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TEST: Regionale Lebensmittel: Globale Regionen


ÖKO-TEST Ratgeber Essen und Trinken - epaper ⋅ Ausgabe 95/2013 vom 17.05.2013

Verbraucher geben für Regionalprodukte gerne Geld aus. Anbieter verwenden den Begriff Region daher gerne global.


Artikelbild für den Artikel "TEST: Regionale Lebensmittel: Globale Regionen" aus der Ausgabe 95/2013 von ÖKO-TEST Ratgeber Essen und Trinken. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Foto: iStockphoto/©Thinkstock

So kennen wir unsere Verbrauchteministerin. Kaum hatten wir im September 2011 unseren Test regionale Produkte veröffentlicht und festgestellt, dass die meisten der untersuchten Lebensmittel gar keine echten Regionalprodukte waren, da meldete sich Ilse Aigner zu Wort. „Manche Produkte halten nicht, was die Verpackung verspricht, und Verbraucher fühlen sich zu Recht getäuscht“, sagte sie dem Spiegel und versprach, für eine ehrliche Kennzeichnung zu sorgen.

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... passierte erst einmal nichts. Inzwischen hat die Ministerin jedoch das „Regionalfenster“ erdenken lassen. Aus dem dürfen sich die Anbieter lehnen, wenn sie bestimmte Anforderungen erfüllen. So muss die erste Hauptzutat eines mit dem Regionalfenster gelabelten Lebensmittels zu 100 Prozent aus der angegebenen Region stammen. Bei einem Erdbeerfruchtaufstrich mit der Bezeichnung Bergisch pur müssen also die Erdbeeren im Bergischen Land angebaut worden sein. Das Problem: Das Regionalfenster ist freiwillig. Wer will, kann auch weiterhin zum Beispiel unter der Bezeichnung Unser Norden – aus der Region, für die Region Kaffee verkaufen, der fraglos nicht in SchleswigHolstein oder Hamburg wächst, sondern bestenfalls dort geröstet und gemahlen wurde.

Bei Lichte besehen ist also trotz des Regionalfensters nichts passiert, zumindest nicht viel. ÖKOTEST wollte daher wissen, ob die Schummler freiwillig auf die Schummelei verzichten und hat versucht, die von uns vor knapp zwei Jahren kritisierten Produkte erneut zu kaufen.

Das Testergebnis

Der große Schwindel geht weiter. Fast alle PseudoRegionalprodukte, die wir im September 2011 getestet haben, sind noch unverändert auf dem Markt. Das heißt, Ilse Aigner hat es in fast zwei Jahren nicht geschafft oder nicht gewollt, ihre eigene Forderung „Was draufsteht, muss auch drin sein“ durchzusetzen.
Heimatlich, aber nicht regional: Die Produkte, die der Discounter Lidl unter der Bezeichnung Ein gutes Stück Heimat verkauft, sind nach unserer Definition keine echten Regionalprodukte. Zwar werden die Erbsen, Gurken und Johannisbeeren dort verarbeitet, wo sie angebaut wurden. Doch die Vermarktung erfolgt bundesweit. Den Ein Gutes Stück Heimat Deutscher BirnenJohannisbeerdirektsaft beispielsweise haben wir in Neustrelitz gekauft. Das liegt in MecklenburgVorpommern. Die Johannisbeeren stammen aber aus Bayern und BadenWürttemberg und werden in Lindau gekeltert. Die Frage ist daher, ob die Neustrelitzer bei Ein Gutes Stück Heimat an den nahen Müritzsee und die Ostseeküste denken oder an die Ufer des 1.000 Kilometer entfernten Bodensees. Ein Gutes Stück Heimat ist dennoch keine Verbrauchertäuschung, da Herkunft und Verarbeitungsort auf den Verpackungen genau angegeben sind. Das Gleiche gilt für Unsere Heimat – echt & gut Produkte von Edeka. Auch sie sind ehrlich deklariert. Anders als die LidlProdukte werden sie zwar nicht deutschlandweit verkauft, aber die Absatzgebiete von Edeka Nord (SchleswigHolstein, Hamburg, Nordniedersachsen, Nordbrandenburg und MecklenburgVorpommern) und Edeka Südwest (RheinlandPfalz, Saarland, Hessen und BadenWürttemberg) sind für eine Region einfach zu groß.

