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Therapien für Kinder: Muss oder Mode?


ÖKO-TEST Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 6/2010 vom 09.06.2010

Fast die Hälfte der deutschen Schulkinder hat schon einmal eine Therapie gemacht. Das wirft Fragen auf: Wird zu schnell therapiert? Oder brauchen tatsächlich immer mehr Kinder Hilfe?


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An Chris drohten die Erzieher zu verzweifeln. Schon vor seinem ersten Geburtstag war er in Pflege gegeben worden, mit drei kam er ins Kinderheim. Dort fuhrte er sich wild auf und legte es darauf an, die anderen Kinder zu verletzen. Mal legte er Glasscheiben aus, mal schuttete er Putzmittel ins Essen. Als Chris im Alter von sieben Jahren der Psychotherapeutin vorgestellt wurde, konnte er kaum sprechen. Er ...

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An Chris drohten die Erzieher zu verzweifeln. Schon vor seinem ersten Geburtstag war er in Pflege gegeben worden, mit drei kam er ins Kinderheim. Dort fuhrte er sich wild auf und legte es darauf an, die anderen Kinder zu verletzen. Mal legte er Glasscheiben aus, mal schuttete er Putzmittel ins Essen. Als Chris im Alter von sieben Jahren der Psychotherapeutin vorgestellt wurde, konnte er kaum sprechen. Er bestand darauf, das Therapiezimmer nur mit Sonnenbrille und tief ins Gesicht gezogener Baseballkappe zu betreten. Von der Therapeutin wandte er sich standig ab.

Fur die Psychoanalytikerin und Kinderpsychotherapeutin Dr. Eva-Maria Topel war klar, dass Chris kein „boses“ Kind ist, sondern Angst vor Kontakt hat.

Deshalb lies sie ihn viele Therapiestunden lang spielen, was er wollte und hielt sich im Hintergrund. Chris fuhr mit grosen Spielzeuglastern kleine Autos uber den Haufen und schoss mit der Kinderarmbrust. Dabei drehte er Dr. Topel anfangs immer den Rucken zu. Nach einigen Stunden begann er jedoch, der Therapeutin fast unmerklich Blicke zuzuwerfen. Das steigerte sich uber Wochen hinweg, bis Chris es schaffte, sie direkt anzuschauen. Bald begann der Junge sogar mit der Therapeutin zu spielen, am liebsten Gameboy – weil ihm dieses Spielzeug die Moglichkeit bot, den Blick auf den Bildschirm statt auf die Mitspielerin zu richten, wenn ihm der menschliche Kontakt zu stressig wurde.

Kontakt ohne Worte

Innerhalb eines knappen Jahres hatte Chris es mithilfe der Psychotherapeutin und des Spiels geschafft, sich anderen Menschen zuzuwenden. Er konnte sogar eingeschult werden. In der Kindertherapie sind Spiele wichtig, um Kontakt herzustellen – oft ganz ohne Worte. Das Spielverhalten lasst auserdem Schlusse daruber zu, was in einem Kind vorgeht. Spielend verarbeiten Kinder Erfahrungen und Gefuhle, lernen neue Fertigkeiten und soziales Miteinander. Deshalb arbeiten nicht nur Psychotherapeuten, sondern auch Ergo- und Sprachtherapeuten oder Physiotherapeuten haufig mit spielerischen Mitteln.

Mitunter sind Eltern skeptisch: Was soll es bringen, wenn der Therapeut mit dem 14-Jahrigen Tischfusball spielt oder mit der Achtjahrigen ein Puppentheater auffuhrt? Und doch versprechen sie sich etwas davon, denn immer mehr Eltern vertrauen ihr Kind einem Therapeuten an. Fast jedes zweite schulpflichtige Kind hat bereits therapeutische Hilfe bekommen. Das zeigt eine reprasentative Forsa-Umfrage im Auftrag der Techniker Krankenkasse. Mehr als jedes vierte Kind zwischen sechs und 18 Jahren erhielt Sprachtherapie, fast jedes funfte Ergotherapie, ebenso viele Kinder waren bei der Krankengymnastik. Mindestens eins von zehn Kindern wurde psychotherapeutisch betreut.

Kranke Kinder

Laut der Kinder-Gesundheitsstudie KIGGS des Robert-Koch-Instituts, leiden in Deutschland etwa 21 Prozent der Kinder und Jugendlichen unter psychischen Auffalligkeiten. Andere Studien kommen sogar zu noch hoheren Werten. Allein von Essstorungen soll jedes dritte junge Madchen betroffen sein. Eine Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitatsstorung (ADHS) wurde bei acht Prozent der Jungen in Deutschland arztlich diagnostiziert. Die Zahlen erschrecken. Warum sind heute so viele junge Menschen krank? Ist vielleicht sogar das eigene Kind betroffen? Waren Kinder fruher widerstandsfahiger oder hatten sie vielleicht genauso grose Probleme, nur kummerte sich niemand darum oder die Storungen wurden schlicht nicht erkannt? Oder wird heute zu schnell behandelt – ist es eine seltsame Mode geworden, sein Kind zum Therapeuten zu schicken? „Die Frage danach, warum so viele Kinder heute therapiert werden, wird von den Fachleuten sehr kontrovers diskutiert“, sagt Dr. Ulrich Fegeler, Sprecher des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendarzte in Deutschland.

Das Robert-Koch-Institut als deutscher Gesundheitswachter verhalt sich neutral und stellt fest: Ob Jugendliche und Kinder heute verhaltensauffalliger sind als noch vor 20 Jahren, kann man nicht sagen, weil keine methodisch vergleichbaren Studien dazu vorliegen.

War früher alles besser?

Manche Experten sind uberzeugt: Die Kinder haben sich nicht verandert – wohl aber die Einstellung der Erwachsenen. Ein prominenter Vertreter dieser These ist der Schweizer Kinderarzt Remo Largo. Er sagt: „Ich befurchte, Kinder werden zunehmend verpathologisiert.“

Eltern wirft er mangelnde Toleranz selbst fur kleinste Abweichungen von der „Norm“ vor. Einen unguten Perfektionierungsdrang beobachtet auch Professor Harald Bode, ehemaliger Prasident der Deutschen Gesellschaft fur Sozialpadiatrie und Jugendmedizin. Bode moniert die „maximale Erwartungshaltung“, den Wunsch nach dem „perfekten und jederzeit reibungslos funktionierenden Kind“. Dass 30 Prozent der Kinder eines Geburtsjahrgangs heute schon im Vorschulalter professionelle Forderund Therapiemasnahmen durchlaufen, halt der Ju gendmediziner fur ubertrieben und schadlich.

Therapeuten haben Schweigepflicht

Werden Kinder psychotherapeutisch behandelt, sind die Eltern eng eingebunden. Trotzdem besteht grundsätzlich eine Schweigepflicht des Therapeuten den Eltern gegenüber. „Das bringt den Therapeuten mitunter in die Zwickmühle. Er muss im Einzelfall zwischen Nutzen und Schaden abwägen“, räumt Dr. Ingo Spitczok von Brisinski vom Berufsverband für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie in Deutschland (BKJPP) ein. Zum Beispiel: Wenn das Kind gemobbt wird, aber weder Eltern noch Lehrer etwas davon wissen, riskiert der Therapeut, dass das Kind weiter geplagt wird, wenn er niemanden informiert. „In fast allen Fällen ist es möglich, durch Gespräche mit dem Kind einen Weg zu finden, die Eltern doch einzuweihen“, sagt Dr. Spitczok von Brisinski. Nur in Ausnahmefällen wird der Therapeut im Interesse des Kindes seine Schweigepflicht brechen.

