Pflege-Bahr-Versicherung abgeschlossen haben. Die Bundesregierung hatte in der Gesetzesbegründung Mitte 2012 mit 1,5 Millionen Verträgen allein für das Jahr 2013 gerechnet.

Bis Ende 2014 wurden aber erst 549.900 Verträge abgeschlossen, wie der Verband der Privaten Krankenversicherer (PKV-Verband) mitteilt.

ÖKO-TEST rät

• Finger weg von staatlich geförderten Pflege-Bahr-Tarifen. Sie sind schon heute teuer. Ab 2018 – nach dem erstmaligen Auslaufen der fünfjährigen Wartezeit – könnte es zu einer regelrechten Preisexplosion kommen.
• Sichern Sie sich frühzeitig ab. Dann ist die Police preiswerter, es gibt weniger Probleme mit der Gesundheitsprüfung und Sie haben länger Schutz.
• Eine Pflegeversicherung für Kinder ist eine extrem günstige Absicherung für den Fall der Fälle. Relativ günstig ist es, sie mit einer Unfallversicherung zu kombinieren. Wird das Kind durch einen Unfall invalide, können aus der Kapitalsumme sofort notwendige Umbaumaßnahmen bezahlt werden. Noch besser ist die Kopplung mit einer Invaliditätspolice. Sie zahlt bereits, wenn das Kind laut Versorgungsamt zu 50 Prozent behindert ist. Die Produkte sind aber recht teuer.

Starter-Policen

Einige Versicherer, wie die Hallesche, bieten „Starter-Tarife“ wie OLGAflex an. Die haben anfänglich einen deutlich günstigeren Beitragssatz, weil sie keine oder verminderte Rücklagen für das Alter aufbauen. Später, wenn diese Alterungsrückstelllungen dann aufgebaut werden, steigt die Prämie deutlich. „Mit einem reduzierten Startbeitrag fällt es deutlich leichter, insbesondere junge Menschen davon zu überzeugen, diese wichtige Absicherung nicht auf eine ferne Zukunft zu verschieben“, so die Hallesche. Im Onlinerechner weist das Unternehmen zumindest deutlich aus, wie stark der Beitrag im Laufe der Zeit steigen wird.

Das zieht weitere Probleme für die Versicherten nach sich. „Die Gesamtzahl der abgeschlossenen Pflege-Bahr-Tarife ist nicht so hoch, dass man auch nur ansatzweise sicher sein könnte, dass hier ein Risikoausgleich zwischen guten und schlechten Risiken erfolgt“, warnt Versicherungsmathematiker Peter Schramm, aus Diethardt im Taunus.

Ähnlich sieht es Jörg Werner vom Analysehaus KVpro aus Freiburg: „Da nun auch endlich Personen, die Vorerkrankungen aufweisen, chronisch krank sind und ein hohes Pflegerisiko haben, eine private Pflegezusatzversicherung abschließen können, steigt natürlich das Risiko, dass die Beiträge nach der fünfjährigen Wartezeit angepasst werden müssen.“ Zweifel daran, dass die auf dem Markt angebotenen Tarife langfristig solide kalkuliert sind, kommen sogar aus der Branche selbst. „Wir haben Schwierigkeiten uns vorzustellen, dass der Pflege-Bahr versicherungstechnisch nachhaltig kalkuliert ist“, so der Continentale-Vorstand Christoph Helmich. Selbst bietet das Unternehmen daher keine Pflege-Bahr-Tarife an.

Kommt es ab 2018, wenn Pflegebedürftige erstmalig Leistungen aus den Bahr-Tarifen erhalten, zu deutlichen Beitragserhöhungen, dürften gesunde Versicherte in ungeförderte Angebote umsteigen.

Dabei verlieren sie aber ihre für das Alter angesparten Rücklagen. Kranke sind daher doppelt gefangen. „Das Risiko der Unterkalkulation tragen aufgrund dieser Kunden- und wettbewerbsunfreundlichen Regelung damit allein die Versicherten“, stellt Prof. Heinz Rothgang vom Bremer Zentrum für Sozialpolitik in einer Begründung für die Abschaffung des Pflege-Bahrs fest.


