Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 10 Min.

TITEL Die 5 größten Probleme der Ozeane: Patient Meer


ÖKO-TEST Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 7/2020 vom 25.06.2020

Die Ozeane sind krank. Wir haben sie krank gemacht – obwohl wir sie zum Leben brauchen. Ihre fünf größten Probleme: Sie sind zu warm, zu sauer, verdreckt, ausgeraubt und leer gefischt. Wie retten wir die Meere – und damit uns?


Artikelbild für den Artikel "TITEL Die 5 größten Probleme der Ozeane: Patient Meer" aus der Ausgabe 7/2020 von ÖKO-TEST Magazin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

So unberührt wie hier vor den Philippinen sieht die Unterwasserwelt immer seltener aus. Der Mensch setzt dem Meer zu – müllt es zu und raubt es aus.


Foto: Norman Lopez/EyeEm/getty images

Wir brauchen die Ozeane buchstäblich wie die Luft zum Atmen – weil sie einen Großteil unseres Sauerstoffs überhaupt erst produzieren. Und nicht nur das: Sie schlucken auch immense Mengen ...

Weiterlesen
Artikel 1,33€
epaper-Einzelheft 4,99€
NEWS 14 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von ÖKO-TEST Magazin. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 7/2020 von GUT DURCH DEN ALLTAG. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
GUT DURCH DEN ALLTAG
Titelbild der Ausgabe 7/2020 von ÖKO-TEST WIRKT. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
ÖKO-TEST WIRKT
Titelbild der Ausgabe 7/2020 von GEMEINSAM BESSER. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
GEMEINSAM BESSER
Titelbild der Ausgabe 7/2020 von Wie können wir die Meere retten?. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Wie können wir die Meere retten?
Titelbild der Ausgabe 7/2020 von INTERVIEW: „Die Meere befinden sich in einer historischen Krise“. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
INTERVIEW: „Die Meere befinden sich in einer historischen Krise“
Titelbild der Ausgabe 7/2020 von Zahlen und Fakten über die Ozeane: Müllhalde Meer. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Zahlen und Fakten über die Ozeane: Müllhalde Meer
Vorheriger Artikel
GEMEINSAM BESSER
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel Wie können wir die Meere retten?
aus dieser Ausgabe

... Kohlendioxid. Ohne sie? „Wäre der Klimawandel schon viel weiter fortgeschritten“, sagt Melanie Bergmann vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz- Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) in Bremerhaven. Aber, so warnt die Meeresbiologin: „Auch diese Pufferkapazität ist endlich.“ Den Ozeanen geht nämlich langsam die Luft aus. Sie sind krank.

Illustration: noun project

PROBLEM NR. 1 ZU WARM

Die Diagnose

Klar: An Land ist sie sichtbarer, die Klimakrise. Ihre Folgen für die Ozeane sind deswegen aber nicht weniger dramatisch. Die Ozeane werden immer wärmer – mit katastrophalen Folgen für das Öko-System Meer. Die durchschnittliche Temperatur der Meere ist laut der Umweltschutzorganisation Greenpeace seit 1955 um mehr als 0,6 Grad Celsius gestiegen – an der Oberfläche. In den tieferen, kühleren Meeresschichten steigt die Temperatur langsamer. In bis zu zwei Kilometern Tiefe lag sie vergangenes Jahr 0,075 Grad über dem Durchschnitt der Jahre 1981 bis 2010 – so das Ergebnis einer Untersuchung von 14 Wissenschaftlern, die im Fachmagazin Advances in Atmospheric Sciences veröffentlicht wurde.

