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TOSKANA


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GS Motorrad Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 28/2021 vom 30.11.2021

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Bildquelle: GS Motorrad Magazin, Ausgabe 28/2021

Kurven, Kultur und Kulinarik

Weltliche und kirchliche Würdenträger, Filmstars und Filmsternchen weilen dort zum Urlaub, die SPD hat eine eigene Toskana-Fraktion, so viele Briten hat es dorthin verschlagen, dass die Engländer sie „Chianti-shire“ nennen und Reiseführer über diese Region füllen ganze Regalwände. Also stellt sich mir die Frage, ob ich in der Toskana überhaupt noch etwas entdecken kann?

In jedem Fall, denn gerade für Motorradfahrer ist die Toskana ein Paradies, insbesondere dann, wenn man die üblichen Touristenorte weitestgehend meidet und sogar von den Stellen fernbleibt, wo sich italienische Motorradfahrer tummeln, die schöne Passstrecken mit Rennpisten verwechseln.

Aus dem Süden Deutschlands ist die Anreise in die Toskana relativ einfach. Eilige düsen über die Brenner-Autobahn, dann ab Modena auf der „autostrada del sole“. Wer mehr Zeit hat, schlängelt sich zuvor auf kleinen Straßen ...

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... durch Südtirol, dann über weiter durch die Emilia Romagna.

Sanfte Hügel, steile Berge, Vulkane, tiefblaues Meer und Kurven in Hülle und Fülle - ihre beste Seite zeigt die Toskana Motorradfahrern abseits bekannter Touristenpfade.

Eine echte Alternative zur An- und Abreise per Achse bietet der Autozug, der aber nicht sehr kostengünstig ist.

Die norditalienische Stadt Verona ist derzeit einziger Endhaltepunkt in Italien mit Abfahrten in Hamburg und Verona. Alternativ zu Verona gibt es die Möglichkeit nach Innsbruck zu fahren und dann weiter über den Brenner nach Südtirol. Der Bahnhof Villach in Kärnten, von wo Nordost-Italien und Venedig in greifbarer Nähe liegen, ist zeitweise auch möglich. Das Ziel Livorno wird leider schon seit längerem nicht mehr angefahren, ebenso Alessandria.

Ab Verona geht es dann relativ schnell in die Po-Ebene, die allerdings kaum fahrerische Herausforderungen bietet, da machen die kleinen Straßen weiter östlich so viel Spaß, dass wir aufpassen müssen, uns nicht zu verzetteln und damit unser eigentliches Ziel aus den Augen zu verlieren. So ist es schon von Vorteil, dass wir die Unterkünfte im Vorwege gebucht haben, denn diese Termine gilt es einzuhalten.

Zügig erreichen wir das Apenninen-Gebirge und schwenken rechtzeitig vor Genua nach Süden ab. Zu beiden Seiten ragen majestätische Berggipfel auf, die oft weit bis ins Frühjahr schneebedeckt sind. Wir entscheiden uns für die westliche Variante und schlängeln uns am Westrand der Apuanischen Alpen kurvenreich Richtung Küste. Bald schimmert in der Ferne tiefblau das Mittelmeer. Diese Bergzüge im Nordwesten der Toskana, zwischen La Spezia und Lucca gelegen, heben sich durch ihre schroffe Form und ihre Marmorsteinbrüche deutlich von den anderen Gebieten des toskanischen Apennin ab. Dann erreichen wir die Via Aurelia, eine alte Römerstraße und fahren an der Küste entlang, bis wir in einem Talkessel Carrara erreichen.

Zu Besuch in Michelangelos Steinkiste

Rund um die Stadt bedeckt feiner Marmorstaub den Asphalt. Bei Regen ist das vor allem mit dem Motorrad eine echte Herausforderung! Entlang der Straßen reiht sich ein Marmorbruch an den anderen, etwa 150 Abbaustätten gibt es rund um Carrara. Hier suchte sich nicht nur Michelangelo das Material für seine berühmten Statuen aus. Das Marmormuseum in Carrara informiert über die Geschichte des Abbaus. Der kleine Dom ist, wie könnte es anders sein, mit einer Fassade aus Marmor geschmückt.

