Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 6 Min.

TEST Stilltees: Ins Kraut geschossen


ÖKO-TEST Spezial Kinder & Familie - epaper ⋅ Ausgabe 4/2014 vom 17.04.2014

Wenn es mit dem Stillen nicht klappt, sollen spezielle Tees helfen. Doch einige Produkte sind mit Vorsicht zu genießen. Sie enthalten krebsverdächtige Substanzen, die auch in die Muttermilch übergehen können.


Artikelbild für den Artikel "TEST Stilltees: Ins Kraut geschossen" aus der Ausgabe 4/2014 von ÖKO-TEST Spezial Kinder & Familie. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Foto: NiDerLander – Fotolia

So natürlich das Stillen auch ist – nicht jede Frau hat das Gefühl, dass es richtig gut klappt. Viele setzen dann auf Stilltees. Sie enthalten Kräuter, denen eine milchbildende Wirkung nachgesagt wird. Dazu gehören Bockshornklee, Geißraute, Anis, Kümmel und Fenchel. Doch Studien dazu gibt es kaum. Dem internationalen Ärzteverband Academy of Breastfeeding zufolge spielt der ...

Weiterlesen
Artikel 1,00€
epaper-Einzelheft 4,99€
NEWS 14 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von ÖKO-TEST Spezial Kinder & Familie. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 4/2014 von Die wichtigsten Entwicklungsstufen. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Die wichtigsten Entwicklungsstufen
Titelbild der Ausgabe 4/2014 von Der richtige Kinderarzt: Die Chemie muss stimmen. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Der richtige Kinderarzt: Die Chemie muss stimmen
Titelbild der Ausgabe 4/2014 von Therapien: Physiotherapie: Bewegung tut gut. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Therapien: Physiotherapie: Bewegung tut gut
Titelbild der Ausgabe 4/2014 von Medikamente: Was hilft?. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Medikamente: Was hilft?
Titelbild der Ausgabe 4/2014 von Trotzphase: Vom Engelchen zum Bengelchen. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Trotzphase: Vom Engelchen zum Bengelchen
Titelbild der Ausgabe 4/2014 von Sauberkeit: Keimfrei macht krank. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Sauberkeit: Keimfrei macht krank
Vorheriger Artikel
Baby-led Weaning/Vom Baby gesteuertes Entwöhnen: Von der Han…
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel Kapitel eins, zwei, drei: Nur die Ruhe
aus dieser Ausgabe

... Placeboeffekt deshalb eine nicht zu unterschätzende Rolle. Kritisch eingestellt ist auch die Arbeitsgemeinschaft Freier Stillgruppen:

Zwar seien keine nachteiligen Effekte von Stilltees bekannt, allerdings könnten sie eine adäquate Stillberatung und Ursachenforschung nicht ersetzen, sagt eine Sprecherin. So ließen sich Probleme bei der Milchbildung durch einfache kleine Veränderungen bei der Anlege position, der Stillfrequenz und Ruhepausen für die Mutter beheben. Doch die Werbung mit der milchbildenden Wirkung ist nicht das Einzige, was Regine Gresens, Hebamme und Stillberaterin in Hamburg, skeptisch betrachtet.

„Diese Kräuter sollen auch beim Baby entblähend wirken“, sagt Gresens. Ob das stimmt, sei allerdings infrage zu stellen. Schließlich komme nicht alles, was die Mutter zu sich nimmt, eins zu eins über die Muttermilch beim Baby an. Dennoch seien Kräutertees nicht unbedingt harmlos, nur weil sie nicht zu den Arzneimitteln zählen, gibt die Ernährungsexpertin zu bedenken. Und auch die Academy of Breastfeeding mahnt, dass bei diesen Lebensmitteln immer auch Nebenwirkungen, allergische Reaktionen und Wechselwirkungen mit anderen Stoffen auftreten können.


