Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 15 Min.

Vom Unkraut zum modernen Medikament


ÖKO-TEST Spezial Gesund & Fit - epaper ⋅ Ausgabe 3/2009 vom 03.04.2009

Deutschland gilt als die Naturapotheke der Welt. Über Jahrhunderte hat sich die Pflanzenheilkunde hierzulande zu einem anerkannten Wissenschaftszweig entwickelt – mit beachtlichen Heilerfolgen. Doch der Markt ist unübersichtlich. Lesen Sie, wie man Produkte findet, die wirklich helfen.


Pflanzliche Arzneimittel sind beliebt. Studien zufolge halten mehr als 80 Prozent der Bevölkerung die Phytotherapie (von griechisch Phyton = Pflanze) für ein probates Mittel gegen allerlei Beschwerden und Wehwehchen. Salben, Tropfen, Sirup, Öl, Dragees, Kapseln, Tees, Granulat und Pastillen für rund 1,3 Milliarden Euro ...

Artikelbild für den Artikel "Vom Unkraut zum modernen Medikament" aus der Ausgabe 3/2009 von ÖKO-TEST Spezial Gesund & Fit. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: ÖKO-TEST Spezial Gesund & Fit, Ausgabe 3/2009

Weiterlesen
Artikel 3,04€
epaper-Einzelheft 4,99€
NEWS 14 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von ÖKO-TEST Spezial Gesund & Fit. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 3/2009 von „Der Mensch ist der Dirigent“. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
„Der Mensch ist der Dirigent“
Titelbild der Ausgabe 3/2009 von Gegensatz oder Ergänzung? Teamwork gefragt. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Gegensatz oder Ergänzung? Teamwork gefragt
Titelbild der Ausgabe 3/2009 von „Die Schulmedizin ist eine Krücke“. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
„Die Schulmedizin ist eine Krücke“
Titelbild der Ausgabe 3/2009 von „Die Krankheitsbilder sind sehr komplex“. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
„Die Krankheitsbilder sind sehr komplex“
Titelbild der Ausgabe 3/2009 von In Kürze. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
In Kürze
Titelbild der Ausgabe 3/2009 von Arzneipflanzen: Was wirklich hilft. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Arzneipflanzen: Was wirklich hilft
Vorheriger Artikel
In Kürze
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel Arzneipflanzen: Was wirklich hilft
aus dieser Ausgabe

Pflanzliche Arzneimittel sind beliebt. Studien zufolge halten mehr als 80 Prozent der Bevölkerung die Phytotherapie (von griechisch Phyton = Pflanze) für ein probates Mittel gegen allerlei Beschwerden und Wehwehchen. Salben, Tropfen, Sirup, Öl, Dragees, Kapseln, Tees, Granulat und Pastillen für rund 1,3 Milliarden Euro gingen 2007 in deutschen Apotheken über den Ladentisch. Das sind 23 Prozent des Umsatzes mit rezeptfreien Medikamenten. Hinzu kommt eine Fülle nicht apothekenpflichtiger Mittel – vom Baldriantee bis zur Rheumasalbe, die in Reformhäusern, Drogerien und Lebensmittelmärkten vertrieben werden.

Foto: amandaism/sxc.hu

Die Hinwendung zu pflanzlichen Medikamenten sei ein weltweiter Trend, sagt Professor Volker Schulz, Präsident der Gesellschaft für Phytotherapie. Dahinter stecke der Wunsch nach milder und verträglicher Medizin. „Viele Patienten sind stark eingreifender Behandlungen einfach überdrüssig.“ Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist die Behandlung mit pflanzlichen Mitteln international die populärste der traditionellen Heilweisen – und ein lukratives Geschäft. Der europäische Markt für Phytopharmaka wird auf etwa 3,5 Milliarden Euro geschätzt, mit wachsender Tendenz vor allem in den osteuropäischen Ländern. Und in China, wo die Pflanzenheilkunde, ähnlich wie im mitteleuropäischen Raum, eine Jahrtausende alte Geschichte hat, werden jährlich rund 14 Milliarden US-Dollar mit pflanzlichen Arzneien umgesetzt. „Im Gegensatz zu synthetisch erzeugten, anonymen Medikamenten sind Phytopharmaka für den Patienten Arzneimittel mit Bild und Geschichte“, erklärt der Internist Schulz das Positivimage dieser Heilkunde. Daraus zu schließen, dass Medikamente aus Kräuter-, Wurzeloder Fruchtauszügen keine schädlichen Nebenwirkungen verursachen können, ist allerdings trügerisch. Schließlich gibt es auch zahlreiche hochwirksame Giftpflanzen wie Tollkirsche, Gefleckter Schierling oder Hundspetersilie. Grund zur Sorge bestehe aber nicht, meint der Phytotherapieexperte. „Die in Deutschland zugelassenen pflanzlichen Medikamente gehören dieser Kategorie nicht an, sondern wirken mild, sind sicher und im Allgemeinen gut verträglich.“