Um mehr zum Thema Marmor zu sehen und zu erfahren, cruisen wir hinter Carrara auf abenteuerlich anmutigen schmalen Sträßchen immer höher hinauf zum Ort Colonnata, einem Dorf in dem einige der Arbeiter lebten, die im Marmorabbau beschäftigt waren. Auf der Fahrt ist Abwechslung und Konzentration angesagt. Immer wieder bieten sich uns großartige Ausblicke. Einige der Abbaustätten können sogar besichtigt werden.

Wir müssen höllisch aufpassen, denn in den Kurven können uns plötzlich Lastwagen entgegenkommen, die mit großen Marmorblöcken beladen sind. Für große Fahrzeuge ist die Straße nicht wirklich geeignet. Aber dann stehen wir auf dem Dorfplatz von Colonnata. Von seinem Rande reicht die Fernsicht bis zum Mittelmeer.

Schneeweiß, rosig, mitunter violett - von unvergleichlicher Reinheit strahlt dieses Gestein. Carrara-Marmor ist eine der bekanntesten Marmorsorten weltweit. Die hellen Steine sind aufgrund der Seltenheit die begehrtesten und die teuersten ihrer Art. Seitdem es

Lastkraftwagen gibt, wird auf den mittlerweile asphaltierten Straßen der Marmor bis zum Hafen von Marina di Carrara hinunter transportiert und in alle Welt verschifft. Von den Zeiten der Römer noch bis 1960 wurden die Marmorblöcke mit einer speziellen Methode ins Tal gebracht, der „Lizzatura“. Dabei brachte eine Gruppe von Lizzatori in harter Arbeit und mit schwierigen Manövern auf steilen Strecken mehr als 20 Tonnen schweren Marmorblöcke mittels Holzschlitten zu einer Laderampe. Seit damals findet in jedem Jahr am ersten Sonntag im August oberhalb von Carrara in der Nähe des kleinen Ortes Miseglia eine traditionelle Lizzatura statt.

Über die durch den Marmorstaub verschneit anmutenden Straßen und durch nur spärlich erleuchtete Tunnel geht es wieder abwärts zum Hafen von Carrara. Anschließend folgen wir der Küste weiter nach Süden. An dem einen oder andern Platz stoppen wir für ein Foto, ein Eis oder auch, um unseren Wasserhaushalt wieder aufzufüllen. Der Aufenthalt am Meer ist aber nicht unsere Sache, zu geordnet erscheinen die vornehmen Strandbäder in der Küstenlandschaft Versilia, zu geradlinig die breite Küstenstraße. In Viareggio schwenken wir ab und fahren wieder kurvenreicher über Lucca zu unserem Hotel in San Giuliano Terme.

Nach dem Frühstück machen wir uns am nächsten Morgen wieder auf den Weg und erreichen nach kurzer Fahrzeit die Stadt Pisa. Ihr Wahrzeichen ist der als der Schiefe Turm von Pisa bekannte Campanile. Klar wollen wir mal sehen, ob der berühmte schiefe Turm noch steht. Und so stürzen wir uns bildungshungrig direkt in die Postkartenidylle auf die Piazza dei Miracoli. Wie vermutet ist der Bereich voll von Menschen und den unvermeidlichen Lederund Nippeshändlern.

