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TEST Zink plus Vitamin C-Präparate: Im Zinkflug


ÖKO-TEST Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 12/2011 vom 25.11.2011

„Zink hilft bei Erkältungen“ titelten Anfang des Jahres unisono Spiegel Online, Focus Online und Süddeutsche Zeitung. Doch wer sich die zugrundeliegenden Studien genauer anschaut, kommt schnell auf den Boden der Tatsachen: Die beobachteten Effekte sind überaus bescheiden und selbst die Autoren halten eine allgemeine Empfehlung zur Anwendung von Zinkpräparaten für nicht gerechtfertigt.


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Fotos: Valua Vitaly/Fotolia.com, CCVision.de, Stockbyte, photodisc

Eigentlich war die Sache klar: „Vitamin-C- und Zinktabletten verhindern oder heilen Erkältung nicht.“ So überschrieb die Deutsche Gesellschaft für Ernährung ...

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Eigentlich war die Sache klar: „Vitamin-C- und Zinktabletten verhindern oder heilen Erkältung nicht.“ So überschrieb die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) im Oktober 2008 eine Pressemitteilung und erklärte: „Für die Funktion des Immunsystems muss der Mensch ausreichend mit Nährstoffen versorgt sein.

Eine unzureichende Zufuhr von Vitamin C oder Zink kann sich unter anderem in einer erhöhten Infektanfälligkeit äußern. Hilft im Umkehrschluss eine Nahrungsergänzung mit diesen Nährstoffen, um Infektionen vorzubeugen oder zu behandeln? Nein (…): Die Wirksamkeit der Supplementation von Vitamin C und Zink zur Prävention und Behandlung von Erkältungen in der Allgemeinbevölkerung ist wissenschaftlich nicht bewiesen.“

Im Februar dieses Jahres sah jedoch plötzlich alles ganz anders aus. „Zink hilft bei Erkältungen“, titelte Spiegel Online, „Zink reduziert Erkältungsdauer“, hieß es bei Focus Online, „Zink hilft gegen Erkältungen – Kürzere und weniger Beschwerden bei grippalen Infekten“ verkündete die Süddeutsche Zeitung.

Für den Aufruhr sorgte nicht etwa eine neue kli- nische Studie. Stattdessen hatten sich Meenu Singh und Rashmi Das vom medizinischen Ausbildungs- und Forschungsinstitut in Chandigarh, Indien, die Arbeit gemacht, Datenbanken systematisch nach Zink und Erkältungen zu durchforsten.

Sie suchten nach Studien, in denen Zinkpräparate entweder therapeutisch zu Beginn eines grippalen Infekts oder über Monate hinweg vorbeugend eingenommen wurden. Sie fanden 15 kontrollierte Studien mit insgesamt 1.360 Teilnehmern aller Altersgruppen, in denen Zink mit einem Scheinmedikament verglichen wurde. Ihre Ergebnisse hinsichtlich Dauer und Schwere sowie Häufigkeit von Erkältungen haben sie in Form eines Cochrane Reviews zusammengefasst.

Tatsächlich kommen sie auf den ersten Blick zu Schlussfolgerungen, die die Einnahme von Zink zu rechtfertigen scheinen: Wird das Spurenelement innerhalb der ersten 24 Stunden nach Auftreten der ersten Symptome eingenommen, dauert die Erkältung bei ansonsten gesunden Menschen weniger lang und verläuft weniger schwer. Kinder, die für mindestens fünf Monate täglich 10 bis 15 Milligramm (mg) Zink geschluckt hatten, litten seltener an Erkältungen, sie fehlten nicht so oft in der Schule und ihnen wurden weniger Antibiotika verschrieben.

Der Teufel steckt jedoch wieder mal im Detail. Zum einen sind die beobachteten Effekte vergleichsweise bescheiden: Die Dauer der Erkältung verkürzte sich im Mittel gerade einmal um einen Tag. Zudem war man bei der Dosierung nicht zimperlich: Die Erwachsenen nahmen täglich 30 bis 160 mg Zink ein. Zum Vergleich: Hierzulande zur Behandlung eines Zinkmangels erhältliche Arzneimittel enthalten gerade einmal bis zu 25 mg Zink in einer Tagesdosis. Da wundert es nicht, wenn in den ausgewerteten Studien immer wieder Nebenwirkungen beschrieben werden. Insbesondere zinkhaltige Lutschtabletten sorgten häufig nicht nur für schlechten Geschmack auf der Zunge, sondern auch für Übelkeit.