Therapien sind aus ethischen und rechtlichen Gründen freiwillig. Theoretisch könnte schon ein Zweijähriger die Behandlung ablehnen. In der Praxis zählt jedoch das, was Eltern und Therapeut für das Beste halten. Wenn das Kind durch sein Verhalten sich selbst oder andere gefährdet, kann eine Therapie richterlich angeordnet werden.

Kompakt

Angststörungen

Bei kleinen Kindern sind unrealistische Ängste ganz normal. Verliert sich diese Angst nicht oder entwickelt das Kind regelrecht Panik vor harmlosen Dingen, kann eine Angststörung vorliegen. Rund zehn Prozent der Kinder und Jugendlichen sollen unter Ängsten leiden, so das Robert-Koch-Institut. Ängste können sich durch körperliche Symptome äußern wie Bauchschmerzen, Herzklopfen, Zittern und Schwitzen. Das Kind versucht alle Situationen zu vermeiden, in denen es mit dem Gefürchteten konfrontiert werden könnte.

Tics

Manche Kinder führen über einen längeren Zeitraum hinweg unsinnige Bewegungen aus oder geben sinnlose Geräusche von sich. Das Verhalten nimmt zu, wenn das Kind unter Anspannung steht. Wenn ein Kind diese Handlungen selbst nicht beeinflussen kann, liegt eine Tic-Störung vor. Tics verlieren sich in vielen Fällen von allein, bei etwa einem Prozent der Kinder dauern sie jedoch länger als ein Jahr und gelten damit als chronisch. Viele von Tics betroffene Kinder sind zugleich hyperaktiv.

Zwangsstörungen

Wer unter einer Zwangsstörung leidet, muss bestimmte Dinge tun oder denken, obwohl er sich innerlich dagegen wehrt. Eine typische Zwangsstörung ist ständiges Händewaschen. Manche Kinder zählen oder ordnen zwanghaft Gegenstände. Wird das Kind an seinen Ritualen gehindert, reagiert es mit Angstzuständen. Als Ursachen kommen biologische, erbliche und soziale Faktoren infrage. Manche Kinder reagieren mit einer Zwangsstörung auf belastende Ereignisse. Man schätzt, dass etwa zwei Prozent aller Kinder und Jugendlichen von einer Zwangsstörung betroffen sind. Das Durchschnittsalter bei Erkrankungsbeginn liegt bei zehn bis 13 Jahren.

Kompakt

Foto: irisblende.de

Einnässen und Einkoten

Ausscheidungsstörungen gehören zu den häufigsten Problemen im Kindesalter. Zehn Prozent der Siebenjährigen und ein bis zwei Prozent der Jugendlichen nässen nachts ein. Zunächst sollte man organische Ursachen wie Harnwegserkrankungen ausschließen. Die Ursache für das Problem kann anlagebedingt sein, belastende Ereignisse im Leben des Kindes können ebenfalls eine Rolle spielen.

Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung (ADHS)

Auf eine ADHS deuten drei Kernsymptome hin: motorische Unruhe, stark eingeschränkte Konzentrationsfähigkeit und große Impulsivität. Die Symptome zeigen sich mitunter schon im Kleinkindalter, oft wird die Störung aber erst nach der Einschulung erkannt, wenn das Kind mit höheren Anforderungen an Aufmerksamkeit, Selbstorganisation und soziales Verhalten konfrontiert wird. Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts wird bei fünf Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland eine ADHS diagnostiziert. Eine eindeutige Ursache für die Störung hat man noch nicht gefunden, man geht davon aus, dass sowohl neurobiologische als auch psychologische und soziale Faktoren eine Rolle spielen.

Selbstverletzung

Selbstverletzendes Verhalten betrifft vor allem Jugendliche. Fachleute sehen darin keine Krankheit, sondern ein Symptom für schwere seelische Belastungen. Die Selbstverletzung dient als Ventil für innere Leere, Spannungszustände, Trauer und Selbsthass. In Europa bringen sich etwa vier bis zehn Prozent der 15- bis 16-Jährigen selbst Verletzungen bei.

Ob eine körperliche Störung für das Problem des Kindes verantwortlich ist, sollte der Kinderarzt untersuchen.


Foto: Banana Stock

Besorgte Eltern – gleichgültige Eltern

Die Optimierung des Filius als Lifestylephanomen: „Ja, das kommt vor – aber es betrifft nur eine Minderheit“, halt Dr. Ulrich Fegeler dagegen. Seiner Erfahrung nach verschreiben Kinderarzte zunehmend Therapien, weil ihnen bei Untersuchungen immer mehr in ihrer Entwicklung vernachlassigte Kinder vorgestellt werden. Kinder, die den ganzen Tag vor dem Fernseher geparkt werden, denen niemand Geschichten erzahlt, mit denen keiner Radfahren ubt, mit denen kaum gesprochen wird. „Diesen Kindern fehlt jede Anregung.

Sie werden weder sprachlich, noch in ihrem Spiel- oder Sozialverhalten ausreichend gefordert.“ Wenn Kinder Fortschritte machen sollen, brauchen sie aber Anstose, Unterstutzung, jemanden, der sich kummert. Wenn das im Alltag nicht funktioniert, sei die Verschreibung einer Therapie nicht mehr als der „verzweifelte Versuch“, benachteiligte Kinder zu fordern, so Dr. Fegeler. Die Kinder-Gesundheitsstudie KIGGS stutzt die Einschatzung des Berliner Kinder- und Jugendarztes.

Sie kommt zu dem Schluss, dass Kinder aus sozial benachteiligten Verhaltnissen mehr als doppelt so haufig Auffalligkeiten zeigen wie Kinder aus finanziell gut gestellten Familien. Deshalb ist Professor Veit Rosner, Arztlicher Direktor der Klinik und Poliklinik fur Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie am Universitatsklinikum Dresden, froh daruber, dass die Sensibilitat fur Probleme der Kinder groser wird.

„Vielleicht gibt es heute nicht mehr Storungen als fruher – aber sie storen mehr“, stellt er fest. Der Alltag wird immer komplexer, gleichzeitig losen sich die sozialen Strukturen auf. Wer nicht „funktioniert“ bleibt da leicht auf der Strecke.

Überforderte Kinder

Auch die Eltern bereiten Kindern Probleme – weil sie oft nicht mehr erziehen. In der Therapie erleben Kinder mitunter zum ersten Mal, dass ein Erwachsener auf den Tisch haut und sagt: Jetzt ist Schluss! „Dann ist das Gezeter gros. Aber im Nachhinein sagen mir die Kinder: Das Beste an der Therapie war, dass ich Sie nicht um den Finger wickeln konnte“, erzahlt Professor Rosner.

