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Unkonventionelles Erdgas: Weltweit umstritten


ÖKO-TEST Spezial Umwelt & Energie - epaper ⋅ Ausgabe 11/2011 vom 04.11.2011

Erdgas gilt als vergleichsweise verträgliche fossile Energiequelle. Deshalb sollen künftig auch die letzten Reserven aus der Erde gepresst werden – mit einer Technologie namens Fracking. Doch Kritiker warnen vor Umweltschäden und vor allem vor Gefahren für Grund- und Trinkwasser.


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Foto: ddp images/AP Photo/Mark Stehle

Sage keiner, es werde nicht wirklich mit Hochdruck an der künftigen Energieversorgung in Deutschland gearbeitet. Mit etlichen Hundert Bar wurden am 27. Juli in Groß Leesen, einem Ortsteil der Kleinstadt Sulingen, 50 Kilometer südlich von Bremen, große Mengen Flüssigkeit in ein Bohrloch ...

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Sage keiner, es werde nicht wirklich mit Hochdruck an der künftigen Energieversorgung in Deutschland gearbeitet. Mit etlichen Hundert Bar wurden am 27. Juli in Groß Leesen, einem Ortsteil der Kleinstadt Sulingen, 50 Kilometer südlich von Bremen, große Mengen Flüssigkeit in ein Bohrloch gepresst. Mit ihrer Hilfe ließen es die Arbeiter der Firma Exxon Mobile in rund 2.500 Meter Tiefe ordentlich krachen. Dank des hohen Drucks bildeten sich im Buntsandstein, der sich dort unter dem nordwestdeutschen Tiefland erstreckt, viele Risse und Klüfte. Durch sie soll dem Bohrloch mit der Bezeichnung Buchholz T 12 neues Erdgas zuströmen – frischer Wind für eine Energie zapfstelle, die bereits seit 40 Jahren in Betrieb und zwischenzeitlich einigermaßen erschöpft war. Die knapp 50 Minuten dauernde Operation war das vorerst jüngste deutsche Beispiel dafür, wie Gaskonzerne auf der Suche nach neuen Reserven die Lagerstätten künftig im Wortsinn unter Druck setzen und damit auspressen wollen. In der Regel kann man sich die Förderung von Erdgas ähnlich wie eine Fahrradpanne vorstellen: Die niedergebrachte Bohrung gleicht einem Nagel, der sich in den Reifen drückt; das unter Druck stehende Erdgas zischt wie die Luft aus dem Gummischlauch von selbst nach außen. Allerdings gibt es auch umfangreiche Vorräte, bei denen das Gas in undurchlässigem Gestein eingeschlossen ist. Erst, wenn dieses zertrümmert wird, entweicht der Rohstoff.

Importe werden für USA überflüssig

Um derlei „Frakturen“ herzustellen, wird das Gestein faktisch wie ein bis zum Platzen gefüllter Reifen aufgepumpt – wenn auch nicht mit Luft, sondern mit Flüssigkeit. Die Technologie heißt „Hydraulic Fracturing“, kurz: Fracken. Sie erschließt enorme Mengen an zusätzlichem Erdgas, frohlocken Befürworter. Sie birgt enorme Risiken, sagen Gegner, die vor allem um das saubere Trinkwasser fürchten. Bürgerinitiativen machen mobil; Landesministerien geben Studien in Auftrag; in diesem Herbst befasst sich der Bundestag in einer Anhörung mit dem Thema. Das Erdgas aus den sogenannten unkonventionellen Lagerstätten enthält nicht nur viel Energie; es liefert gleichzeitig enormen Zündstoff – zunehmend auch in Deutschland.