Durch ein Stadttor gelangen wir auf den Platz der Wunder - Dom, Taufkirche und Schiefer Turm sind dicht und hübsch beieinander. Und das auf einer stets perfekt gepflegten Rasenfläche, die man sogar betreten darf. Wir nutzen diese Möglichkeit, denn es ist das einzige, was wir dürfen, ohne horrende Eintrittsgelder zu zahlen. Für die Besichtigung des Schiefen Turms allein werden 18 € Eintritt pro Person plus 2 € online Reservierung verlangt. Die Betreiber behaupten, dass sie über den Preis den Zustrom regulieren und damit letztlich den Campanile vorm Umkippen retten wollen. Der steht zwar ziemlich schief, aber in Wahrheit dürfte sich das Gewicht von einer Handvoll Touristen im Vergleich zur Turmmasse eher bescheiden ausmachen.

Nach einem kleinen Rundgang durch den Touristenrummel reicht es uns. Wir gehen zu den Motorrädern zurück und verlassen zügig die Stadt nach Südosten mit Ziel Volterra.

Die Alabasterhauptstadt Volterra und das Tal des Teufels

Schon nach kurzer Zeit beginnt ein kurvenreiches Erlebnis. Kleine Orte überraschen immer wieder durch ihre Lage und ihre Struktur. Das auf etruskische Ursprünge zurückzuführende Dorf Lari ist eines von ihnen. Zeit für einen Espresso. Entlang kleiner Straßen nehmen wir die Toskana Richtung Süden unter die Räder, erreichen das auf einem Hügel gelegene Volterra. Nach dem Einchecken in unserem Hotel starten wir einen Rundgang durch Stadt. Wir sind schon sehr beeindruckt von den Plätzen und Palästen dieser befestigten Stadt etruskischen Ursprungs, die durch den Abbau von Alabaster reich geworden war. Zum Abendessen kehren wir wieder ins Hotel zurück und genießen die lokale Küche mit herrlichen Weinen.

Südlich von Volterra schließt sich das Tal des Cecina an, das wegen seiner geothermischen Aktivitäten seit der Antike auch als Tal des Teufels bezeichnet wird. Seit 1905 beherbergt es eines der weltweit größten Erdwärme-Kraftwerke. Über Montecerboli und Larderello fahren wir an skurril anmutenden geothermischen Kraftwerken vorbei durch Castelnuovo di Val di Cecina. Immer wieder öffnet sich ein weites Panorama über das Gebiet. Dann gelangen wir in die Region der Colline Metallífere, die „Metall tragenden Hügel. Der Gebirgszug in der mittleren und südlichen Toskana war seit der Antike für seine Bodenschätze bekannt. Zentrum ist hier der ehemalige Bergbauort Massa Marittima. Heute entwickelt sich hier ein ländlicher Tourismus.

Durch dichte Wälder schwingen wir auf landschaftlich schöner Strecke nach San Galgano. Schon von weitem ist die Ruine einer ehemaligen Abtei zwischen den Zypressen zu sehen.

Die gotische Kathedrale wurde im 13. Jahrhundert von Zisterziensermönchen erbaut und gilt als ein Meisterwerk der zisterziensischen Architektur, war sie doch das erste und bedeutendste gotische Bauwerk der Toskana. Die mächtige Kirche ist schwer beschädigt, dachlos. Bei einem Blitzeinschlag stürzte 1783 der Glockenturm ein und zerstörte dabei das komplette Dach. Paradoxerweise macht gerade das die Kirche sehenswert, denn der gut 70 Meter lange Bau ist ebenso wie der Rest der Klosteranlage gut erhalten. Das fehlende Dach verleiht ihm aber ein irreales, fast unheimliches Aussehen und erinnert mich an Kirchenruinen in Irland.