Die älteste Medizin der Welt

Es ist eine uralte Erfahrung der Menschheit, dass gegen viele Unpässlichkeiten und Krankheitssymptome ein Kraut ge wachsen ist. Selbst Tiere machen sich die Wirkung von Pflanzen zunutze. Hunde und Katzen etwa fressen Gras und Kräuter, die normalerweise nicht zu ihrem Speiseplan gehören, um ihr Verdauungssystem in Ordnung zu bringen. Aus Überresten von Pflanzen in den Wohn- und Grabstätten des Homo sapiens schließen Forscher, dass sich schon die Steinzeitmenschen in der Kräutermedizin versuchten. Die ältesten überlieferten Heilpflanzenrezepturen aus den Hochkulturen der Frühzeit stammen aus Mesopotamien. Sie wurden etwa 3.000 vor Christus mühevoll per Keilschrift in Stein gemeißelt. Die ersten Kräutergärten legten die Bewohner Indiens und Babyloniens an. Und beim Pyramidenbau von Sakkara wurden den Arbeitern Knoblauch, Zwiebeln und Rettich verordnet, um sie vor Infektionen zu schützen.

Kräuterkunde: Salbei und Thymian gehören zu den vielen Heilkräutern, die die älteste Medizin der Welt seit Jahrhunderten einsetzt.


Rückläufig: Seit die gesetzlichen Kassen die Kosten nicht mehr erstatten, ist die Nachfrage nach Phytopharmaka deutlich gesunken.


Aus der Zeit um 1.600 vor Christus ist der Papyrus Ebers erhalten, eine Schriftrolle mit mehr als 800 Heilpflanzenrezepturen. Die Sammlung ist das umfangreichste Medizinbuch des Alten Ägypten und enthält Behandlungsanweisungen gegen eine ganze Reihe von Erkrankungen wie Verdauungsprobleme, Augenleiden, Zahnschmerzen und die Bekämpfung von Parasiten. Sogar zur Empfängnisverhütung gab es vor 3.500 Jahren schon Kräutermittel ebenso wie gegen Haarausfall. Zu den Heilpflanzen, die damals gebräuchlich waren, gehören Wachholder, Myrrhe, Thymian, Küm mel, Anis und Schlafmohn. Auch die Wissenschaftler der Antike befassten sich mit Kräuterkunde. Pythagoras, der berühmte griechische Arzt Hippokrates und später Theoprastus fassten das Wissen ihrer Zeit über die Wirkung von Heilpflanzen zusammen. Die Abhandlungen des Griechen Dioskurides und die medizinische Krankheitslehre von Galen aus der römischen Provinz Pergamon beschreiben Hunderte von Pflanzen und ihre Anwendung gegen Krankheiten. Ihre Schriften beein flussten die Arzneimittellehre bis weit über das Mittelalter hinaus. Nach dem Untergang des Römischen Reichs sorgten geistliche Gelehrte und Mönche dafür, dass die Werke der Antike nicht verloren gingen. In den mittelalterlichen Klöstern wurde das medizinische Wissen gesammelt und die Kräuterheilkunde weiterentwickelt. Mönche und Ordensfrauen legten Klostergärten an und verarbeiteten Blätter, Blüten, Wurzeln und Früchte der Pflanzen zu Arzneien. Die Geistlichen orientierten sich an der Vier-Säfte-Lehre der Antike. Danach war ein Mensch gesund, wenn sich die Körperflüssigkeiten Blut, schwarze Galle, gelbe Galle und Schleim in einem harmonischen Zustand befanden. Störungen dieses Gleichgewichts bedeuteten Krankheit, die man durch die Gabe geeigneter Arzneien zu beheben versuchte.

Die Phytotherapie des Mittelalters war Erfahrungsmedizin, verknüpft mit den Lehren der Antike sowie den mys tischen und religiösen Vorstellungen ihrer Zeit. Sie legte aber auch den Grundstein für die in der Mehrzahl von Medizinern und namhaften Apothekern verfassten Kräuterbücher der frühen Neuzeit, die damals neben der Bibel zu den meistgelesenen Büchern gehörten. Bis zum 19. Jahrhundert waren Heilkräuter die wichtigsten Zu taten im Arzneisortiment der wissenschaftlichen Medizin. Zugleich war die Selbstmedikation mit pflanzlichen Aufgüssen und allerlei Hausmitteln weit verbreitet.