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Grund dafür ist, dass große Gasförderer auch in der Bundesrepublik und anderswo in Europa fieberhaft an der Erkundung solcher Lagerstätten arbeiten, bei denen das Erdgas entweder in festem Gestein (tight gas), Schieferschichten (shale gas) oder Kohleflözen eingeschlossen ist. In den USA werden diese Ressourcen bereits seit einigen Jahren angezapft; seit 2005 gibt es einen regelrechten Boom – mit weitreichenden Folgen: Die Vereinigten Staaten decken bereits zehn Prozent ihres Bedarfs auf diesem Wege und sind so von Importen unabhängig geworden. Bis 2030 könnte sich die Fördermenge nach Prognosen der Energy Information Agency (EIA) auf 170 Milliarden Kubikmeter verdreifachen. Dann würde ein Viertel der Gasproduktion aus sogenannten unkonventionellen Lagerstätten gedeckt.

Angesichts der schwindenden Vorräte an anderen fossilen Energieträgern und explodierender Preise für Erdöl ist es kein Wunder, dass auch anderswo die Suche auf Hochtouren läuft. Nicht unerhebliche Vorräte beispielsweise an Schiefergas werden etwa in Großbritannien und Polen vermutet – sowie unter Deutschland. Schätzungen sprechen von 150 Milliarden Kubikmetern. Wie viel es wirklich ist, weiß jedoch niemand. Um genauere Aussagen zu ermöglichen, hat die Bundesregierung die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) gebeten, das „grundlegende Ressourcenpotenzial“ für Deutschland zu prüfen. Zwischenergebnisse, sagt Bereichsleiter Harald Andruleit, sollen Anfang 2012 vorliegen.

Wasserverbrauch wie die Stadt München

Wie viel davon wirtschaftlich zu fördern sein wird, ist nicht absehbar. Mit einem „gas rush“, der den Import von russischem Erdgas hinfällig macht, ist aber keinesfalls zu rechnen. Auf das 2,5-Fache des deutschen Jahresverbrauchs werden die Vorräte von Ingo Kapp beziffert, der am Geoforschungszentrum (GFZ) Potsdam ein Schiefergas-Forschungsprojekt namens GASH koordiniert. In einem Zeitungsinterview sprach Kapp von einer „Ergänzung, die eine weitere Diversifizierung des Energierohstoffmarktes ermöglicht“. Dagegen erwartet Werner Zittel, Autor einer einschlägigen Studie für die Energy Watch Group, „keinen großen Einfluss“ von Erdgas aus unkonventionellen Lagerstätten auf die deutsche Gesamtförderung.

Ein Hauptgrund dafür ist, dass die ökologischen Nebenwirkungen dieser Fördermethode und vor allem des Fracking mehr als umstritten sind. Unkon ventionelle Lagerstätten sind längst nicht so ergiebig wie klassische Erdgaslager. Es gebe vor allem bei Schiefergas „grundsätzlich geringere Fördermengen und -raten“, erklärt Ritva Westendorf-Lahouse, Sprecherin von Exxon Mobile Deutschland: Statt 10- bis 30.000 Kubikmeter je Stunde seien 2- bis 5.000 Kubikmeter zu erwarten. Zudem fällt die Förderrate „recht zügig ab“, fügt sie hinzu – binnen eines Jahres oft auf weniger als die Hälfte, sagt Zittel. Am Laufen gehalten werden kann der Gasstrom nur, indem Bohrungen erneut „gefrackt“ oder neue Bohrungen niedergebracht werden. Für die bisherige US-Produktion waren allein bis 2009 sagenhafte 461.388 Bohrungen nötig.

Die Folgen sind beachtlich – etwa was den Flächenverbrauch anbelangt: Je Quadratkilometer sind rund sechs Bohrungen erforderlich, die jeweils mit Zufahrten, Abwasserbecken, Tanks, Containern und Lkw-Stellplätzen versehen werden müssen. Um das Material anzuliefern, braucht es zahlreiche Fahrten mit Lastern und Sattelschleppern. Auch der Wasserbedarf ist enorm. Die 236 Kubikmeter Flüssigkeit, die Ende Juli in Buchholz T 12 verpresst wurden, füllen zwar ein Stadtbadbecken gerade zu einem Viertel. Stand der Technik sind aber Bohrlöcher, die sich unterirdisch sechsfach verzweigen und horizontal in die gasführenden Schichten vordringen. Um sie zu fracken, sind nach Angaben des Umweltbundesamts (UBA) zwischen 54.000 und 174.000 Kubikmeter Wasser nötig. Letztere Menge entspricht dem täglichen Wasserverbrauch aller Einwohner Münchens.

