Weiterlesen mit NEWS. Jetzt testen.
Lesezeit ca. 6 Min.

Von Anfang an anders


ÖKO-TEST Ratgeber Kinder und Familie - epaper ⋅ Ausgabe 10/2008 vom 01.09.2008

Jungen spielen mit Pistolen und lieben Wettkämpfe. Mädchen umsorgen ihre Puppen und haben schon früh eine beste Freundin. Daran hat auch die Koedukation wenig geändert. Denn geschlechtsspezifisches Verhalten hat viel mit unseren Genen zu tun. Trotzdem müssen aus Jungs nicht zwangsläufig Machos und aus Mädchen Zuckerpuppen werden.


Artikelbild für den Artikel "Von Anfang an anders" aus der Ausgabe 10/2008 von ÖKO-TEST Ratgeber Kinder und Familie. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: ÖKO-TEST Ratgeber Kinder und Familie, Ausgabe 10/2008

Als Alexanders Schwester Luisa auf die Welt kam, schenkte ihm seine Tante eine Babybornpuppe. Er sollte „auch ein Baby“ zum Wickeln haben. Der Opa prophezeite sofort, sein Enkel werde sicher nicht mit Puppen spielen. Tatsächlich behielt er recht: Der damals Zweijährige wickelte ...

Weiterlesen
Artikel 0,95€
epaper-Einzelheft 5,99€
NEWS 30 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von ÖKO-TEST Ratgeber Kinder und Familie. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1000 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 10/2008 von Interview : „Nicht in eine Richtung drängen“. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Interview : „Nicht in eine Richtung drängen“
Titelbild der Ausgabe 10/2008 von Helden sind nicht gefragt. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Helden sind nicht gefragt
Titelbild der Ausgabe 10/2008 von Brauchen Eltern Nachhilfe?. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Brauchen Eltern Nachhilfe?
Titelbild der Ausgabe 10/2008 von Ich ess alles!. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Ich ess alles!
Titelbild der Ausgabe 10/2008 von Moppel oder Hering?. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Moppel oder Hering?
Titelbild der Ausgabe 10/2008 von Trink, Brüderlein, trink …. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Trink, Brüderlein, trink …
Vorheriger Artikel
EDITORIAL: Ratgeber Kleinkinder
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel Interview : „Nicht in eine Richtung drängen“
aus dieser Ausgabe

Als Alexanders Schwester Luisa auf die Welt kam, schenkte ihm seine Tante eine Babybornpuppe. Er sollte „auch ein Baby“ zum Wickeln haben. Der Opa prophezeite sofort, sein Enkel werde sicher nicht mit Puppen spielen. Tatsächlich behielt er recht: Der damals Zweijährige wickelte das „Baby“ einige Male pflichtschuldigst, dann flog das teure Spielzeug in die Kiste. „Macht nichts“, sagte die Oma, „die Kleine kann ja noch damit spielen.“ Tat sie aber leider auch nicht. Inzwischen ist Luisa fünf Jahre alt – und interessiert sich immer noch nicht für Puppen. Am liebsten spielt sie intensive Rollenspiele mit Stofftieren. Ganz typisch für Mädchen, doch auch Alexander macht da gerne mit. Auf der anderen Seite ist der Junge auch begeistert von Pfeil und Bogen und schraubt mit großer Akribie an seiner Modelleisenbahn herum. Seine Schwester baut ihm dazu ausladende Bahnhofsanlagen aus Legosteinen und bestückt diese mit Playmobilfiguren – und deren Reisegeschichten.

Söhne orientieren sich oft stark an ihren Vätern – und haben schon deshalb „typisch“ männliche Interessen.


Was ist typisch für Jungen, was für Mädchen? Dass sich die Tochter einen rosafarbenen Fahrradhelm aussucht, der Sohn dagegen einen roten wählt, mit der Begründung, damit sehe er aus wie ein Feuerwehrmann? Dass Luisa hartnäckig nach Glitzernagellack fragt? Wenn Alexander mit anderen Jungen zusammen ist, wird er lauter und wilder. Luisa dagegen ist unter Mädchen ruhiger und eher bereit, sich mit „normalen“ Mädchendingen wie Malen und sozialen Spielen zu beschäftigen. Anscheinend verstärken sich viele der als typisch bezeichneten Eigenschaften immer dann, wenn die beiden mit Geschlechtsgenossen zusammen sind. Wenn die zwei Geschwister aber alleine sind, ist manches anders: Obwohl der Junge von Freunden und Verwandten meist Sachbücher über Ritter und Dinosaurier geschenkt bekommt, hört er genauso fasziniert zu, wenn der Schwester aus pinkfarben gebundenen Büchern Fantasiegeschichten von Einhörnern und Pferden vorgelesen werden.

Es hat keinen Sinn, es zu leugnen: Es gibt ihn, den von der Natur angelegten Unterschied zwischen Jungen und Mädchen, den man auch mit der neutralsten Erziehung nicht ausgleichen kann. Das sollte man auch nicht. Ein Kind braucht eine geschlechtliche Identität, sie gibt ihm Halt, sie gehört zu seiner Person. Außerdem: Selbst wer sich bemüht, seine Kinder geschlechtsneutral zu erziehen, überträgt unbewusst eigene, zum Teil anerzogene Vorstellungen. Von Großeltern, Tanten und Onkeln, den Freunden, der Lillifee- und Bionicle-Industrie mal ganz abgesehen.