Ginseng ist in weiten Teilen seines Verbreitungsgebietes ausgestorben. Aus seinen Wurzeln werden Phytopharmaka zur Stärkung der Konzentrationsfähigkeit hergestellt.


Foto: keira/sxc.hu

Pflanzenwirkstoffe – Prototyp für viele Medikamente

Mit der Entdeckung des Morphins als „Schlaf machendem“ Wirkstoff des Mohns zu Beginn des 19. Jahrhunderts begann die Ära pharmakologischer Wirksamkeitsnachweise. Rasante Fortschritte in der Chemie erlaubten es, die Inhaltsstoffe pflanzlicher Drogen zu isolieren und zu effektiv wirkenden Fertigarzneimitteln weiterzuentwickeln. Eines der ersten Beispiele ist die antientzündlich wirkende Acetylsalicylsäure, die aus dem Salicin der Weidenrinde entstand. Für die Entwicklung des Penicillins standen Schimmelpilze Pate; der Kokastrauch lieferte Kokain als Vorlage für heute noch gebräuchliche lokale Betäubungsmittel. Eine Vielzahl gängiger Medikamente wurde aus Wirkstoffen entwickelt, die man aus Pflanzen isolierte. Das Potenzial dieser Schatzkiste der Natur ist noch längst nicht erschöpft.

Allerdings zählen Medikamente mit isolierten und in der Regel stark wirkenden Substanzen aus Pflanzen nicht mehr zur Phytotherapie im engeren Sinne. Es war der französische Arzt Henri Leclerc, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts den Begriff Phytotherapie in die medizinische Wissenschaft einführte. Den ersten Lehrstuhl in Deutschland begründete der Arzt Professor Rudolf Fritz Weiß, dessen 1943 veröffentlichtes Lehrbuch der Phytotherapie zu den Standardwerken der Pflanzenheilkunde zählt. Damit aber war auch die Trennung vollzogen zwischen volkstümlicher, auf traditionellen Überlieferungen basierender Kräuterkunde einerseits und der systematischen Erforschung und Entwicklung von pflanzlichen Medikamenten als Teil der Schulmedizin andererseits. Bis heute spaltet sich die Pflanzenheilkunde in diese beiden Lager. Zu den Verfassern populärmedizinischer Kräuter- und Gesundheitsliteratur zählen Autoren wie Maria Treben oder Dr. Wighard Strehlow, die sich auf Erfahrungswissen und berühmte Namen wie Paracelsus, Hildegard von Bingen oder Pfarrer Kneipp berufen. Die Vertreter der modernen Phytotherapie hingegen bemühen sich um wissenschaftliche Anerkennung und wehren sich gegen den Stempel der Alternativ- oder Außenseitermedizin. Der rasante Fortschritt in der chemischen Industrie führte zur Entwicklung immer neuer synthetischer Arzneimittel aus dem Labor und drängte die Pflanzenheilkunde und den Handel mit Arzneipflanzen zurück. Zwar kam es während des Ersten Weltkriegs zu einer Rückbesinnung auf den Heilkräuteranbau, weil die Versorgung der Bevölkerung mit Arzneidrogen anders nicht zu bewerkstelligen war. Und auch die Nationalsozialisten trieben vor dem Zweiten Weltkrieg das Sammeln und den Anbau heimischer Heilkräuter noch einmal voran. In den Heilpflanzengärten des Konzentrationslagers Dachau schufteten zeitweise mehr als 1.000 Häftlinge. Mit dem Untergang des Dritten Reichs und dem Wiederaufbau der Industriebetriebe aber war es mit der staatlichen Förderung der Pflanzenheilkunde vorbei. Im Vordergrund stand jetzt die Forschung und Entwicklung der Pharmakotherapie als Teil der chemischen Industrie.

Bedrohte Eibe: Der Wirkstoff Paclitaxel aus ihrer Rinde gehört zu dem am häufigsten verordneten Krebsmedikament. Inzwischen stehen einige asiatische Eibenarten unter Artenschutz.


Foto: Leo Michels

Riesiger Bedarf: Die Gewinnung von Heilpflanzen erfolgt heute häufig in Monokulturen.