0,075 – eine lächerlich kleine Zahl, oder? Das Ausmaß der Krise verdeutlicht ein krasser Vergleich, den der Hauptautor der Studie, Cheng Lijing von der chinesischen Akademie der Wissenschaften, aufstellt: Die Energie in Form von Wärme, die wir über den Klimawandel den Meeren in den vergangenen 25 Jahren zugeführt haben, entspräche dem Ausmaß von 3,6 Milliarden (!) Hiroshima-Atombomben. Die Jahre 2014 bis 2019 waren laut der Untersuchung die wärmsten seit der Aufzeichnung der Ozeantemperaturen. Und: Die Erwärmung beschleunige sich, warnen die Wissenschaftler. Für die Fische und die anderen Meeresbewohner wird’s dadurch ziemlich ungemütlich. Denn wenn die Temperaturen steigen, wird es für sie nicht nur wärmer – das wäre unangenehm genug. Dann sinkt auch der Sauerstoffanteil. Um mehr als zwei Prozent hat der Sauerstoffgehalt seit 1960 in den Weltmeeren bereits abgenommen – so das Ergebnis einer Studie des Geomar Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung 2017. Die Tiere fliehen in kältere Gefilde. Plankton, Quallen, Seevögel und Schildkröten etwa seien schon zehn Breitengrade in Richtung Pole gewandert, stellten rund 80 Wissenschaftler auf dem Kongress der Weltnaturschutzunion 2016 fest. Die Forscher rechnen mit einem Rückgang der Fischbestände, vor allem in den tropischen Regionen. Zudem gebe es Hinweise, dass die Tiere häufiger erkranken.

Und weil das Wasser wärmer wird, dehnt es sich aus. Die Wassertemperaturen verstärken also den durch die Klimakrise verursachten Anstieg des Meeresspiegels. Die Forscher rund um Cheng Lijing führen auch Wetterextrema wie Wirbelstürme und heftige Niederschläge auf das wärmere Meer zurück. Selbst die katastrophalen Waldbrände wie zuletzt in Australien seien eine Folge davon.

Die Therapie

Die Antwort kann nur heißen: Kohlendioxidausstoß verringern, Klimaerwärmung begrenzen. Kerngesund wird der Patient Meer mit der Behandlung allerdings nicht. Die Meereserwärmung wird voranschreiten, „selbst wenn die weltweite Lufttemperatur an der Oberfläche bei oder unter zwei Grad stabilisiert werden kann“, prognostizieren die 14 Forscher in der Fachzeitschrift. Allerdings, immerhin: Tempo und Ausmaß der Erwärmung würden zumindest abnehmen. Dem Patienten ginge es also besser, wenn auch nicht gut.

PROBLEM NR. 2 ZU SAUER

Die Diagnose

Die Meere haben eine immens wichtige Funktion fürs Klima: Sie nehmen große Mengen Kohlendioxid auf. Das ist erst einmal gut. Denn jede Tonne CO2, die das Meer schluckt, trägt nicht zur Klimaerwärmung an Land bei. Und über die vergangenen 200 Jahre haben die Ozeane jede Menge Kohlendioxid geschluckt: Laut dem Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung haben sie mehr als ein Viertel des vom Menschen verursachten atmosphärischen Kohlendioxids aufgenommen. Für die Ozeane hat das fatale Folgen. Denn: Seit Beginn der industriellen Revolution sind die Meere um fast 30 Prozent saurer geworden, weil die Aufnahme des Kohlendioxids den pH-Wert der Meere senkt.

Die Folgen der Versauerung hat der deutsche Forschungsverbund Bioacid untersucht. Eine der Erkenntnisse: Die Versauerung hat nicht nur Auswirkungen auf die Unterwasserwelt. Sie wirkt sich auch auf die Fähigkeit des Ozeans aus, Kohlenstoff zu speichern. Heißt: Je mehr Kohlendioxid die Meere aufnehmen, desto saurer werden sie, und je saurer sie werden, desto weniger Kohlendioxid können sie aufnehmen. Ihre so wichtige Funktion für die Begrenzung der Klimakrise ist damit also gefährdet.