In größeren Mengen getrunken sind Kräutertees nicht immer unbedenklich


Ein bekanntes Problem der Kräuter ist deren Aufnahme von Nitrat aus dem Boden, das sich im Körper teilweise zu Nitrit umwandeln kann, woraus wiederum krebserregende Nitrosamine entstehen können. Nitrat reichert sich besonders gut in den Wurzeln, Stielen und Blättern der Pflanzen an. Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) stellte in einem großen Lebensmittelmonitoring 2007 fest, dass insbesondere Brennnesseltee, Pfefferminztee und Kräutermischungen aus Blatttees hohe Nitratwerte aufweisen. Als Fazit wurde stillenden Mütter sogar empfohlen, Teemischungen mit Brennnesselkraut nicht zu konsumieren. Derartige Produkte sollten außerdem nicht länger als Stilltee beworben werden, schlug die Behörde damals vor. In den Jahren 2008 bis 2013 übermittelte die amtliche Lebensmittelüberwachung nur noch wenige Untersuchungen zu Brennnesseltees an das BVL; die Ergebnisse hätten allerdings den hohen Belastungsgrad bestätigt, so die Pressestelle der Behörde.

Doch die Tees bergen noch ein anderes Risiko. So fand das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) 2013 heraus, dass Kräutertees erheblich mit sogenannten Pyrrolizidinalkaloiden belastet sein können.

Das sind natürliche Inhaltsstoffe, die bestimmte Pflanzen bilden, um Fraßfeinde abzuwehren. Aus Tierversuchen ist bekannt, dass diese Stoffe das Erbgut verändern und Krebs auslösen können – eine Wirkung, die auch für den Menschen als relevant erachtet wird. Es gibt darüber hinaus Hinweise auf entwicklungstoxische Effekte – die Daten dafür sind aber noch spärlich. In hohen Dosen wirken Pyrrolizidinalkaloide akut leberschädigend. Zur Verunreinigung von Kräutertees können Pflanzen beitragen, die die giftigen Alkaloide enthalten und als Bei kräuter im Umfeld der Kräuterpflanzen wachsen. Von Bedeutung ist in diesem Zusammenhang vor allem das gelb blühende Jakobskreuzkraut. Geraten Teile davon in die Kräuterernte, kann dies zu einer hohen Belastung der daraus hergestellten Tees mit Pyrrolizidinalkaloiden führen. Da die Giftstoffe wasserlöslich sind, ist von einem vollständigen Übergang in das aufgebrühte Teegetränk auszugehen. Auch die Plazenta und die Brustdrüse stellen keine Barrieren dar, weshalb das BfR insbesondere Schwangeren und Stillenden rät, Kräutertee derzeit nur im Wechsel mit anderen Getränken zu konsumieren. Im ÖKOTEST: 14 Stillund Milchbildungstees in BioQualität und konventionell angebaut. In den Laboren ließen wir nach Pestiziden und dem Schimmelpilzgift Ochratoxin A fahnden, daneben standen mikrobiologische Analysen auf dem Plan. Das Hauptaugenmerk lag jedoch auf der Analyse der Pyrrolizidinalkaloide.

Das Testergebnis

■ Drei Tees sind zum Teil so hoch mit den giftigen Alkaloiden belastet, dass wir dies mit einem „mangelhaft“ bewerten. Die Mehrzahl der übrigen Produkte schneidet zum Glück mit „sehr gut“ ab.
■ Im Alnatura Stilltee steckt eine so große Menge der krebserregenden Substanzen, dass der von BfRExperten empfohlene Tageshöchstwert um das 15Fache überschritten wird, wenn Mütter davon sechs Tassen trinken. Die Gehalte in den Tees von Medesign und H&S liegen zwar niedriger, übersteigen den BfRRichtwert mit einer Tagesportion von sechs Tassen aber immer noch. Da auch andere Lebensmittel zur Aufnahme mit den schädlichen Alkaloiden beitragen können – etwa Honig –, werten wir bereits ab, wenn die Tagesaufnahme zu mehr als 50 Prozent ausgeschöpft wird. Das ist bei dem Hipp Mama BioStilltee und dem Milupa StillTee, KräuterteeMischung der Fall. Gesetzliche Grenzwerte für Pyrrolidinalkaloide in Lebensmitteln gibt es noch nicht.
■ Bei Geißraute handelt es sich nicht um eine Verunreinigung, sondern um eine verbreitete Stillteezutat, in diesem Test enthalten im Humana und im Herbaria StillTee.

