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verstaatlicht


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Max - epaper ⋅ Ausgabe 3/2022 vom 30.09.2022

KOMMERZIALISIERUNG DES FUSSBALLS

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Bildquelle: Max, Ausgabe 3/2022

ILLUSTRATION DOROTHEA PLUTA Wann platzt die Blase?

Where did it all go wrong?

Diese Frage schleuderte einst ein Hotelpage dem nordirischen Star George Best entgegen, als er ihn sturztrunken im Bett seiner Suite vorfand. Dem begnadeten Dribbler [Motto: „Ich habe viel Geld für Alkohol, Frauen und schnelle Autos ausgegeben, den Rest habe ich einfach verprasst.“] wurde der Alkohol zum Verhängnis. Er starb bereits mit 59 Jahren an den Folgen jahrelangen Missbrauchs.

Where did it all go wrong? Die Frage müsste man in diesen Zeiten auch dem Fußballgeschäft insgesamt stellen. So desolat und maßlos, süchtig nicht nach Alkohol, sondern nach Geld, wie es sich derzeit präsentiert, drängt sich der Eindruck auf, als sei am Profifußball irgendwie vorbeigegangen, dass die Jahre der neoliberalen Dekadenz in Anbetracht einer globalen Pandemie, des galoppierenden Klimawandels und eines ...

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... russischen Angriffskriegs der Vergangenheit angehören.

Doch das Verlangen nach Geld scheint unstillbar. SOEBEN VERMELDET DIE ENG-LISCHE PREMIER LEAGUE, DASS IHRE EIN-NAHMEN AUS SPONSORING UND TV-GELD NOCH EINMAL UM GUT EIN DRITTEL AN-WACHSEN, AUF KNAPP 4,1 MILLIARDEN EURO PRO SPIELZEIT. ALLEIN FÜR BERATERHONO-RARE GABEN 2021 ENGLISCHE ERSTLIGISTEN 320 MILLIONEN EURO AUS, DER BVB ZAHL-TE IM GLEICHEN ZEITRAUM 32,8 MILLIONEN EURO AN SPIELERVERMITTLER.

Im Winter erleben wir in Katar eine WM, die nicht nur in Bezug auf Menschenrechte und Ökologie unter höchst fragwürdigen Bedingungen stattfindet, sondern deren Organisation rund 150 Milliarden Euro verschlungen hat – 20-mal so viel wie das Turnier 2014 in Brasilien.

Auf dem Höhepunkt der Coronakrise im April 2021 präsentierten zwölf europäische Topklubs die GRÖSSENWAHNSIN-NIGE IDEE ZUR GRÜNDUNG EINER AUTARKEN „SUPER LEAGUE“, die erst auf erbitterten Widerstand von Medien, Fans und Verbänden wieder kassiert wurde. Die Uefa nutzte die Aufregung jedoch, um im Schatten des Skandals eine Reform der Champions League zu verabschieden, die vorsieht, dass die Königsklasse ab 2024 mit einem nochmals erweiterten Teilnehmerfeld und als eingleisige Liga fortgeführt wird, was die Distanz der qualifizierten Klubs zur Konkurrenz in den nationalen Ligen nochmals deutlich vergrößern wird.

Und als wäre das nicht schon Beweis genug, dass der „GOTT DES GELDES ALLES

VERSCHLINGT“ (Zitat Christian Streich, Trainer des SC Freiburg), was einmal die Nähe zum Volkssport Fußball und seine Strahlkraft ausgemacht hat, drängen neben milliardenschweren privaten Investoren, die Beteiligungen an Vereinen zur BEFRIEDIGUNG PERSÖNLICHER EITELKEITEN ODER SCHLICHT ALS WIRTSCHAFTSZWEIG MIT GUTEN RENDITEAUSSICHTEN ENTDECKT HABEN, ZUNEHMEND AUCH STAATSFONDS UND MULTINATIONALE KONZERNE IN DEN SPORT, DIE BEI IHREM ENGAGEMENT VOR ALLEM GEOPOLITISCHE MOTIVE VERFOLGEN. Als 11 Freunde vor 22 Jahren gegründet wurde, wollten die Macher – zwei Allesfahrer von Arminia Bielefeld – ein Magazin etablieren, das den Fan als integralen Teil des Spiels versteht. Der Blick aus der Kurve sollte im Zentrum der Berichterstattung stehen, und damit war klar, dass 11 Freunde der zunehmenden Kommerzialisierung und dem damit verbundenen Strukturwandel im Fußball kritisch gegenübersteht. Um diesem Gefühl Ausdruck zu verleihen, weigerte sich die Redaktion beispielsweise, die sich durch den Einstieg von Sponsoren stetig verändernden Stadionnamen zu übernehmen. Für uns stand in Hamburg das Volksparkstadion, nicht die „HSH Nordbank Arena“, in Dresden das Rudolf-Harbig-Stadion, nicht die „Glücksgas Arena“. OFT WURDEN WIR VON KLUBOBEREN FÜR DIE-SEN MANIERISMUS GERÜFFELT, doch die Beispiele zeigen, dass unsere Sehnsucht offenbar viele teilten, denn heute tragen die Spielstätten (mit Unterstützung wohlgesinnter Sponsoren) wieder ihre ursprünglichen Namen.