Die Ozeanversauerung schreitet überall voran – besonders schnell in den Polarregionen. Dort könnte es, so das Helmholtz- Zentrum für Polar- und Meeresforschung, bereits Mitte dieses Jahrhunderts dazu führen, dass zu wenig Aragonit vorhanden ist. Nie gehört? Aragonit ist ein wichtiger Bestandteil von Kalkschalen. Unter einem Mangel leiden also vor allem etwa Muscheln, Seesterne und Korallen – und die Korallenriffe. Denn Korallen sind eine Art Baumeister für die Riffe: Ohne Korallen keine Riffe. Die extrem artenreichen Öko-Systeme sind ohnehin schon durch die wärmeren Temperaturen und die Verschmutzung der Ozeane bedroht. Wissenschaftler gehen davon aus, dass nur rund die Hälfte aller Korallenriffe erhalten bleibt, wenn wir den Temperaturanstieg auf derzeit unrealistische 1,2 Grad Celsius beschränken.

Auch für Fische und andere Meeresbewohner hat die Versauerung Folgen. Sie verbrauchen mehr Energie. Energie, die ihnen dann womöglich für Wachstum und Fortpflanzung fehlt.

Die Therapie

Auch für die Versauerung der Ozeane gibt es nur einen Therapieansatz: Wir müssen unseren Kohlendioxidausstoß reduzieren. Die „Therapie“ ist allerdings eher langfristig angelegt. Das Alfred-Wegener-Institut rechnet damit, dass die Ozeane Tausende von Jahren bräuchten, sich zu erholen – selbst wenn wir es schaffen würden, den CO2-Ausstoß von heute auf morgen auf null zu reduzieren.

Gespenstische Bilder von Riffskeletten zeugen davon, wie krank der Patient Meer wirklich ist.


Fotos: Brett Monroe Garner/getty images; Maxim Blinkov/Shutterstock; AWI

PROBLEM NR. 3 VERDRECKT

Illustration: noun project

Die Diagnose

Es sind Zahlen, die wehtun. Jährlich landen zwischen 4,8 und 12,7 Millionen Tonnen Plastik im Meer, schätzt die Umweltschutzorganisation World Wide Fund for Nature (WWF). Die größte Müllhalde des Ozeans, das Great Pacific Garbage Patch im Nordpazifik, umfasst rund 1,6 Millionen Quadratkilometer und ist damit viermal so groß wie Deutschland.

Die Ausmaße der Vermüllung unserer Ozeane werden aber erst klar, wenn man diese Zahl hört: eins. Lediglich ein Prozent der Gesamtmenge mache der Plastikmüll an der Meeresoberfläche aus, schätzen Forscher. „Wo sich der Rest versteckt, ist zur Zeit noch unklar“, stellt Tiefseeökologin Melanie Bergmann vom Alfred-Wegener-Institut fest. Heißt: 99 Prozent des Plastikmülls, den wir seit Jahrzehnten ins Meer kippen, ist verschollen – wir sehen lediglich die Spitze des Eisbergs, der in diesem Fall ein Müllberg ist. Der Meeresboden der Tiefsee „stellt mit Sicherheit eines der Endlager dar“, sagt Bergmann. Sicher wisse man das aber nicht, weil die Tiefsee sehr wenig erforscht sei: „Es ist technisch sehr aufwendig, in diesem Bereich zu arbeiten.“ Das Problem für die Meeresbewohner: Die Tiere fressen Plastik, weil sie es mit Nahrung verwechseln. Der Bauch ist dann voll – und sie verhungern.