Wir werten die Verwendung der Pflanze ab, weil es Hinweise auf giftige Wirkungen gibt. Laut BfR kann mit Blick auf die bisher vorliegenden Erkenntnisse aus Tierstudien „nicht von einer sicheren Verwendung von Zubereitungen aus der Geißraute (Galega officinalis L.) in Lebensmitteln ausgegangen werden“.
■ Die Babylove Mama Bio Stilltee Kräuterteemischung von Dm wurde abgewertet, weil die Labore darin das Pflanzenschutzmittel Fenpropidin fanden. Der analysierte Wert ist zwar gering, erreicht aber 20 Prozent des gesetzlichen Höchstgehalts und ist zudem höher, als es der BNNOrientierungswert für BioProdukte erlaubt.
■ Milchbildend oder nicht? Die Firma Humana wirbt als einzige mit „fördert nachweislich die Milchbildung“. Deshalb forderten wir den Produzenten auf, uns für diese Behauptung eine entsprechende Studie vorzulegen. Tatsächlich schickte uns Humana zwei solcher Gutachten, die uns jedoch wegen der kleinen Fallzahlen und relativ kurzen Untersuchungszeiträume nicht überzeugten – eine langfristige Aussage über die Wirksamkeit dieses Stilltees machten die vorgelegten klinischen Tests nicht.
■ Ein Stilltee, der Blähungen des Säuglings mindert, die Verdauung reguliert und Wundsein vorbeugt? Wir fragten beim Hersteller Medesign nach Belegen für die Versprechungen. Die kamen allerdings nicht – das führt zur Abwertung.
■ Zucker und Maltodextrin führen die Zutatenliste des Humana StillTees an.

Weil Stillexperten Müttern dazu raten, zugunsten der Milchbildung viel zu trinken, ist ein derart gesüßter Tee nichts anderes als ein Dickmacher. Dafür und für den unnötigen VitaminCZusatz gibt es Punktabzug.

So reagierten die Hersteller

■ Den Eintrag von Pyrrolizidinalkaloiden (PA) zu vermeiden ist für die Kräuterteehersteller offenbar kompliziert und langwierig. Nachdem ÖKOTEST erstmals im Oktober 2012 die Belastungswerte der Stilltees veröffentlicht hatte, erklärt unsAlnatura auf Rückfrage im Februar 2014, inzwischen zahlreiche Analysen veranlasst zu haben. Eine große Zahl der Befundwerte habe niedrig gelegen, aber nicht alle. Eine Produktionscharge, ab der die Belastung durchgängig niedrig ist, nannte Alnatura ÖKOTEST noch nicht. In der gegenwärtig laufenden Anbausaison werde ein Bündel von Maßnahmen umgesetzt, das einen „substanziellen Schritt“ in Richtung durchgehend niedrige Belastungswerte ermöglichen werde.
■ HerstellerHipp verweist darauf, dass die Anforderungen des BfR bei den im ÖKOTEST im HippProdukt ermittelten Werten noch eingehalten würden. „Natürlich sind wir weiterhin bestrebt, den bisher noch technisch unvermeidbaren Eintrag von PAhaltigen Fremdpflanzen soweit möglich zu reduzieren.“ Der Prozess werde jedoch einige Zeit in Anspruch nehmen, da nur einbis zweimal im Jahr geerntet werden könne.