Die Eltern als Fels in der Brandung, als diejenigen, die es schon richten werden: Das kennen viele Kinder nicht mehr. Stattdessen machen manche Eltern ihr Kind zum Partner – und uberfordern es damit total. „Manche dieser Kinder und Jugendlichen kommen von sich aus in unsere Klinik, um endlich einmal eine Pause zu bekommen“, berichtet Veit Rosner.

Doch das sind Ausnahmen. Normalerweise fuhrt der Weg zum Therapeuten uber den Kinderarzt. Das ist sinnvoll, um korperliche Ursachen fur Auffalligkeiten auszuschliesen. Einige Verfahren, zum Beispiel Ergotherapie und Physio therapie, mussen vom Kinder- oder Hausarzt verordnet werden.

Umstrittene Medikamente

■ Psychopharmaka für Kinder und Jugendliche werden kontrovers diskutiert. Unbestritten ist, dass Medikamente, die Erwachsenen helfen, bei Kindern und Jugendlichen Schaden anrichten können. Andererseits können die richtigen Medikamente auch bei Kindern Störungen bessern oder erst die Voraussetzung dafür schaffen, dass dem Kind mit anderen therapeutischen Mitteln geholfen werden kann. Ob Kinder Medikamente brauchen, hängt auch davon ab, wie gut sie zu Hause unterstützt werden. Wenn sich die Eltern wenig um ihr Kind mit Auffälligkeiten kümmern, geht es mitunter nicht ohne Tabletten.
■ Grundsätzlich sollten Psychopharmaka nur als Teil eines therapeutischen Gesamtkonzepts verordnet werden. Eine besonders sorgfältige Diagnose ist vor der Behandlung unverzichtbar. Dazu gehören körperliche, neurologische und psychologische Untersuchungen. Außerdem muss der Arzt die individuelle Situation des jungen Patienten berücksichtigen: Wie stark fühlt sich das Kind beeinträchtigt? Wie schätzen Eltern, Lehrer oder Erzieher die Lage ein?
■ Werden dem Kind Medikamente verschrieben, ist die Dosierung genau einzuhalten. Sehr wichtig ist außerdem eine regelmäßige Kontrolle des Therapieverlaufs.

Die Grenze zwischen Erziehungsproblemen und einer Storung im medizinischen Sinn ist nicht immer leicht zu ziehen. Gerade deshalb fallt es Eltern – obwohl sie ihr Kind am besten kennen – oft so schwer, zu entscheiden, ob der Nachwuchs Behandlung braucht. „Unser Rat lautet: Wer ein Problem bei seinem Kind sieht, sollte auf jeden Fall fruhzeitig einen Termin beim Kinderund Jugendpsychiater vereinbaren. Dann kann man immer noch abwarten, ob sich die Auffalligkeit von selbst oder mit Veranderungen im Familienalltag bessert“, empfiehlt Professor Rosner.

Warten auf einen Therapieplatz

Die Einschatzung, dass Kinder ubertrieben therapiert werden, kann der Mediziner nicht teilen. Im Gegenteil: „Es fallen immer noch zu viele Kinder durchs Raster“. Gerne wurden die Therapeuten mehr fur Pravention und Aufklarung tun.

„Doch das kommt zu kurz. Wir kummern uns um die Behandlung der Schwerstfalle – viel mehr ist nicht drin.“ Nachwuchsprobleme bei den Facharzten und Kosteneinsparungen im Gesundheitswesen machen es nicht nur schwer, alle Kinder zu erfassen, die Hilfe brauchten. Sie fuhren auch zu zum Teil betrachtlichen Wartezeiten auf einen Therapieplatz. Regional ist die Versorgung sehr unterschiedlich, doch im Bundesdurchschnitt mussen Kinder auf eine psychiatrische oder psychotherapeutische Behandlung zwischen drei und sechs Monaten warten, manchmal auch ein Jahr. Soforthilfe gibt es nur in Notfallen – zum Beispiel bei Selbstmordgefahr.

Erschwerend kommt hinzu, dass fur die Behandlung von Kindern und Jugendlichen qualifizierte Psychiater oder Psychotherapeuten unterschiedliche Schwerpunkte haben. „Ein Therapeut, der bei Angststorungen Hervorragendes leistet, kann bei Autismus unter Umstanden weniger gut abschneiden“, verdeut- licht Dr. Ingo Spitczok von Brisinki, Vorstandsmitglied im Berufsverband fur Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie in Deutschland (BKJPP). Um an die richtige Adresse zu geraten, empfiehlt der Experte, sich an Selbsthilfegruppen zu wenden. Bundesweit etablierte Selbsthilfegruppen gibt es zu unterschiedlichen Storungen wie Tics oder ADHS.

Kompakt

Gestörtes Sozialverhalten

Ständiges Verstoßen gegen Regeln und die Missachtung anderer kann auf ein gestörtes Sozialverhalten hindeuten. Auf diese Weise gestörte Kinder neigen zu Aggressivität, Lügen, Stehlen, verweigern die Schule. Umfragen ergaben, dass Eltern sechs Prozent der Jungen und drei Prozent der Mädchen für stark aggressiv halten. Soziale Faktoren spielen bei dieser Störung die Hauptrolle, auch erbliche Ursachen kommen infrage.

Sprachstörungen

Laut Robert-Koch-Institut sind von ausgeprägten Sprachstörungen fünf Prozent der Kinder betroffen, zwei Drittel davon Jungen. Die Kinder haben Schwierigkeiten mit der Artikulation, ihr Wortschatz ist klein, auch das Sprachverständnis bereitet ihnen Probleme.

Essstörungen

Essstörungen zählen im Kindes- und Jugendalter zu den häufigsten chronischen Gesundheitsproblemen. Mehr als ein Fünftel der Kinder und Jugendlichen zwischen elf und 17 Jahren leiden an einer Essstörung. Mädchen sind häufiger betroffen als Jungen. Zu den Essstörungen zählen hauptsächlich Magersucht, Ess- und Brechsucht sowie Binge Eating (Essanfälle). Manchmal gehen die Krankheitsbilder ineinander über. Hinter den Störungen stehen meist emotionale Probleme und ein geringes Selbstwertgefühl. Die Betroffenen versuchen, ihr Problem vor Familie und Freunden zu verheimlichen. Das gestörte Essverhalten macht auch körperlich krank, Magersucht kann in extremen Fällen zum Tod führen.

Depressionen

Anhaltende Bedrücktheit und Hoffnungslosigkeit, Antriebsmangel, sozialer Rückzug und fehlendes Selbstvertrauen können auf eine Depression hindeuten. Depressionen bei Kindern und Jugendlichen können durch belastende Lebensereignisse ausgelöst werden. Nicht selten liegt eine depressive Erkrankung in der Familie bereits vor.

Gelegentliche Angst ist normal. Verlieren sich unbegründete Ängste bei älteren Kindern nicht, kann das auf eine Störung deuten.


