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Vitamin- und Eisenpräparate für Schwangere: Zu viel ist zu viel


ÖKO-TEST Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 5/2016 vom 28.04.2016

Bis zu zwölf Vitamine und neun Mineralstoffe in einer einzigen Pille: Präparate für Schwangere bauen auf das Prinzip „viel hilft viel“. Doch die meisten Zutaten sind überflüssig, manche gar bedenklich. Kein einziges Produkt im Test ist uneingeschränkt zu empfehlen.


Artikelbild für den Artikel "Vitamin- und Eisenpräparate für Schwangere: Zu viel ist zu viel" aus der Ausgabe 5/2016 von ÖKO-TEST Magazin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Foto: imago/imagebroker

Wächst ein Baby im Bauch, stellen sich werdenden Müttern viele Fragen – auch zur Ernährung. Während der Schwangerschaft steigt der Energiebedarf um etwa zehn Prozent, der Mehrbedarf an Vitaminen und Mineralstoffen sogar deutlich mehr. Kaum eine Schwangere in Deutschland verzichtet daher auf Nahrungsergänzung.

Doch was ...

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... genau ist nötig? „Sollte ich Folsäure jetzt, wo ich von meiner Schwangerschaft weiß, jeden Tag nehmen?“ „Was haltet Ihr von anderen Tabletten, solche Kombitabletten, die man vom Arzt verschrieben bekommt?“ Fragen wie diese finden sich zuhauf in Schwangerschaftsforen im Internet. Auf viele der Fragen geben meist anonyme Nutzer Antworten, die teils so widersprüchlich sind, dass diese wiederum neue Fragen aufwerfen. Und die Ratsuchenden schließlich nicht schlauer sind als vorher. Dabei könnten Betroffene auch einfach den ihre Schwangerschaft begleitenden Arzt fragen. Doch auch hier könnte es sein, dass sie, je nachdem welchen Mediziner sie zurate ziehen, unterschiedliche Aussagen hören. Hinzu kommt das kaum noch zu überschauende Angebot an Supplementen in den Regalen von Apotheken, Drogerien und Supermärkten. Nahrungsergänzungsmittel locken mit langen Listen an Inhaltsstoffen und dazugehörigen Gesundheitsversprechen: Vitamine A, B12, C, D3 und Folsäure sowie Jod, Eisen, Calcium, Magnesium, Zink, Omega-3-Fettsäuren und vieles mehr. Bis zu zwölf Vitamine und neun Mineralstoffe in einer einzigen Kombipille sind keine Seltenheit.


Folsäure sollten die Pillen auf jeden Fall enthalten, möglichst auch Jod …


Um Schwangeren bessere Orientierung zu bieten, haben die in Deutschland wichtigsten Akteure in den Bereichen Medizin und Ernährung vor wenigen Jahren das „Gesund ins Leben – Netzwerk Junge Familie“ gebildet und Handlungsempfehlungen zur Ernährung in der Schwangerschaft erstellt. Diese sind auf der Internetseite www.gesund- ins-leben.de abrufbar; die wichtigsten Punkte haben wir im Kompakt „Nährstoffe für Schwangere“ auf der nächsten Seite zusammengestellt. In puncto Supplemente lauten die Empfehlungen des Netzwerks, kurz zusammengefasst, folgendermaßen: Folsäure sollten die Präparate auf jeden Fall enthalten, nach Möglichkeit auch Jod. Eisen hingegen nur, wenn der Arzt einen Eisenmangel diagnostiziert hat. Denn:


… Eisen hingegen nur, wenn der Arzt einen Mangel festgestellt hat


„Eine generelle prophylaktische Eisensupplementierung wird Schwangeren nicht empfohlen, zumal eine erhöhte Eisenzufuhr bei Frauen, die gut mit Eisen versorgt sind, auch nachteilige Wirkungen haben kann“, so die Empfehlungen. Folsäure ist vor allem wichtig, da es einen Neuralrohrdefekt beim Embryo vorbeugt und das Vitamin aus dem BKomplex in unseren Breiten kaum über die Nahrung aufgenommen wird. Wie aber sieht es mit all den anderen Vitaminen und Mineralstoffen aus, die sich in Supplementen finden? „Der Mehrbedarf für zahlreiche Nährstoffe in der Schwangerschaft kann – mit Ausnahme von Folat und Jod – durch geeignete Lebensmittelwahl gedeckt werden; der Verzehr von speziellen (diätetischen) Lebensmitteln ist im Allgemeinen nicht notwendig“, heißt es dazu in den Empfehlungen des Netzwerks. Das hält Produzenten von Vitamin- und Eisenpräparaten jedoch nicht davon ab, ihren Kapseln mehr und mehr, in der Regel synthetisch hergestellte, Zutaten beizumischen. ÖKO-TEST hat 17 Vitaminund fünf Eisenpräparate, die sich an Schwangere richten, eingekauft, ihre Inhaltsstoffe unter die Lupe genommen und auf ihren Nutzen abgeklopft.