ÖKO-TEST rät

•Für eine etwaige vorbeugende Einnahme von Zinkpräparaten zur Verhinderung von Erkältungen gibt es derzeit keinen Grund, die vorliegenden Studien reichen nicht aus, um eine solche Empfehlung auszusprechen.

•Wer sich ausgewogen ernährt, braucht die getesteten Produkte nicht. Gute Zinkquellen sind Rind- und Schweinefleisch, Geflügel, Eier, Milch und Käse. Die besten Vitamin-C-Quellen sind Obst und Gemüse sowie daraus hergestellte Säfte.

•An Zinkmangel können Menschen mit chronisch entzündlichen Darmerkrankungen, Diabetes, Neurodermitis und Schuppenflechte leiden. Ob im Einzelfall ein Mangel vorliegt, kann der Arzt feststellen, der dann nötigenfalls ein entsprechend hoch dosiertes Medikament verordnet.

Untersuchungen an chronisch kranken Patienten fehlen

Singh und Das machen noch auf zwei weitere Probleme aufmerksam: Für eine allgemeine Empfehlung zur Anwendung von Zink bei Erkältungen reichen die Daten nicht aus. Und: Weder die optimale Einnahmedauer noch die ideale Dosierung oder die Darreichungsform ließen sich aus den vorliegenden Studien ableiten. Zudem fehlen Untersuchungen an chronisch Kranken, Immungeschwächten und Asthma- patienten – Menschen also, denen eine Erkältung prinzipiell gefährlich werden kann. Angesichts der euphorischen Berichterstattung mag bei vielen Bundesbürgern hängen geblieben sein, dass Zinkpräparate bei Erkältungen sinnvoll sind. Davon profitieren vor allem die Hersteller entsprechender Präparate. ÖKO-TEST hat deshalb 25 Nahrungsergänzungsmittel mit Zink und Vitamin C eingekauft. Denn auch Vitamin C wird nachgesagt, dass es das Immunsystem positiv beeinflusst. Wir wollten wissen: Wie viel Zink und Vitamin C stecken in den Produkten? Was versprechen die Anbieter? Und wem nutzt die Einnahme?

Kompakt

EFSA prüft Health Claims

Um überbordenden gesundheitsbezogenen Angaben einen Riegel vorzuschieben, wurde Ende 2006 die sogenannte Health-Claims-Verordnung erlassen. Speziell zu Vitamin C und Zink hat die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) schon einige Claims bewertet, die aber noch nicht offiziell von der EU verabschiedet worden sind. Durchgewunken hat die EFSA Formulierungen, die besagen, dass Zink und Vitamin C zu einer normalen Funktion des Immunsystems beitragen. Zugleich weist die EFSA aber darauf hin, dass eine zu geringe Zinkaufnahme, die zu einer verschlechterten Funktion des Immunsystems führt, in der allgemeinen Bevölkerung der EU nicht vorkommt. Im Hinblick auf Vitamin C heißt es lapidar, dass die Mengen, die eine Nahrungsergänzung enthalten sollte, um zur normalen Funktion des Immunsystems beizutragen, leicht mit einer abwechslungsreichen Ernährung zu erreichen sind.

Unterversorgung nicht nachweisbar

Täglich 100 mg vom wasserlöslichen Vitamin C sowie für Frauen 7 mg und für Männer 10 mg Zink sollten wir mit der Nahrung zu uns nehmen. Diese Mengen empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Ernährung in ihren Referenzwerten für die Nährstoffzufuhr. Tatsächlich liegt die Zufuhr sowohl von Vitamin C (rund 130 mg) als auch von Zink (9,1 mg bei Frauen, 11,6 mg bei Männern) im Mittel über den Referenzwerten, hat die Nationale Verzehrsstudie II (NVS II) ergeben. Nichtsdestotrotz erreichen jeweils rund 30 Prozent der Studienteilnehmer nicht die empfohlene tägliche Zufuhrmenge. Dies bedeutet aber nicht zwangsläufig einen Nährstoffmangel. Denn jeder Mensch hat je nach Alter, Größe, Geschlecht und körperlicher Belastung einen anderen Nährstoffbedarf. Die Zufuhrempfehlungen leiten sich zudem aus einem Durchschnittsbedarf plus einem Sicherheitszuschlag ab.