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Scham und Angst

Nicht selten fallt es Eltern jedoch schwer, Hilfen anzunehmen. Auch wenn immer wieder von einem Therapieboom die Rede ist: Die Erkenntnis, dass mit Sohn oder Tochter etwas nicht stimmt, macht erst mal Angst. Besonders gros sind die Hemmschwellen vor dem Gang zum Psychotherapeuten oder Psychiater. Zu Schamgefuhlen kommt die Sorge der Eltern: Was passiert dort mit meinem Kind? Wie wird es behandelt, bekommt es Medikamente? In eine psychotherapeutische Behandlung sind die Eltern eng eingebunden. Bei einer ambulanten Therapie wird etwa alle vier Sitzungen eine gemeinsame Therapiestunde mit den Eltern abgehalten. Zwischendurch mussen sie mit dem Kind zu Hause uben, Aufgaben losen und es zum Weitermachen motivieren.

Denn die Therapiesitzungen allein reichen nicht, damit dauerhaft Besserung eintritt. Sogar Hausbesuche machen die Arzte oder Therapeuten, um das Bild, das ihnen Eltern und Kind in der Praxis prasentieren, mit der Atmosphare zu Hause abzugleichen. „Nicht immer liegt das Problem beim Kind. Zum Teil sind grundlegende Veranderungen in der Familie notig“, stellt Professor Veit Rosner klar. All das bereitet manchen Vatern und Muttern Unbehagen – und davon profitieren bisweilen die Anbieter alternativer Therapien und Heilmethoden.

Sie werben fast alle mit dem Schlagwort „Ganzheitlichkeit“, wollen „sanft“ helfen. Doch meist fehlt ihnen der Wirksamkeitsnachweis. Da gibt es allerlei Pseudowissenschaftliches und Esoterisches bis hin zu dubiosen Ernahrungsprogrammen.

Fur den Laien ist der Markt der alternativen Therapien kaum zu durchschauen. „Nicht alles ist schlecht – manchmal reicht nur einfach die Studienlage nicht fur die wissenschaftliche Anerkennung“, erlautert Dr. Spitczok von Brisinski. Und manches scheint sogar vorubergehend zu helfen – und sei es nur durch den Placeboeffekt.

Besser keine Experimente

Immerhin gibt es Kriterien, die dabei helfen, ein therapeutisches Angebot zu bewerten. „Wenn etwas viel Geld kostet, ware ich sehr vorsichtig. Alles was hilfreich und notig ist, bezahlt derzeit zum Gluck noch die Krankenkasse“, betont Professor Veit Rosner.

Wenn die Kasse eine Therapie ubernimmt, kann man davon ausgehen, dass es sich um ein anerkanntes Verfahren handelt und dass der Therapeut die vorgeschriebene Ausbildung nachweisen kann. Transparenz ist ein weiteres wichtiges Kriterium: Macht der Behandelnde ein Geheimnis um seine Qualifikation und seine Behandlungsmethoden, werden allzu simple, schwammige oder absonderliche Ursachen fur eine Auffalligkeit genannt, sollten die Alarmglocken schrillen.

Vor jeder seriosen Therapie steht eine ausfuhrliche korperliche und psychische Untersuchung. Ernstzunehmende Therapeuten beziehen die Eltern immer mit ein, besprechen die Behandlungsziele und -verfahren und unterstutzen Vater und Mutter dabei, ihren Kindern zu helfen. Jeder anerkannte Therapeut hat einen Therapieplan, inklusive festgelegter Zeitabschnitte, in denen uberpruft wird, ob die Behandlung hilft. Faustregel: Nach drei Monaten sollte man Fortschritte erkennen konnen. Meiden sollte man alle Offerten, die sich als Losung fur die unterschiedlichsten Storungen anbieten und solche, die Erfolge in Rekordzeit versprechen. Vor der Einstellung: „Ausprobieren kann ja nichts schaden“ warnen Fachleute. Selbst wenn fragwurdige Behandlungsangebote im besten Fall schlicht wirkungslos sind, richten sie Unheil an. Denn: Jede Therapie hat Nebenwirkungen. Fur ein Kind bedeutet es oft Stress, ein oder zwei Mal pro Woche zum Therapeuten zu mussen. Umso schlimmer, wenn die versprochene Wirkung dann ausbleibt. Denn den Grund fur dieses Versagen sucht das Kind unweigerlich bei sich selbst. Kein Wunder, wenn Kinder dann therapiemude werden und nach monatelanger falscher Behandlung eine Therapie verweigern, die ihnen wirklich helfen wurde. Auch der Zeitverlust ist ein groses Problem. Kinder entwickeln sich schnell weiter, ein Jahr, das man mit nutzlosen Sitzungen vertut, ist nicht so leicht wieder aufzuholen. Professor Rosner: „Irgendwann ist der Zug abgefahren. Wenn die Probleme chronisch werden, konnen auch qualifizierte Therapeuten manchmal nur noch schwer helfen.“
Karin Vogelsberg

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Ein Kind in therapeutischer Behandlung braucht die Unterstützung der Erwachsenen, seien es Eltern, Lehrer oder Erzieher.


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Das zahlt die Kasse

■ Als Heilmittel anerkannte Verfahren, die von entsprechend qualifizierten Therapeuten angeboten werden, bezahlt die gesetzliche Krankenversicherung. Wie lange die Therapie dauern darf, ist bei vielen Verfahren festgelegt. In begründeten Fällen kann man eine Verlängerung beantragen. Behandlungsformen wie Ergotherapie oder Physiotherapie müssen vom Kinder- oder Hausarzt verordnet werden.

■ Für eine psychotherapeutische oder psychiatrische Behandlung braucht man kein Rezept vom Kinderarzt. Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die Kosten für psychoanalytisch begründete Verfahren und Verhaltenstherapie (Richtlinientherapie). Den Antrag an die Kasse schreibt der Therapeut. Anschließend prüft ein Gutachter, ob die geplante Behandlung in Art und Umfang gerechtfertigt ist. Vor Antragsstellung sind je nach Therapieverfahren bis zu acht Probesitzungen möglich.

■ Wird die Therapie genehmigt, können Kinder bis zu 70 Stunden Psychotherapie in Anspruch nehmen, in besonderen Fällen bis 120 Stunden. Bei Jugendlichen werden 20 Sitzungen mehr bewilligt. Gruppenbehandlungen werden bis 40 Doppelstunden genehmigt, in besonderen Fällen bis 60 Doppelstunden. Bei Verhaltenstherapien werden sowohl bei Kindern als auch bei Jugendlichen weniger Stunden angesetzt: im Normalfall bis 45, in besonderen Fällen bis zu 60 Stunden.

■ Überschreiten lässt sich das Stundenlimit, wenn klar ist, dass mit Ende der Therapie das Behandlungsziel nicht erreicht wird, aber bei Fortsetzung Aussicht auf Erfolg besteht. Die Höchstgrenze liegt bei 150 Stunden analytischer und tiefenpsychologisch fundierter Psychotherapie für Kinder, bei Jugendlichen sind es 180 Stunden. Verhaltenstherapie darf bei Kindern und Jugendlichen maximal 80 Stunden in Anspruch nehmen.

■ Wenn sich abzeichnet, dass die Therapie in der Regelzeit nicht abgeschlossen werden kann, sollte man frühzeitig den Antrag auf Fortsetzung stellen, damit keine Behandlungslücke entsteht.