Doch es sind nicht nur die sichtbaren großen Plastikteile, die die Ozeane belasten. Winzige Plastikteilchen, die kleiner als fünf Millimeter sind, werden zunehmend zu einem Problem: Mikroplastik. Die allermeisten dieser Teilchen entstehen durch Zerfall – wenn sich also etwa eine Plastiktüte im Meer langsam zersetzt. Hersteller setzen Mikroplastik aber auch ganz bewusst in Produkten ein: in Wasch- und Reinigungsmitteln oder Funktionskleidung etwa. Die Minipartikel gelangen dann über das Abwasser in die Meere – und dort in die Mägen ihrer Bewohner. Die Tiefseeökologin Bergmann stieß mit ihrem Team in arktischen Gewässern zuletzt in bis zu 5.600 Metern tiefer See auf hohe Konzentrationen an Mikroplastik. Mehr als 13.000 (!) Teilchen pro Kilogramm Meeressand haben die Forscher gemessen, mehr als die Hälfte davon mikroskopisch winzig – kleiner als 25 Mikrometer. Das entspricht etwa dem halben Durchmesser eines menschlichen Haares. Die Funde zeigten, so Bergmann, „dass Mikroplastik bis in die entlegensten Winkel unseres Planeten vorgedrungen ist – wie die Tiefsee und die Arktis“. Und das, so fügt die Meeresbiologin hinzu, „in außerordentlich hohen Konzentrationen.“ Britische Forscher haben zudem erst im Mai herausgefunden, dass in manchen Meeresregionen bereits mehr Mikroplastik als Plankton schwimmt. Was das mit den Tieren macht? Erste Erkenntnisse gibt es: Bei Austern litt in einer Untersuchung die Fortpflanzungsfähigkeit, in einer anderen starben Würmer an den Umweltgiften, die sich an den Plastikteilchen abgelagert hatten. Miesmuscheln zeigten Entzündungsreaktionen, Krabben und Krebse hatten weniger Energie und brüteten weniger Eier aus. Schwieriger sei es, die Auswirkungen auf die Bewohner der Tiefsee zu erforschen, sagt Bergmann. Aber, fürchtet sie: Sie könnten „schwerwiegender sein, weil das Nahrungsangebot dort ohnehin extrem knapp bemessen ist.“


„Unsere Messungen zeigen, dass Mikroplastik bis in die entlegensten Winkel unseres Planeten vorgedrungen ist.“


Melanie Bergmann, Meeresbiologin am Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung

An den Stränden der Welt (hier Bali) liegt nur ein Bruchteil des Mülls, der in den Meeren landet – Schätzungen gehen von einer Lkw-Ladung pro Minute aus.


Und es ist nicht „nur“ Plastik, das unsere Ozeane verdreckt. Nitrat etwa, das mit Düngemitteln aus der intensiven Landwirtschaft über die Flüsse ins Meer gespült wird, lässt Algen übermäßig wachsen, wodurch der Sauerstoffgehalt im Wasser sinkt – in manchen, sogenannten toten Zonen gibt es überhaupt keinen Sauerstoff mehr. Zudem spült die Industrie mit ihren Abwässern Chemikalien und Metalle in die Meere, die die Meeresbewohner krank machen können. Ölkatastrophen wie die Explosion der Bohrplattform Deepwater Horizon 2010 oder Unfälle von Tankern ziehen immer wieder katastrophale Folgen für das Öko-System Meer und seine Bewohner nach sich. Bei der Förderung von Öl und Gas gelangen Chemikalien, ölhaltige Abwässer und giftige Bohrschlämme in die Meere. Auch die Schifffahrt trägt zur Verschmutzung bei.

Die Therapie

Therapeutisch braucht der Patient hier einen interdisziplinären Ansatz. Politik, Industrie, Landwirtschaft und jeder Einzelne müssen zum Therapieerfolg beitragen. Zum einen müssen die bestehenden Gesetze eingehalten werden; mehr Kontrollen auf See, in den Häfen und an Abwasserausflüssen fordert etwa die Umweltschutzorganisation Greenpeace. Zudem muss die Industrie ihrer Verantwortung gerecht werden. Um weitere Ölkatastrophen zu verhindern, muss es für Offshoreförderanlagen und die Schifffahrt strengere Sicherheitsauf lagen geben. Die Schifffahrt muss zudem ökologischer werden – Abgasregeln, die auf den Straßen gelten, müssen auch auf den Meeren gelten. Der WWF und Greenpeace fordern ein Netz aus Meeresschutzgebieten, um so besonders gefährdete Gebiete besser schützen zu können. N icht zuletzt kann jeder Einzelne einen Beitrag leisten – beispielsweise durch die Kleidung, die er trägt, den Verzicht auf Kreuzfahrten und die korrekte Entsorgung von Müll (siehe Seite 27).