Nur ein paar Gehminuten oberhalb der Ruine des Hügels befindet sich die kreisförmige romanische Kirche „La Rotonda“ mit einer außergewöhnlichen Sehenswürdigkeit. In einem Stein steckt ein Schwert fest. Der Legende nach hörte ein Ritter im 12. Jahrhundert eine engelhafte Stimme, die ihn zur Spitze des Hügels führte und ihm empfahl sein sündiges Leben aufzugeben. Daraufhin zog er sich dort zu einem Leben im Gebet und in der Einsiedelei zurück. Als Zeichen für den Schwur seiner Gewaltlosigkeit soll er dort sein Schwert in einen Fels gerammt haben, um es als Kreuz anzubeten. Die Kapelle wurde über dem Grab des späteren Heiligen Galgano errichtet. Das Schwert, bis dahin ein Mittel des Todes, wurde ein Mittel zur Buße. Daher wird San Galgano auch mit dem Mythos von König Artus und dem Schwert Caliburn verbunden, das Merlin durch einen Stein triebt und von dem es hieß, dass nur der wahre künftige Herrscher es dort rausziehen könne.

Sicher ist, dass hier es bisher niemand herausziehen konnte. Etliche vergebliche Versuche wurden unternommen und dabei das Schwert beschädigt. Deshalb wird es mittlerweile durch eine Plexiglashaube geschützt.

Über wunderschöne, kurvenreiche Strecken mit großartigen Ausblicken auf eine hüglige Landschaft, manchmal dicht bewaldet, mitunter sehr karg, begleiten uns den ganzen Tag. Wir passieren die Brücken über die Farma bei Bagni di Petriolo, einem bei den Etruskern und Römern schon bekannter Ort mit Thermalquellen. Auf kleinen Straßen schrauben wir uns über Monticello Amiata und Castel del Piano immer höher zum Monte Amiata, dem einzigen Vulkan der Toskana, seit etwa 2.000 Jahren erloschen. Mit seinem deutlichen und ausdruckvollen Profil zeigt er sich wie eine Insel, die in einem Meer sanfter Hügel zu schweben scheint. Durch Kastanien- und Buchenwälder erreichen wir die Albergo Le Macinaie, meine Lieblingsunterkunft in der Region. Hier bleiben wir die nächsten Tage.

Ein Ausflug führt uns noch einmal ans Meer, zur Halbinsel Monte Argentario, die als wilde Schönheit gilt und als ein Lieblingsort italienischer Prominenz. An den Wochenenden steppt hier der Bär. Doch in der Woche haben wir den Panoramaweg rund um die Halbinsel fast für uns alleine. Nach 25 Kilometern endet der Asphalt, aber die letzten unbefestigten Kilometer bis Porto Ercole lassen sich auch mit Straßenmotorrädern gut bewältigen. Vor dem Monte Argentario liegen im blauen Meer unter einem strahlend blauen Himmel die kleinen Inseln Giannutri und Giglio und in der Ferne schimmert das kleine Montecristo. Sobald wir anhalten erleben wir eine nahezu himmlische Ruhe, wir sehen keinen Menschen. Nur das Meeresrauschen und das Gezwitscher der Vögel unterbrechen die Stille. Ans Meer kommen wir allerdings nicht, denn steile Abhänge verbieten den Abstieg. Dort, wo eine Treppe nach unten führt, ist der Weg garantiert durch ein verschlossenes Eisentor versperrt. So fahren wir zum Baden zurück auf die Halbinsel, die Monte Argentario mit Albinia verbindet. Dichte Pinienwälder säumen hier die schmalen Sandstrände.

Auf dem Rückweg zum Monte Amiata verschlägt es uns dann in ein weiteres Touristenzentrum. Das mittelalterliche Städtchen Pitigliano thront beeindruckend und weithin sichtbar auf einem steilen Tuff-Felsen. Die ganze Gegend bis weit hinter Rom ist durch Tuff geprägt, den Vulkane hier vor Urzeiten ausgespuckt haben. Ein paar Kurven weiter gelangen wir nach Saturnia. Der Legende nach soll hier der Gott Saturn einen Blitz in die Erde geschleudert haben, weil er wegen der ewigen Streitereien der Menschen zornig war. Aus dem Krater sprudelte eine Quelle, die nicht nur erfrischte, sondern auch weiser und glücklicher machte - so wird es zumindest überliefert. Bis vor gut 30 Jahren nutzten sie nur die Menschen aus der Umgebung, heute bietet das 37 Grad warme Wasser die Grundlage einer Wellness-Industrie.

