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Vorwärts-Abwärts – historisch betrachtet: Wie konnte es dazu kommen?


Piaffe - epaper ⋅ Ausgabe 2/2019 vom 18.09.2019
Artikelbild für den Artikel "Vorwärts-Abwärts – historisch betrachtet: Wie konnte es dazu kommen?" aus der Ausgabe 2/2019 von Piaffe. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Piaffe, Ausgabe 2/2019

Mit dem ?Rückenwahn? Ende des 19. Jahrhunderts wurde das Vorwärts- Abwärts salonfähig. Diese biomechanischen und begrifflichen Fehlinterpretationen der klassischen Reiterei ziehen einen immensen Pferdeverschleiß nach sich.

In einer schriftlichen Diskussion in einem sozialen Netzwerk meinte ein Teilnehmer, dass gegenüber der Reiterei der alten Preußen und heute ein gewaltiger Unterschied liegen würde. Heute wäre der Zweck ein ganz anderer, man würde ja nicht mehr in den Krieg ziehen mit den Pferden.

So nachvollziehbar man diese Aussage im ersten Moment empfinden mag, so leichtfertig und unüberlegt ist sie dahingesagt. Denn was erwarten oder wünschenwir uns denn eigentlich von einem Reitpferd? Zum einen soll es ruhig und sicher sein, sich am kleinen Finger fein kontrollieren lassen, zum anderen soll es möglichst ein ...

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... Pferdeleben lang alle Anforderungen, welche wir an ein Reitpferd stellen, unbeschadet an Körper und Geist, gesund und wohlbehalten, stets motiviert und leistungsbereit erfüllen können. Also genau die Vorstellungen, die auch die alte preußische Kavallerie (vor 1806 im Besonderen und bis ca. 1850 noch etwas nachhallend) von ihren wertvollen Pferden hatte. Das Pferd war wichtiger als der Mensch und Tierschutz ging vor Menschenschutz!

Das natürliche Pferd und seine natürliche Haltung oder Richtung

Jeder Weg beginnt mit einem ersten Schritt. So ist es auch bei der Ausbildung eines Pferdes. Bevor wir aber diesen ersten Schritt tun, sollten wir uns zunächst einmal das „Ausgangsmaterial“ betrachten, welches wir umformen müssen, damit die obigen Bedingungen für ein gutes Reitpferd überhaupt erfüllt werden können: das natürliche Pferd.

Das natürliche Pferd in seiner natürlichen Haltung wurde durch Stallmeister wie E.F. Seidler (1798 – 1865) und Louis Seeger (1794 – 1865), beide Schüler von Max Ritter von Weyrother (1783 – 1833), eindeutig und nicht interpretierbar beschrieben und von diesen auch in den Reitinstruktionen von 1882, 1912, 1926 und 1937 illustriert.

Im Folgenden die sehr genaue Beschreibung von E.F. Seidler (1837 und unverändert 1843): „Das aus dem Remonte-Depot oder von dem Landmann erhaltene, rohe Pferd (natürliche Pferd) hat die Nase vorgestreckt, die Ganasche liegt nicht an den Unterhalsmuskeln an, die Ohrdrüse hat ihre Lage auf der inneren Seite der Ganasche, das Genick hat eine Biegung rückwärts, die Halswirbel bilden einen Bogen abwärts, der Hals ist lang und gestreckt.

Das untere Ende des Schulterblatts schiebt sich schräg nach vorn und unten, drückt auf das vordere Ende des Querarms, gibt demselben eine beinahe waagerechte Lage, das Buggelenk bildet einen kleinen Winkel, der Vorderfuß steht hinter der senkrechten Linie.

Die Rückenwirbelsäule ist nach dem Widerrist zu niedriger, steigt nach der Lendengegend, zeigt daselbst sogar eine Neigung zum Bogen aufwärts. Der Hinterfuß steht bedeutend zurück, oft nicht einmal bis zur senkrechten Linie des Hüftgelenks, das Kniescheibengelenk ist noch hinter der senkrechen Linie der Hüfte, das Sprunggelenk gestreckt, überhaupt alle Gelenke der Hinterhand bilden stumpfe, gedehnte Winkel, die vermehrte Schwere des Pferdekörpers neigt sich nach vorn.“ 1 Eine entsprechende Illustration findet sich im angegebenen Buch auf Tafel IV Figur1.