Pflege-Bahr: Risiko der Unterkalkulation tragen allein die Kunden


Derweil feiern die Assekuranzen das Modell des Ex-FDP-Ministers. „Wir sind mit der Entwicklung sehr zufrieden“, bestätigt Uwe Laue, Vorstandsvorsitzender des PKV-Verbandes.

Kein Wunder. Aufgrund der vorgeschriebenen Wartezeit von fünf Jahren kassieren die Versicherer erst einmal nur Prämien – ohne eine Leistung zu zahlen. Allein wenn ein Pflegefall durch einen Unfall auftritt, sind die meisten Anbieter leistungspflichtig.

Als Basis unserer Untersuchung hat das Softwarehaus KVpro jetzt insgesamt 312 Tarife verschiedener Gesellschaften durchforstet. Aufgrund unserer Mindestkriterien kamen 104 private Pflegegeldzusatztarife für Kinder und Erwachsene von insgesamt 24 Anbietern in den Test. Für ein einjähriges Kind sollte die Leistung für häusliche Pflege in der Pflegestufe 1 mindestens 900 Euro betragen, in Stufe 2 1.800 und in der Stufe 3 3.000. Eltern soll damit die Möglichkeit gegeben werden, den Job aufzugeben und sich finanziell sorglos um die Pflege ihres Kindes zu kümmern.

Für 35- und 65-jährige Erwachsene musste die Mindestleistung in der häuslichen Pflegestufe 1 900 Euro sein, in der Pflegestufe 2 1.200 und in Pflegestufe 3 1.500. Entscheidend für die relativ hohe Leistung in Pflegestufe 1 war die Überlegung, dass die Betroffenen noch sehr mobil sein können und eine behindertengerechte Begleitung in die Oper oder ins Fußballstadion aufwendig ist. Bei den Pflege-Bahr-Tarifen waren allein das Einstiegsalter und die sich so ergebende Mindestleistung ausschlaggebend. Nach dem Gesetz müssen diese Tarife in jeder Pflegestufe Leistungen anbieten und in der Pflegestufe 3 mindestens 600 Euro pro Monat zahlen.

Mobil unterwegs, trotz Pflegebedürftigkeit: Eine private Zusatzversicherung macht es möglich.


Immer mehr Pflegefälle in Deutschland, immer höhere Nachfrage nach kompetenter Betreuung: Die Preise dürften steigen.


