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TEST Sonnenschutzmittel: Nanu Nano!


ÖKO-TEST Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 6/2010 vom 09.06.2010

Jetzt haben Sonnenschutzmittel wieder Hochkonjunktur. ÖKO-TEST hat 25 Produkte getestet – viele erhalten gute und sehr gute Noten. Nur von wenigen raten wir ab.


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Foto: pixhunter.com/Fotolia.com

Bei unserer ökologischen Verbraucherberatung melden sich immer wieder besorgte Anrufer. Sie haben Fragen zu Nanopartikeln, die in Form mineralischer UV-Filter auch in Sonnenschutzlotionen stecken konnen.

Die meisten Anrufer bezogen sich jungst auf eine ARD-Ratgeber-Sendung und waren verunsichert, denn die Botschaft war: Hande weg von Nanotechnologie. Tatsachlich gibt es zu Nanosubstanzen derzeit viele offene Fragen ...

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... und wenig gesicherte Antworten. Unklar ist beispielsweise, in welchen Produkten Nanopartikel wirklich eingesetzt werden, aus welchen Produkten sie in den Korper gelangen und was dann im Korper passiert.

OKO-TEST empfiehlt seit Jahren – besonders fur Kinder, aber auch fur Erwachsene – zu Sonnenschutzlotionen oder -cremes zu greifen, die auf einem rein mineralischen UV-Schutz basieren. Solche Produkte werden uberwiegend von Bio-Herstellern angeboten, da chemische UV-Filter in echter Naturkosmetik tabu sind. Die meisten Bio-Anbieter setzen dabei auf die Schutzwirkung von zwei Verbindungen. Dies ist zum einem Titandioxid, das besonders wirksam gegen UVB- Strahlen ist, und Zink oxid, das eine Schutzfunktion bis weit in den UV-A-Bereich hat. Diese Pigmente entfalten ihre Wirkung, indem sie wie kleine Spiegel das Licht zuruckwerfen.

Doch ist hier immer Nanomaterial im Spiel und wenn ja, gefahrdet das den Anwender? Bekannt ist: Wenn man die Mineralpartikel verkleinert, reflektieren sie kaum noch sichtbares Licht und wirken auf der Haut transparent, sodass der fruher so typische Weiseffekt der Sonnenschutzmittel mit mineralischen UV-Filtern fast verschwindet. Auch ist derzeitiger Kenntnisstand, dass Nanopartikel aus den Sonnenschutzcremes bei intakter Haut kein Problem sind, weil sie dann uber die Haut nicht in den Korper aufgenommen werden.

Die Naturkosmetikfirma Logocos, die beispielsweise mit „Nano-frei“ wirbt, setzt nach eigenen Angaben mineralische Filtersubstanzen ein, die groser als Nanomaterial sind, wie es in der europaischen Kosmetikrichtlinie festgelegt ist.

Hier ist von Nanomaterial die Rede, wenn es sich um Partikel zwischen einem und 100 Nanometer Grose handelt.

Doch nicht nur die Bio-Kosmetikfirmen greifen ger - ne zum Titandioxid, es wird mittlerweile auch von vielen herkommlichen Kosmetikherstellern eingesetzt und steckt beispielsweise in Sonnenschutzprodukten der MarkenNivea ,Ambre Solaire oderPiz Buin . Viele Hersteller kombinieren namlich mehrere UV-Filter miteinander, so ist der Schutz uber den gesamten UVB- und UVA-Bereich gewahrleistet und sind auch Schutzlotionen machbar, die einen hohen und sehr hohen Lichtschutzfaktor haben. Auf Anfrage teilte uns etwa L’Oreal mit, dass man in der Garnier-, der La-Roche-Posay- und der L’Oreal-Sonnenschutzcreme in unserem Test zwar nano skaliges Titandioxid einsetze, dies aber Klumpen bilde, die groser seien als 100 Nanometer. Und die Anbieter Edeka, Real und der Muller Drogeriemarkt schrieben uns, ihre Sonnenschutzmittel enthalten mikrofeines Titandioxid mit weniger als einem Prozent an Nanoteilchen. Auch Beiersdorf gab an, Nanopigmente einzusetzen, und erklarte, gerade Teilchen zwischen 60 und 200 Nanometer haben eine bessere Schutzwirkung ge - gen UV-Strahlen.