Auch das Phänomen RB Leipzig hat aus unserer Sicht EINE ROTE LINIE ÜBERSCHRIT- TEN. Nicht, weil wir außerstande sind zu akzeptieren, dass dort sportlich hochprofessionell gearbeitet wird, sondern weil für uns mit dem Franchise-Konzept einer Getränkemarke, die weltweit Klubs zur Bewerbung ihres Produkts aufkauft und auf Erfolg trimmt, eine neue Dimension des Kommerzes erreicht wurde. Anders als in Hoffenheim oder Wolfsburg, wo ortsansässige Geldgeber ihren Sportverein – zugegeben fürstlich – unterstützen, verfolgt Red Bull eine globale Strategie zur Profitmaximierung und landet wie ein Ufo in Gebieten, die sich für dieses Ziel am besten eignen. Für uns ist klar: Stellt sich der erhoffte Erfolg nicht ein, kann das Ufo jederzeit wieder abheben, weil RB weder eine gewachsene Mitgliederstruktur noch regionale Verwurzelung besitzt.

Auch wenn es mit jedem Jahr, die dieses Konstrukt länger in der Bundesliga spielt, schwerer wird, unsere Perspektive nachwachsenden Fangenerationen zu vergegenwärtigen, halten wir an unserer Linie fest und erklären, dass RB Leipzig kein Verein wie Schalke, der BVB oder der HSV ist, dessen Kernprodukt immer noch Fußball ist, sondern nur das Werbevehikel einer Brausefirma.

Auch wenn uns bewusst ist, dass angesichts jüngster Entwicklungen im globalen Fußball derlei Bemühungen nur ein Kampf gegen Windmühlen sind.

LÄNGST GEBEN DORT INVESTOREN WIE DIE „CITY FOOTBALL GROUP“ DEN TON AN, DIE ZU DREI VIERTELN DER HERRSCHERFAMILIE VON ABU DHABI GEHÖRT. DIE HOLDING, AN DER EIN CHINESISCHER FONDS UND EINE US-FIRMA BETEILIGT SIND, BESITZT AUF FÜNF KONTINENTEN ELF ERST-UND ZWEITLIGIS-TEN. NEBEN MANCHESTER CITY GEHÖREN DER NEW YORK CITY FC, MUMBAI CITY FC ODER DER FC PALERMO CALCIO DEM KONZERN. BEIM PREMIER-LEAGUE-KLUB NEWCASTLE UNITED ERWARB IM HERBST 2021 EIN SAUDISCHER STAATS-FONDS FÜR 350 MILLIONEN EURO 80 PROZENT DER ANTEILE. DER FRANZÖSI-SCHE TRADITIONSKLUB PARIS ST. GERMAIN IST BEREITS SEIT 2011 IN BESITZ DER KATARISCHEN INVESTORENGRUPPE QSI, DIE DAFÜR SORGT, DASS PSG STÄNDIG NEUE TRANSFERREKORDE AUFSTELLT.

Dem Bayern-CEO und seinem BVB Pendant gehen aufgrund der telktonischen verchiebbungen im business machtig

In den Reihen der Pariser spielen seit 2017 mit NEYMAR (Ablöse: 222 Millionen Euro) und KYLIAN MBAPPÉ (180 Millionen) die beiden teuersten Spieler aller Zeiten. 2021 wechselte auch LIONEL MESSI an die Seine, weil selbst dem großen FC Barcelona hinsichtlich der paradiesischen Verdienstmöglichkeiten unterm Eiffelturm die Luft ausging. In Deutschland sind diese Staaten bislang noch nicht engagiert, weil die 50+1-Regel den Kauf von Klubanteilen unattraktiv macht. Doch Experten glauben, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis sich das ändert, zumal das viele Geld, mit dem WÜSTENSTAATEN den Fußball fluten, schon jetzt die Gewinnchancen deutscher Klubs beschränkt – und den Wettbewerb verzerrt.