Das Testergebnis

• Die geförderten Pflege-Bahr-Tarife sind schon heute viel zu teuer. Bewertet wurden die Tarife auf Basis des Bruttobeitrages – also ohne die staatliche Förderung von fünf Euro pro Monat. Danach erreichen die besten sieben Angebote gerade einmal Rang vier. Die restlichen 34 fallen mit dem 5. oder 6. Rang (mangelhaft oder ungenügend) durch. Durchschnittlich zahlen die ungeförderten Tarife je Euro Monatsbeitrag 25 Prozent mehr als die Pflege-Bahr-Angebote. Allein wenn man lediglich den Nettobeitrag, also den Beitrag betrachtet, den die Kunden nach der Förderung von fünf Euro pro Monat tatsächlich zahlen müssen, haben die Pflege-Bahr-Angebote die Nase leicht vorne. Das zeigt, dass derzeit vor allem die Versicherungen von der staatlichen Förderung profitieren, nicht die Versicherten. Gleichzeitig können Pflege-Bahr-Tarife die Lücken, die die gesetzliche Absicherung hinterlässt, in keiner Weise schließen. Die Leistungshöhen sind vollkommen unzureichend. So erhält ein 35-Jähriger für den Mindesteigenbeitrag von 10 Euro im Monat in der Pflegestufe 1 im besten Fall 240 Euro, in Pflegestufe 2 sind es rund 530 und in Pflegestufe 3 1.200 Euro. Diese Beträge sind weit von den Pflegelücken entfernt.
• Von den ungeförderten Tarifen sind hingegen eine ganze Reihe zu empfehlen. Für ein Kind haben Eltern die Auswahl zwischen sieben sehr guten und guten Angeboten. Ebenfalls sieben sind es für 65-Jährige und immerhin noch drei für 35-Jährige.
• Für Kinder ist die private Pflegeversicherung die optimale Absicherung für den schlimmsten Fall. „Existenzieller Invaliditätsschutz über eine Pflegeversicherung ist keine schlechte Idee“, bestätigt Georg Pitzl, Versicherungsberater aus Mering bei Augsburg. Denn die Produkte sind extrem günstig, weil das Risiko, dass ein Kind nach Unfall oder Krankheit lebenslang zum Invaliden wird, zum Glück gering ist. Im Test verlangen die günstigsten Anbieter AXA und die DBV für ihr Topprodukt Pflegevorsorge Flex 1-U, 2-U, 3-U gerade einmal 7,35 Euro pro Monat. Insgesamt liegen elf Anbieter unter der Schwelle von zehn Euro pro Monat.
• Wer sich frühzeitig absichert, zahlt deutlich weniger und ist schon in jungen Jahren gegen eine plötzliche Pflegebedürftigkeit, etwa durch einen Unfall oder Schlaganfall, geschützt. So kostet der Schutz einen 35- Jährigen bis zum 80. Lebensjahr, also in 45 Jahren, bei der Hanse Merkur im durchgängig mit dem 1. Rang bewerteten Tarif PA/3600 21.773 Euro. Wer die Police erst im Alter von 65 abschließt, zahlt bis zum 80. Lebensjahr, also in nur 15 Jahren, insgesamt 33.480 Euro. Außerdem werden junge Menschen meist problemlos versichert. Senioren können, wenn sie schon erkrankt sind, durch die Gesundheitsprüfung fallen.
Uwe Schmidt-Kasparek


Geförderte Bahr-Policen können die Lücke in keiner Weise schließen


Verweigerer und Problemfälle

Die Continentale Versicherung aus Dortmund sagte ab, weil die Assekuranz nach Ärger mit einem Vergleich (nicht von ÖKO-TEST) vor einigen Jahren aufgrund einer „geschäftspolitischen Entscheidung“ in der Krankenversicherung an Produktvergleichen grundsätzlich nicht mehr teilnimmt. Das gilt nicht für die Nürnberger, die als einziges Unternehmen grundlos die Teilnahme verweigerte. Verbrauchern sollte das zu denken geben. Demgegenüber lieferte die Inter die Daten bedauerlicherweise nicht mehr rechtzeitig, weil sämtliche Experten zeitweilig durch eine Krankheitswelle ausgefallen waren. Zwei Tarife der Barmenia erfüllen nicht die Mindestleistung von 900 Euro in der häuslichen Pflegestufe 1. Das Unternehmen vertritt die Meinung, diese Absicherung sei zu hoch. Darum wird sie nicht angeboten. Die Konkurrenz sieht das offenbar anders. Auch Kombitarife, die Klassikangebote mit Pflege-Bahr-Tarifen koppeln, wurden nicht untersucht. Ein Grund: Sie leisten beispielsweise in der fünfjährigen Wartezeit, die für alle Pflege-Bahr-Tarife gilt, nur teilweise. So schreibt die Central: „In der Tat wird nach einem Jahr Laufzeit zunächst nur die Leistung des PT klassisch erbracht. Die Leistungen aus dem Pflege-Bahr erfolgt dann frühestens nach 5 Jahren. In dem von Ihnen genannten Fall einer 35-Jährigen bedeutet das: Zunächst erhält sie in Pflegestufe 1 660 Euro. Ab dem fünften Jahr erhöht sich die Leistung dann auf 900 Euro“. Neben den Kombiangeboten der Central wurden Koppelprodukte der Debeka und Ergo Direkt nicht in den Test aufgenommen.


Foto: Aydin Bacak/iStock/Thinkstock

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