Das Testergebnis

Vitamine nach dem Gießkannenprinzip. Das beste Vitaminpräparat schneidet gerade mal mit „ausreichend“ ab. Unter den Eisenpräpara-

ÖKO-TEST rät

• Aufgrund der schlechten Folsäureversorgung und der möglichen Gefahren fürs Baby sind Gaben dieses Vitamins auf jeden Fall sinnvoll. Empfehlenswerte Arzneimittel finden Sie in unserem Test Folsäurepräparate Im Jahrbuch Kleinkinder 2015.

• Selbst bei guter Ernährung erreicht die Aufnahme von Folsäure, Vitamin D und Jod oft nicht die empfohlenen Mengen. Der Vitamin-D-Bedarf kann jedoch auch durch Aufenthalte im Freien gedeckt werden.

• Präparate mit Eisen nur dann nehmen, wenn der Arzt einen Eisenmangel diagnostiziert hat. ten befindet sich immerhin ein „befriedigendes“ Produkt. Fast alle Hersteller reichern ihre Produkte mit zu vielen Vitaminen und Mineralstoffen an. Lange Zutatenlisten sollen Schwangeren suggerieren, „viel hilft viel“. In Wirklichkeit haben aber manche Zutaten in den Produkten für werdende Mütter mit einem Kind im Leib gar nichts verloren oder sie sind überdosiert.

Kompakt

Nährstoffe für Schwangere

Die Expertenrunde „Gesund ins Leben – Netzwerk Junge Familie“, in der unter anderem die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin, die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE), das Forschungsinstitut für Kinderernährung, die Nationale Stillkommission, das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) sowie die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe vertreten sind, gibt folgende Empfehlungen zur Supplementierung mit Nährstoffen in der Schwangerschaft:

Folsäure: 400 Mikrogramm (μg)

Der Fötus benötigt Folsäure zur DNA-Synthese. Die Versorgung mit dem Vitamin aus dem BKomplex ist wichtig für Zellteilung und Wachstumsprozesse. In der Schwangerschaft steigt der Bedarf um 50 Prozent. Der von der DGE angegebene Referenzwert für die Folatzufuhr kann über die Nahrung allein praktisch nicht erreicht werden. Studien zeigen, dass eine Supplementierung mit täglich 400 μg Folsäure das Risiko für Neuralrohrdefekte sowie weitere Fehlbildungen mindert. Beginnt die Einnahme erst kurz vor oder sogar erst nach der Empfängnis, sollte die Tagesdosis höher liegen. Da der Verschluss des Neuralrohrs schon drei bis vier Wochen nach der Befruchtung der Eizelle beginnt, ist der präventive Effekt am besten gegeben, wenn mit der Supplementierung schon vor der Empfängnis angefangen wird.

Jod: 100 bis 150 μg

Jodmangel in der Schwangerschaft kann zu einer Behinderung des Kindes führen. Durchschnittlich nehmen Deutsche pro Tag rund 120 μg Jod mit der Nahrung und mit jodiertem Speisesalz auf. Schwangere sollten ihrem Körper täglich etwa 230 μg zuführen. Eine Supplementierung von 100 bis 150 μg ist somit ausreichend und sollte nach Rücksprache mit dem Arzt erfolgen.

Frisch statt synthetisch. Obst und Gemüse versorgen den Körper bestens mit Vitaminen.


Überflüssige Zutaten. Die maßgeblichen Inhaltsstoffe von Vitaminpräparaten sollten Folsäure und Jod sein. Alle weiteren Vitamine und Mineralstoffe sind in der Regel mit einer angemessenen Ernährung zu decken. Fast alle getesteten Vitaminpräparate weisen jedoch Dosierungen auf, die weit über den tatsächlichen Bedarf hinausgehen. Mit den Eisenpräparaten, die nur bei einer ärztlichen Diagnose auf Eisenmangel eingenommen werden sollten, sieht es nicht anders aus: Fast alle getesteten Produkte sind mit zu vielen weiteren Inhaltsstoffen angereichert. Erfreulicherweise enthalten alle getesteten Eisenpräparate Salze des zweiwertigen Eisens, erkennbar an der römischen Zwei im Namen. Dreiwertiges Eisen wird vom Körper kaum aufgenommen.

Gesundheitlich bedenklicher Zusatz. Acht Viatminpillen enthalten Betacarotin (Provitamin A). Die Zugabe dieses Stoffes sehen wir kritisch, denn die Aufnahme von isoliertem Betacarotin in Nahrungsergänzungsmitteln und Vitaminpillen hat sich als gesundheitlich bedenklich erwiesen, unter anderem erhöht sie das Risiko für Raucher, an Krebs zu erkranken. Das Bundesinstitut für Risikobewertung rät von einem Zusatz ab, weil Betacarotin ernährungsphysiologisch unnötig ist und zu leicht eine zu hohe Tagesdosis erreicht werden kann.