Foto: Dr. Willmar Schwabe Arzneimittel (2)

Die Natur wird ausgeplündert

Eine Renaissance erlebte die Phytotherapie erst wieder in den 1980er-Jahren mit der sich entwickelnden Naturschutzbewegung, dem Bio-Landbau und dem wachsenden Unbehagen gegenüber der großindustriellen Chemie und den Pharmakonzernen. Zwischen 1980 und 2002 stieg der Anteil der Konsumenten von Naturheilmitteln in den alten Bundesländern von 51 auf 72 Prozent. Erst in den vergangenen Jahren kehrte sich, mit der restriktiven Er stattungspraxis der Kassen, dieser Trend wieder um. Zum Einsatz kommen heute rund 400 Pflanzenarten. Etwa 250 davon stecken in mehr als 90 Prozent aller pflanzlichen Präparate.

Ein großer Teil der genutzen Drogen stammt aus Wildsammlungen – Schätzungen zufolge bis zu 80 Prozent Teu felskrallenwurzel, Arnikablüten und Birkenblätter etwa werden in freier Natur geerntet. Einige Pflanzen werden in speziellen Arzneipflanzenkulturen angebaut, weil sie unter Artenschutz stehen oder die natürlich vorkommenden Mengen für den Bedarf an qualitativ hochwertigen Drogen nicht ausreichen. Heilpflanzen wie Kamille, Baldrian oder Leinsamen beispielsweise züchtet man. Dadurch kann der Wirkstoffgehalt der Pflanzen gesteigert werden. Zudem bekommt man homogenes Pflanzenmaterial; Ver wechslungen und Verfälschungen sind nahezu ausgeschlossen. Allerdings steigt auch die Anfälligkeit für Schädlinge. Und manche Wildpflanzen lassen sich nur schwer oder gar nicht kultivieren. Arnika etwa bringt nur geringe Erträge; die Bärentraube – sie hilft bei Harnwegsinfektionen – wächst nur in natürlichen Mooren, Wäldern und Heidelandschaften. Rund zehn Prozent der verwendeten Heilpflanzen stammen sowohl aus Wildsammlungen als auch aus kultiviertem Anbau, zum Beispiel Johanniskraut, Weißdornblüten und -blätter oder Weidenrinde.

Weltweit werden nach Schätzungen von Experten jährlich rund 500.000 Tonnen pflanzlicher Rohstoffe zu Phytotherapeutika verarbeitet. In Europa werden auf 70.000 Hektar Arzneipflanzen angebaut. Gut ein Zehntel dieser Felder liegt in Deutschland. Große An bauflächen gibt es auch in Übersee, zum Beispiel in China. Artenschützer warnen allerdings vor der Ausplünderung natürlicher Ressourcen. Denn trotz aller Anstrengungen, den Heilpflanzenanbau voranzutreiben, werden Wildvorkommen geschröpft. Zudem führe die Kultivierung von Pflanzen häufig dazu, dass Vorkommen in der Na tur als wertlos gelten und nicht erhalten werden.

Standardisierte Drogenextrakte

Eine allgemeingültige wissenschaftliche Definition der Phytotherapie gibt es bis heute nicht. Die 1989 gegründete Organisation ESCOP, European Scientific Cooperative on Phytotherapy, in der sich nationale Fachgesellschaften aus mittlerweile elf europäischen Ländern zusammengeschlossen haben, definiert Phytopharmaka als Arzneimittel, die als aktive Inhaltsstoffe ausschließlich Pflanzen, Pflanzenbestandteile wie Blüten, Wurzeln, ätherische Öle oder Kombinationen dieser Substanzen in bearbeitetem oder unbearbeitetem Zustand enthalten. Man bezeichnet diese Wirkstoffe auch als Drogen. Meist werden die ganzen Pflanzen getrocknet, zerkleinert, gereinigt, und die Drogen dann entweder direkt zu Teemischungen oder zu Extrakten weiterverarbeitet. Normierte und standardisierte Produktionsverfahren stellen sicher, dass die für die Wirksamkeit verantwortlichen Substanzen in ausreichender Menge vorhanden sind.

Pflanzliche Arzneimittel sind keine Medikamente für die Akut- und Notfallmedizin. Zu den wenigen Ausnahmen gehören die Behandlung der lebensbedrohlichen Knollenblätterpilzvergiftung mit Silybinin, einem Stoff, der aus der Mariendistel gewonnen wird, oder der Einsatz von Colchicumextrakt aus der Herbstzeitlosen bei einem akuten Gichtanfall. Auch zur alleinigen Behandlung schwerer Stoffwechselstörungen wie Diabetes eignen sich Phytopharmaka nicht. Hauptanwendungsgebiete sind Befindlichkeitsstörungen wie Katarrhe der oberen Luftwege, Verdauungsprobleme, nervöse Unruhe oder Erschöp- fungszustände. Viele Heilpflanzen, die dabei zum Einsatz kommen, sind seit eh und je bekannt, etwa Inhalationen mit Kamille gegen Entzündungen der Atemwege oder Baldriantabletten bei Einschlafproblemen. Ergänzend zu chemischen Arzneimitteln werden pflanzliche Medikamente bei degenerativen Erkrankungen zum Beispiel des Herzens angewandt, bei Krebserkrankungen und Infektionskrankheiten.