Chemikalien sind oft Betriebsgeheimnis

Vor allem aber handelt es sich bei der Flüssigkeit, die in die Bohrlöcher gepresst wird, nicht schlicht um Wasser. Diesem wird vielmehr Sand beigemischt, dessen Körnchen die Risse auch beim Nachlassen des Drucks noch offen halten sollen – und außerdem ein Cocktail aus vielen verschiedenen Chemikalien, die unter anderem verhindern müssen, dass Bakterien die Klüfte im Gestein verstopfen. In Buchholz T 12 waren dem Wasser 1,6 Tonnen gefährliche und 13,3 Kilogramm als giftig klassifizierte Chemikalien beigemischt. Darunter waren 160 Kilogramm Tetraethylenpentamin. Der Stoff gilt als langfristig schädlich für Wasserorganismen; seine Freisetzung in der Umwelt soll vermieden werden.

Was genau unter die Erde gepumpt wird, ist – anders als im Fall von Buchholz T 12 – in den meisten Fällen nicht bekannt. Während sich Exxon Mobile in diesem und anderen Fällen um Transparenz bemüht und Listen ins Internet stellt, wird die Zusammensetzung der „Additive“ ansonsten vielfach zum Betriebsgeheimnis erklärt. Behörden gehen freilich von Hunderten verschiedener Chemikalien aus, die beim Fracken zum Einsatz kommen, darunter Methanol sowie Benzole, Toluole, Ethylene und Xoluol (BTEX). Am Tyndall-Center für Climate Change an der Universität Manchester wurden 260 bekannte Fracksubstanzen untersucht. 38 davon sind toxisch für den Menschen, acht lösen sicher und weitere sechs vermutlich Krebs aus, fünf wirken sich negativ auf die Fortpflanzung aus. Zwar betonen die Gasfirmen, die Chemikalien kämen nur hochgradig verdünnt zum Einsatz; die eingesetzten Flüssigkeiten seien „nicht giftig und nicht umweltgefährdend“, betont Exxon Mobile. Auch die UBA-Studie erklärt, für eine Bewertung der Gefahren müsse berücksichtigt werden, in welcher Menge und Konzentration die Substanzen eingesetzt werden, ob sie abgebaut werden oder in der Umwelt verbleiben. Gleichwohl zeigt sich die Behörde skeptisch:

„Umweltbeeinträchtigungen sind in allen Phasen des Förderprozesses denkbar“, heißt es in dem Papier. Vor allem zwei Umstände bereiten Skeptikern Kopfzerbrechen. Sie fürchten zum einen Risse im Mantel der Bohrlöcher oder sich unkontrolliert ausbreitende Klüfte im Untergrund, durch die Frackflüssigkeit austreten könnte. Deren Inhaltsstoffe seien „toxisch, teilweise kanzerogen und biozid“, sagt Werner Zittel: „Es ist nicht gesichert, dass die Flüssigkeiten nicht ins Grund- und Trinkwasser gelangen können.“ Dem widersprechen die Industrie und ihr nahestehende Wissenschaftler. Die Bohrungen seien mit einem Mantel aus mehreren Schichten Stahl und Spezialbeton versehen, sagt Exxon-Sprecherin Westendorf-Lahouse. Dieser verhindere auch das Eindringen von Erdgas in das Grundwasser. In den USA kam das dennoch wiederholt vor; der kritische Film Gasland von Josh Fox, der im Jahr 2010 veröffentlicht und beim Sundance-Filmfestival als bester US-Dokumentarstreifen geehrt wurde, belegt das durch dramatische Bilder von Wasserhähnen, deren Strahl sich entzünden lässt.