Die meisten konventionellen Hersteller greifen aber zu chemischen UV-Filtern. Diese ziehen in die Haut ein, gelangen zumindest in die Hornschicht, andere konnen in den Korper ubergehen. Kritisch dabei ist, dass einige dieser UV-Filter unter dem Verdacht stehen, wie ein Hormon zu wirken. Zudem hat der Umweltwissenschaftler Dr. Karl Fent von der Fachhochschule Nordwestschweiz in Muttenz chemische Filtersubstanzen in der Umwelt gefunden. Bachflohkrebse, Fische und auch Kormorane aus Schweizer Gewassern hatten die UV-Filter aufgenommen. Sie konnen beim Baden abgewaschen werden oder mit dem Haushaltsabwasser uber die Klaranlagen dorthin gelangen.

Unbestritten ist: Sonnenschutzmittel sind beim Aufenthalt in der Sonne einfach Pflicht. Denn ohne Schutz lasst sich die Sonne gerade fur die meisten Nordeuropaer nur fur wenige Minuten ohne schmerzhafte Rote geniesen. Mit einem Lichtschutzfaktor (LSF) von 20 lasst sich die Zeit in der Sonne um das Zwanzigfache verlangern.

Wer vor den Sonnenschutzregalen in den Geschaften steht, muss sich aber nicht nur fur einen LSF entscheiden. Allein die MarkeLancaster , die sich selbst als Sonnenpflegeexperte tituliert, hat zum Beispiel ganz normale Sonnenmilch im Programm, Produkte fur empfindliche Haut, welche gegen die Hautalterung wirken sollen, sowie ein sandabweisendes „Hochleistungsprodukt“ fur Sportler. Hinzu kommen von anderen Marken transparente Sprays oder Sonnenschutz fur den Mann.

Leider versprechen einige Produkte immer noch eine gesunde Braune, was Menschen – gerade beim Strand urlaub – zu uberlangen Sonnenbadern einladt. Dass dadurch jedoch das Risiko fur Hautkrebs steigt, daruber schweigt die Werbung. Denn trotz immer hoherer Lichtschutzfaktoren machen Wissenschaftler ein Ansteigen von Hautkrebs aus. Jahrlich steigt die Anzahl der Betroffenen um etwa funf bis sieben Prozent – in Deutschland erkranken 140.000 bis 200.000 Menschen pro Jahr an Hautkrebs. Aus diesem Grund ist es nicht nur wichtig, ein Sonnenschutzmittel zu verwenden, sondern zusatzlich das Motto „Ausweichen, Bekleiden, Cremen“ zu beherzigen. OKO-TEST hat 25 Sonnenschutzmittel eingekauft und die Rezepturbestandteile uberprufen lassen.

Das Testergebnis

■ Zwei Sonnenschutzmittel, beides Bio-Produkte, konnen wir ohne Einschrankungen empfehlen. Zwei weitere Bio-Marken erhalten noch die Note „gut“ – der Inhalt ist zwar „sehr gut“, wir kritisieren hier aber den Umkarton und Mangel bei den Anwendungshinweisen. Auch zehn konventionelle Produkte schneiden mit „gut“ ab. Sechs Marken fallen allerdings mit „mangelhaft“ und „ungenugend“ durch den Test, denn darin stecken mehrere problematische oder umstrittene Rezepturbestandteile.
■ Zwanzig Marken warten mit chemischen UVFiltern auf, die wie ein Hormon wirken konnen. Die UV-Filter Ethylhexyl Methoxycinnamate und Benzophenone-3 zeigten im Tierversuch hormonelle Wirkung, daher werten wir diese Substanzen um zwei Noten ab. Viele Produkte enthalten Octocrylene, das im Zellversuch wie das weibliche Hormon Ostrogen wirkte.


Obwohl es seit Langem bekannt ist: UV-Filter, die wie Hormone wirken, sind immer noch im Einsatz


Neuere Untersuchungen aus der Schweiz von der Arbeitsgruppe um Dr. Margret Schlumpf zeigen, die UV-Filter konnen in den Korper gelangen, denn sie lassen sich in der Muttermilch nachweisen. Die Schweizer Forscher untersuchten 34 Mutter und bei 77 Prozent von ihnen waren in der Muttermilch UV-Filter nachweisbar. Dabei hatten nur 46 Prozent der Mutter Sonnenschutzprodukte benutzt, aber 61 Prozent der Frauen andere Kosmetika mit UV-Filtern.