Sicherheit: Standardisierte Produktionsverfahren garantieren auch für pflanzliche Arzneimittel eine gleichbleibend hohe Qualität.


Hohe Kosten: Die Herstellung und Qualitätskontrolle von pflanzlichen Arzneimitteln ist teurer als bei synthetischen Präparaten. Gerade mittelständischen Unternehmen fehlen häufig die finanziellen Mittel für Neuentwicklungen und klinische Studien.


Weil viele Phytopharmaka schon seit Jahrzehnten eingesetzt werden, sind die Nebenwirkungen bekannt und die Mittel in der Regel gut verträglich. Aber harmlos sind sie deshalb nicht. So wurden Kava-Kava-haltige Arzneimittel vor einigen Jahren vom Markt genommen, weil sie vermutlich zu schweren Leberschäden führen können. Vor Operationen müssen manche Mittel abgesetzt werden, Gingko-biloba-Extrakte etwa, die möglicherweise das Blutungsrisiko erhöhen. Baldrian kann die Wirkung von Narkosemitteln verstärken. Konzentrierte pflanzliche Öle können Haut und Schleimhäute reizen. Kampfer kann bei Kleinkindern sogar zu Atemstillständen führen. Manche Menschen reagieren auf bestimmte Pflanzen allergisch, Schlüsselblumen und Korbblütler wie Kamille zählen dazu. Auch bei pflanzlichen Mitteln gilt die Devise „die Dosis macht’s“. Einige sind in hohen Dosierungen giftig. So kann eine Überdosis Maiglöckchenkraut zu Herzrhythmusstörungen führen. Wird Süßholzwurzel über längere Zeit in hohen Dosen eingenommen, können Herzbeschwerden, Bluthochdruck oder Ödeme die Folge sein. Johanniskraut erhöht die Empfindlichkeit gegen Sonnenstrahlen. Erstmals zeigte sich hier auch, dass eine Heilpflanze die Wirkung einiger gleichzeitig eingenommener synthetischer Medikamente abschwächen kann.

Dass pflanzliche Medikamente überwiegend bei leichteren Beschwerden zum Einsatz kommen, heißt aber nicht, dass sie nicht auch bei schweren Erkrankungen helfen können. Nur ein Bruchteil von Tausenden von Pflanzen wurde bisher wissenschaftlich auf Heilwirkungen geprüft. Den überwiegend mittelständischen Herstellern fehlen oft einfach die finanziellen Mittel für Neuentwicklungen und klinische Studien. Große Pharmakonzerne hingegen haben wenig Interesse daran, neue Medikamente mit komplexen pflanzlichen Wirkstoffen auf den Markt zu bringen. Denn nur die genaue Extraktionsmethode ist patentierbar, nicht der Extrakt selbst. Jeder andere Hersteller kann sich auf die Forschungsergebnisse berufen, die Extraktion leicht abwandeln und ein vergleichbares Präparat auf den Markt bringen. Zudem sind die Kosten für Herstellung und Qualitätskontrolle von natürlichen Vielstoffgemischen höher als für Medikamente aus der Retorte.

Eine besondere Therapierichtung?

Laut Arzneimittelrecht zählt die Phytotherapie wie die Homöopathie und die anthroposophische Medizin zu den besonderen Therapierichtungen. Der Gesellschaft für Phytotherapie (GPT), ein Zusammenschluss von Ärzten, Apothekern und Naturwissenschaftlern, gefällt diese Einordnung nicht. Sie vertritt den Standpunkt, dass die moderne Behandlung mit Arzneipflanzen weder eine besondere noch eine alternative Therapierichtung ist. „Sie ist integraler Bestandteil einer wissenschaftlich fundierten Pharmakotherapie und damit Teil der Schulmedizin“, sagt der Präsident der GPT, Professor Volker Schulz.