Wasserstrahl gerät in Brand

Diese Probleme ließen sich durch die strikte Einhaltung technischer Vorschriften verhindern, sagt der Potsdamer Physiker Ingo Kapp: „Das Risiko ist beherrschbar.“ Selbst der Projektleiter des GASH-Forschungsprojekts, das von den großen Gasunternehmen gesponsort wird, weist aber in dem Interview hin auf eine „Gefährdung, die deutlicher thematisiert werden muss“: das mit dem Nachlassen des Drucks aus den Gaslagerstätten zurückfließende Wasser. Es kann mit Benzolverbindungen ebenso versetzt sein wie mit Arsen oder radioaktiven Isotopen. „Diese Stoffe können hochgiftig sein und müssen entsprechend behandelt werden“, sagt Kapp.

Es ist angesichts dessen kein Wunder, dass vor allem die Wasserversorger verunsichert und alarmiert sind. Man sehe „die Gefahr nicht unerheblicher Umweltbeeinträchtigungen“, heißt es in einer Stellungnahme des Verbands der kommunalen Unternehmen (VKU) vom Mai 2011, in der gewarnt wird: „Die Erschließung alternativer Energiequellen darf nicht dazu führen, dass erhebliche Risiken für andere Umweltmedien entstehen.“

Christa Hecht, Geschäftsführerin der Allianz der öffentlichen Wasserwirtschaft (AÖW), mahnt ebenfalls, der „Schutz von sauberem Grund- und Trinkwasser muss Vorrang vor anderen Interessen haben“. Hecht weiß, welche teilweise langfristigen Gefahren dem Grundwasser drohen. Sie erinnert an Erfahrungen aus Thüringen, wo Kali-Unternehmen in den 1920er-Jahren Abwasser unterirdisch verpressten. Durch Risse wanderte die Salzlauge über Jahrzehnte langsam in Grundwasserleiter – mit der Folge, dass bei Gerstungen bereits Brunnen geschlossen werden mussten.

Wie Feuer und Wasser: Pannen beim Fracken können dafür sorgen, dass Gas in Grund- und Brunnenwasser dringt, das sich dann anstecken lässt.


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Grundwasser drohen. Sie erinnert an Erfahrungen aus Thüringen, wo Kali-Unternehmen in den 1920er-Jahren Abwasser unterirdisch verpressten. Durch Risse wanderte die Salzlauge über Jahrzehnte langsam in Grundwasserleiter – mit der Folge, dass bei Gerstungen bereits Brunnen geschlossen werden mussten.

Ein ähnliches abschreckendes Beispiel zitiert Jörn Krüger, ein 39-jähriger Softwareentwickler, der in Nordwalde wohnt, einer Gemeinde nördlich von Münster. 60 Kilometer entfernt liegt der Haltener See, der ein großes Trinkwasserresevoir ist – noch. Denn im Untergrund breiten sich giftige Hinterlassenschaften einer Sprengstofffabrik aus, die in den Untergrund gesickert sind. „In einigen Jahren“, sagt Krüger, „könnten sie den See erreichen.“

Größte Demo seit 30 Jahren

Für gefährdet halten die Bewohner der Region freilich nicht nur den See, sondern inzwischen auch ihre Hausbrunnen und das Wasser aus dem nahe gelegenen Wasserwerk Emstetten. Der Grund sind im vorigen Jahr bekannt gewordene Pläne von Exxon Mobile, Probebohrungen für die Erschließung von Schiefergas niederzubringen. In den 1960er-Jahren war in der Region bereits einmal nach Erdgas gesucht worden – ohne Erfolg. „Wir hatten das fast vergessen“, sagt Krüger. Mit den erneuten Plänen konfrontiert, hätten einige Einwohner recherchiert – und seien angesichts der Informationen über mögliche Nebenwirkungen der Frackingtechnologie erschrocken.