Nachgefragt Nanopartikel in Kosmetik

Jürgen Kundke ist Sprecher des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR). Derzeit kann der Verbraucher auf der Verpackung nicht erkennen, ob mineralische Filter in Nanoform oder als größere Partikel in Kosmetika eingesetzt werden. Wann sich das ändern wird, darüber sprachen wir dem BfR-Mitarbeiter.

ÖKO-TEST: Gibt es Hoffnung, dass die unbefriedigende Situation in puncto Nanomaterial bei Kosmetika verbessert wird?

Kundke: Ja, in der neuen Kosmetikrichtlinie, die Ende 2009 verabschiedet wurde, gibt es nun Vorschriften zu Nanomaterial. Ab dem Jahr 2013 müssen die Kosmetikhersteller gegenüber den Behörden offenlegen, ob sie Nanomaterial in einem kosmetischen Mittel einsetzen, welche Effekte das auf die Gesundheit haben könnte, und sie müssen auch beschreiben, inwiefern der Verbraucher damit in Kontakt kommen kann.

ÖKO-TEST: Gut, dann wissen die Behörden Bescheid. Was ist nun mit dem Verbraucher?

Kundke: Auch für die Anwender von Kosmetika verbessert sich die Situation ab der Sommersaison 2013. Denn dann muss auf der Verpackung deklariert werden, ob Nanomaterial in der Kosmetik steckt – in der Liste der Bestandteile oder INCI sind zukünftig alle Inhaltsstoffe in Nanoform mit dem Zusatz Nano zu kennzeichnen.

So haben wir getestet

Der Einkauf

Jeder zweite Verbraucher kauft Sonnenschutz in Drogeriemärkten, jeweils rund 20 Prozent nehmen Sonnenschutzmittel beim Einkauf im Discounter und in Supermärkten mit. Unsere Einkäufer haben in solchen Märkten eingekauft und sind zusätzlich noch in Naturwarenläden, Apotheken und Parfümerien gewesen und erwarben insgesamt 25 Produkte, darunter günstige bis teure Marken. Uns interessierten dabei ganz normale Sonnenschutzmittel mit mittlerem UV-Schutz, d. h. mit einem Lichtschutzfaktor (LSF) zwischen 15 und 25, die auch einen UVA-Schutz haben.

Praxistest

Der Lichtschutzfaktor eines UV-Schutzmittels wird an Menschen ermittelt, und zwar über einen Sonnenbrand, der durch künstliche UV-Strahlung erzeugt wird. Da jeder Sonnenbrand aber eine Belastung für die Haut ist, haben wir keine Praxisprüfung durchführen lassen. Zudem ist die Wirksamkeit der Mittel stark von der Menge abhängig, die man zum Eincremen nimmt. Der Lichtschutzfaktor der Lotionen und Cremes wird mit einer Dosis von zwei Milligramm pro Quadratzentimeter (mg/cm2) Hautfläche festgestellt. Die meisten Verbraucher nehmen gerade mal 0,5 bis 1 mg/cm2 und damit viel zu wenig.

Problematische Substanzen

In den Sonnenschutzmitteln können rund 20 Prozent UV-Filter stecken. Meist ist es eine Kombination aus verschiedenen Subs tanzen, die für UV-Schutz zuständig sind. Neben den mineralischen UV-Filtern gibt es viele chemische UV-Substanzen, die von den Herstellern auch als organische UVFilter bezeichnet werden. Diese Substanzen absorbieren die Strahlung und machen sie so unschädlich. Für einige dieser UV-Filter wie Ethylhexyl Methoxcinnamate, Benzophenone- 3, Octrocylene oder Homosalate gibt es allerdings Hinweise auf eine hormonelle Wirkung. Zudem haben wir die Sonnenschutzmittel wie andere Hautpflegemittel auch auf umstrittene halogenorganische Verbindungen und Formaldehyd/-abspalter überprüfen lassen. Beide Substanzgruppen werden häufig als Konservierungsmittel in Kosmetika eingesetzt.

Die Bewertung

Sonnenschutzmittel sind ein wichtiger Schutz der Haut gegen die UV-Strahlung, das ist unbestritten. Dennoch erhalten einige Sonnenschutzprodukte gerade für die eingesetzten UV-Filter Punktabzug, weil einige Hersteller auf bedenkliche Substanzen setzen. Gute Noten erhielten die Sonnenschutzmittel dann, wenn sie entweder frei von problematischen oder umstrittenen Rezepturbestandteilen waren oder solche kaum enthielten.