■ Bricht der Patient die Therapie ab, will aber später weitermachen, verhalten sich die Kassen meist kulant, wenn die Unterbrechung nur kurz dauert. Bei längeren Pausen muss die Therapie aber komplett neu beantragt werden.

Anerkannte Verfahren

Viele Therapieformen sind wissenschaftlich gut untermauert. Die Kosten dafür werden oft von den Krankenkassen übernommen. Bei diesen seriösen Verfahren kann man darauf vertrauen, dass dem Kind geholfen wird – wie lange der Behandlungserfolg auf sich warten lässt, hängt allerdings vom Einzelfall ab. In der Kinder- und Jugendtherapie werden folgende Behandlungsarten häufig eingesetzt:

Psychoanalytische und tiefenpsychologisch fundierte Therapie

Was wird gemacht? Diese Therapie geht vor allem auf die unbewussten Ursachen einer Storung ein. Wichtig sind die Gefuhle des Kindes, seine Einsicht in die zugrunde liegenden Konflikte. Auf dieser Basis wird daran gearbeitet, das Kind im Umgang mit belastenden Erlebnissen zu starken, Storungssymptome zu beseitigen und die Entwicklung des Kindes zu fordern. Ein vertrauensvolles Verhaltnis zwischen Therapeut und Kind ist bei dieser Methode besonders wichtig. Gearbeitet wird zum Beispiel mit spielerischen und gestalterischen Mitteln. Die begleitende Elternarbeit spielt eine wichtige Rolle.
Für welche Auffälligkeiten geeignet? Neurosen, Traumata, Angste, Essstorungen, Depressionen, selbstverletzendes Verhalten.
Wie sind die Erfolgsaussichten? Die Wirksamkeit dieser Therapieform ist gut belegt. So zeigen Langzeitstudien, dass entsprechend behandelte Kinder und Jugendliche auch 15 Jahre spater noch von der Behandlung profitieren und emotional stabiler sind.
Dauer der Therapie? Das hangt vom Fall ab. Die Krankenkassen bewilligen Kindern und Jugendlichen maximal 150 bzw. 180 Stunden Einzeltherapie.
Was zahlt die Kasse, was muss man selbst zahlen? Die Therapie ist Krankenkassenleistung.

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Verhaltenstherapie

Was wird gemacht? Die Verhaltenstherapie zahlt zu den Psychotherapien. Sie lasst sich in mehr als 50 verschiedene Methoden und Techniken unterteilen. Die Verhaltenstherapie ist praktisch angelegt, es geht um die konkrete Losung von Problemen. Basis ist die Annahme, dass menschliches Verhalten erlernt ist und sich Schadliches folglich auch wieder verlernen oder umlernen lasst. Der Patient wird in die Lage versetzt, seine Gefuhle und sein Verhalten in positiver Weise zu beeinflussen. Dieses positive Verhalten wird eingeubt und stabilisiert. Verhaltenstherapie will also Hilfe zur Selbsthilfe leisten. Wichtiger Teil der Therapie ist das Einuben „richtiger“ Verhaltensweisen, das Kind bekommt deshalb „Hausaufgaben“. Welche Methoden zum Einsatz kommen, hangt vom individuellen Fall ab. Unter anderen konnen Entspannungsverfahren, Selbstmanagement, Kommunikationstraining, Rollenspiele und Konfrontationsverfahren angewendet werden.
Für welche Auffälligkeiten geeignet? Bei vielen Verhaltensauffalligkeiten ist die Verhaltenstherapie eine gut erforschte und bewahrte Methode, die oft eingesetzt wird. Zum Beispiel bei Angststorungen, Zwangsstorungen, psychosomatischen Storungen, Tics, Selbstverletzung, ADHS, Essstorungen, auffalligem Sozialverhalten.
Wie sind die Erfolgsaussichten? Verhaltenstherapie gilt im Kinder- und Jugendalter als der erfolgreichste Ansatz, die Effekte sind wissenschaftlich umfassend belegt.
Dauer der Therapie? Je nach Fall unterschiedlich. Bei Angststorungen zum Beispiel sollte man mit einer halbjahrigen ambulanten Therapie rechnen, so der Berufsverband fur Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (BKJPP). Die Krankenkassen ubernehmen maximal 80 Behandlungseinheiten.
Was zahlt die Kasse, was muss man selbst zahlen? Verhaltenstherapie ist eine Pflichtleistung der gesetzlichen Krankenkassen.

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Physiotherapie

Was wird gemacht? „Die Grenzen zwischen Therapie und Beratung sind bei der Physiotherapie fliesend“, erklart die Gerlinger Physiotherapeutin fur Kinder, Monja Sales Prado. Die Anleitung der Eltern ist oft genauso wichtig wie die Behandlung der Kinder. Kinder-Physiotherapeuten brauchen eine spezielle Ausbildung und uben mit den Kindern haufig spielerisch. Auch Alltagssituationen werden trainiert. „Es geht darum, die Kinder in ihrer normalen Lebenssituation abzuholen“, so Sales Prado.
Die Physiotherapie kennt unterschiedliche Konzepte: Bobath: Geht davon aus, dass das Zentralnervensystem uns zu zielgerichteten Bewegungen befahigt. Ist dieses System beeintrachtigt, kann sich das Kind nicht seinem Alter entsprechend halten und bewegen. Gesunde Entwicklungsschritte sind so nicht moglich. Deshalb fordert die Bobath-Therapie die gesunden Bewegungen. Bewegungsmuster, die der Entwicklung nicht guttun, hemmt der Therapeut. Dabei steht die sogenannte Haltungskontrolle im Mittelpunkt.
Vojta: Geht davon aus, dass bereits bei der Geburt das Programm der idealen Bewegungsentwicklung im Gehirn gespeichert ist. Diese angeborenen Bewegungsmuster kann die Vojta-Therapie in Gang setzen, und zwar durch sanften Druck auf bestimmte Korperzonen, die genau definierte Bewegungen auslosen. Das Kind lernt, die Bewegungen spontan einzusetzen.
Psychomotorik: In der Psychomotorik bilden motorische, psychische und soziale Komponenten eine Einheit. Unruhige, zappelige oder angstliche Kinder sollen durch die Therapie Selbstvertrauen und Freude an der Bewegung gewinnen.
Sensorische Integration: Dabei wird die Wahrnehmung geschult. Therapeuten unterstutzen das Kind dabei, seine Sinneseindrucke in Verbindung zu seinen Erlebnissen zu bringen. Weitere Bereiche der Physiotherapie sind Kinderruckenschule, Manualtherapie, Atemtherapie und Hippotherapie (Therapie auf dem Pferd).
Für welche Auffälligkeiten geeignet? Probleme der korperlichen, geistigen und seelischen Entwicklung. Zum Beispiel verspatetes Laufenlernen, Koordinations- und Gleichgewichtsprobleme, Hyperaktivitat und Unruhe, Haltungsschaden, Fusfehlstellungen, Muskelerkrankungen, Downsyndrom, Sehstorungen (die zu motorischen Problemen fuhren), Asthma, Mukoviszidose, Epilepsie.
Wie sind die Erfolgsaussichten? „Generell gilt, dass Physiotherapie bei Kindern immer gute Erfolge erzielen kann. In welchem Ausmas, kommt auf den individuellen Fall an“, sagt Kinder-Physiotherapeutin Monja Sales Prado. Die Wirksamkeit von Physiotherapie ist wissenschaftlich abgesichert. Wichtig fur den Erfolg ist, dass Masnahme und Indikation zueinanderpassen.
Dauer der Therapie? Je nach Befund und Behandlung dauert eine Sitzung 15 bis 45 Minuten. Handelt es sich nicht um besonders schwere oder chronische Falle, lasst sich meist mit zehn Therapieeinheiten Besserung erzielen.
Was zahlt die Kasse, was muss man selbst zahlen? Wenn die Therapie arztlich verschrieben ist, bezahlt die Krankenkasse. Bei einer Erstversorgung werden zwischen funf und zehn Therapiestunden verordnet. Nicht von den Kassen ubernommen wird die Hippotherapie.