Es gibt keine neutrale Erziehung

Von Anfang an werden Jungen und Mädchen nicht gleich behandelt, das weiß die Forschung seit vielen Jahren. Es gibt ein psychologisches Experiment, in dem Erwachsene das Verhalten eines Babys beschreiben sollten: Der einen Hälfte der Gruppe wurde gesagt, es sei ein Junge, die andere erhielt die Auskunft, das Kind sei ein Mädchen. Dasselbe (gefilmte) Verhalten des Kindes wurde von den „Jungen“-Beobachtern als „ärgerlich“, von den „Mädchen“-Beobachtern, als „erschrocken und ängstlich“ bezeichnet. Schon Kleinstkinder werden also nicht neutral betrachtet, bewusst oder unbewusst interpretieren Eltern oder andere Bezugspersonen deren Handlungen geschlechtsspezifisch.

Natürlich wollen moderne Eltern keine Minimachos und Zuckerpüppchen heranziehen. Doch auch wenn sie ihr eigenes Rollenverhalten noch so sehr reflektieren, beide zur Arbeit gehen, Papa nachts stundenlang Wadenwickel macht und Mama auf dem Bolzplatz im Tor steht: Die Töchter drehen sich vor dem Spiegel, während die Söhne im Sandkasten mit Steinmännchen Krieg spielen. Auch nach Jahrzehnten der Emanzipation und Koedukation laufen Jungen brüllend und schubsend übers Pausengelände, während die kleinen Mädchen bereits im Kindergarten mit ihren zwei besten Freundinnen in der Kuschelecke Geheimnisse austauschen.

Lange Zeit sollten Mutter und Vater allein dafür verantwortlich sein, dass ihre Kinder zu ganzheitlichen Menschen werden. Eltern wurden kritisiert, wenn Jungen fordernder als Mädchen waren: Sie ließen ihren Söhnen wohl zu viel durchgehen. Doch es könnte sein, dass Eltern Jungen deshalb mehr erlauben, weil sie sich ihnen – hormonell gelenkt – mehr widersetzen als Mädchen. Andershe rum wurde bei sprachstarken Töchtern oft vermutet, dass die Eltern sich mehr mit ihnen beschäftigt hätten. Vielleicht haben die Mädchen aber nur mehr und intensivere Gespräche eingefordert als die Jungen.

Die aktuelle Hormon- und Gehirnforschung nimmt mit ihren Erkenntnissen den Eltern nun einen Teil der Last von den Schultern. Psychologen und Soziologen, Gehirn- und HormonÖKOforscher sind sich in den vergangenen Jahren immer näher gekommen und bringen ihre unterschiedlichen Erkenntnisse auf diesen gemeinsamen Nenner: Die Persönlichkeit eines Kindes ist etwa zu 50 Prozent durch seine Erbanlagen bestimmt und zu 50 Prozent durch Erziehung und soziales Umfeld zu beeinflussen.

Hormonschwemme in Mutters Bauch

Eine wesentliche Prägung findet bereits im Mutterleib statt. Denn auch der Mutterkuchen bildet männliche oder weibliche Sexualhormone und gibt sie an das Kind weiter. Für den Freiburger Professor Martin Reincke, Sprecher der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie, ist dies eines der interessantesten Ergebnisse auf dem Gebiet der Hormonforschung. „Wenn bei einem männlichen Fötus die Testosteronbildung nicht richtig abläuft“, erklärt Reincke, „wird sein späteres Sozialverhalten eher weibliche Züge zeigen.“ Mädchen dagegen, die verstärkt männlichen Hormonen ausgesetzt sind, neigen zu eher maskulinen Verhaltensweisen: Sie sind schneller aggressiv, lieben es herumzutoben und sind als Erwachsene stärker karriereorientiert.

Wie Sexualhormone männliches und weibliches Verhalten steuern, zeigte auch eine Studie der Entwicklungsforscherin Stephanie van Goozen von der Universität Utrecht über Transsexuelle. Nachdem die „biologischen“ Frauen männliche Sexualhormone eingenommen hatten, neigten sie eher zur Aggression und verbesserten ihre räumlich-visuellen Leistungen, stellte van Goozen fest. Dafür ließen ihre sprachlichen Fähigkeiten nach. Bei den Männern war es nach Einnahme von weiblichen Hormonen umgekehrt.

