Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 6 Min.

TEST Spielzelte: Zeltuntergang


ÖKO-TEST Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 8/2010 vom 10.08.2010

Spielzelte für drinnen und draußen stehen bei Kindern hoch im Kurs. Denn sie lieben es, sich zu verkriechen und zu verstecken. Doch so manch ein untersuchtes Zwergenhaus stinkt zum Himmel und in vielen lauern jede Menge üble Stoffe.


Wenn Paul sämtliche Decken und Kissen einsammelt, Stühle und Tische verrückt, dann wird das Kinderzimmer zu seiner eigenen fantastischen Welt und ein Fünfjähriger zum Höhlenmenschen. Selbst das Essen will er dann nur noch in seiner selbst gebauten Bude zu sich nehmen. Grund zur Sorge? Ganz im Gegenteil: „Höhlen bauen hat einen wichtigen Zweck in der kindlichen Entwicklung, ...

Artikelbild für den Artikel "TEST Spielzelte: Zeltuntergang" aus der Ausgabe 8/2010 von ÖKO-TEST Magazin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: ÖKO-TEST Magazin, Ausgabe 8/2010

Weiterlesen
Artikel 1,00€
epaper-Einzelheft 4,99€
NEWS 14 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von ÖKO-TEST Magazin. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 8/2010 von Leserbriefe: Schreiben Sie uns. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Leserbriefe: Schreiben Sie uns
Titelbild der Ausgabe 8/2010 von Nachwirkungen Was unsere Tests bewirkt haben: Reaktionen. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Nachwirkungen Was unsere Tests bewirkt haben: Reaktionen
Titelbild der Ausgabe 8/2010 von Neue Produkte im Test: Tops und Flops. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Neue Produkte im Test: Tops und Flops
Titelbild der Ausgabe 8/2010 von TEST Oliven: Ins Schwarze getroffen. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
TEST Oliven: Ins Schwarze getroffen
Titelbild der Ausgabe 8/2010 von Haltbarmachen: Da weiß man, was man hat. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Haltbarmachen: Da weiß man, was man hat
Titelbild der Ausgabe 8/2010 von Meldungen. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Meldungen
Vorheriger Artikel
TEST Eistee: Tee facto
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel Selbstbehauptungskurse: Hau ab!
aus dieser Ausgabe

Wenn Paul sämtliche Decken und Kissen einsammelt, Stühle und Tische verrückt, dann wird das Kinderzimmer zu seiner eigenen fantastischen Welt und ein Fünfjähriger zum Höhlenmenschen. Selbst das Essen will er dann nur noch in seiner selbst gebauten Bude zu sich nehmen. Grund zur Sorge? Ganz im Gegenteil: „Höhlen bauen hat einen wichtigen Zweck in der kindlichen Entwicklung, dient oft dem seelischen Gleichgewicht“, sagt Hedi Friedrich, Kinderund Jugendtherapeutin aus Frankfurt. „Zum Beispiel wenn Kinder stark gefordert sind, wenn sie viel Leistung bringen müssen, dann bauen sie ein Versteck, an dem sie ihre Ruhe haben und sich den prüfenden Blicken der Erwachsenen entziehen können.“ In der Höhle Marke Eigenbau sind Kinder die Hausherren, dort können sie ausspannen, träumen, Erlebtes nachspielen und verarbeiten – ohne beobachtet oder korrigiert zu werden. Eltern sollten deshalb den Wunsch der Kleinen akzeptieren, wenn es heißt: „Hier dürfen nur Kinder rein!“

Foto: Michael Kempf/Fotolia.com

Ein klarer Fall für den Sondermüll und für die Gesetzhüter ist dasStats Piraten Zelt mit Tunnel: In der braunen Stoffeinfassung für die Zeltstange wurden mehr als die gesetzlich erlaubten 30 Milligramm pro Kilogramm des aromatischen Amins p-Aminoazobenzol nachgewiesen.