Systemische Therapie/Familientherapie

Foto: Kristian Sekulic/Fotolia.com

Was wird gemacht? Die Systemische Therapie ist eine Weiterentwicklung der Familientherapie. Basis ist die Erkenntnis, dass jeder Mensch von seinem sozialen Umfeld beeinflusst wird. Bei Kindern ist das besonders die Familie. In jeder Familie gibt es unausgesprochene Regeln und Verhaltensmuster. Sie konnen unter Umstanden dazu fuhren, dass sich ein Kind auffallig benimmt. Der Therapeut versucht diese verborgenen Strukturen aufzudecken, damit die Familie eventuell Alternativen dazu finden kann. In die Therapie werden nach Moglichkeit die Personen einbezogen, die dem Kind nahestehen, also Eltern, Geschwister, Lehrer, Bekannte. Geht das nicht, werden die Personen gedanklich integriert, indem sich der junge Patient vorstellt, wie sie auf eine bestimmte Frage antworten wurden. Die Arbeit ist losungsorientiert. Es wird also weniger uber Probleme gesprochen als uber positive Losungsansatze und konkrete Ziele.
Für welche Auffälligkeiten geeignet? Eingesetzt wird diese Therapieform unter anderem bei Kindern und Jugendlichen mit Verhaltensauffalligkeiten, psychosomatischen Beschwerden, Tics, Angsten, Essstorungen, Storungen der Impulskontrolle und des Sozialverhaltens, Drogenmissbrauch.
Wie sind die Erfolgsaussichten? Studien belegen, dass das Verfahren sich gut fur Kinder und Jugendliche eignet und gerade bei schwer zu behandelnden Storungen Erfolge bringt.
Dauer der Therapie? Das hangt vom Einzelfall ab, im Durchschnitt etwa zehn bis 20 Stunden. Die Sitzungen finden in Abstanden von zwei bis vier Wochen statt.
Was zahlt die Kasse, was muss man selbst zahlen? Obwohl die Systemische Psychotherapie seit zwei Jahren wissenschaftlich anerkannt ist, wird sie in der Regel nicht von den Kassen finanziert, weil es sich nicht um ein „Richtlinienverfahren“ handelt. Eventuell kann der Therapeut die systemische Methode mit der Kasse abrechnen, wenn er zusatzlich in einem Richtlinienverfahren (dazu zahlen tiefenpsychologische und analytische Psychotherapie und Verhaltenstherapie) ausgebildet ist. Es besteht auserdem die Moglichkeit, Kostenubernahme beim Jugendamt zu beantragen. Einzelsitzungen kosten zwischen 45 und 70 Euro, Familiensitzungen zwischen 75 und 150 Euro.

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Ergotherapie

Was wird gemacht? In der Ergotherapie ubt der Patient Verhaltensweisen und Handlungen, die ihn in die Lage versetzen, seinen Alltag besser zu bewaltigen. Bei jungen Patienten kommen viele spielerische Elemente zum Einsatz, aber auch klassische Ubungen – zum Beispiel einen Stift richtig halten, eine Schleife binden. Oft wird mit verschiedenen Sinnesreizen gearbeitet. Hat ein Kind zum Beispiel Probleme mit dem Gleichgewicht, wird es wahrend der Therapie schaukeln oder balancieren.
Für welche Auffälligkeiten geeignet? Unter anderem Entwicklungsverzogerungen, Wahrnehmungs- und motorische Storungen, ADS und ADHS.
Wie sind die Erfolgsaussichten? „Die Erfahrung zeigt: Die Erfolgsaussichten sind gut. Das bestatigen die Eltern von Kindern, die Ergotherapie erhalten haben. Da vor der Therapie ein Ziel vereinbart wird, konnen die Eltern die Wirkung uberprufen“, erklart Arnd Longree, Vorsitzender des Deutschen Verbands der Ergotherapeuten. Der Verband wunscht sich, dass die Therapieerfolge in den kommenden Jahren wissenschaftlich besser erforscht werden. Die Krankenkassen erkennen Ergotherapie als Heilmittel an.
Dauer der Therapie? Circa ein halbes bis ein Jahr, das sind in den meisten Fallen etwa 40 Therapieeinheiten, erklart der Deutsche Verband der Ergotherapeuten. Im Regelfall sind bis zu 60 Therapieeinheiten vorgesehen, mehr sind mit Genehmigung der Kasse moglich.
Was zahlt die Kasse, was muss man selbst zahlen? Ergotherapie wird arztlich verordnet und ist Kassenleistung.

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Spieltherapie

Was wird gemacht? Diese Therapieform gehort zur Humanistischen Psychologie. Zugrunde liegt die Annahme, dass der Patient in der Lage ist, seine Gesundung selbst voranzutreiben. Der Therapeut versteht sich als helfender Begleiter. Durch das Spiel soll der Patient in die Lage versetzt werden, Losungen fur seine Probleme zu finden. Das Kind wahlt selbst Spielthemen aus und setzt sie mit den unterschiedlichsten Spielmaterialien in Szene. Weil der Therapeut in die Spielwahl kaum eingreift, wird das Verfahren auch nicht direktive Spieltherapie genannt. Eine begleitende Familientherapie oder Elternberatung ist notig. Spieltherapie wird in der Regel bei Kindern bis zum zwolften Lebensjahr angewandt.
Für welche Auffälligkeiten geeignet? Unter anderem Entwicklungsdefizite, Traumata, Verhaltensstorungen, seelische Erkrankungen mit unklarer Ursache.
Wie sind die Erfolgsaussichten? Gut, da die Selbstheilungskrafte angesprochen werden. Nachuntersuchungen zeigen, dass die behandelten Kinder im Alltag besser zurechtkommen und die psychischen Krankheitssymptome abnehmen.
Dauer der Therapie? Abhangig von der Schwere der Storung. In der Regel 50 bis 60 Therapieeinheiten a 45 Minuten.
Was zahlt die Kasse, was muss man selbst zahlen? Auf Antrag des Therapeuten ubernehmen in der Regel die Krankenkassen die Kosten. Sollte das nicht der Fall sein, kann man nach dem Kinder- und Jugendhilfegesetz einen Antrag auf Kostenubernahme beim Jugendamt stellen.