Im September 2010 gründete sich in der 9.000-Einwohner-Gemeinde eine Bürgerinitiative. Es gab eine Demonstration, „die größte hier seit über 30 Jahren“, sagt Krüger; zudem wurden über 3.000 Unterschriften gesammelt. Versammlungen sind regelmäßig gut besucht. Krüger, der sich auch bei Campact engagiert, startete ein Internetblog, in dem über Gasförderung aus unkonventionellen Lagerstätten informiert wird. Viele Nordwalder, sagt er, „wollen das vor ihrer Haustür nicht haben“. Sie sind nicht die Einzigen: Bürgerinitiativen gründeten sich seither auch in Borken und Lünne, Witten und Bergkamen. Vor allem in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen sowie in Baden-Württemberg, wo Erkundungspläne weit fortgeschritten sind oder bereits Probebohrungen zur Erkundung von Schiefergas laufen, gibt es Proteste. Auf Bundesebene gründete sich die Interessengemeinschaft „Gegen Gasbohren“.

Die Unternehmen sehen für derlei Skepsis und die Proteste keinen Anlass. Fracking sei eine erprobte und in Deutschland seit einem halben Jahrhundert angewendete Technologie: „Es wurde bereits rund 300 mal eingesetzt“, erklärt Exxon-Sprecherin Westendorf-Lahouse, deren Unternehmen seit den 90er-Jahren in Norddeutschland auch tight gas fördert. Ein Drittel der heimischen Erdgasproduktion stamme aus gefrackten Bohrungen. Neu sei, fügt sie hinzu, dass jetzt auch die „aus lagerstättentechnischer Sicht anspruchsvolleren“ Vorräte an Schiefergas erschlossen werden sollten.

Gefahr geht beim Fracking nicht zuletzt vom Wasser aus, das aus den Lagerstätten zurückfließt und mit Giften oder Radioaktivität belastet ist. An dieser US-Bohrstelle wird es in Becken zwischengelagert.


Lagerstätten unter halb NRW

Damit freilich dringen die Gasunternehmen zum einen in Regionen vor, in denen bislang kein Erdgas gefördert wurde – und zwar auf breiter Front: Allein in Nordrhein-Westfalen wurden bisher 19 Erlaubnisse zum Aufsuchen von Erdgas in unkonventionellen Lagerstätten erteilt, die 17.859 Quadratkilometer umfassen. Das ist mehr als die Hälfte der gesamten Fläche des Bundeslandes. Zum anderen sehen Fachleute wie Werner Zittel den Wechsel zum Schiefergas als „Quantensprung“: Die Lagerstätten gelten als deutlich schwieriger zu erschließen.

Allerdings bestätigt auch Zittel, dass die Technologie, die 1949 von der Firma Halliburton in den USA entwickelt wurde, prinzipiell nicht neu sei. Zwar hat es technologische Fortschritte gegeben, etwa die Möglichkeit, Bohrungen unterirdisch zu verzweigen. Gleichwohl gab es aber „keinen technologischen Sprung“, der die Euphorie und den Boom in den Vereinigten Staaten erklären könnte.

Ermöglicht wurde die umfangreiche Förderung durch zwei Entwicklungen: steigende Gaspreise – und die Aufweichung von Umweltgesetzen in den USA. Vor allem wurde mit einer Gesetzesnovelle im Jahr 2005 die Öl- und Gasförderung aus großer Tiefe vom Safe Drink Water Act ausgenommen – eine Regelung, die in Anspielung auf einen der wesentlichen Nutznießer als „Halliburton-Loophole“, also als Schlupfloch für den gleichnamigen Konzern, bezeichnet wird. Diese Gesetzesänderung sei „vermutlich der eigentliche Grund für die neue Bewertung der unkonventionellen Gasvorkommen“, sagt Werner Zittel.