PROBLEM NR. 4 AUSGERAUBT

Illustration: noun project

Die Diagnose

Schon jetzt rauben wir die Meere aus: Die Bodenschätze Erdöl und Erdgas etwa bauen wir bereits im großen Stil ab, hinzu kommen jährlich mehrere Milliarden Tonnen Sand und Kies für die Herstellung von Zement. Auch Gold, Diamanten und Titan fördern wir aus relativ flachem Meer. Damit bekommen wir den Hals aber nicht voll.

Denn ganz tief unten auf dem Meeresgrund der Tiefsee liegen noch ganz andere begehrte Bodenschätze: wertvolle Metalle wie Thallium und Nickel oder Manganknollen etwa. Manganknollen sind Mineralienklumpen, die vor allem aus Mangan und Eisen bestehen. Wertvoll sind vor allem ihre Anteile an Kobalt, Kupfer und Nickel, die nur wenige Prozent ihres Gewichts ausmachen. Bergbau in der Tief- see – in derart sensiblen, unerforschten Öko-Systemen – hätte komplett unberechenbare Folgen und würde laut World Ocean Review „gewaltige Mengen an Sediment, Wasser und zahllosen Lebewesen mitfördern“. Der Eingriff „in den Lebensraum Tiefsee ist erheblich“, so der Bericht. Dennoch stehen die Länder, die mit dem Abbau beginnen wollen, schon Schlange und sichern sich ihre Claims auf dem Meeresgrund – darunter auch Deutschland.

Grund dafür ist unser Hunger auf Technik: Autos, Fernseher, Batterien und Smartphones etwa. Dafür brauchen wir enorme Mengen an Metall. Und viele dieser Metalle können an Land nur in wenigen Ländern abgebaut werden – meist Länder wie China oder der Kongo, von denen der Westen nur ungern abhängig ist. Deswegen ist der Abbau auch geostrategisch interessant. Eine Fördererlaubnis hat die Internationale Meeresbodenbehörde (ISA) den Ländern zwar noch nicht erteilt – das wird aber wohl nicht mehr lange dauern. Und dann werden riesige Erntemaschinen auf dem Meeresgrund in der Tiefsee ein Öko-System durcheinanderwirbeln, das wir nicht einmal erforscht haben. Die Folgen kann derzeit niemand abschätzen. Umweltschützer versuchen deswegen, den Abbau zu verhindern. Auch der WWF sieht ihn kritisch: Ein Abbau habe „mit hoher Wahrscheinlichkeit erhebliche Auswirkungen auf die Meere“, warnt Tim Packeiser, Meeresschutzexperte bei der Umweltschutzorganisation. Die befürchteten Folgen: „Lebensraumzerstörung, Verlust von teils noch unbekannten Arten, große Sedimentwolken, die sich Hunderte Kilometer durch die Meere ziehen.“ Diese Wolken würden, wenn sie sich wieder absenken, empfindliche Organismen bedecken.

Auch der Abbau von Öl und Gas dringt in immer tiefere Meeresgebiete vor. Je knapper die Rohstoffe an Land werden, desto interessanter wird der Abbau in Meeresregionen, die bisher wirtschaftlich nicht attraktiv waren.

Bohrinseln könnten künftig in immer tiefere Meeresgebiete vordringen. Denn: Je knapper Rohstoffe an Land werden, desto profitabler ist der wirtschaftlich bisher uninteressante Abbau in tieferen Gebieten.