Das Testergebnis

Nicht zu empfehlen: Kein getestetes Nahrungsergänzungsmittel kommt über ein „befriedigend“ hinaus. Die Mehrzahl der Produkte schneidet mit „mangelhaft“ oder „ungenügend“ ab. Grund: Für einen Nutzen solcher Präparate gibt es keinerlei Belege. Eine vollwertige Ernährung enthält prinzipiell ausreichende Mengen an Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen, um den Bedarf eines Erwachsenen problemlos zu decken. Um etwaige positive Wirkungen bei Erkältungen erzielen zu können, enthalten die untersuchten Präparate im Übrigen viel zu wenig Zink. Die in den Studien angesprochenen Mengen dürfen in Nahrungsergänzungsmitteln nämlich überhaupt nicht zum Einsatz kommen, denn per Verordnung sind sie definiert als Lebensmittel, die die allgemeine Ernährung ergänzen, aus einem Konzentrat von Nährstoffen oder sonstigen Stoffen mit ernährungsspezifischer oder physiologischer Wirkung bestehen und in dosierter Form in abgemessenen kleinen Mengen in den Verkehr gebracht werden.
Zu viel kann schaden: Zwei von drei Präparaten enthalten für ein Nahrungsergänzungsmittel zu viel Zink, eines von dreien zu viel Vi- tamin C. Mangels gesetzlich geregelter Höchstmengen für Vitamine und Mineralstoffe in Nahrungsergänzungsmitteln orientieren wir uns weiter an den Empfehlungen des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR), das bereits 2004 entsprechende Vorschläge unterbreitet hat. Das BfR ordnet Zink bei der Klassifikation von Nährstoffen der höchsten Risikoklasse zu – der Abstand zwischen der täglichen Aufnahme und der tolerablen oberen Grenze ist gering. Eine erhöhte Zinkzufuhr kann zu Kupfermangel und zu Störungen in der Blutbildung führen. Das BfR schlägt für Zink in Nahrungsergänzungsmitteln eine tägliche Höchstmenge von 2,25 mg vor, häufig stecken in einer Tagesdosis aber 5 bis 10 mg. Außerdem stellt das BfR klar, dass Kinder und Jugendliche keine Nahrungsergänzungsmittel mit Zink verzehren sollten. Die meisten Hersteller weisen darauf nicht hin. Für Vitamin C empfiehlt das BfR eine Tageshöchstdosis von 225 mg in Nahrungsergänzungsmitteln. In einigen getesteten Produkten sind es aber 300 bis 500 mg.

Keine Regelungen zu Höchstmengen in Sicht

Obgleich die bereits im Juni 2002 verabschiedete EU-Richtlinie 2002/46/EU vorsieht, dass für Vitamine und Mineralstoffe in Nahrungsergänzungsmitteln Höchstmengen festzusetzen sind, ist dies bis heute nicht geschehen. Auf Anfrage von ÖKOTEST heißt es von EU-Seite, die Kommission habe ausführliche Konsultationen mit den Mitgliedsstaaten und Interessenvertretern abgehalten und arbeite an diesem komplexen Sachverhalt. Auch das Bundesinstitut für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) vermag nicht abzusehen, wann mit einer gesetzlichen Regelung zu rechnen ist. „Der letzte offizielle Sachstand hierzu ist das Orientation Paper der Europäischen Kommission aus dem Jahr 2007“, teilte uns das BVL mit.