Die besonderen Therapierichtungen gibt es im Arzneimittelrecht seit 1976. Die Einordnung erleichtert das Zulassungs verfahren für pflanzliche Medikamente, deren Wirksamkeit neben kli nischen und Literaturstudien auch mit Erfahrungswissen belegt werden kann. Im Zuge der Neuordnung des Arz neimittelrechts in den 80er- und 90er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurden die wissenschaftlichen Erkenntnisse über insgesamt 378 Heilpflanzen vom damaligen Bundesgesundheitsamt in Literaturstudien, den sogenannten Monografien, zusammengefasst und ausgewertet. 208 Pflanzen bewerteten die Experten bei entsprechender Dosierung als wirksam gegen bestimmte Krankheitssymptome. Bei Arzneimitteln, die Wirkstoffe aus diesen Pflanzen enthalten, steht klar auf der Verpackung, zu welchem Zweck sie eingesetzt werden, zum Beispiel „bei fieberhaften Erkältungen“ oder „bei Entzündungen der Nasennebenhöhlen“. Sie sind meist apothekenpflichtig, aber fast immer rezeptfrei.

Apothekenpflichtig, aber meistens rezeptfrei sind pflanzliche Arzneimittel, deren Wirksamkeit gegen bestimmte Krankheiten belegt ist.


Foto: MEV

Neuere Forschungsergebnisse wer den von der Kooperation Phytopharmaka aufbereitet, einem von Herstellerverbänden und der GPT getragenen Expertenkreis. Auf europäischer Ebene bringt auch die ESCOP Heilpflanzenmonografien heraus. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat bis dato insgesamt 89 Heilpflanzenmonografien veröffentlicht. Weitere 28 sind in Arbeit.

Rationale und traditionelle Phytopharmaka

In Deutschland unterliegen pflanzliche Arzneimittel grundsätzlich denselben Zulassungskriterien wie synthetisch er zeugte Medikamente. Über die Einhaltung der Anforderungen wacht das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Die Zulassung wird erteilt, wenn die Hersteller Qualität, Wirksamkeit und Unbedenklichkeit eines Produkts entweder durch eigene Studien oder durch Sekundärliteratur wie Monografien oder andere wissenschaftliche Publikationen nachweisen können. Pflanzliche Arzneimittel, die auf dieser Grundlage im Verkehr sind, zählen zu den rationalen Phytopharmaka. „Für diese Medikamente gibt es keine extra Spielregeln“, sagt Dr. Rose Schraitle vom Bundesverband der Arzneimittelhersteller, BAH. „Es gelten dieselben Bedingungen wie für synthetisch hergestellte Mittel.“

Eine Sonderregelung gibt es für pflanzliche Präparate, deren Wirksamkeit nicht durch klinische Studien oder Monografien nachweisbar ist, wohl aber durch langjährige Erfahrungen der Anwender. Konnte dieses Erfahrungs wissen plausibel belegt werden, wurden die Rezepturen und die darauf basierenden Arzneimittel ebenfalls zugelassen. Sie werden als „traditionelle Phytopharmaka“ bezeichnet und tragen Angaben wie „Traditionell verwendet …“, „Zur Stärkung oder Kräftigung …“, „Zur Besserung des Befindens …“, „Zur Vorbeugung gegen …“ oder „Als mild wirksames Arzneimittel bei …“, jeweils verbunden mit einem allgemein formulierten Anwendungsgebiet, zum Beispiel „bei Erkältungen“ oder „bei rheumatischen Beschwerden“. Traditionelle Phytopharmaka sind in der Regel niedriger dosiert als rationale. Sie müssen nur zehn Prozent der in den Pflanzenmonografien vorgeschriebenen Drogendosis enthalten. Sie gelten deshalb als besonders mild und nebenwirkungsarm. Die Mittel sind frei verkäuflich und werden in Drogerien, Discountern, im Internet, aber auch in Apotheken vertrieben.

Seit September 2005 gibt es noch eine Sonderkategorie für traditionelle Phytopharmaka, wenn sie seit mindestens 30 Jahren in Gebrauch sind, davon 15 Jahre in der EU. In einem vereinfachten Verfahren können die Hersteller solche Mittel beim BfArM registrieren lassen. Auf der Packung befindet sich dann anstelle der Zulassungseine Registrierungsnummer. Bisher ist etwa eine Handvoll von Präparaten registriert, die sich auf diese Regelung berufen, zum Beispiel Kapseln mit Knoblauch, Mistel- und Weißdornextrakt, „zur Vorbeugung der allgemeinen Arterienverkalkung“. Die Mittel müssen mit einem Hinweis versehen sein, der besagt, dass sie ausschließlich aufgrund langjähriger Anwendung registriert sind. Ihre Wirksamkeit ist als noch geringer einzustufen als die der zugelassenen traditionellen Arzneien. Insgesamt sind in Deutschland knapp 2.500 zugelassene Phytopharmaka im Handel, rund 600 davon zählen zu den traditionellen Mitteln.

