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TEST Straßenmalkreide: Wir kreiden an


ÖKO-TEST Ratgeber Kinder und Familie - epaper ⋅ Ausgabe 9/2016 vom 08.09.2016

Malen mit Straßenmalkreide macht Kindern unglaublich viel Spaß und ist noch dazu pädagogisch wertvoll. Leider enthalten etliche Stifte krebserregende Farbbestandteile. Doch sechs Produkte können wir rundum empfehlen.


Artikelbild für den Artikel "TEST Straßenmalkreide: Wir kreiden an" aus der Ausgabe 9/2016 von ÖKO-TEST Ratgeber Kinder und Familie. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: ÖKO-TEST Ratgeber Kinder und Familie, Ausgabe 9/2016

So weit sie sich erinnern kann, verziert Finja Wolters Asphalt. Nicht nur vor dem Elternhaus, sondern auch vor Publikum – seit sie vier ist. Das Mädchen mit dem schelmischen Grinsen lebt in Geldern. Die Kleinstadt nahe der holländischen Grenze richtet seit 1979 jährlich mit das größte Straßenmalfestival der Welt aus: „Meine Mama ist Hobbykünstlerin. Sie hat mich schon als kleines Kind zum ...

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... Malfest mitgenommen und dann einfach angemeldet.“ Seitdem, erzählt die heute elfjährige Gymnasiastin, komme sie nicht mehr los von der Kreidekunst, übe bei schlechtem Wetter auf Papier und in den warmen Jahreszeiten auf der Straße: „Ich habe mit Kinder kreide angefangen. Erst seit dem vergangenen Jahr male ich mit Schulkreide. Die färbt stärker.“ Auf dem Festival an zwei Augusttagen kann Finja kaum von den Zeichenklötzchen lassen: „An meinem Frosch auf dem Skateboard habe ich im vergangenen Jahr von morgens um acht Uhr bis nachmittags um fünf Uhr durchgemalt. Zwischendurch gab’s nur eine kleine Pommespause.“ Kunstko pien aller Epochen und Eigen kreationen: 361 Künstler aus aller Herren Länder verwandelten Geldern 2015 in eine Galerie unter freiem Himmel. Nach Angaben der nordrheinwestfälischen Stadt malten auch 114 Kinder mit. Sechs davon unter drei Jahren, der jüngste Festivalkünstler war zwei.


Malen mit Kreide fördert motorische und sensorische Fähigkeiten


Warum den Nachwuchs Kreide so fasziniert, weiß Professor Stefan Reichelt vom kinderneurologischen Zentrum der LVR-Klinik in Bonn: „Motorische und sensorische Fähigkeiten, Ausdauer und gedankliche Beweglichkeit werden umfassend gefördert, ohne dass dies nach absichtsvoller Förderung riecht.“ Denn Kinder gestalteten mit Kreide meist lustvoll und autonom, seien weitgehend unbeeinflusst vom kritischen Blick Er wachsener, so der Psychotherapeut. Spielen und Malen ginge zudem beim Kreidezeichnen oft inei nander über.

Finja begründet ihre Liebe zur Kreide praktisch: „Mir macht das einfach Spaß, groß zu malen und die Farben zu verwischen. Die Kreide muss man Schicht für Schicht mit den Fingern in die Straße reiben. Dann hält es besser und die Farben leuchten stärker.“ Sorge macht der jungen Künstlerin nur der Regen: „Meine Mama macht jedes Jahr ein Foto von meinem Bild für mein Straßenmalalbum. Damit kann ich mich erinnern, wenn die Bilder längst weggewaschen sind.“

Bereitet Straßenmalkreide also vor allem Freude? Der Staat sieht das offenbar so: Das Bundesinstitut für Risikobewertung bewertet Kinderkreide, die heute überwiegend aus Gips besteht, grundsätzlich als ungiftig. Nur professionelle Künstlerkreide könne giftige Farbpigmente enthalten, hieß es uns gegen- über. Einziges Bedenken: Sehr kleine Kinder könnten versehentlich abgebissene Kreidestücke einatmen. Per Gesetz müssten Hersteller Spielzeug aller dings so gestalten, dass es auch bei „vorhersehbarem Fehlgebrauch“ sicher ist – also wenn Kinder es in den Munden nehmen, daran knabbern und schaben. Auch befragte Landesuntersuchungsbehörden schätzen das Risiko für Leib und Leben gering ein. Neben dem geringen Risiko an Bruchstücken zu ersticken könnten sich noch Schwer metalle aus der Kreide lösen. Konkrete Fälle dazu seien jedoch nicht bekannt.