Zwei Sonnenschutzmittel sind mit Düften ausgestattet, die häufig Allergien auslösen


■ In sechs Marken monieren wir den Einsatz von PEG/PEG-Derivaten. Diese Substanzen werden als Emulgatoren eingesetzt und sorgen dafur, dass sich die Wasser- und Fettphase in den Lotionen gut miteinander mischen. Allerdings haben sie den Nebeneffekt, dass sie die Haut durchlassig fur Fremdstoffe machen.
■ DasLancaster Sun Sport SPF 15 Spray enthalt eine stark erhohte Menge Diethylphthalat (DEP). Es kommt vermutlich mit dem Alkohol in das Produkt, das in dem Spray in hoher Menge steckt. DEP wird von der Kosmetikindustrie zur Vergallung von Alkohol eingesetzt. Eine andere Quelle fur DEP kann das eingesetzte Parfumol sein. Erhohte Mengen der Substanz wurden imAnnemarie Börlind Sun Sonnen-Fluid 20 Mittel analysiert.


Wichtige Anwendungsund Warnhinweise findet man mittlerweile auf fast allen Produkten


■ Nur wenige Marken kommen ganzlich ohne Parfum aus. Jedoch stecken nur imLancaster Sun Sport SPF 15 Spray und in derNivea Sun Light Feeling Sun Lotion 20 Duftstoffe, die haufiger Kontaktallergien auslosen. Kunstliche Moschus-Verbindungen enthalten dasAnnemarie Börlind Sun Sonnen-Fluid 20 Mittel und dieL’Oréal Solar Expertise Sonnenmilch LSF 20 . Moschus-Verbindungen sind in der Muttermilch nach- weisbar und verbleiben, wenn sie etwa beim Baden in Gewasser gelangen, in der Umwelt.

■ Vier Marken enthalten Paraffine oder andere synthetische Fette wie Silikone. Diese Fette und Ole passen sich nicht so gut in die Haut ein wie naturliche Fette und Ole.
■ Bei acht Produkten sind die Anwendungs- und Warnhinweise zu sparlich ausgefallen, was wir mit einem Minuspunkt unter dem Testergebnis „Weitere Mangel“ quittieren. Insgesamt gibt es sieben Hinweise, die auf jedem Produkt stehen sollten. Dazu gehort zum Beispiel „Sonnenschutzmittel groszugig auftragen, geringe Auftragsmengen reduzieren die Schutzleistung“. Fur einen ausreichenden Schutz des Korpers benotigt man sechs Teeloffel – haufig wird aber nur die Halfte oder weniger davon zum Eincremen genommen. Leider sind bei manchen Marken wieLancaster oderLavera die Tipps zur Anwendung auf dem Beipackzettel versteckt. Und bei derYves Rocher undAlverde -Sonnenmilch finden sich diese Hinweise auf der Ruckseite des Flaschenetiketts.

So reagierten die Hersteller

Der Anbieter Borlind teilte uns mit, man habe Anfang Marz selbst die Information erhalten, dass das Parfumol der geforderten Qualitat nicht entspreche und umgehend das Parfum ausgetauscht. Ab der Charge 70211 sei dasSonnen-Fluid 20 frei von kunstlichem Moschusduft und Diethylphthalat, so Borlind.Christine Throl

Unsere Empfehlungen

• Am besten zu Produkten mit rein mineralischen UV-Filtern greifen – dies bieten die Bio-Sonnenschutzmittel. Das gilt insbesondere für Kinder und vorsorglich auch für Schwangere und stillende Mütter, um eine Belastung des Kindes mit chemischen UV-Filtern zu minimieren.

• Die Haut langsam an die Sonne gewöhnen. Produkte mit einem mittleren Lichtschutzfaktor reichen in unseren Breiten für die meisten Hauttypen völlig aus. Aber auch dick eingecremt nicht stundenlang in der Sonne baden. Denn auch wenn der Sonnenbrand ausbleibt, sind längerfristige Schäden wie vorzeitige Hautalterung nicht ausgeschlossen.

• Vorsicht bei Textilien – der UV-Filter Butyl Methoxybenzolymethane und andere Stoffe wie Betacarotin können unschöne, gelbe Flecken in Textilien hinterlassen. Diese lassen sich auch mit Waschen nicht immer aus der Kleidung entfernen.