Eine Frage der Sicherheit

Rationale und traditionelle Phytopharmaka unterliegen strengen Qualitätsund Sicherheitskontrollen. In beiden Fällen müssen die Heilpflanzen den Bestimmungen des Deutschen Arzneibuches (DAB) entsprechen. Für viele Arzneidrogen gibt es spezielle Prüfvorschriften bezüglich Reinheit und Gehalt an spezifischen Inhaltsstoffen. Das ist wichtig, weil die Konzentration der Wirkstoffe je nach Sorte, Anbauort oder Klima stark schwanken kann. Daneben dürfen keine toxischen Mengen von Pflanzenschutzmittelrückständen, Schimmelpilzgiften und Schwermetallen enthalten sein. Letzteres ist schwierig, da manche Pflanzen, Weißdorn, Johanniskraut oder Stechpalme zum Beispiel, Schwermetalle anreichern. Vorschriften gibt es auch für die Aufbereitung der Pflanzen, um zu verhindern, dass weniger wertvolle Pflanzenteile verwendet werden.

Die Koexistenz von rationalen Phytopharmaka, deren Erforschung bisweilen hohe Kosten verursacht, und von traditionellen Mitteln, deren Wirkung schulmedizinisch nicht belegt ist, sehen manche Wissenschaftler kritisch. Sie fürchten, dass dadurch die gesamte Branche in den Ruch der Quacksalberei gerät. Zudem ist es für den Laien schwierig, zwischen einem tauglichen, meist apothekenpflichtigen Präparat und frei verkäuflichen Produkten zu unterscheiden, deren Wirksamkeit zweifelhaft sein kann.

Drei Gramm Kamillentee pro Tasse als Teeaufguss beispielsweise haben eine Standardzulassung durch das Arzneimittelgesetz. Wirksamkeit und Unbedenklichkeit gelten als erwiesen. Kamillenkapseln hingegen, die nur ein Zehntel dieser Menge an Kamillenblüten enthalten, sind ebenfalls zugelassen und werden als traditionell angewendetes Arzneimittel verkauft. Ein weiteres Beispiel ist Johanniskraut: Als wirksame Tagesdosis gegen leichte bis mittelschwere Depressionen gelten – je nach Trockenextrakt – 460 bis 800 Milligramm der Arzneidroge. Frei verkäufliche Mittel sind in der Regel weitaus niedriger dosiert. Aber welcher Kunde, der seine Stimmung ein wenig aufhellen möchte, kennt sich schon so genau aus. Aufschriften wie „Traditionell angewendetes Arzneimittel zur Besserung des Befindens bei nervlicher Belastung“ helfen da nicht unbedingt weiter.

Deutschland verfügt über das beste Qualitätssystem für pflanzliche Arzneimittel. In den meisten Ländern gibt es nicht einmal Richtlinien für den Einsatz von Heilpflanzen. Ein Präparat wird, je nach Land, als Lebensmittel, als Nahrungsergänzungsmittel oder als Medikament eingruppiert.


Foto: irisblende.de

Anders krank: Der Unterschied der Geschlechter macht sich auch im Krankheitsfall bemerkbar. Frauen gehen häufiger zum Arzt als Männer und sie greifen bei Beschwerden öfter zu Naturheilmitteln. Drei Viertel von ihnen bevorzugen die als sanft geltenden Präparate, bei den Männern sind es nur etwas mehr als die Hälfte.


Foto: image source (2)

„Ich habe etwas dagegen, dass der Verbraucher an der Nase herumgeführt wird“, sagt Dr. Marcella Ullmann vom Komitee Forschung Naturmedizin, KFN. Rationale Phytopharmaka seien hoch spezifische wissenschaftlich erforschte Medikamente. Der Verbraucher aber könne da gar nicht differenzieren. „Er nimmt im Vorbeigehen eine Schachtel billiger Pillen mit und denkt, die wirken.“ Das schade den Herstellern, die in die Entwicklung neuer pflanzlicher Medikamente und in Wirksamkeitsstudien investieren. Dr. Rose Schraitle vom Bundesverband der Arzneimittelhersteller hingegen verteidigt die traditionellen Mittel. „Sie haben eine große Fangemeinde.“ Solange sie unter das Arzneimittelgesetz fallen, so ihr Argument, „unterliegen sie sehr strengen Prüfkriterien und sind gesundheitlich unbedenklich“. Das Qualitätsniveau der traditionellen Arzneimittel sei ebenso hoch wie das eines Antibiotikums. Wären diese Präparate aber, wie das beispielsweise in den USA üblich ist, als Nahrungsergänzungsmittel im Handel, könne man diese umfangreiche Sicherheit nicht mehr garantieren.