Viele Zelte stecken voller übler Stoffe, bei einem wird sogar ein Grenzwert überschritten


■ In zwei Produkten stecken polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK), imStats Piraten Zelt mit Tunnel sogar in stark erhöhten Gehalten. Viele PAK gelten als krebserregend. Bisher gibt es – außer für Weichmacheröle in Autoreifen – keine verbindlichen europäischen Grenzwerte. Um Verbraucher besser zu schützen, haben das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) und das Umweltbundesamt im Auftrag der Ministerien ein Dossier nach der Chemikalienverordnung REACH erarbeitet und der EU-Kommission vorgelegt. Konkret vorgeschlagen wird eine EU-weite Beschränkung der Vermarktung von PAK-belasteten Produkten (siehe Nachwirkungen, Seite 8). Da PAK über die Haut aufgenommen werden und Kinder auch mal nur in Badehose oder nackt spielen, steht für uns außer Frage, dass diese besorgniserregenden Substanzen aus Produkten wie einem Spielzelt verbannt werden müssen.


Das Intex-Zelt hat im „Kinderzimmer nichts zu suchen“, sagt sogar das Umweltbundesamt


■ Doch damit nicht genug: Sieben Zelte enthalten umstrittene halogenorganische Verbindungen, in drei Modellen wurde das offiziell als fortpflanzungsgefährdend eingestufte Phthalat DEHP und in zweien giftiges Dibutylzinn in erhöhten Gehalten nachgewiesen. Darüberhinaus stecken imHaba Spielzelt Ritterturm und imSanrio Hello Kitty Igloo Tent phosphororganische Verbindungen, in Letzterem sogar in rauen Mengen. Dabei handelt es sich unter anderem um das halogen- und phosphororganische Flammschutzmittel TDCPP, das im Verdacht steht, Krebs zu erzeugen.


Beim Öffnen des Bieco’s Piraten Zelt/Burg sind gute Nerven gefragt


■ Bis auf eine Ausnahme sind außerdem optische Aufheller ein Problem. Wenn sie mit dem Schweiß auf die Haut gelangen, können sie in Verbindung mit dem Sonnenlicht allergische Reaktionen auslösen. Für optische Aufheller mit Hautkontakt, zum Beispiel im Gitternetz der Sichtfenster oder an weißen Stellen im bunt bedruckten Oberstoff der Zelte, gibt es einen Punkt Abzug im Gesamtergebnis. Etwas weniger streng bewerten wir, wenn die Weißmacher in einem bedruckten Etikett stecken oder in der Füllwatte einer Fahne, die für Kinder nur schwer erreichbar sind. Auch hier müssen wir zwar eine Note abziehen – aber nur unter dem Testergebnis Weitere Mängel. Grundsätzlich belasten optische Aufheller die Umwelt, weil sie kaum abgebaut werden.
■ Beim Öffnen desBieco’s Piraten Zelt/Burg sind gute Nerven und eine schnelle Reaktionszeit hilfreich. Das Produkt „poppt“ unvermittelt auf wie eine Ziehharmonika, im schlechtesten Fall mitten ins Gesicht – eine Warnung oder zumindest den Hinweis, dass das Zelt nur von einem Erwachsenen geöffnet beziehungsweise aufgebaut werden soll, sucht man leider vergeblich. Dafür gibt es ebenfalls einen Minuspunkt unter Weitere Mängel.

Unsere Empfehlungen

• Spielzelte vor Gebrauch mindestens 24 Stunden im Freien durchlüften lassen – falls Schadstoffe ausgasen, lassen die Konzentrationen mit der Zeit etwas nach.

• Stinkt das Zelt schon aus der Verpackung, sollte man es gar nicht kaufen. Und schon gar nicht sollten Kinder nackt darin spielen oder übernachten.

Kompakt

Ich Prinzessin, du Frosch
Auf Spielzelten tummeln sich Piraten, Actionhelden, Schmusetiere oder Prinzessinnen. Das weckt bei Kindern die Lust aufs Rollenspiel. Eine Requisitenkiste mit abgelegter Kleidung, Schmuck, alten Hüten, Tüchern und Alltagsgegenständen hilft ihnen, ihrer Fantasie freien Lauf zu lassen. Hinterher finden manche es toll, sich mit Mama und Papa ins Zelt zu lümmeln und dort einem Märchen oder einer Abenteuergeschichte zu lauschen.