In der obigen Zeichnung ist eine gerade Linie (Rückenlinie) von der Kruppe zur Schulter hin absteigend verlaufend eingezeichnet. Diese Linie hat bei der Ausbildung des Pferdes und der Betrachtung des Gleichgewichtes eine sehr zentrale Bedeutung. Sie wird von Louis Seeger wie folgt beschrieben:

„Was ferner die Wirbelsäule anbetrifft, die durch ihre Verbindung und Richtung doch eigentlich die Stellung des ganzen Pferdekörpers bestimmt, so sehen wir, dass sie vorn zwischen den Schultern niedriger gestellt ist als hinten am Kreuz. Besonders wenn es noch den Reiter tragen soll, dessen Gewicht durch diese Richtung der Wirbelsäule nach vorn geschoben wird, folglich nicht gleichmäßig auf alle vier Beine verteilt sein kann. Man muss hier nicht diejenige Linie des Rückens betrachten, die von den Wirbelfortsätzen, sondern die, welche von den Körpern der Wirbel gebildet wird; diese ist bei jedem Pferde ohne Ausnahme vorn niedriger als hinten. (Ergänzend erwähnt sei auch noch, dass die Nase des Pferdes sich dabei in etwa auf Höhe der Fortsetzung der Rückenlinie nach vorne befindet). Es ist daher von größter Wichtigkeit, um das Pferd vollkommen ins Gleichgewicht zu richten, besonders unter dem Reiter, diesem Hindernisse des Gleichgewichts abzuhelfen. Wir haben gesehen, dass durch die Aufrichtung von Kopf und Hals die Richtung des Rückens (der Rückenlinie) wagerechter wird, …“


„Man muss hier nicht diejenige Linie des Rückens betrachten, die von den Wirbelfortsätzen, sondern die, welche von den Körpern der Wirbel gebildet wird.“
Louis Seeger


Ganz wichtig dabei sein Hinweis, dass man bei der Betrachtung der Rückenlinie die Wirbelkörper und nicht die Dornfortsätze begutachten muss: „Man muss hier nicht diejenige Linie des Rückens betrachten, die von den Wirbelfortsätzen, sondern die, welche von den Körpern der Wirbel gebildet wird.“

Neben dieser Beschreibung weist er ausdrücklich darauf hin, dass sich das Pferd in seiner natürlichen Haltung nicht im Gleichgewicht befindet und es die vordringlichste Aufgabe sei, „um das Pferd vollkommen ins Gleichgewicht zu richten“ jenem „Hindernisse des Gleichgewichts abzuhelfen“, will sagen, die nach vorwärts-abwärts verlaufende Rückenlinie durch Aufrichtung von Kopf und Hals (dem Hebel) in Richtung der Waagerechten gebracht werden muss.

Bevor wir nun das natürliche Pferd mit dem Reitergewicht konfrontieren noch ein sehr wichtiger Hinweis: Die natürliche Haltung (oder natürliche Richtung) ist die Haltung des Pferdes, welches in allen Werken mit der Bezeichnung Tiefe versehen wurde! Diese Haltung ist die tiefste zulässige Einstellung des Pferdes! Von dieser aus arbeitet man das Pferd nach oben und zu dieser findet man bei Problemen kurzfristig wieder zurück.

Das natürliche Pferd, in dieser, von der Natur gegebenen Form, ist nicht wirklich – ohne Schaden zu nehmen – dafür geeignet, einen Reiter zu tragen und all das auszuführen, was wir von ihm verlangen. Die Natur hat das Pferd, welches Beute- und damit Fluchttier ist, mit einer Vorhandlastigkeit ausgestattet, damit es bei Bedarf – energiesparend – höhere Fluchtgeschwindigkeiten erreichen kann. Diese Vorhandlastigkeit ist von großem Nutzen für das natürliche Pferd, problematisch aber für ein Reitpferd. Gustav Steinbrecht merkte dazu an: „Im Naturzustand mag daher das Pferd immerhin seiner natürlichen Neigung auf die Schultern folgen, denn es erleidet dadurch keinen Schaden, da es kein fremdes Gewicht zu tragen hat, seine Bewegungen nach eigenem Willen ausführt und seine Hinterbeine ungehindert nach Bedürfnis zur Unterstützung der Vorhand bereit hat.“3