Minister werben mit Lobbymaterial

Dieser Zusammenhang sollte in der politischen Debatte über Schiefergas nicht aus dem Blick geraten, die in diesen Monaten verstärkt in Gang kommt. Noch im Februar 2011 gab es in der Bundesregierung wenig Bedenken. „Bezüglich möglicher Umweltauswirkungen“, informierten das Bundeswirtschaftsund das -umweltministerium den Umweltausschuss des Bundestages, gehe man „nach jetzigem Kenntnisstand“ davon aus, dass es bei Einhaltung von technischen Vorschriften und Umweltstandards „keine wesentlichen Unterschiede zur Förderung von konventionellem Erdgas“ gebe. Zur Bestätigung wurde auf zwei Quellen hingewiesen: einen Beitrag in der Zeitschrift Erdöl Erdgas Kohle und den Newsletter des Wirtschaftsverbandes Erdöl- und Erdgasgewinnung. Erstere wird von der Deutschen Wissenschaftlichen Gesellschaft für Erdöl, Erdgas und Kohle (DGMK) herausgegeben, in deren Vorstand ranghohe Vertreter von Unternehmen wie Wintershall, RWE Dea und GDF Suez sitzen; dem Wirtschaftsverband steht der Chef von Exxon Mobile vor. Die Bundesregierung, kritisiert die IG „Gegen Gasbohren“, habe den Abgeordneten zur Meinungsbildung ausgerechnet „Informationsmaterial der Ölund Gaslobby“ empfohlen.

Die Bohrung wird in der Erdgas führenden Schicht horizontal verlängert. Dann wird das Gestein mit einem Wasser-Chemikalien-Cocktail aufgebrochen, damit das eingeschlossene Gas ausströmen kann.


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Düsseldorf verhängt ein Moratorium

Nicht zuletzt drängende Nachfragen der Bürgerinitiativen und von diesen gesammelte, sehr umfangreiche Auflistungen von Pannen in den USA sorgen inzwischen auch in der Politik für eine deutlich skeptischere Haltung. Das Berliner Umweltministerium räumte im Mai auf seiner Internetseite ein, bei der Förderung von Erdgas aus unkonventionellen Lagern könnten „Gefahren für die Grundwasserbeschaffenheit und für die Trinkwassergewinnung“ entstehen; mangels wissenschaftlich fundierter Kenntnisse sei „eine genaue Bewertung“ der Umweltfolgen durch die Schiefergasgewinnung „noch nicht möglich“.

Eine Gasgewinnung z In dem am stärksten betroffenen Bundesland Nordrhein-Westfalen hat die Landesregierung aus derlei Gründen die Reißleine gezogen. Alle Anträge zur Erkundung wurden auf Eis gelegt und eine Studie ausgeschrieben. Diese Expertise, die bis Sommer 2012 vorliegen soll, müsse „Klarheit über mögliche Folgen für das Grundwasser“ schaffen und solle zudem „Kriterien für mögliche Ausschlussgebiete“ festlegen. ulasten von Mensch und Umwelt, betonte der grüne Umweltminister Johannes Remmel, „wird es mit dieser Landesregierung nicht geben“. Das deutsche Bundesland steht damit nicht allein. In Frankreich wurde Fracking bei der Erschließung von Schiefergas gesetzlich verboten. In Südafrika gilt ein unbeschränktes Moratorium. Im US-Bundesstaat New York soll die Fördermethode in der Nähe wertvoller Wasserreserven verboten werden. Die US-Umweltbehörde EPA (Environmental Protection Agency) arbeitet ebenfalls an einer Risikostudie. 2012 soll ein Zwischenergebnis vorliegen; der Abschlussbericht wird für 2014 erwartet.