Der Fußball verkommt langsam aber sicher zur Ständegesellschaft. Frühere Titelaspiranten wie der 1. FC KÖLN, der HSV oder WERDER BREMEN sind – nicht zuletzt auch wegen ihrer wirtschaftlichen Unvernunft – zu Fahrstuhlmannschaften avanciert und geraten in Konkurrenz mit konzerngestützten Klubs aus WOLFSBURG, LEVERKUSEN, HOFFENHEIM oder LEIPZIG weiter ins Hintertreffen.

Aber auch mehr und mehr Spitzenklubs gehen in die Knie. BARÇA hat den Weltfußball seit 2005 wie kaum ein anderes Team geprägt und allein viermal die Champions League gewonnen. Doch der Preis für die Erfolge, das zeigt sich jetzt, war zu hoch. Im Rattenrennen mit den Investorenklubs haben die Katalanen einen gigantischen Schuldenberg von 1,34 Milliarden Euro angehäuft. Um die rund 150 Millionen Euro für die Verpflichtung und Honorierung von Robert Lewandowski zu stemmen, holten sich die Klubbosse per Abstimmung bei den Mitgliedern Prokura, auf Jahre im Voraus die Marketing- und Medienrechte zu veräußern. JUVENTUS TU- RIN geht es nicht besser. Italiens Platzhirsch musste angesichts 390 Millionen Euro Schulden soeben Klubanteile veräußern.

Wie weit die Schere auseinanderklafft, zeigt auch, dass die Bosse rivalisierender Bundesligisten neuerdings Allianzen schmieden. Selten hat man Oliver Kahn und Hans Joachim Watzke so einträchtig erlebt wie bei jüngsten Zusammenkünf- ten der European Club Association (ECA). Bei Wortmeldungen von PSG-Präsident Nasser Al-Khelaifi, seit April 2021 Vorsitzender des Dachverbands, sah man die beiden wie Schuljungen feixen und tuscheln. Damit jeder in der großen Runde der Fußballgranden sah: Zwischen die Deutschen passt kein Blatt Papier!

Der Grund: Dem Bayern-CEO und seinem BVB-Pendant geht aufgrund der tektonischen Verschiebungen im Business mächtig die Muffe. Es klingt wie ein Treppenwitz der Fußballgeschichte:

WÄHREND SICH DIE BAYERN IN DER BUNDESLIGA LÄNGST VOM REST DES FELDES ENTKOPPELT HABEN, DIE ZEHNTE MEISTERSCHAFT IN FOLGE ABRÄUMEN UND DAMIT NACH-HALTIG ZUR ÖDNIS IM DEUTSCHEN FUSSBALL BEITRAGEN UND AUCH DER BVB SEIT JAHREN EIN ABO AUFS TREPPCHEN BESITZT, EINT IHRE BOSSE INTERNATIONAL DIE ANGST VOR EINEM BEDEUTUNGSVERLUST. DENN ANGESICHTS DER TSUNAMIARTIGEN GELDFLÜSSE AUS DEM NAHEN OSTEN WIRKT SELBST DAS STOLZE FESTGELDKONTO DES REKORDMEISTERS PLÖTZLICH WIE OMAS PORTOKASSE.

Zwei Jahre lang haben die Funktionäre bei der ECA deshalb geworben, den Einfluss von Investorengeld im Sinne eines ausgewogeneren Wettbewerbs zu REGULIEREN. Eingeweihte erzählen von lautstarken Wortgefechten hart an der Grenze zur Beleidigung, die sich im Präsidium an der Frage entzündeten, wie groß der Anteil an Fremdmitteln sein darf. Die Nervosität ist nachvollziehbar, schließlich hängt von dieser Frage die künftige Statik des Weltfußballs ab. Ob es nur noch einer kleinen Zahl von Vereinen möglich sein wird, große Titel zu gewinnen und Spitzenfußballer zu verpflichten. Oder anders: Ob die alte Herberger-Weisheit noch umstandslos Geltung behält: „Warum gehen die Menschen ins Stadion? Weil sie nicht wissen, wie es ausgeht!“

Schon 2013 hatte die Uefa versucht, mit der Einführung des Regelwerks „FINANCIAL FAIRPLAY“ (FF), der fortschreitenden Ungleichheit auf europäischer Fußballbühne Einhalt zu gebieten. Weil aufgrund explodierender Spielergehälter viele Vereine ihre Ausgaben nicht mehr aus dem laufenden Geschäft decken konnten, auf private Kredite und Investorengeld zurückgriffen und dabei Gefahr liefen, pleitezugehen, sollte „FF“ die Funktionäre zu mehr wirtschaftlicher Vernunft vergattern. In einer Karenzzeit von drei Jahren sollten Klubs nur noch so viel ausgeben, wie sie erwirtschaften.