ÖKO-TEST rät

■ Es gibt sechs „sehr gute“ Produkte, die auch preislich erschwinglich sind. Eltern müssen also keine Kompromisse eingehen.
■ Wenn Sie eine der im Test mit krebserregenden Farbbestandteilen belasteten Kreiden gekauft haben, bringen Sie sie zurück. Viele Geschäfte reagieren kulant angesichts der Gesundheitsgefahr.
■ Achten Sie darauf, dass Kleinkinder auch „sehr gute“ Straßenmalkreide nicht in den Mund nehmen. Ein Erstickungsrisiko lässt sich nicht völlig ausschließen.

Schon den Allerkleinsten macht es Spaß, mit Kinderkreide großflächig auf die Straße zu kritzeln. Eltern sollten sie dabei auch nicht bremsen, denn es fördert ihre Entwicklung.


Foto: Marcel Jancovic/Shutterstock

Sind die staubigen Stifte wirklich so harmlos? ÖKO-TEST blieb skeptisch, hat 14 gängige Kinderkreidesets eingekauft und unter die Lupe genommen.

Das Testergebnis

■ Ein Debakel: Acht der Kreidesets fallen mit „mangelhaft“ durch. Nur in sechs der getesteten Kinderkreiden fanden wir keine bedenklichen Inhaltsstoffe oder nur in Spuren.
■ Krebsrot: In mehr als der Hälfte der getesteten Kreidesets steckt ein krebserregender Farbbestandteil. Auffällig: Immer jeweils in den roten Gipsklötzen wies das von uns beauftragte Labor erhöhte Mengen 2,4-Toluylendiamin nach. Die Europäische Chemikalienagentur stuft das aromatische Amin seit 2012 offiziell als krebserregend ein. Bei Ratten sorgt der Stoff allein durch Mundkontakt sicher für Tumore. Laut EU steht er zudem unter Verdacht, bei Menschen das Erbgut und die Fruchtbarkeit zu schädigen. Die „besonders besorgniserregende Substanz“ soll künftig europaweit über die REACH-Verordnung in Bedarfsgegenständen und textilem Spielzeug verboten werden. Darin schon für andere Amine festgelegte Grenzwerte greifen allerdings laut Chemischem und Veterinäruntersuchungsamt Rheinland nicht für Kinderkreide. Für sie gilt vorrangig die EU-Spielzeugrichtlinie, hierzulande umgesetzt in der DIN-Spielzeugnorm. Diese begrenzt bislang nur unter anderem in Fingermalfarben den Gehalt bestimmter Amine. 2,4-Toluylendiamin erwähnt der Vorschriftenkatalog bisher gar nicht. Trotz unklarer Rechtslage für Kreide: Aus unserer Sicht haben krank machende Amine nichts in Spielzeug mit erhöhtem Hautkontakt zu suchen. Das gebietet schon die gute Herstellerpraxis. Dies gilt auch für das krebsverdächtige Anilin, gefunden in den roten Kreiden von The Toy Company und Pelikan (Herlitz).
■ Verpackte Packungen: Die Anbieter IHBV, Pelikan und The Toy Com pany umhüllen ihre Kreidekartons und -eimer zusätzlich mit Plastikfolie. Der unnötige und leicht vermeidbare Müll birgt bei allen drei Produkten ein Risiko für Mensch und Natur. Denn laut dem von uns beauftragten Labor stecken in den verwendeten Folien PVC/PVDC/chlorierte Verbindungen. Die Kunststoffgruppe belastet die Umwelt bei Herstellung und Entsorgung. Als Müll verbrannt bildet sich aus belastetem Plastik zudem gesundheitsschädliches Dioxin.

So reagierten die Hersteller

■ Als krebserregende Substanz sei 2,4-Toluylendiamin in Spielzeug nicht wünschenswert, bestätigte uns Havo. Künftig werde man alles tun, dass die Creall Chalk Jumbo Straßenmalkreide den Stoff nicht mehr enthält. Allerdings sei man sicher, so die niederländische Firma, dass ihr Produkt alle geltenden Vorschriften erfülle.