Zu unserem nächsten Ziel, dem Chianti-Gebiet, fahren wir natürlich nicht direkt. Zuviel interessante Orte und noch mehr Straßen, die uns das Grinsen nicht aus dem Gesicht holen. Wir erreichen das Val d'Orcia, eine toskanische Bilderbuchlandschaft aus ganz sanft gerundeten Hügelketten mit Sonnenblumenfeldern, Zypressenalleen und einsamen Gehöften. Von hier aus bietet Pienza einen besonders bezaubernden Anblick. Nach seiner Wahl zum Papst Pius II. verwirkliche sich der Humanist Enea Silvio Piccolomini in seinem Heimatort den Traum von einer Idealstadt der Renaissance. Weltliche und geistliche Macht stehen sich hier ausgewogen gegenüber. Pius II. erklärte Pienza zum Bischofssitz und so kam der abgelegene geruhsame Ort zu einem Dom. Zeit für einen Espresso. Durch die hügelige Landschaft erreichen wir auf kurvenreicher Strecke nach kurzer Zeit Montalcino, auf Deutsch „Steineichenberg“. Der uralte kleine Ort ist eine etruskische Gründung mit einer hübschen Altstadt, die von der mächtigen Fortezza überragt wird. Die Böden und das Klima der Gegend begünstigen den Weinbau. Durch ihn ist der Ort weltberühmt geworden. Von hier stammt der überragende Brunello di Montalcino, sortenrein aus einer Variante der Sangiovese-Traube gekeltert, die „Sangiovese Grosso“ oder Brunello genannt wird. Er gilt als einer der ganz großen Rotweine der Welt, unbestritten ist er einer der teuersten Spitzenweine Italiens. Die Kellereien in und um Montalcino sind daher ein Besuchermagnet.

Nach Norden hin, zur Crete verändert sich die zuvor weiträumige, lockere Landschaft auffällig. Creta, das bedeutet Tonerde, Lehm oder Kreide. Die Crete südlich von Siena ist eine graphische Landschaft, minimalistisch, aber mit klaren Formen und kahlen Hügel. Gelegentlich ein einsames Haus, eine Zypressenreihe, ein paar Schafe, mal eine Zisterne, kurvenreiche kleine Straßen. Ansonsten wellige Felder, über die Wolkenschatten jagen. Im Frühjahr grünt es überall, im Herbst, wenn umgepflügt wurde, ist die Crete braun und grau. Schon Etrusker und Römer haben hier abgeholzt und so ist ein Lehrbeispiel für Erosion entstanden.

Den Mittag wollen wir in Siena verbringen. Wir schlängeln uns durch den leicht chaotischen Verkehr hinein in die Stadt. Es dauert eine Weile, bis wir einen günstig gelegenen Parkplatz gefunden haben. Wie gut, dass wir hier nicht mit dem Auto unterwegs sind. Jacken und Helme am Motorrad befestigt, die Kamera ausgepackt und los geht`s. Ein paar Gassen weiter erreichen wir Sienas Marktplatz, die Piazza del Campo, auf dem auch das Palio, das berühmte Pferderennen, stattfindet. Daran liegt zentral das Rathaus, der Palazzo Pubblico. Da wir außerhalb der Hauptsaison hier sind, können wir sogar das Muster der Platten erkennen, über die wir gehen. Im Sommer ist das kaum möglich. Wir gönnen uns noch einen Cappuccino, selbst wenn der hier um einiges teurer ist als ein paar Straßen weiter und dazu auch nur halb so gut. Aber die Aussicht macht es wett.