Doch „FF“ war ein FLOP. Obwohl bei der Uefa mehr als 50 Verstöße aktenkundig wurden, sperrte der Verband nur albanische, griechische oder türkische Klubs für internationale Wettbewerbe. Straffällige Topvereine wie Real Madrid, der FC Chelsea, ManCity oder FC Barcelona wurden lediglich zu Geldbußen verurteilt und durften weiterhin in der Champions League antreten. Mit Fairplay, da ist sich die Szene einig, hatte das Regelwerk in der Praxis wenig zu tun.

Eine Reform war überfällig. Nach harten Verhandlungen in der Klubvereinigung verabschiedete die Uefa im April 2022 die „FINANCIAL SUSTAINABILITY REGU- LATIONS“ (FSR). Das neue Diktum beinhaltet im Kern zwei Regeln, die bis 2025 schrittweise eingeführt werden und dafür sorgen sollen, dass ein Klub nur noch 70 Prozent seiner Einnahmen für den Kader ausgeben darf – inklusive Ablösesummen und Beraterhonorare. Zudem dürfen private Geldgeber Fehlbeträge zwischen Einnahmen und Ausgaben nur noch bis maximal 30 Millionen Euro ausgleichen. Klingt vielversprechend, doch wie beim „FF“ wird es auch bei den „FSR“ darauf ankommen, wie rigide sie gehandhabt werden. Dass Vertreter von Investorenklubs der Idee wenig abgewinnen, dürfte klar sein. Das zeigt sich auch daran, dass die Einführung einer Gehaltsobergrenze von 500 Millionen Euro pro Kader und Spielzeit abgelehnt wurde. SPRICH: Der Gehälterwahnsinn und die horrenden Beraterprovisionen werden auch in Zukunft fester Bestandteil des Profifußballs bleiben. Dabei müssten doch alle Beteiligten wissen, dass im Sport eine allzu große Konzentrierung von Geld irgendwann das Gegenteil bewirkt: Wer immer gewinnt, mag auf dem Papier erfolgreich sein, schadet aber zugleich seinem Geschäft, weil es bei Sponsoren und Fans Attraktivität einbüßt.

In der Rückschau gilt die Einführung der CHAMPIONS LEAGUE 1991 UND DIE GRÜNDUNG DER PREMIER LEAGUE ALS STILBILDENDES VERMARKTUNGSKONZEPT einer Spielklasse im Jahr darauf als Zeitenwende. Aus einem Volkssport, der bis dato von verschlafenen Verbandshanseln organisiert wurde, erwuchs in kürzester Zeit ein hochprofitabler Industriezweig, der Massen in seinen Bann zog. Gut möglich, dass die frei drehende Kommerzialisierungsspirale flankiert von der Coronakrise in ferner Zukunft für das Ende dieses jahrzehntelangen Wachstums stehen wird. Denn die quälenden Monate mit Geisterspielen haben bewiesen, dass die Idee von FUSSBALL ALS GREATEST SHOW ON EARTH letztlich nur im Zusammenspiel mit brodelnden Fantribünen funktioniert.

Zudem hat sich in der Pandemie gezeigt, wie weit sich viele Profiklubs in ihrer Gier von der Lebenswelt des Anhangs entfernt haben und kaum noch in der Lage sind, die eigene Relevanz richtig einzuschätzen. Der erste Lockdown war noch nicht ausgerufen, da forderte Hans Joachim Watzke bereits Staatsgelder und Privilegien für den Fußball. Bei Klubs wie WERDER BREMEN ODER SCHALKE 04 offenbarte sich in Rekordzeit, wie hauchdünn die Kapitaldecke ist, wenn das Geschäft zum Erliegen kommt. Der Steuerzahler sprang mit Landesbürgschaften ein, um die einstigen Champions-League-Klubs vor dem Konkurs zu retten. Für jeden wurde ersichtlich: DAS PROFIGESCHÄFT IST WIE EIN AUTO UND GELD SEIN TREIBSTOFF. ES ROLLT NUR, WENN GENUG IM TANK IST. UND: ALLES WAS OBEN REINGEHT, WIRD AUF DER STRECKE UNWEIGERLICH VER-BRAUCHT – WIE MONSTRÖS DIE SUMMEN AUCH SEIN MÖGEN.