Bereits jetzt drängen Bürgerinitiativen, Wasserversorger, aber auch das Umweltbundesamt auf mehr Transparenz und stärkere öffentliche Beteiligung in den Genehmigungsverfahren. Dazu müsse vor allem die Umweltverträglichkeit verpflichtend geprüft werden.

Bisher sind derlei Prüfungen nur dann zwingend vorgegeben, wenn an einer Förderstelle mehr als eine halbe Million Kubikmeter Erdgas am Tag gefördert werden, was bei Schiefergas aufgrund der geringeren Fördermengen kaum der Fall sein wird. Das UBA plädiert daher für eine Änderung gesetzlicher Grundlagen. „Aufgrund der erheblichen Umweltfolgen“, heißt es in der im August veröffentlichten UBA-Einschätzung zur Schiefergasförderung, sei davon auszugehen, dass eine Umweltverträglichkeitsprüfung „europarechtlich geboten“ ist. Auf diese Weise soll auch eine umfangreichere Beteiligung von Bürgern und Behörden sichergestellt werden. Die hält auch der SPD-Umweltpolitiker Matthias Miersch für dringend ratsam. Für die Bevölkerung, meint der Bundestagsabgeordnete, der sich für eine Anhörung im Parlament einsetzen will, sei eine „verharmlosende Darstellung der Gefahren beim Fracking irreführend“.

Probebohrungen in Lünne. Sind sie erfolgreich, könnte dort per Fracking Erdgas gefördert werden – mit sechs Bohrungen je Quadratkilometer.


Foto: ddp images/dapd

Exxon frackt vorerst nicht mehr

Dass eine als verharmlosend empfundene Informationspolitik dem eigenen Anliegen nicht förderlich ist, haben zumindest auch Teile der Gasbranche erkannt. Exxon Mobile lädt seit dem Frühjahr zu einem „Informations- und Dialogprozess“ ein, bei dem auch „Kriterien für ein sicheres und umweltverträgliches Aufsuchen und Fördern“ von Erdgas aus unkonventionellen Lagerstätten erarbeitet werden sollen.

Zu diesem Zweck wurde ein „neutraler Expertenkreis“ berufen, den der Gewässerbiologe Dietrich Borchardt vom Magdeburger Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung leitet. Sogar eine Art freiwilliges Moratorium hat sich das Unternehmen auferlegt: Erst wenn dieses Gremium grünes Licht gegeben habe, würden wieder Fracks in Schiefer- oder Kohleflözlagerstätten durchgeführt. Tight-Gas-Fundorte wie Buchholz T 12 sind von dem Stopp aber nicht betroffen.

Viele Bürgerinitiativen indes bleiben skeptisch. Jörn Krüger von der Initiative in Nordwalde glaubt nicht, dass es sich um eine ergebnisoffene Untersuchung durch unabhängige Experten handelt. Vielmehr solle wohl „die angebliche Sicherheit des Frackings demonstriert werden“. Zudem weist er darauf hin, dass sich allein in Nordrhein-Westfalen zehn Unternehmen auf die Erkundung begeben haben: „Wir können nicht mit jedem von denen einzeln sprechen.“ Die Initiativen setzen nach Krügers Worten auf einen wirklich unabhängigen Bürgerdialog. Der könnte in der Region in Gang kommen: Ende September fand ein Treffen von Bergbehörden, Wirtschaftsministerium, Umweltverbänden, Wasserversorgern und Bürgerinitiativen statt. Letztere legen die Hürde freilich hoch. Bevor weiter nach Schiefergas gesucht werden könne, müssten nach Meinung von Krüger „alle technischen und rechtlichen Voraussetzungen dafür geschaffen werden, dass Ewigkeitsschäden sowie Risiken für Mensch und Natur ausgeschlossen sind“. Ob das gelinge, sei offen. „Wir vermuten“, sagt der Sprecher der BI Nordwalde, dass „ein sicheres Verfahren so teuer ist und so weit in der Zukunft liegt, dass fossile Energieträger bis dahin gar nicht mehr benötigt werden“.