Fett gedruckt sind Mängel.
Anmerkungen: 1) Weiterer Mangel: PVC/PVDC/chlorierte Verbindungen in der Verpackung. 2) Weiterer Mangel: Pestizid über dem BNN-Orientierungswert für Bio-Ware. 3) Weiterer Mangel: Werbung mit Selbstverständlichkeiten, zum Beispiel ohne Farbstoffzusatz / ohne Konservierungsmittel. 4) Produkt inzwischen in neuem Design. 5) Produkt inzwischen mit 40 g statt ehemals 30 g Füllmenge.
Legende: Produkte mit gleichem Gesamturteil sind in alphabetischer Reihenfolge aufgeführt. Unter dem Testergebnis Inhaltsstoffe führen zur Abwertung um vier Noten: ein stark erhöhter Gehalt an Pyrrolizidinalkaloiden, der den BfR-Richtwert von 0,007 μg/kg Körper gewicht und Tag überschreitet. Die Berechnung bezieht sich auf ein Körpergewicht von 60 kg und einen Tagesverzehr von sechs Tassen Tee. Die Dosierung pro Tasse beruht auf Packungsangaben beziehungsweise im Fall des Produkts Medesign Milchbildungs-Tee auf ausgewogenen 3,1 g Pulver pro Tasse (entspricht zwei Teelöffeln). Zur Abwertung um jeweils zwei Noten führt: a) ein erhöhter Gehalt an Pyrrolizidinalkaloiden, der den BfR-Richtwert von 0,007 μg/kg Körpergewicht und Tag zu mehr als 50 bis 100 Prozent ausschöpft. Berechnung der Tagesaufnahme wie oben; b) Geißraute/Geißrautenkraut. Zur Abwertung um jeweils eine Note führen: a) Zucker- bzw. Maltodextrinzusatz; b) ein erhöhter Pestizidgehalt, der über 20 bis 50 Prozent der Rückstandshöchstmenge erreicht, wenn diese bei 0,05 mg/ kg oder höher liegt; c) Vitaminzusatz.
Unter dem Testergebnis Weitere Mängel führen zur Abwertung um jeweils zwei Noten: a) Überschreitung des BNN-Orientierungswerts für chemisch-synthetische Pflanzenschutz-, Schädlingsbekämpfungs- und Vorratsschutzmittel von 0,01 mg/kg, wenn das Produkt alsBio-Ware deklariert ist; b) keine überzeugenden Studien zu spezifischen Werbeaussagen.
Zur Abwertung um jeweils eine Note führen: a) PVC/PVDC/chlorierte Verbindungen in der Verpackung; b) Werbung mit Selbstverständlichkeiten, zum Beispiel ohne Farbstoffzusatz / ohne Konservierungsmittel. Das Gesamturteil beruht auf dem Test ergebnis Inhaltsstoffe. Ein Testergebnis Weitere Mängel, das „befriedigend“ oder „ausreichend“ ist, verschlechtert das Gesamturteil um eine Note.
Testmethoden ,Anbieterverzeichnis undGlossar finden Sie unter www.oekotest.de → Suchen → „T1404“ eingeben.
Bereits veröffentlicht: ÖKO-TEST-Magazin 7/2013. Aktualisierung der Testergebnisse/Angaben, sofern sich aufgrund neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse die Bewertung von Mängeln geändert oder ÖKO-TEST neue/zusätzliche Untersuchungen durchgeführt hat.

ÖKO-TEST rät

■ Beim Stillen immer etwas zu trinken bereitstellen. Still- oder Kräutertee nur in Maßen trinken. Auch Wasser unterstützt die Milchbildung.
■ Auf die Zusammensetzung der Kräutermischung achten! Brennnessel hat üblicherweise einen höheren Nitratgehalt als andere Kräuter, weshalb vorsichtshalber ein Stilltee ohne diesen Inhaltsstoff ausgewählt werden sollte. Geißraute enthält von Natur aus giftige Bestandteile.
■ Der eigene Durst ist ein guter Ratgeber. Also nicht zum literweise Trinken zwingen.
■ Bei Stillproblemen hilft eine Stillberatung. Informationen rund ums Stillen sowie wichtige Adressen gibt es auf den Seiten der Nationalen Stillkommission unter folgender Adresse:
www.bfr.bund.de/de/nationale_stillkommission-2404

Expertin

Wirksamkeit nicht belegt

Foto: privat

„Die Wirkung von Stilltees wird überbewertet. Die Wirksamkeit ist nicht wissenschaftlich belegt. Wenn Frauen einen Stilltee haben, der ihnen schmeckt, spricht aber natürlich nichts dagegen, diesen in Maßen zu trinken – vorausgesetzt er ist frei von Schadstoffen.“

Regine Gresens ist Hebamme, Still- und Laktationsberaterin in Hamburg (www.stillkinder.de).