In der Verzweiflung unterliefen einigen Klubs zudem grobe Kommunikationsfehler. So forderte der FC Schalke 04 seine Dauerkarteninhaber mit einem frechen Brief auf, trotz der Geisterspiele kein Geld zurückzufordern. Und falls doch, sei dies doch bitte schriftlich zu begründen.

Noch lässt sich nicht sagen, ob die Stadionauslastung wieder Vor-Corona-Niveau erreicht. Beim Verkauf der Dauerkarten verzeichnen die meisten Bundesligisten derzeit keine signifikanten Verluste.

DOCH EINE WISSENSCHAFTLICHE UMFRAGE DER FACHHOCHSCHULE DORT-MUND IN KOOPERATION MIT DER UNI WÜRZBURG UNTER 4200 FUSSBALLFANS ERGAB, DASS GUT EIN DRITTEL SEIT AUSBRUCH DER PANDEMIE WENIGER INTERESSE AM FUSSBALL HAT UND SELTE-NER EINEN STADIONBESUCH ERWÄGT. 52,7 PROZENT DER BEFRAGTEN NANN-TEN ALS URSACHE EINE EMOTIONALE ENTFREMDUNG AUSGELÖST DURCH DIE AUSSER KONTROLLE GERATENE KOMMERZIALISIERUNG.

Im Fernsehen zeigt sich die wachsende Distanz an sinkenden Einschaltquoten. Sahen die Spiele der EM 2016 noch durchschnittlich 11,7 Millionen Zuschauer, waren es bei der nachgeholten Euro 2021 nur noch 10,4 Millionen. Auch die Bundesligaquoten nehmen ab. Die Samstagskonferenz auf Sky erreichte in der Saison 2020/21 im Schnitt 1,66 Millionen Zuschauer:innen, in der Spielzeit 2021/22 waren es noch 1,06 Millionen. Offenbar haben die Menschen erkannt, dass sie ihre Freizeit auch anders bestreiten können, als 90 Minuten einem mittelmäßigen Ligaspiel beizuwohnen, bei dem ohnehin klar ist, dass am Saisonende der Sieger aus München kommt. Netflix-Boss Reed Hastings wusste, wovon er spricht, als er sagte: „WIR KONKURRIEREN NICHT MIT MAXDOME ODER AMAZON PRIME, SONDERN VOR ALLEM UM DIE ZEIT DER MENSCHEN.“

Als wir Oliver Kahn im Interview für das 11 Freunde-Sonderheft zur Saison 2022/23 fragten, welche Rezepte helfen könnten, um die Bundesliga wieder spannender zu machen, fiel ihm nur ein: „Man sollte weiter über den Sinn der 50+1-Regel nachdenken!“ Eine gelinde gesagt eigenwillige Sicht. Während sich der Bayern-CEO auf internationaler Ebene für eine Regulierung von Investoreneinfluss stark macht, plädiert er national dafür, dass Konkurrenten die Möglichkeiten bekommen, sich stärker von privaten Geldgebern abhängig machen, um wenigstens ansatzweise Bayern Paroli bieten zu können.

Wohin das führen kann, zeigte sich zuletzt bei HERTHA BSC. Dort hat seit 2019 die Holding von Lars Windhorst für 379 Millionen Euro eine Mehrheit an der Profiabteilung erworben. Die Bilanz des Geldregens fällt jedoch erbärmlich aus: Seither erreichten die Berliner nicht ein Mal einen internationalen Wettbewerb, 2022 rettete sich der Klub erst in der Relegation vor dem Abstieg. Das Investorengeld indes ist fast aufgebraucht, WINDHORST WILL SEINE ANTEILE SCHNELLSTMÖGLICH VERÄUSSERN. Verlierer des Deals gibt es zuhauf. Ihren Schnitt gemacht haben nur: die hoch bezahlten Transferflops und deren BERATER. Zudem erwies sich die großspurige Imagekampagne des „Big City Clubs“, die beim Windhorst-Einstieg Hertha endlich auf der Fußballweltkarte festschreiben sollte, als Bumerang. Während die Blau-Weißen aus dem Westend auf ihrem Weg nach unten viele Sympathisanten verprellten, übernahm der 1. FC UNION die sportliche und emotionale Hegemonie in der Metropole. Der „Big City Club“, als gestopfter Adler gestartet, war kläglich als Bettvorleger gelandet.