Auf Rezept: Pflanzliche Medikamente erstatten die gesetzlichen Krankenkassen nur noch in Ausnahmefällen – Voraussetzung ist jedoch immer die Verschreibung durch einen Arzt. Einige Kassen bieten aber Zusatztarife an.


Foto: irisblende.de

Ausgrenzung aus dem Kassensystem

Seit 2004 dürfen die gesetzlichen Krankenkassen pflanzliche Medikamente nur noch in Ausnahmefällen bezahlen. Eine gesetzliche Regelung im Zuge der damaligen Gesundheitsreform schließt rezeptfreie Medikamente weitgehend von der Erstattung aus. 98 Prozent aller Phytopharmaka sind davon betroffen, weil sie nebenwirkungsarm und deshalb nicht verordnungspflichtig sind. Fazit: Für Hustensaft, Kamillentee und Bronchialbalsam müssen Patienten selbst berappen; Antibiotika und Alphablocker gibt’s auf Rezept – zu Lasten aller Versicherten. Dabei sind nach Berechnungen des Bundesverbands der Pharmazeutischen Industrie (BPI) die verschreibungspflichtigen Medikamente mit durchschnittlich 44,58 Euro pro Packung weitaus teurer als rezeptfreie Arzneien, die im Schnitt 8,17 Euro kosten.

Der Phytopharmaka-Branche bescherte die Reform einen herben Um satzverlust. Allein 2004 betrug das Minus 15 Prozent. Schon zuvor ent fiel der größte Teil des Umsatzes auf die Selbstmedikation. Doch die Zu wächse, die dort zunächst zu verzeichnen waren, gleichen den stetigen Rückgang von Verordnungen zu Lasten der gesetzlichen Kassen nicht aus. Stattdessen verschreiben Ärzte mehr erstattungsfähige chemische Medikamente – ein Trend, der sich bis heute fortsetzt, wie die Pharmadaten von IMS Health zeigen. Noch 2005 wurden Kassenrezepte für pflanzliche Medikamente mit einem Umsatzvolumen von rund 106 Millionen Euro verordnet. 2007 waren es nur noch 85 Millionen Euro. Im selben Zeitraum verzeichneten synthetische Arzneimittel zu Lasten der gesetzlichen Kassen ein deutliches Umsatzplus von 2,2 Milliarden Euro. Zwar sind Naturheilmittel laut Umfragen nach wie vor beliebter als synthetische Medikamente. „Doch das sind nur Lippenbekenntnisse“, weiß Gesundheitsökonom Dr. Uwe May vom BAH. Denn auch die Selbstmedikation mit pflanzlichen Medikamenten ist rückläufig. „Offensichtlich denken viele Menschen, dass Phytopharmaka nicht richtig wirken, weil sie nicht erstattungsfähig sind.“

„Das ist das Ende dessen, was wir uns in Jahrhunderten erarbeitet haben“, so Dr. Marcella Ullmann. Die gigantische Verschiebung hin zu chemischen Mitteln sei für einige Phytopharmaka-Hersteller existenz bedrohend. Sie fürchtet um den Standort und die Strukturen der phytotherapeutischen Forschung und Wissenschaft. Ullmann nennt das Beispiel Prostatabeschwerden. Bis Ende 2003 sei in 30 Prozent aller Fälle ein Präparat aus Sägepalmen verschrieben worden. Seit es von den Kassen nicht mehr erstattet wird, verordneten die Ärzte verstärkt einen Alphablocker. „Beide Mittel lindern die Beschwerden“, sagt die Phytotherapieexpertin, „nur dass Alphablocker etwa das Achtfache kosten und Nebenwirkungen bis hin zu Impotenz verursachen können.“ Aber dagegen, meint sie sarkastisch, könne man dann jaViagra geben. Der Präsident der Gesellschaft für Phytotherapie führt das Beispiel Antidepressiva an. „Seit 1957 wurden etwa 30 synthetische Antidepressiva eingeführt. Jedes hat Milliarden Dollar in der Entwicklung gekostet, aber keines ist wirksamer als ein anderes. Keines hat einen durchgreifenden Fortschritt gebracht“, sagt Professor Volker Schulz. Johanniskraut sei billiger, offenbar ähn lich wirksam und zeige seltener Nebenwirkungen. Die Phytotherapie, so das Fazit des Mediziners, sei in vielen Anwendungsgebieten geeignet, den Patienten Überbehandlungen durch nebenwirkungsreiche Medikamente und den Krankenkassen unnötige Kosten durch teure Arzneimittel zu ersparen. Eigentlich ganz im Sinne der Gesundheitsreform, wonach eine Behandlung medizinisch notwendig, zweckmäßig und ausreichend sein soll.