Sprachtherapie/Logopädie

Was wird gemacht? Mit spielerischen Methoden soll die Freude am Sprechen geweckt werden. Wortschatz und Sprachverstandnis sollen sich so verbessern. Horchspiele verbessern die Horwahrnehmung, Pustespiele die Mundmotorik. Auch Konzentrationsspiele konnen zur logopadischen Therapie gehoren. Bei alteren Kindern wird auch mit Ton- und Videoaufnahmen und Computerprogrammen gearbeitet.
Für welche Auffälligkeiten geeignet? Die Therapie wird bei Sprach-, Stimmund Schluckstorungen eingesetzt. Auch bei Sprechstorungen wie Stottern und Poltern kann die Therapie helfen.
Wie sind die Erfolgsaussichten? Nach Untersuchungen des Instituts fur Qualitat und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) sind die kurzfristigen Erfolge einer Sprachtherapie gut. Schnell bessern sich Wortschatz und Grammatik, die Kinder formen komplexere Satze, artikulieren praziser. Noch nicht genug erforscht ist laut IQWiG der Langzeiterfolg der Therapien. Die Erfolgsaussichten sind umso besser, je fruher die Therapie begonnen wird.
Dauer der Therapie? Das hangt vom Problem ab. Bei Stottern zum Beispiel werden im Normalfall maximal 50 Therapieeinheiten angesetzt, bei Artikulationsstorungen bis zu 30 Einheiten. Normalerweise finden eine bis drei Therapiesitzungen pro Woche statt. Allerdings sollte taglich geubt werden, da ist die Mithilfe der Eltern gefragt.
Was zahlt die Kasse, was muss man selbst zahlen? Wird die Therapie vom Arzt verordnet, bezahlt die Krankenkasse.

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Alternative Verfahren

Es gibt zahlreiche alternative Methoden, die auch speziell für die Behandlung von Kindern und Jugendlichen ausgelobt werden. Solche Hilfsangebote sind keine Kassenleistungen, die Eltern müssen sie also selbst bezahlen. Die Therapien werben oft mit dem Schlagwort „Ganzheitlichkeit“. Der alternative Therapiemarkt ist höchst undurchsichtig. Er reicht von Verfahren, die zum Teil durchaus ernst zu nehmen sind – Beispiel Hypnotherapie – bis zu Angeboten, vor denen ausdrücklich zu warnen ist – Beispiel Familienaufstellung nach Hellinger. Wir stellen eine Auswahl immer wieder angebotener Verfahren vor:

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Was wird gemacht? Die Delfintherapie, englisch Dolphin Assisted Therapy (DAT), bringt Menschen in engen Kontakt mit Delfinen. Oft schwimmen Mensch und Tier zusammen in einem Becken, manchmal bleibt der Therapieteilnehmer auch am Beckenrand. Die erhofften Effekte der Therapie – insbesondere Motivationssteigerung und Selbstvertrauen – werden zuruckgefuhrt auf den Erlebnischarakter und die Interaktion mit den Tummlern. Positiv soll sich auch die entspannte Urlaubsatmosphare wahrend der Therapie auswirken, ebenso der Ultraschall, den die Tiere aussenden. In Deutschland beschaftigt sich der Lehrstuhl fur Psychologie IV an der Uni Wurzburg mit der Delfintherapie. Dort hat man festgestellt: Wenn eine positive Wirkung erreicht wird, dann nicht durch Atmosphare und Sonarwellen, sondern durch die Ermutigung des Kindes durch den Kontakt zu den Tieren. Aus einer Reihe von Grunden ist die Delfintherapie in die Kritik geraten. Die Whale and Dolphin Conservation Society (WDCS), die sich dem Schutz der Meeressauger verschrieben hat, moniert: Die Tiere wurden nicht artgerecht gehalten und durch den Therapieeinsatz gestresst. Aber auch der Mensch sei Gefahren ausgesetzt, denn Delfine konnen aggressiv sein und Krankheiten ubertragen. Die Therapien werden hauptsachlich im Ausland angeboten, zum Beispiel in den USA, dort entstand das Verfahren auch. Die Therapeuten brauchen keine besondere Ausbildung, das Verfahren ist nicht reguliert.
Für welche Auffälligkeiten geeignet? Fur geistige und korperliche Krankheiten und Behinderungen soll sich die Therapie eignen, zum Beispiel Autismus, Downsyndrom, Magersucht, Neurosen.
Wie sind die Erfolgsaussichten? Dazu existieren wenige fundierte Studien. Die WDCS hat Arbeiten ausgewertet und stellt fest: Es gibt keinen Hinweis darauf, dass Delfintherapie besser wirkt als andere Verfahren. Eine Erfolgsgarantie schliesen die Anbieter solcher Therapien aus. Haufig berichten Eltern zwar von positiven Effekten. Doch Skeptiker meinen: Da die Delfintherapie sehr teuer ist, steckt hinter dieser Einschatzung wohl auch der Wunsch, an einen Erfolg zu glauben. Die Wurzburger Wissenschaftler raumen ein: Ob ein bestimmtes Kind von der Masnahme profitiert, lasst sich nicht vorhersagen. Gleichwohl ziehen die Psychologen in bestimmten Fallen ein positives Fazit: Hochgradig kontaktgestorte, behinderte Kinder zwischen funf und zehn Jahren gewinnen durch die Therapie Selbstvertrauen und verbessern ihre Kommunikationsfahigkeit. Dieser Effekt bleibt auch sechs Monate nach der Therapie noch stabil, so die Wurzburger Psychologen. Erkenntnisse uber den Effekt bei Storungen wie ADHS liegen nicht vor.
Dauer der Therapie? Im Ausland dauert die Delfintherapie meist zwei Wochen. Der Tiergarten Nurnberg, der bei der Delfintherapie mit den Psychologen der Uni Wurzburg zusammenarbeitet, bietet zwei bis vier Mal im Jahr zehntagige „Therapiewochen“ an, darunter acht Therapietage. Die Warteliste ist lang, die Teilnehmer werden ausgelost.
Was zahlt die Kasse, was muss man selbst zahlen? Die Therapie muss selbst bezahlt werden. Im Ausland sollte man mit etwa 6.000 Euro fur eine zweiwochige Therapie rechnen, ohne Flug und Unterkunft. In Nurnberg kostet eine zehntagige „Therapiewoche“ 2.500 Euro pro Familie. Unter Umstanden bekommt man einen Sponsoren-Zuschuss.