UNION hingegen ist ein strahlendes Beispiel, dass steter Erfolg im Fußball nie allein auf Finanzkraft beruht, sondern vor allem auf den vermittelten Werten. Ohne das jahrzehntelang gewachsene Verhältnis zwischen Fans und Verein ist der Aufstieg der Köpenicker in 21 Jahren aus der vierten Liga in den Europapokal undenkbar. Der Umbau der Alten Försterei zu einem Stadion, das höchsten Ansprüchen genügt, gelang in den Nullerjahren nur durch tatkräftige Nachbarschaftshilfe des Anhangs. UNION stillt durch eine clevere Öffentlichkeitsarbeit und viele gute Ideen (etwa das traditionelle Adventssingen) spielerisch die ewige Fansehnsucht nach Teilhabe.

Die Blaupause für den deutschen Mitmach-Profiklub ist zweifellos der FC ST. PAULI, der trotz stetig wachsender Herausforderungen im Profigeschäft seinem Anhang eine verlässliche Heimat bietet. Den Spagat zwischen Kommerz und Fananliegen löst der Kiezklub, indem die Verantwortlichen im ständigen Dialog mit den Supportern sind und entsprechend der ethischen Grundsätze, die sich der Verein auf die Fahne geschrieben hat, bis in kleinste Detailfragen um den richtigen Weg ringt. Ein Job, der so zeitintensiv und kräftezehrend ist, dass St-Pauli-Präsident Oke Göttlich nach acht Jahren als Ehrenamtler im Juli 2022 in die Festanstellung bei den Hamburgern wechselte. Doch der Weg zahlt sich aus: Die Zuneigung des Anhangs ist inzwischen von sportlichen Erfolgen fast entkoppelt. Obwohl der FC ST. PAULI seit zwölf Jahren in der zweiten Liga spielt, rangiert der Klub laut Erhebungen der Uni Braunschweig auf Platz sieben der beliebtesten deutschen Vereine. Ein Fakt, der sich inzwischen auch in einer positiven Wirtschaftsbilanz widerspiegelt. Erfolg im Fußball manifestiert sich eben nicht nur in Titeln und Tabellenständen, ethische und emotionale Werte sind in einer sich rasant verändernden Welt mindestens so wichtig für den Erhalt dieses Kulturzweigs, der zu Hochzeiten mehr Menschen auf die Straße bringt als jeder andere Gesellschaftsbereich.

Das WM-JAHR 2022 mit dem in jeder Hinsicht GRÖSSENWAHNSINNIGEN TURNIER in Katar wäre so gesehen ein guter Zeitpunkt zu fragen, wie wir in Zukunft auf den Fußball schauen und ihn begleiten wollen. Wo für uns rote Linien überschritten werden. Wir müssen nicht so radikal sein, wie die 300 Fans des HAMBURGER SV, die sich nach dem Mitgliederentscheid zur Ausgliederung der Profiabteilung 2014 desillusioniert von ihrem Herzensklub abwandten, den HFC Falke gründeten und seither ihre Liebe einem Bezirksligisten schenken. Doch wir sollten uns vergegenwärtigen, welche bizarren Entwicklungen des Wettbewerbs durch Deregulierung, freien Handel und Finanzglobalisierung wir nicht mehr mitgehen wollen. Denn die Schönheit des Spiels liegt nicht allein darin, wie traumwandlerisch ein Starensemble auf dem Rasen kombiniert, sondern auch, wie es die Menschen auf den Tribünen zusammenbringt und ihnen unvergessliche Gemeinschaftserlebnisse schenkt.

ES LIEGT IN UNSERER HAND, DASS DER FUSSBALL EIN SPIEL BLEIBT, AN DEM JEDER PARTIZIPIEREN KANN, NICHT NUR GIERIGE BERATER, SPIELER, INVESTOREN ODER STAATSFONDS. ES LIEGT AN UNS, OB SPÄTERE GENERATIONEN AUF DIESE ZEIT BLICKEN KÖNNEN UND SICH FRAGEN:

Where did it all go… right?