Doch ein Reitpferd steht vor einer ganz anderen Situation, welche ebenfalls Gustav Steinbrecht im Folgenden sehr gut beschreibt: „Da es aber unter dem Reiter dessen Gewicht mit zu übernehmen hat und nach dessen Willen nicht nur bestimmte Gangarten, sondern dies auch noch in bestimmten Tempo und beliebig lange gehen soll, muss es, um dies mit Sicherheit und ohne Schaden für seine Beine tun zu können, ins Gleichgewicht gerichtet werden, nach dem Grundsatz, dass eine richtig ausbalancierte Last viel leichter zu tragen und zu stützen ist, als eine außer Gleichgewicht befindliche.


„Im Naturzustand mag daher das Pferd immerhin seiner natürlichen Neigung auf die Schultern folgen, denn es erleidet dadurch keinen Schaden, da es kein fremdes Gewicht zu tragen hat, seine Bewegungen nach eigenem Willen ausführt und seine Hinterbeine ungehindert nach Bedürfnis zur Unterstützung der Vorhand bereit hat.“
Gustav Steinbrecht


„Das Pferd ins Gleichgewicht richten stellen alle Lehrbücher, die über die Abrichtung des Pferdes zum Reitdienst handeln, als den Hauptzweck der Dressur auf, und allgemein ist anerkannt, dass ein Pferd sich nur dann am leichtesten, sichersten und mit der größten Kraft und Ausdauer bewegen kann, wenn es im Gleichgewichte geht.“5 schreibt Louis Seeger und bekräftigt die Worte seines Schülers Steinbrecht dadurch, dass er unmissverständlich deutlich macht, das der „Hauptzweck der Dressur“ darin besteht, „das Pferd ins Gleichgewicht zu richten“, was bedeutet, die im Naturzustand stärker der Vorhand zustrebende Masse vermehrt der Hinterhand zuzuschieben, auch, um das ebenfalls stärker der Vorhand zufallende Reitergewicht zu kompensieren. Darüber hinaus zeigte er auf, was mit der Verbringung ins Gleichgewicht beim Pferd erreicht werden soll, nämlich, dass es sich leicht, sicher und mit größter Kraft und Ausdauer bewegen kann. An dieser Stelle sei schon einmal angemerkt: Ein Pferd, welches auf der Vorhand läuft, kann niemals leicht und sicher sein, noch kann es sich mit größter Kraft und Ausdauer bewegen!

Gewöhnung an das Reitergewicht

Die Pferde konnten damals, im Gegensatz zu heute, aufgrund der schieren Anzahl auszubildender Pferde nicht genügend auf das geritten Werden vorbereitet werden. Longieren war in der Regel das Äußerste an vorbereitender Ausbildung, die überhaupt möglich war. So kamen diese unzureichend vorbereiteten Pferde nach der Gewöhnung an den Menschen (alltäglicher Umgang) schnell unter den Sattel. Konfrontiert mit dem Reitergewicht reagierten manche Pferde aus Angst oder Schwäche zunächst mit einem Anspannen, dann durch ein krampfhaftes Abspannen der Muskulatur, hoben den Hals hoch und zurück, den Kopf hielten sie waagerecht und die Hinterhand ausgestellt, was den Eindruck eines abgesenkten Rückens entstehen ließ. Ein Anblick, den man landläufig als Sternengucker kennt.

Dieses Bild scheint in den Köpfen der Vorwärts-Abwärts- Befürworter als Negativbeispiel für absolute Aufrichtung verankert zu sein. Zu dieser Problemstellung bei einer Remonte, aber ggf. auch bei einem Korrekturpferd, können wir folgenden Satz in der DVE 12 von 1912 finden: „Nur in dieser natürlichen Haltung (Beschreibung s.o.; Illustrationen dazu finden sich, wie angesprochen, in den Instruktionen und Reitvorschriften von 1882, 1912, 1926 und 1937) wird der Rücken tragfähig gemacht. Pferde, die mit hohem Halse und hoher Nase („Sternengucker“) gehen, werden im Rücken tiefer und selbst bei mäßiger Arbeit magerer. Mit Gewinnung der vorbeschriebenen Haltung erholen sie sich jedoch zusehends.“6