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Craniosakraltherapie

Was wird gemacht? Die Craniosakrale Therapie ist eine Sonderform der Osteopathie. Das Wort leitet sich her von der griechischen Bezeichnung „cranion“ (Schadel) und dem lateinischen Begriff „os sacrum“ (Kreuzbein). Der Therapeut versucht, durch Druck auf Kopf und Wirbelsaule das Pulsen der Hirn- und Ruckenmarksflussigkeit zu beeinflussen. Auch angebliche Fehlstellungen der Schadel-, Wirbel- und Beckenknochen sollen so gerichtet werden. Die Therapie verspricht einen „Spannungsausgleich im Schadel“. Dadurch soll das Gehirn „wacher“ und leistungsfahiger werden. Eine Besserung bei emotionalen Belastungen und deren Folgen wird versprochen.
Für welche Auffälligkeiten geeignet? Die Therapie wird zum Beispiel bei psychosomatischen Beschwerden angeboten, bei Storungen des Nervensystems, bei Sprachproblemen, Konzentrationsund Lernstorungen.
Wie sind die Erfolgsaussichten? Aussicht auf Erfolg besteht nicht. Die Therapeuten haben sich oft nur wenige Tage in der Technik schulen lassen, wissenschaftlich abgesichert ist das Verfahren nicht. Richtig gefahrlich ist das Verfahren, wenn der Therapeut auf den noch weichen Schadelknochen von Babys herumdruckt.
Dauer der Therapie? Meist gibt es sechs bis zehn Behandlungen, die je eine halbe bis eine Stunde dauern.
Was zahlt die Kasse, was muss man selbst zahlen? In der Regel muss man selbst zahlen. Eine Sitzung kostet um die 50 Euro. Manchmal ubernehmen Privatkassen und Zusatzversicherungen die Kosten.

Familienaufstellung nach Hellinger

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Was wird gemacht? Entwickelt hat die Familienaufstellung Bert Hellinger, ein ehemaliger Priester ohne therapeutische Qualifikation. Sein Verfahren ist angeblich eine eigene Variante der Systemischen Therapie. Aus der komplexen Systemischen Therapie hat Hellinger aber nur ein Element entnommen – namlich die Familienaufstellung – und sie mit Esoterik und reaktionarer Ideologie kombiniert. Die Methode geht davon aus, dass es in jeder Gruppe, zum Beispiel in der Familie, eine naturliche Ordnung gebe. So hat angeblich der Mann Vorrang vor der Frau, das altere Kind vor dem jungeren. Wenn gegen diese Ordnung verstosen wird, wird ein Mitglied der Familie krank. Aufgabe der Therapie ist es, die Ordnung durch Rollenspiele und raumliche Aufstellung wiederherzustellen. Stellvertretend fur die Familienmitglieder konnen Spielfi- guren benutzt werden. Bei der Aufstellung sind rituelle Satze zu sprechen, zum Beispiel: „Du bist gros und ich bin klein.“
Für welche Auffälligkeiten geeignet? Angeblich fur diverse Krankheiten korperlicher und psychischer Natur.
Wie sind die Erfolgsaussichten? Das Verfahren ist unserios und folgt einer fragwurdigen, quasireligiosen Weltanschauung. Weil Hellinger durch rechtslastige Positionen aufgefallen ist, unterschlagen manche Therapeuten in ihrer Werbung den Hinweis auf den Begrunder des Verfahrens. Die Therapeuten sind nicht ausreichend qualifiziert. Wer labil ist, kann durch die angebliche Heilmethode emotional stark belastet werden, sogar bis hin zu Suizidgedanken.
Dauer der Therapie? In der Regel werden Tagesseminare angeboten.
Was zahlt die Kasse, was muss man selbst zahlen? Man muss selbst zahlen. Ein Tagesseminar kostet etwa 150 bis 200 Euro.

Hypnotherapie

Was wird gemacht? Der Patient wird in hypnotische Trance versetzt. Das bedeutet, seine Aufmerksamkeit ist nach innen gerichtet, vergleichbar mit Meditation oder Tagtraumen. In diesem Zustand ist der Patient empfanglich fur Suggestionen, die ihm helfen sollen, Lernprozesse in Gang zu setzen und an problematischen Verhaltensweisen zu arbeiten.
Für welche Auffälligkeiten geeignet? Manchmal wird diese Therapie empfohlen, um Angste bei Kindern abzubauen, Tics oder Verhaltensauffalligkeiten wie Bettnassen.
Wie sind die Erfolgsaussichten? Dem Wissenschaftlichen Beirat Psychotherapie zufolge, ist die Wirkung der Behandlung bei Kindern und Jugendlichen nicht ausreichend nachgewiesen. Folglich ist Hypnotherapie zur Behandlung von Kindern und Teenagern nicht anerkannt. Belegt ist allerdings auch bei Kindern eine positive Wirkung der Hypnotherapie im Zusammenhang mit Chemotherapien und weiteren stark belastenden medizinischen Behandlungen. Uber alle Anwendungsbereiche hinweg liegt die Erfolgsquote laut Deutscher Gesellschaft fur Hypnose und Hypnotherapie (DGH) bei 70 Prozent (nicht speziell auf Kinder bezogen).
Dauer der Therapie? Je nach Fall unterschiedlich. Die DHG rat, nach spatestens funf Sitzungen zu prufen, ob sich ein spurbarer Erfolg einstellt.
Was zahlt die Kasse, was muss man selbst zahlen? Da das Verfahren zumindest fur Kinder nicht anerkannt ist, zahlen die gesetzlichen Krankenkassen nicht. Pro Hypnosesitzung ist mit etwa 80 bis 120 Euro zu rechnen.

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Kinesiologie/Energetische Psychologie

Was wird gemacht? Im Zentrum der „Angewandten Kinesiologie“ (kinesis: griech. = Bewegung) steht der sogenannte „Muskeltest“: Der Therapeut fordert den Klienten auf, einen Arm im rechten Winkel zur Seite zu halten, legt dann seine Hand auf dessen Handgelenk und versucht, den Arm gegen den Widerstand des Klienten nach unten zu drucken. Normalerweise kann der Arm diesem Druck leicht standhalten, es sei denn – so die Lehre –, ein „Stressor“ blockiert die Muskeln. Diesen „Stressor“ kann der Therapeut angeblich ermitteln, indem der Klient seine freie Hand auf verschiedene Korperpartien legt, wahrend der Therapeut den Muskeltest durchfuhrt. Eine Abwandlung des Verfahrens ist „Touch for Health“, dabei werden bestimmte Korperpunkte in einer Art Akupressur gedruckt. Erweitert wurde die Kinesiologie durch die Edu-Kinestetik, einfache Gymnastikubungen, die zusammen mit Brain-Gym-Ubungen eine Verbindung zwischen den beiden Gehirnhalften herstellen und so Storungen uberwinden sollen.

Nahe kommt dieser Vorstellungswelt auch die Energetische Psychologie mit ihren verschiedenen Unterarten, zum Beispiel den Emotional Freedom Techniques. Hierbei wird als Grund fur die Storung eine Unterbrechung des Energieflusses im Korper vermutet. Und auch bei diesen Verfahren klopft oder massiert der Therapeut bestimmte Korperpunkte, wahrend sich der Patient auf sein Problem konzentriert.
Für welche Auffälligkeiten geeignet? Die Verfahren sind angeblich angezeigt u. a. bei Angsten, Lernstorungen, Depressionen, Essproblemen, Phobien, Stress, Traumata, auch bei korperlichen Beschwerden.
Wie sind die Erfolgsaussichten? Dazu konnen die Anbieter nichts sagen, weil es an fundierten Belegen fehlt. Allgemein gelten die Techniken als „pseudowissenschaftlich“.
Dauer der Therapie? Unterschiedlich, je nach Problemeinschatzung des Therapeuten.
Was zahlt die Kasse, was muss man selbst zahlen? Die Methoden sind keine Krankenkassenleistungen. Eine Einzelsitzung kostet etwa 70 bis 100 Euro.