Auch andere Äußerungen lassen die Zweifel daran wachsen, ob der verbreitete Hype in Sachen Schiefergas überhaupt berechtigt ist. GASH-Koordinator Kapp erwähnt, dass Bohrungen unter anderem wegen der strengeren Umweltauflagen in Europa vier Mal so viel kosten wie in den USA. Angaben der IG „Gegen Gasbohren“ zufolge sollte die Plattform für die Probebohrung in Nordwalde 2,5 Millionen Euro kosten; die Ausgaben pro Frackvorgang werden auf bis zu einer Million Euro beziffert. Ob eine wirtschaftliche Förderung jemals möglich sei, „lässt sich nicht absehen“, heißt es bei Exxon Mobile.

Klimaschädlicher als Steinkohle

Auch Werner Zittel verweist in seiner Studie für die Energy Watch Group auf verhältnismäßig kleinräumige Lagerstätten in Europa, die dichte Besiedelung und den zu erwartenden starken Widerstand in der Bevölkerung. Er rät deshalb, die „Euphorie“ bei Firmen und in der Presse mit Vorsicht zu betrachten.

Diese sei „aus kurzfristigen Anfangserfolgen unter Negierung der Begleiterscheinungen und technischen Schwierigkeiten extrapoliert“ worden, schreibt er. Für die Frage, ob Schiefergas tatsächlich eine größere Rolle spielen werde, sei weniger die Frage der tatsächlichen Vorkommen entscheidend als vielmehr die, ob Technik, Umweltauflagen und die Akzeptanz in der Öffentlichkeit das zulassen. Zittel selbst ist diesbezüglich skeptisch: Er halte es für sehr wahrscheinlich, dass Schiefergas in Europa „keine große Bedeutung“ haben werde. Den Wirbel darum sieht er eher als „Teil des Endspiels im fossilen Zeitalter“, in dessen Verlauf auch die letzten Reserven noch aus der Erde gepresst werden sollten. Grundsätzlich müsse die Frage gestellt werden, ob es sich lohnt, auch solche Vorkommen „mit allen Nebenwirkungen“ zu fördern, „oder ob man nicht lieber darüber nachdenken sollte, wie man die Abhängigkeit von fossilen Energierohstoffen verringert“.

Das könnte im Fall von Schiefergas umso mehr geboten sein, als der Brennstoff laut der Studie des Umweltbundesamtes womöglich gewissermaßen unter falscher Flagge segelt. Gemeinhin gilt Erdgas als vergleichsweise verträglicher fossiler Brennstoff, weil die CO2 - Emissionen weit unter denen von Erdöl und Kohle liegen. Das UBA zitiert Untersuchungen des Tyndall-Centers, wonach bei der Förderung von Schiefergas rund sechs Gramm Kohlendioxid je Kilowattstunde freigesetzt werden. Das gilt freilich nur für den Fall, dass die Bohrungen dicht sind. Schon bei einer Leckage von 1,5 Prozent Methan, das ebenso ein Klimakiller ist wie Kohlendioxid, sieht die Bilanz weit schlechter aus. Sie reiche aus, schreibt das UBA, um „Erdgas klimaschädlicher als Erdöl zu machen und … bereits in die Nähe von Steinkohle rücken zu lassen“.

Nützliche Links

• Studie von Werner Zittel für die Energy Watch Group:
• Studie des Umweltbundesamts:http://www.umweltbundesamt.de/chemikalien/publikationen/stellungnahme_fracking.pdf
• Interessengemeinschaft „Gegen Gasbohren“:http://www.gegen-gasbohren.de
• Kritisches Internetblog mit umfangreichen Informationen:http://www.unkonventionelle-gasfoerderung.de
• Fracking-Dialogseite von Exxon Mobile:http://dialog-erdgasundfrac.de