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„Tiny Houses können helfen, das Miteinander im öffentlichen Raum zu verbessern“


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Kleiner wohnen - epaper ⋅ Ausgabe 1/2023 vom 01.09.2022
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Bildquelle: Kleiner wohnen, Ausgabe 1/2023

„Kleiner Wohnen“: In einem Radio-Interview wurdest du kürzlich als Tiny-House-Papst bezeichnet. Dein „Unreal Estate House“ und das „Black Forest Tiny House“ von Hans-Peter Brunner gelten als die ersten Tiny Houses in Deutschland jenseits der Bauwagen-Ästhetik. Das war 2013. Was hat sich in der Zwischenzeit getan in Deutschland?

Van Bo Le-Mentzel: Es gibt mittlerweile eine lebendige Tiny-House-Bewegung, die vor allem auch Senior*innen mobilisiert hat. Viele träumen von einem selbstbestimmten Lebensabend. Viele Akteur*innen leisten baurechtlich Großes, um Tiny-House-Siedlungen legal zu planen. Doch es ist und bleibt verzwickt: In Wandlitz nördlich bei Berlin ist aus einem Campingplatz eine schöne Tiny-House-Siedlung geworden. Offiziell darf man da aber nur am Wochenende wohnen.

Du selbst wohnst mit Frau und zwei Kleinkindern zur Miete in einer Zwei-Zimmer-Wohnung – warum nicht im eigenen ...

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... Tiny House?

Ich bin skeptisch, was Hauseigentum anbelangt. Ich beobachte, dass einige durch Eigentum die individuellen Interessen über die Gemeinwohl- und Umweltinteressen stellen. Ich denke, Wohnen zur Miete in gemeinwohlorientierten Finanzstrukturen muss das dominierende Wohnmodell bleiben.

Aber als Geschäftsführer der Tiny Foundation bist du auch Hauseigentümer mehrerer Tiny Houses. Hat dich das zu einem schlechteren Menschen gemacht?

(Lacht.) Früher war ich als Jugendlicher Graffiti-Sprüher. Als letztens unsere Tiny Houses in Kreuzberg besprüht wurden – offensichtlich von Jugendlichen –, war ich auch sauer und dachte mir: Ah, okay, das ist wohl Karma. Verübeln konnte ich es den Jugendlichen letztendlich nicht.

Du hast verschiedene Tiny-House-Siedlungen initiiert. Die bekannteste war der Bauhaus Campus Berlin 2018 im Garten des Museums Bauhaus-Archiv. Die spektakulärste war die Tiny House Ville Lichtenberg auf dem Parkplatz von IKEA. Wird da auch richtig gewohnt?

Wohnen ist ein politischer Begriff. Die Politik will Wohnen in Wohngebiete steuern. Öffentliches oder privates Straßenland und Pkw-Stellplätze sind dem ruhenden Verkehr vorbehalten. Da darf einfach nicht gewohnt werden. Wohnen ist in Deutschland überall verboten, außer an der gemeldeten Wohnadresse. Sagen wir es so: In unseren Tiny Houses haben Menschen gelebt. Das ist nicht verboten.

In diesem Jahr hast du auf einem Berliner Industriegelände eine Tiny-House-Siedlung für sieben ukrainische Künstlerinnen gestartet. Ist ein Industriegebiet mit rauschenden Lkws das richtige Umfeld für Kriegstraumatisierte?

Nein, natürlich nicht. Doch man muss das Tiny-House-Dorf als Puzzleteil eines größeren Bildes sehen. Die Tiny Foundation hat ein eigenes Housing-First-Programm entwickelt, wo wir als Ziel einen eigenen unbefristeten Mietvertrag in einer Wohnung in Berlin sehen. Das Tiny House ist eher als Übergangslösung zu verstehen. Denn eine Wohnung in Berlin braucht mehrere Jahre Suchzeit und vor allem einen festen Arbeitsvertrag und eine Kaution in Höhe von mehreren Tausend Euro. Die Zeit bei uns im Tiny-House-Dorf können die Bewohnerinnen nutzen, um Netzwerke zu stärken, Jobs zu finden und die Kaution anzusparen, denn in unseren Tiny Houses zahlen sie keine Miete, nur die Heiz- und Stromkosten.

Was genau passiert in euren Tiny Houses?

Die Tiny Foundation ist gemeinnützig und hat einen klaren Auftrag: soziale Nachbarschaft. Wir wollen das Miteinander im öffentlichen Raum besser machen. Da können Tiny Houses helfen. Zum Beispiel als Bibliothek, Spielzimmer, Werkzeuglager, Kiosk oder Coworking-Space für die Nachbarschaft. Oder als Kiezküche. Pfannkuchen und Kartoffelpuffer kann man in der kleinsten Hütte machen. Und einen Schlafplatz gibt es in jedem Tiny House für Menschen in Not.

Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch die Umnutzung von Parkplatzflächen zugunsten von Fahrradbahnen. Viele Behördenkämpfer wie Florian Schmidt und Felix Weisbrich vom Bauamt Kreuzberg bauen gerade einen ganzen Stadtteil in Berlin um in einen sogenannten Superblock. Vorbild ist Barcelona. Da werden Diagonalsperren aufgestellt, Einbahnstraßen eingeführt und Parkplätze umgewidmet zu Fahrradstraßen. Das ist das perfekte Biotop für unsere Tiny Houses.

In den letzten Jahren haben mehrere Krisen die Schlagzeilen bestimmt: die Überschwemmungen im Ahrtal und in diesem Jahr der Ukraine-Krieg. Siehst du als Tiny-House-Architekt in diesen Katastrophen auch Chancen?

Im Ahrtal sind Tiny Houses zum Einsatz gekommen, um es Menschen zu ermöglichen, in ihre vertraute Umgebung zurückzukehren. Die meisten sind in temporären Containern untergekommen, die ja stapelbar sind. Wenn wir ehrlich sind, leisten da die stapelbaren Plastikcontainer einen effizienteren Beitrag, aber sie sind halt nicht so beliebt wie die romantisierenden Tiny Houses mit Satteldach.

Es ist ja auch mehr als fraglich, ob Tiny Houses überhaupt nachhaltig sind: Auch die zersiedeln die Landschaft und die Bewohnenden hinterlassen einen größeren CO2-Fußabdruck als Städter im Mehrgeschossbau ...

Ich finde den Einsatz von temporären Wohnlösungen mit Containern und Tiny Houses völlig legitim. Allerdings dürfen wir nicht vergessen, dass der Klimawandel ja eine Reaktion ist, unter anderem auf unseren ausufernden Lebensstil. Es reicht nicht, individuell den Konsum runterzuschrauben. Strukturell muss baurechtlich eine Wende eingeläutet werden. Die Ursache allen Übels ist eine zu niedrige Einwohner*innendichte. Wenn Ärztinnen und Patientinnen, Lehrerinnen und Schülerinnen, Kitaerzieherinnen und Kinder, Büroangestellte und Kundinnen, Wirte und Gäste zu weit voneinander wohnen, muss ein Auto herhalten. Und jedes private Auto, egal ob Benziner oder Stromer, ist ein Auto zu viel, um das Klimaziel von 1,5 °C einhalten zu können.

Was wäre denn eine gute Einwohner*innendichte für eine ideale Stadt?

Man spricht von resilienten Städten. Das sind Städte, die nicht so anfällig sind für ökonomische, soziale oder ökologische Krisen, sei es beispielsweise Arbeitslosigkeit, Rassismus oder Klimakatastrophen wie Überschwemmungen oder Überhitzung. Das sind beliebte Stadtviertel wie das Margaretenviertel in Wien, Kreuzberg in Berlin, Haidhausen in München oder Williamsburg in New York City. Sie alle haben gemeinsam, dass die Umgebung geprägt ist durch viele Grünflächen, eine gute Infrastruktur, Mobilitätsangebote jenseits des motorisierten Individualverkehrs. Und das trotz der hohen Wohndichte. Oder eher wegen der Wohndichte. Wo viele Menschen zusammenleben, muss man sich in Toleranz und Rücksicht üben. Und es kann eine befreiende Anonymität entstehen, die den Anpassungsdruck des Einzelnen neutralisiert. Das ist ein gesunder Nährboden für kulturelle und soziale Blüten. In all diesen beliebten Stadtteilen sind es nie weniger als 15 000 Menschen pro km². Das Ahrtal und viele ländlich geprägten Dörfer weisen gerade mal 300 Menschen pro km² auf. Da können Kita oder Zahnärztin so nicht überleben. Und wenn es im Brandenburger Landkreis Prignitz [35 Einwohner je km² – Anm. der Red.] brennen sollte, müsste man hoffen, dass man überhaupt Feuerwehrleute findet, die zum Löschen kommen.

Kannst du es nicht nachvollziehen, dass viele Menschen – vielleicht auch verstärkt durch die Pandemie – die Weite suchen und es nicht angenehm finden, unter einem Dach mit hundert Menschen zu leben?

Ja klar, aber wo kämen wir denn hin, wenn wir die individuellen Interessen über die Gemeinschaftsinteressen und vor allem über Klimafragen stellen. Klar finde ich einen eigenen Whirlpool daheim bequemer als so ein Sammelbecken im städtischen Schwimmbad. Aber wir müssen aufhören, die Einzelinteressen zu sehr in den Vordergrund zu stellen. Die Fixierung auf das eigene Wohl ist ja der Grund, warum wir in den nächsten 20 Jahren häufiger Katastrophen wie jene vom Ahrtal erleben werden. Das ist schließlich auch keine schöne Perspektive.