Nicht nur die Hormone, auch die unterschiedlichen Ausprägungen des Gehirns beeinflussen das geschlechtsspezifische Verhalten. Die amerikanischen Psychologen Ruben und Raquel Gur von der Universität Pennsylvania zeigten, dass sich männliche und weibliche Gehirne von ihrer strukturellen Arbeitsweise her deutlich unterscheiden. Da ist zum Beispiel das limbische System. Es hat sich früh im Laufe der Evolution gebildet, wir teilen es mit niederen Säugetieren und Reptilien. Auch bei uns kontrolliert das „Reptilienhirn“ fundamentale Reaktionen wie Aggression, Essen, Sex, Kampf und Flucht. Ein Experiment der beiden US-Forscher zeigte, dass das limbische System der Männer – anders als bei den Frauen – nie zur Ruhe kommt. Das Ergebnis scheint das Vorurteil zu bestätigen, Männer seien stets aggressionsbereit. Auch den beiden Gehirnhälften werden unterschiedliche Fähigkeiten zugesprochen. In der rechten Hälfte, vermutet die Forschung, sitzen die eher „weiblichen“ Eigenschaften: Intuition und Gefühl, Kreativität und Spontaneität. In der linken Hälfte residiert eher „typisch männliches“ Verhalten: Ratio und Logik, systematische Vorgangsweisen. Da bei Frauen linke und rechte Gehirnhälfte stärker vernetzt sind als bei Männern, können sie schneller Erfahrungen und Wissen von einem Bereich auf den anderen übertragen, vermuten die Wissenschaftler. Zum Beispiel aktivieren Frauen im Gegensatz zu Männern beim Sprechen nicht nur die linke, sondern auch die rechte Hirnhälfte –, was die in der Regel höhere Kommunikationsfähigkeit erklären könnte. Männern fällt es dafür oft leichter, verschiedene Dinge gleichzeitig zu tun – wie Musik hören, mitsingen und dabei eine schwierige technische Zeichnung nachzuvollziehen. Für Ersteres nutzen sie die rechte, für Letzteres die linke Hirnhälfte.

Sich zu schminken gehört zu den Lieblingsbeschäftigungen kleiner Mädchen.


Verschiedene Wege, ähnliche Lösungen

Oft kommen Hirnforscher zu dem Ergebnis, dass Männer- und Frauenhirne Aufgaben ähnlich lösen, aber auf verschiedenen Wegen und in anderen Hirnregionen. Jungen merken sich eher einen Weg im Raum, Mädchen die verbal umgesetzten Wegmarken („hinter der Bäckerei links“). Das alles heißt aber nur, dass Mädchen im Prinzip sprachbegabter sind, Jungen dagegen in der Regel mit abstrakten Dingen und räumlichem Denken besser zurechtkommen. Für das spätere Leben muss das keine gravierenden Auswirkungen haben: Aus rosa gekleideten Prinzessinnen können sich durchsetzungsfähige Frauen entwickeln, die Beruf und Familie organisieren und mit dem großen Familienvan prima einparken. Und aus dem Sandkastenrüpel wird manchmal ein erfolgreicher Manager und liebevoller Vater, der seinem Kind den üblen Krach mit dem besten Freund von der Nasenspitze abliest. Sich auf eine genetische Programmierung zu berufen, ist also keine Entschuldigung für lebenslanges Machoverhalten oder Püppchengetue. Einparken kann man lernen, Zuhören auch.

Foto: sd2005/sxc.hu

Warum Mädchen Fußball spielen, Jungs aber nicht ins Ballett gehen dürfen

Erst ein Sohn, dann eine Tochter? Da gibt es bei den Babysachen keine Probleme: Dem Mädchen kann problemlos der blaue Strampler des Bruders angezogen werden. Umgekehrt wird es aber schwierig: Statten Sie Ihren Zweitgeborenen mal mit den rosa Klamotten der großen Schwester aus – das lässt Ihnen Ihre Umgebung garantiert nicht kommentarlos durchgehen. Könnte sein, dass irgendein Spaßvogel sogar anmerkt, der Knabe könne schwul werden in diesem Outfit.

Dem Kind in der Wiege ist die Farbe noch egal – allerdings nicht lange. Schon im Kindergarten können Jungen mit langen Haaren nicht unkommentiert Haarspangen tragen, auch wenn es praktisch wäre. Und selbst Vorschulknirpse achten peinlich genau darauf, keine Spuren von Lila oder Rosa auf der Kleidung zu haben. Mädchen dagegen dürfen inzwischen Baseballkappen tragen und Fußball spielen. Zeigen sie Interesse für Naturwissenschaften, ist das vielleicht ungewöhnlich, aber hoch angesehen. Und wenn sie gleichzeitig Ballett tanzen – umso besser.

Auch so mancher Junge würde vielleicht gerne tanzen gehen, aber zwischen rosa Tüllröcken zu stehen, tut sich dann doch kaum einer an. Und warum? Weil es Mädchen machen. Die Grundfesten der Männlichkeit sind offenbar noch immer leichter zu erschüttern als die des Frauseins. Mädchen verlieren keine Weiblichkeit, wenn sie Fußball spielen. Im Gegenteil: Sie ernten Bewunderung, weil sie sich in einer Männerdomäne bewähren. Auch Väter finden das gut. Wollen die Söhne aber ins Ballett, bekommen dieselben Väter Probleme. Der Sohn in einer vermeintlich reinen Mädchenwelt, in der er angeblich typisch weibliche Verhaltensweisen einübt, das ist immer noch negativ besetzt.