Wenig später schwingen wir uns über kleine Landstraßen ins Chianti. Immer unterwegs in einer hügligen Landschaft, fahren wir durch kleine Orte, eingerahmt von Weinfeldern. Das Chianti Classico Gebiet, in dem wir uns nun aufhalten, besteht überwiegend aus der Gegend zwischen Florenz und Siena, im Osten von den Chianti-Bergen, im Westen von den Tälern der Flüsse Pesa und Elsa begrenzt. Wir sind im Kernland des Chianti-Gebietes.

Die SS 222 „Via Chiantigiana" verbindet über 70 km die beiden großen Städte und führt durch eine großartige Kulturlandschaft. Aufgereiht wie Perlen an einer Schnur liegen an dieser Straße viele bekannte Weinorte. Nur ein Zehntel des sehr waldigen und hügligen Gebietes wird für Weinbau verwendet. Das Kennzeichen der Chianti Classico Weine ist der „Gallo Nero“, der „Schwarze Hahn“. Unglaublich diese Fülle an großartigen Straßen, auf denen wir uns mit den Motorrädern hindurchschwingen.

Castellina in Chianti ist eine der kleinen Städte mit einer sehenswerten Festung und einem etruskischen Hügelgrab auf dem Monte Calvario.

Die 21 Kilometer nach Poggibonsi gehören wieder mal zu den besten, die man sich vorstellen kann, wenn man Spaß daran hat, auf kurvenreichen Strecken unterwegs zu sein. Die Orientierung in den Orten ist ein mitunter schwierig, aber San Gimignano ist überall angeschrieben.

Natürlich stoppen wir in San Gimignano, das schon von weitem mit seinen markanten Türmen zu sehen ist und probieren am Markt von dem angeblich besten Eis der Welt. Bis wir es probieren können, dauert es eine Weile, denn auch andere Besucher der kleinen Stadt haben denselben Gedanken. Anschließend fahren wir weiter Richtung Norden und werden reich belohnt, denn die Toskana zeigt sich von ihrer besten Seite. Schmale Zypressenalleen führen zu einsamen Gehöften, sanft abfallende Weinberge gehen in knorrige Olivenhaine über, dunkle Wälder stehen vor tiefblauem Himmel. Die Menschen hier haben Zeit, zumindest nehmen sie sich die. In einer kleinen Osteria serviert der Wirt zum deftigen Wildschweinbraten einen Chianti vom Fass. Den Wein müssen wir leider ausschlagen, aber das Essen ist Klasse.

Der Besuch bei meinem Freund Filippo in Spazzavento ist vielleicht der Höhepunkt unserer Reise. Auf dem Weg zu ihm stoppen wir in „La Vinsantaia“, im Weiler Capezzana, in dem seit der Mitte des 15. Jahrhunderts von der Familie von Filippo Frau Weintradition geschrieben wird. Bernadetta führt uns selber herum und gibt uns einen großartigen Eindruck. Wenig später sitzen wir bei Filippo auf der Terrasse, trinken einen Espresso und sehen auf Florenz weit unten im Tal. Im Dunst ist der Dom eben noch zu erkennen. Filippos Passion ist der Olivenanbau. Es ist schon eindrucksvoll, mit ihm durch den Olivenhain zu gehen und eine Erläuterung zuzuhören. Ein mühsames Geschäft war der Olivenanbau schon immer. Frühestens nach vier Jahren beginnt der Ölbaum Früchte zu tragen, mit 50 Jahren ist sein Ertrag am größten. Aus 20 Kilogramm Oliven werden so durch sanften Druck drei bis fünf Liter des begehrten Öls gewonnen. Sorte, Boden und Klima bestimmen die Qualität und den typischen Geschmack. Kenner zelebrieren die Verkostung ähnlich wie beim Wein. Filippo zeigt es uns: Das „flüssige Gold“, das er auf einen Löffel gießt, ist hellgrün. Um das Öl zu erwärmen, legt er den Löffel auf seine Hand, hält seine Nase darüber, schnuppert. Schließlich nimmt er einen Schluck, „zieht“ das Öl durch den Mund. „Gut“, sagt er, spricht über den grasigen Geschmack und freut sich über den „Schluck Gesundheit", den er sich gerade einverleibt hat. Denn der hohe Gehalt an Ölsäure senkt den Cholesterinspiegel und soll sogar den Alterungsprozess verzögern. Filippo reibt ein geröstetes Weißbrot mit einer Knoblauchzehe ein und träufelt das grüne Öl darauf. „Die einfachste Vorspeise der Welt", sagt er lächelnd. Und eine der köstlichsten. Aber ich weiß auch, womit ich Filippo packen kann. Und es dauert nicht lange, bis er umgezogen und seine BMW startbereit ist.