Experte: Weiße Kreide reicht für Kinder völlig aus

Professor Dr. Georg Peez lehrt Kunstpädagogik an der Goethe-Universität Frankfurt am Main.


Foto: Privat

„Beim Malen auf der Straße spielt die Kreidefarbe kaum eine Rolle. Für Kinder ist dabei das Fühlen des trockenen, staubigen Materials und das Erzeugen von Kontrasten auf dunklem Untergrund wesentlich. Sie genießen es, mit kleinen Bewegungen Großes zu bewirken und Spuren zu hinterlassen. Dafür reichen weiße Kreidestifte eigentlich völlig aus.“

Fett gedruckt sind Mängel.
Glossar: Erläuterungen zu den untersuchten Parametern finden Sie auf Seite 238.
Anmerkungen: 1) Weiterer Mangel: PVC/PVDC/chlorierte Verbindungen in Verpackung. 2) Nachweis erhöhter Mengen 2,4-Toluylendiamin in roten Kreidestiften. 3) Nachweis von Anilin in roten Kreidestiften.
Legende: Produkte mit dem gleichen Gesamturteil sind in alphabetischer Reihenfolge aufgeführt. Unter dem Testergebnis Inhaltsstoffe führen zur Abwertung um jeweils vier Noten: a) mehr als 10 mg/kg der aromatischen Amine 2,4-Toluylendiamin; b) Anilin, wenn nicht bereits wegen eines anderen aromatischen Amins abgewertet wurde. Unter dem Testergebnis Weitere Mängel führt zur Abwertung um eine Note: PVC/ PVDC/chlorierte Verbindungen in der Verpackung. Das Gesamturteil beruht auf dem Testergebnis Inhaltsstoffe. Ein Testergebnis Weitere Mängel, das „befriedigend“ oder „ausreichend“ ist, verschlechtert das Gesamturteil um eine Note.
Testmethoden und Anbieterverzeichnis finden Sie unter www.oekotest. de → Su chen → „N1609“ eingeben.
Bereits veröffentlicht: ÖKO-TEST-Magazin 4/2016. Aktualisierung der Testergebnisse/Angaben, sofern sich aufgrund neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse die Bewertung von Mängeln geändert oder ÖKO-TEST neue/zusätzliche Untersuchungen durchgeführt hat.Tests und deren Ergebnisse sind urheberrechtlich geschützt. Ohne schriftliche Genehmigung des Verlags dürfen keine Nachdrucke, Kopien, Mikrofilme oder Einspielungen in elektronische Medien angefertigt und/ oder verbreitet werden.

Kreide selbst machen

Simple Zutaten, wenige Arbeitsschritte: Kinder können Kreide stifte selbst herstellen. Die Materialien dafür sind preiswert und oft bereits zu Hause vorhanden. Gießformen entstehen aus Pappe. Als Kreidematerial eignet sich Gips oder Maisstärke.
■ Kleben: Zunächst Papprollen, etwa von Küchen- oder Toilettenpapier, in Wachspapier einwickeln. Die Unterseite sorgfältig zusammenfalten und mit Klebeband lückenlos verschließen.
■ Anrühren: Gips gibt es im Bastelgeschäft oder Baumarkt zu kaufen. Zum Brei verrührt wird er im Verhältnis drei Tassen Wasser zu zwei Tassen Pulver. Für essbare Kreide Maisstärke aus dem Supermarkt in gleichen Teilen in einer Schüssel so lange verquirlen, bis eine geschmeidige Paste entsteht.
■ Einfärben lassen sich selbst gemachte Kreidestifte wahlweise mit Lebensmittelfarbe oder Roter Bete. Die Rübe dazu ganz klein schnibbeln und mit Wasser zu einem Brei einkochen. Den Saft vom Brei anschließend mit einem Sieb filtern und unter das Kreidematerial mischen.
■ Füllen und trocknen: Die Papprollen langsam und gleichmäßig ausgießen. Für optimale Festigkeit sollten sie mindestens einen, besser zwei Tage trocknen. Dann kann losgezeichnet werden.

Foto: 06photo/iStock/Thinkstock


Foto: ElinaManninen/iStock/Thinkstock