Mehr oder weniger Folsäure als behauptet. In den Kapseln Gynvital Gravida (Bayer Vital) hat das Labor 64 Prozent mehr Folsäure als deklariert nachgewiesen, in Altapharma Vitalstoffe + DHA Natal (Rossmann) hingegen 39 Prozent weniger. Für solche Deklarationsmängel gibt es eine Note Abzug. Ein entsprechender Leitfaden, nach dem Behörden die angegebenen Nährwerte kontrollieren, toleriert eine Überschreitung von bis zu 50 Prozent und Unterschreitungen um nicht mehr als 20 Prozent.

Fischöl – keine Verunreinigungen, aber unnötig. Zehn der getesteten Vitaminpräparate enthalten Fischöl. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt Schwangeren zu täglich 200 Milligramm der darin enthaltenen Omega-3-Fettsäure DHA (Docosahexaensäure). Allerdings: Schon zwei Portionen Fisch pro Woche versorgen den Körper mit einer ebensolchen Menge. Auch Vegetarier und Veganer kommen an den Stoff, denn der Körper kann ihn in geringen Mengen aus Alpha-Linolensäure bilden, die etwa in Lein-, Raps- und Sojaöl sowie in Leinsamen und Walnüssen steckt. Erfreulicherweise wies das Labor in dem Fischöl kaum bedenkliche Schwermetalle nach. Quecksilber wurde gar nicht gefunden, in wenigen Fällen Cadmium und in einem Fall Arsen in jeweils sehr geringen Spuren.

Allzu große Gesundheitsversprechen. „… versorgt über die Mutter das ungeborene Baby mit Vitaminen und Mineralstoffen und unterstützt damit einen gesunden Start ins Leben“ (Milupa Neovin); „… trägt darüber hinaus zum gesunden Wachstum des mütterlichen Gewebes während der Schwangerschaft bei“ (Eisen Verla Plus Direkt-Sticks); „zur Erhaltung der Knochengesundheit“ (Nestlé Materna DHA). Aufdrucke wie diese finden sich auf Verpackungen und Beipackzetteln. Gemäß EU-Health-Claims-Verordnung sind Angaben, die sich auf die Gesundheit oder Gesunderhaltung von Körperteilen oder -funktionen beziehen, nicht zulässig, wenn auch gewisse Spielräume bestehen. Folat/Folsäure sollte lediglich beworben werden mit der neutralen Aussage: „… trägt zum Wachstum des mütterlichen Gewebes bei.“ Das Wort „gesund“ hat nach unserer Auslegung der EU-Verordnung in den Sprüchen nichts zu suchen.

So haben wir getestet

Der Einkauf

In Apotheken, Drogerien und Supermärkten haben wir Vitamin- und Eisenpräparate eingekauft, die sich gezielt an Schwangere richten. Mit Ausnahme eines diätetischen Lebensmittels handelte es sich durchgehend um Nahrungsergänzungsmittel, vorwiegend Kapseln und Tabletten, aber auch drei flüssige Lösungen.

Die maßgeblichen Inhaltsstoffe

Weil Folsäure für die Entwicklung des Fötus so wichtig ist, ließen wir im Labor analysieren, ob die Folsäureprodukte tatsächlich so viel enthalten, wie auf der Packung versprochen. Quelle für die auf einigen Produkten ausgelobten Omega-3-Fettsäuren ist Fischöl, das mit giftigen Schwermetallen wie Quecksilber und Arsen verunreinigt sein kann. Wir haben die ölhaltigen Kapseln darauf untersuchen lassen.

Die weiteren Inhaltsstoffe

Anhand der Deklaration haben wir die Produkte unter anderem auf umstrittene Konservierungsmittel wie Natriumbenzoat und problematische Süßstoffe wie Sucralose abgeklopft.

Die Bewertung

Wegen des erhöhten Bedarfs sollten Schwangere Folsäure und Jod ergänzen, der Mehrbedarf an Eisen kann auch über die Ernährung gedeckt werden. Außer der Arzt stellt einen zu niedrigen Eisenspiegel fest und empfiehlt eine ergänzende Einnahme. Dann hilft Vitamin C, die Eisenaufnahme zu verbessern. Wir haben Vitamin- und Eisenpräparate unterschiedlich bewertet. Bei Vitaminpräparaten führt alles, was über Folsäure und Jod hinausgeht, zu Notenabzug. Unsere Bewertung der Dosierung der einzelnen Vitamine und Mineralstoffe orientiert sich an den Empfehlungen des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) für Nahrungsergänzungsmittel.

„Viel hilft viel?“ Wir haben die langen Zutatenlisten genauer unter die Lupe genommen.


Foto: ÖKO-TEST