An seinem Fahren merke ich deutlich, wie viel Spaß er hat, mit uns unterwegs zu sein. Zunächst führt er uns auf kleinsten Wegen Nord westwärts nach Vinci, dem Geburtsort von Leonardo. Fast unglaublich, aber das Universalgenie zeichnete unter anderem schon im 15. Jahrhundert das allererste Motorradmodell. Unser Stopp ist jedoch nur kurz, denn im Ort stauen sich die Touristenbussen. Wir wenden uns weiter Richtung Norden. In schmalen Windungen führt der Weg den Hängen des Apennins entgegen. Bald sind wir ganz allein auf dem Asphalt. Das ist auch gut so. Dank Filippos Ortskenntnisse erleben wir ein richtiges Kurvenparadies. Doch jeder Spaß hat einmal ein Ende. Filippo bringt uns zu unserer Unterkunft, die ich dank seines Tipps schon früher kennengelernt hatte und verabschiedet sich. Ein letzter Abend in der Toskana, wieder einmal mit hervorragendem Essen. Hier ist die Küche wie die Gastgeber unseres Agrotourismus, gesund, schlicht, bodenständig und dennoch mit Pfiff: Crostinis, die knusprigen Weißbrotscheiben mit Olivenmus, dann deftige Wildschweinpastete, mit feinstem Olivenöl angemachten Salaten. Das Fleisch, das wir anschließend gereicht bekommen, ist von einer Qualität, wie ich zumindest es lange nicht geschmeckt hatte. Dazu die Weine des Hauses. Und alles ohne Schnickschnack, lecker und bekömmlich.

Nach dem Frühstück verlassen wir unsere Unterkunft und fahren nordwärts. Verschlungene Spitzkehren führen Richtung Abetone-Pass. Oben erinnern zwei Pyramiden an den Bau der Passstraße. Damals wurde hier die riesige Tanne gefällt, „abete“ auf Italienisch, die dem Pass den Namen gab. Und wieder haben wir unseren Rhythmus gefunden. Nur gut, dass hier kein Mangel an Kurven herrscht.

Doch dann verlassen den Apennin, erreichen wieder die Po-Ebene und fahren auf kleinen Straßen nach Norden, um rechtzeitig zur Verladung unserer Motorräder am Bahnhof zu sein.

Der Zauber der Toskana erschließt sich zu jeder Jahreszeit. Auf den sanften Hügeln umgibt einen der Duft von Pinien und Zypressen, das Zwitschern der Vögel, das Summen von Insekten. Auf dem Weg vom Tal in die Höhen ändert sich die Vegetation, Bergahorn, Blutbuchen, Ebereschen und andere Pflanzen und Bäume bieten dem Auge eine große Formen- und Farbenvielfalt. Auch wer nicht gerne in der Gruppe unterwegs ist, spürt alleine oder zu zweit viel Ruhe, ohne sich einsam zu fühlen.

'Die Toskana, ihre Landschaft und ihre Orte sind in jedem Fall beeindruckend, wenn man sie zur richtigen Jahreszeit und mit dem richtigen Fahrzeug besucht. Fahrspaß nahezu ohne Ende und Eindrücke und Ausblicke, die man so nicht erwartet.'