Foto: Michael Saint Maur Sheil/getty images

Die Therapie

Eigentlich würde dem Patienten Meer nur ein Verbot des Raubbaus in der Tiefsee helfen, solange die ökologischen Folgen nicht erforscht sind. Da das unrealistisch ist, weil die Staaten und Unternehmen schon in den Startlöchern stehen und im Zweifel ganz ohne Rücksicht auf die Ökologie loslegen, fordern Umweltschützer zumindest strenge internationale Regeln für den Abbau. Und: viel mehr Meeresschutzgebiete, in denen ein solcher Raubbau verboten wäre. Mindestens 30 Prozent der Weltmeere müssten bis 2030 geschützt werden, fordern etwa Greenpeace und der WWF.

PROBLEM NR. 5 LEER GEFISCHT

Illustration: noun project

Rund 90 Prozent der kommerziell genutzten Fischbestände sind überfischt oder am Limit – im schlimmsten Fall kippen ganze Öko-Systeme.


Foto: by wildestanimal/getty images

Die Diagnose

Unser Hunger auf Fisch leert die Weltmeere – bereits ein Drittel der kommerziell genutzten Fischbestände gilt laut Welternährungsorganisation (FAO) als überfischt, weitere 58 Prozent als maximal genutzt. Das ist nicht nur für uns und unseren Hunger auf Fisch ein Problem. „Durch Überfischung und destruktive Fangmethoden werden Öko-Systeme beschädigt und dadurch anfälliger gegenüber zusätzlichen Faktoren wie Klimaerwärmung, Überdüngung oder invasiven Arten“, warnt Dr. Philipp Kanstinger, Fischereiexperte beim WWF. „Im schlimmsten Fall kippen die Öko-Systeme“, sagt er – und das habe auch gravierende Folgen für die Menschen, die von diesen marinen Ressourcen abhängen. Denn Menschen weltweit sind zum einen wirtschaftlich von der Fischerei abhängig – zum anderen bieten die Meere auch rund drei Milliarden Menschen eine lebenswichtige Ernährungsgrundlage, besonders in Entwicklungsländern. Aber das Problem ist keins, das ganz weit weg ist: „Überfischung ist ein Problem, das überall auf der Welt auftritt – sei es im Indischen Ozean, im Südatlantik oder vor unserer Haustür zum Beispiel in der Ostsee“, stellt Kanstinger fest. Ein Beispiel: Langlebige Arten wie der Heringshai oder der Engelshai sind aus den meisten europäischen Regionen schon verschwunden.

Die Therapie

Da die Krankheit sehr weit fortgeschritten ist, gibt es dringenden Handlungsbedarf. Auch hier braucht der Patient einen interdisziplinären Ansatz: Politik, Fischerei und Verbraucher sind als Therapeuten gefragt. „Die Politik sollte sich bei der Vergabe von Fangquoten an geltendes Gesetz im Rahmen der gemeinsamen Fischereipolitik der EU halten und die Überfischung in Europa beenden und eine Erholung der Fischbe- stände ermöglichen“, fordert Fischereiexperte Kanstinger. Eigentlich hätte das Ziel schon bis 2020 erreicht sein sollen – bisher ohne Erfolg. Auch eine wirksame Fischereikontrolle sei unerlässlich. Zudem fordert der Experte: „Global müssen schädliche Fischereisubventionen verboten werden, und große Teile der Meere sollten unter Schutz gestellt werden.“ Zudem ist die Fischerei selbst in der Verantwortung, sich zu begrenzen – schließlich hat sie ein ureigenes Interesse daran, dass die Bestände nicht verschwinden. Was Sie selbst tun können, um die Fische und ihr Lebensumfeld zu retten? Lesen Sie ab Seite 42. Und ob Sie Fischstäbchen guten Gewissens essen können, haben wir ab Seite 32 für Sie untersucht.


„Überfischung ist ein Problem, das überall auf der Welt auftritt – sei es im Indischen Ozean, im Südatlantik oder vor unserer Haustür, zum Beispiel in der Ostsee.“
Dr. Philipp Kanstinger, Fischereiexperte beim WWF