Der Experte Dauerinfusion mit Vitamin C ist unnötig

Prof. Peter Stehle , Institut für Ernährungsund Lebensmittelwissenschaften, Universität Bonn


„Es besteht keine Notwendigkeit, eine ‚Dauerinfusion‘ mit Vitamin C durchzuführen. Die Zellen sind im physiologischen Zustand mit Vitamin C gesättigt; erst wenn mehrere Tage lang überhaupt kein Vitamin C aufgenommen wird, verschlechtert sich dieser Zustand deutlich.“

Auslobungen wecken überzogene Erwartungen: Aussagen wie „zur Unterstützung der Abwehrkräfte“ oder „besonders wichtig bei nasskalter Witterung“ dienen lediglich dem Marketing: Weder schützt die Einnahme von Zink und Vitamin C vor Erkältungen noch verkürzt sie deren Dauer wesentlich. Trotzdem finden sich entsprechende Hinweise auf fast allen Produkten. Etliche Hersteller beschreiben dabei nicht die Wirkung des Präparats, sondern die Eigenschaften von Vitamin C oder Zink. Wir halten es aber für selbstverständlich, dass Verbraucher diese Eigenschaften auch auf das Produkt übertragen und sehen diese Aussagen deshalb in jedem Fall kritisch. Weitere Auslobungen beschreiben nützliche Eigenschaften von Vitamin C und Zink, die auf der einen Seite zwar richtig sind, auf der anderen Seite aber auch so trivial, dass man getrost darauf verzichten kann. Dazu zählen wir auch den von der EFSA akzeptierten Health Claim, wonach Zink und Vitamin C „zu einer normalen Funktion des Immunsystems beitragen“.
Depoteffekt bringt keine Vorteile: Auf der Verpackung oder dem Beipackzettel einiger Produkte wird mit einer Depot- oder Langzeitwirkung geworben, zum Beispiel auf den Cetebe Abwehr Plus Vitamin C + Zink Komplex, Kapseln: „Durch die Zeitperlen-Technologie wird das Vitamin C (…) kontinuierlich dem Körper von morgens bis abends zur Verfügung gestellt.“ Das bringt dem Anwender aber keinerlei Vorteile. „Hinsichtlich einer kontinuierlichen Bereitstellung (im Darm) von Vitamin C über den Tag kenne ich keine Studie, die die Sinnhaftigkeit dieser Maßnahme belegt“, erklärt Professor Peter Stehle, Ernährungswissenschaftler an der Universität Bonn.

So haben wir getestet

Kauf mich , Du brauchst mich – oder nicht? Sind Werbesprüche auf der Verpackung überhaupt durch Studien belegt?


Der Einkauf

Die Präparate haben wir in Drogerien, beim Discounter, im Reformhaus und in der Apotheke eingekauft. Nahrungsergänzungsmittel, auf denen außer Vitamin C und Zink noch weitere Inhaltsstoffe auf der Verpackung angegeben sind, wurden nicht berücksichtigt.

Die Inhaltsstoffe

Wie viel Zink und Vitamin C die Produkte liefern, wurde anhand der Nährwertangaben und der Verzehrempfehlungen auf den Produkten ermittelt. Wird Acerola als natürliche Vitamin-C-Quelle ausgelobt, haben wir über die Zutatenliste geprüft, ob Zubereitungen aus Acerola tatsächlich ein Hauptbestandteil und damit die Hauptquelle für Vitamin C im Produkt sind.

Die Deklaration

Pillen, die einfach nur die Nahrung ergänzen sollen, werden von Anbieterseite aus mit Auslobungen versehen, die den Verbraucher von ihrer Notwendigkeit überzeugen sollen. Wir haben geprüft, was davon durch Studien belegt und was der Fantasie des Marketings entsprungen ist.

Die Bewertung

Dass keines der getesteten Nahrungsergänzungsmittel mit einem „gut“ oder gar „sehr gut“ abschneidet, liegt vor allem an dem fehlenden Nutzen für den gesunden Verbraucher. Alles, was in diesen Tabletten und Kapseln steckt, liefert auch eine abwechslungsreiche Ernährung. Ganz schnell im roten Bereich landen die Produkte dann, wenn die Hersteller zu viel versprechen und die Gehalte an Zink und Vitamin C erhöht sind.