Die Bewegung Architects For Future fordert in ihrem Manifest den sofortigen Stopp von jeglichem Neubau. Lässt sich so der Wohnungsmangel in den Großstädten lösen?

Nun ja, nehmen wir an, beim Neubau würde es einen radikalen Stopp geben. Dann müsste man viel kreativer umgehen mit leerstehendem Raum. Leerstehende Büros, Gotteshäuser und Fabriken würden ein zweites Leben bekommen – als Wohnhäuser. Auch auf Straßenland könnten zumindest temporär Wohnräume anstelle von parkenden Autos entstehen, um schnell Lösungen für Geflüchtete aus der Ukraine und Russland anzubieten.

Wer will denn schon sein Haus auf der Straße haben?

Ich weiß, dass die meisten Tiny-Häuslerinnen eher eine grüne Wiese mit Feuerstelle in der Mitte als perfekten Standort für ihr Haus imaginieren. Aber wenn wir ehrlich sind, gehören Häuser an Straßen und Plätze. Da gibt es natürlich gelungene und missratene Beispiele. Der Kopenhagener Stadtplaner Jan Gehl sagt es sehr schön: „Wohnhäuser machen noch keine Gesellschaft.“ Es sind die gemeinsam genutzten Plätze und Straßen, wo sich das Leben entfaltet. Um diese sozialen Räume herum sitzen Häuser genau richtig. Also an der Straße, wo sonst? Auch Plätze und Straßen können als grüne und blaue (Wasser-) Flächen gedacht werden. Das geht aber einfacher, wenn wir die parkenden Autos räumen.

Du hast in „Kleiner Wohnen 2021/2022“ geschrieben, dass Einfamilienhäuser verboten gehören, es sei denn, sie sind auf einem Dach einer Wohnanlage. Jetzt planst du selbst ein 116 m² großes Einfamilienhaus für einen Grundstückseigentümer in einem Einfamilienhausgebiet bei Bremen.

Ja, ich habe auch lange überlegt, ob ich diese Anfrage annehmen soll. Ich habe für mich abgewogen. Wenn es mir gelingt, den Bauherren zu überzeugen, auch andere Familien unter sein Dach einzuladen, habe ich einen Beitrag geleistet.

Und?

Naja, der Bauherr will wirklich ganz allein bleiben mit seinen zwei Kids und kann sich partout nicht vorstellen, sein Refugium mit anderen Familien zu teilen. Aber zumindest ist es mir gelungen, die Zimmer so zu gestalten, dass sie eigene kleine Tiny Apartments sein könnten mit eigenem Bad und Küche. Wenn er sich heute nicht vorstellen kann unterzuvermieten, dann können es vielleicht seine Kinder eines Tages. Ich habe ein CoBeing House für ihn entworfen.

Ist das eine Art Coliving-Konzept? Also eine Wohngemeinschaft mit Gemeinschaftsflächen?

Ähnlich, nur mit dem Unterschied, dass jedes WG-Mitglied ein eigenes Bad und eine eigene Küche hat. Im Grunde ist es ein großes Wohnzimmer mit mehreren Mini-Wohnungen drumherum, die alle nur so groß sind wie typische Tiny Houses on Wheels, also zwischen 10 und 20 m².

Ein Tiny House von dir hat kürzlich in der BILD-Zeitung Schlagzeilen gemacht. Es hieß, das Pickup House wurde gestohlen. Zahlt die Versicherung auch bei Diebstahl eines Hauses?

Leider nicht, aber glücklicherweise ist es zwei Tage später wieder gefunden worden mithilfe der sozialen Medien. Es stand nur ein paar Straßen weiter in einer ruhigen Stichstraße nahe eines Parks. Und es hat nichts gefehlt. Die Diebe sind über das Fenster eingebrochen und haben den Autoschlüssel entdeckt, den ich im Tiny House versteckt habe. Das sollte man nicht tun, denn da hilft dann auch keine Teilkaskoversicherung. Jetzt sind all meine Tiny Houses mit GPS-Tracker ausgestattet. Ich werde nie mehr wieder ein Haus verlieren (lacht).

Wer wohnt denn in dem Pickup House?

Das Pickup House ist ein soziales Projekt. Dort testen wir die Nutzung als mobiles Hotelzimmer für Obdachlose in Berlin. Es ist 2,5 m² groß, und wir haben da eine Gasheizung eingebaut, eine Trelino-Toilette drin, eine kleine Küche und sogar eine Sitzdusche. Es ist die vermutlich kleinste Wohnung der Welt. Gleich in der ersten Winternacht hat eine obdachlose Frau dort mit ihrem Freund genächtigt und es gab Kartoffelpuffer.

Mehr Infos zu aktuellen Tiny-Foundation-Projekten: Tiny Foundation/Tiny-NGO gUG www.tinyfoundation.org Spendenkonto: Tiny-NGO gUG, IBAN DE43430609671018039100