Dreiste Schummelei bei Rewe: Die Rhöner Eiernudeln mit dem Label Landmarkt Hessische Direktvermarkter bestehen zu 70 Prozent aus Hartweizengrieß aus der Pfalzmühle in Mannheim (BadenWürttemberg), weil es in Hessen keinen Hartweizengrieß gibt. Auf die naheliegende Idee, dass man ein solches Produkt nicht mit Landmarkt Hessische Direktvermarkter labeln kann, kamen die Hessen offenbar nicht. Das schrieben wir vor zwei Jahren. Gekauft hatten wir die Nudeln bei Rewe in Frankfurt – und dort sind sie immer noch erhältlich, und noch immer stammen lediglich die Eier (29 Prozent) aus der Rhön, ohne dass es aus der Deklaration ersichtlich ist. Kein Einzelfall bei Rewe. In Rastede kauften wir 2011 Schulte’s Sonnenblumenbrot aus dem Saterland. Unsere Kritik: Herkunft des Roggens unklar, neun Prozent Sonnenblumenkerne aus den USA, Vermarktung in der Region Weser Ems Nordwest. Bewirkt hat unsere Kritik nichts. Lapidar schrieb uns der Hersteller jetzt: „Unverändert“.
Engagiert, aber verbesserungsfähig: Landmarkt Hessische Direktvermarkter ist eine von über 100 Regionalvermarktungsinitiativen in Deutschland. Das sind kleinere oder größere Zusammenschlüsse von engagierten Landwirten, Metzgereien, Bäckereien und Verarbeitungsbetrieben. Auch die Unser Land GmbH aus dem bayerischen Unterschweinbach ist eine solche Initiative – und die Deklaration des Fruchtaufstrich ApfelHolunderblüte ist wesentlich besser als die der Rhöner Eiernudeln. Sie weist neben BioÄpfeln der Familie Perger aus dem Starnberger Land und Holunderblüten vom Hofgut Thalhausen im WeilheimSchöngauer Land eindeutig „deutschen Rübenzucker“ aus. Weil der ca. 30 Prozent ausmacht, stufen wir den Aufstrich aber nicht als „echtes Regionalprodukt“ ein.

Was ist ein echtes Regionalprodukt?

Es gibt zwar noch keine gesetzlich festgelegte Definition für ein regionales Lebensmittel, doch unserer Meinung nach müssen die Rohstoffe aus der angegebenen Region stammen und sie müssen dort verarbeitet werden. Drittens sollte das Produkt ausschließlich in der entsprechenden Region vermarktet werden. Mit diesen Kriterien orientieren wir uns an den Gründen, aus denen Verbraucher ihr gutes Geld für regionale Produkte ausgeben: Sie vertrauen den Produzenten vor Ort, wollen die Umweltbelastung durch Transporte verringern und die heimische Wirtschaft unterstützen.

ÖKO-TEST rät

■ Nur echte Regionalprodukte sind gut für die Wirtschaft vor Ort wie für die Umwelt. Oft sind sie auf Bauern- und Wochenmärkten erhältlich.
■ Auch Regioware kann Pestizide enthalten, der Einsatz von Kunstdünger im konventionellen Landbau belastet die Umwelt. Daher ist Bio aus der Region die beste Wahl.
■ Ein Blick auf die Zutatenliste schadet nicht. Nicht immer erfüllen die Rezepturen hohe Qualitätsansprüche.

Kompakt: Das Regionalfenster

Zwischen Januar und März wurden Produkte mit dem Regionalfenster in fünf Testregionen verkauft. Nach Auswertung der Erfahrungen soll über die bundesweite Einführung entschieden werden. Die Regionalfenster-Lebensmittel müssen folgende Kriterien erfüllen (nachzulesen auf www.regionalfenster.de):
■ Die Region muss eindeutig und nachprüfbar benannt werden (z. B. Landkreis, Bundesland oder Angabe eines Radius in Kilometern) und kleiner als die Bundesrepublik Deutschland sein, sie kann jedoch Staats- oder Ländergrenzen überschreiten (z. B. Getreide aus der Eifel oder 100 Kilometer um Aachen).
■ Die erste Hauptzutat muss zu 100 Prozent aus dieser definierten Region stammen. Beträgt die erste Hauptzutat weniger als 50 Prozent des Produktgesamtgewichts, so müssen auch die weiteren Zutaten jeweils zu 100 Prozent aus der definierten Region stammen, bis mindestens 51 Prozent des Gesamtgewichtes erreicht sind.

So könnte das Regionalfenster auf der Verpackung von schwäbischen Maultaschen aussehen.


Quelle: BMELV

■ Der Ort der Verarbeitung muss im Regionalfenster benannt werden.
■ Das größte Problem des Fensters: Es ist freiwillig. „Da die EU-Kommission das Feld einer verpflichtenden Herkunftskennzeichnung für sich beansprucht“, könne „kein EU-Mitgliedsland im nationalen Alleingang eine solche Kennzeichnung einführen“, so das Verbraucherministerium. Wer weiterhin schummeln will, druckt kein Fenster auf die Verpackung und kann seine Maultaschen selbst dann als „schwäbische“ verkaufen, wenn der Weizen beispielsweise aus Australien und die Schweine aus Dänemark stammen. ÖKO-TEST reicht es zudem nicht, dass nur mindestens 51 Prozent der Zutaten aus der Region stammen müssen. Wir meinen, dass es 95 Prozent sein sollten. Damit orientieren wir uns an den Vorschriften für Bio-Produkte, die mindestens 95 Prozent Bio-Rohstoffe enthalten müssen.

Verbessert

„Es handelt sich bei der Besonderheit Hofladen nicht, wie von Ihnen angenommen, um das Thema Regionalität, sondern um die Wiederentdeckung heimischer Fruchtsorten“, schrieb uns die Firma Schwartau auf unsere Anfrage im September 2011. „Auf der Entdeckerreise wurden offenbar Erdbeeren und Sanddorn gefunden: Früchte, von denen wir gar nicht wussten, dass sie verloren gegangen waren“, kommentierten wir süßlich. Dass die Erklärung für die Auslobung „heimische Früchte“ arg dünne war, scheint der Marmeladenhersteller selbst eingesehen zu haben. Inzwischen heißt die Konfitüre nur noch Hofladen Sanddorn-Erdbeere.

2011


2013


Fotos: Jürgen Gocke