Foto: BrandX

Wir bauen eine Höhle
Es muss nicht immer das Spielzelt aus dem Handel sein. Höhlen bauen macht Spaß und fördert die Kreativität der Kleinen. In der Regel ist dazu alles im Haus: Aus Polstern, Stühlen, Besenstielen, großen Pappkartons ist im Handumdrehen ein Gerüst errichtet. Darüber ein paar Decken oder Vorhänge werfen, diese mit Wäscheklammern an der Konstruktion befestigen und das Versteck ist fertig.

Hoch hinaus ins Grüne
Auch im Freien ist ein selbst gebautes Spielhaus eine spannende Sache, zum Beispiel in der Krone eines großen Apfelbaumes. Baumhäuser sind Spiel- und Rückzugsorte, die auch ältere Kinder zu schätzen wissen. Und es geht sogar ohne den passenden Baumriesen im eigenen Garten. Tipps und Anregungen liefert das Buch„Kleine Baumhäuser und Hütten – kinderleicht gebaut“ vonDavid Stiles (Ökobuch-Verlag, 2008, 12,90 Euro).

So haben wir getestet

Der Einkauf
Häuser, Schlösser, Tipis, Burgen – Spielzelte gibt es in vielen Farben und Formen. Vom klassischen Iglu bis hin zur kunterbunten Pippi-Langstrumpf-Villa haben wir verschiedenste Modelle in Spielwarengeschäften und beim Kinderwaren-Versandhändler eingekauft. Die Preisspanne reicht von 9 bis 99 Euro. Da Spielzelte bei Kindern im Sommer und Winter hoch im Kurs stehen, war uns wichtig, dass die meisten Produkte sowohl drinnen als auch draußen aufgebaut werden können.

Die Schadstoffe
Spielzelte sind oft stark mit Schadstoffen belastet, enthalten zum Beispiel Restlösungsmittel aus dem Herstellungsprozess und vom Bedrucken. Diese flüchtigen organischen Verbindungen (VOC) gasen aus und belasten die Raumluft. Das ist umso schlimmer, da Kinder besonders empfindlich reagieren. Um zu sehen, wie hoch die Belastung im Zelt ist, ließen wir zunächst im Prüflabor bestimmen, was bei normaler Raumtemperatur aus den Hauptmaterialien entweicht. Anschließend wurden die Messwerte auf das entsprechende Zeltvolumen umgerechnet. Da Kinder gerne mal barfuß und nur in Unterhose spielen, ließen wir Zeltböden und -wände auf weitere Schadstoffe untersuchen, darunter giftige zinnorganische und umstrittene halogenorganische Verbindungen, allergisierende Dispersionsfarbstoffe, krebserregende Azo-Farbstoffe und Schwermetalle – üble Substanzen, die wir größtenteils auch im ÖKO-TEST Spielzelte im Dezember 2002 gefunden hatten. In einigen Produkten steckte zudem PVC. Da liegt der Verdacht nahe, dass die Hersteller zusätzlich Weichmacher einsetzen, um das spröde Material geschmeidig zu machen.

Die Bewertung
Wir wollen keine Spielverderber sein. Aber Kinder verbringen oft Stunden in den Zelten und haben natürlich auch direkten Hautkontakt mit den Materialien. Dies müssen wir bei der Bewertung der Schadstoffe berücksichtigen. Beispiel Phthalatweichmacher: Einige Vertreter dieser Stoffgruppe sind gesetzlich in Spielzeug reglementiert, weil sie im Verdacht stehen, hormonell zu wirken und krebserregend zu sein. Der gesetzliche Grenzwert wird zwar nicht überschritten, wir werten aber trotzdem ab, weil es problematische Stoffe sind, die über die Haut aufgenommen werden können. Noch strenger sind wir, wenn gesetzliche Bestimmungen nicht erfüllt werden, solche Produkte können unterm Strich nicht besser sein als „ungenügend“.