Aus diesen Sätzen lassen sich zwei Aussagen ableiten. Zum einen, was exemplarisch korrigiert wurde („hoher Hals“ und „hohe Nase“, also der „Sternengucker“) und was mit dieser Korrektur (wieder) erreicht werden sollte (die natürliche Haltung). Auch für den Fall, dass dies nicht sofort gelingt, gibt die DVE 12 von 1912 einen Hinweis: „Findet eine Remonte nicht bald diese natürliche Haltung, so muss sie einen Reiter erhalten, der es versteht, ihr gewissermaßen den Weg in die Tiefe zu zeigen.“7

Hier haben wir nun wieder diesen verwirrenden Begriff der Tiefe, aber auch eine weitere ganz deutliche Aussage darüber, was man unter dieser Tiefe verstehen muss: nämlich die natürliche Haltung des Pferdes. Diese Arbeit zurück in die Tiefe (natürliche Haltung) wurde in der Regel im Trab und auf geraden Linien durchgeführt. Dazu schreibt E. F. Seidler: „Nach dem Besteigen und ruhigen Anreiten im Schritt suchen wir dem Pferde erst einen mäßigen Trab abzulocken, den wir nach und nach mehr dehnen, ohne dem Pferde irgend einen Zwang in seiner Kopfund Halsstellung anzuthun. Wir werden zwar manchem Pferde, wenn es mit seiner Körperhaltung zuviel Uebergewicht nach vorn annimmt, sich hart aufs Mundstück legt, dieses letztere zum Stützpunkt momentan gegenhalten, doch noch nicht gleich im Anfange den Kopf und Hals zurück- und heraufarbeiten wollen; im Gegentheil, nach dem gegebenen festen Gegenhalt nach und nach wieder mäßiger werden, damit das Pferd mit den Vorderfüßen ein wenig freier noch austreten kann und die nach vorn überhängende Schwere durch die etwas weiter vortretenden Vorderfüße stützen lernt (…) Auf diese Weise lernt das Pferd zuerst in einer ihm zwanglosen, natur- und instinktmäßigen Haltung sich mit dem Reiter frei fortzubewegen, und nur dann erst, wenn es dieses thut, dürfen wir zu der nächstfolgenden Lektion des sogenannten Aufrichtens vorschreiten.“8


„Nur in dieser natürlichen Haltung wird der Rücken tragfähig gemacht. Pferde, die mit hohem Halse und hoher

Nase gehen, werden im Rücken tiefer und selbst bei mäßiger Arbeit magerer. Mit Gewinnung der vorbeschriebenen Haltung erholen sie sich jedoch zusehends.“
DVE 12 von 1912


Damit wurde es dem Pferd erleichtert, sich unter dem Reiter auszubalancieren, quasi ein natürliches Gleichgewicht plus zu finden, einer ersten Gleichgewichtskorrektur auf dem Weg zu dem von Louis Seeger angesprochenem Gleichgewicht. Diese Arbeit war in der Regel nach ein paar Tagen abgeschlossen, das Pferd hatte den Weg zurück in die Tiefe (natürliche Haltung) wiedergefunden und sich einigermaßen unter dem Reiter ausbalanciert.

Das Gleichgewicht eines Reitpferdes

„Um dies (von Louis Seeger genannte Gleichgewicht) hervorzubringen, muss Kopf und Hals mehr aufgerichtet werden, welche Bewegung das Pferd von selbst ausführt, sobald es mit Energie gehen will.“9

Mit dieser Aussage, das sei hier erklärend angemerkt, meint Seeger nicht ein verstärktes Untertreten der Hinterhand, von welchem man glaubt, das Aufrichten bewirken zu können (was aber eine irrige, wider der Physik gehende Annahme ist) und welches gerne mit relativem Aufrichten etikettiert wird, sondern lediglich das Anheben von Kopf und Hals, um sich schneller, „mit Energie“, bewegen zu können und dabei auch den Überblick zu behalten. Seeger fährt weiter fort: „Daher ist Aufrichtung von Kopf und Hals der erste Grundsatz der Stellung des Pferdekörpers, um den guten Gang vorzubereiten.“10

Durch die Formulierung „Aufrichtung von Kopf und Hals“ allerdings hat Seeger möglichen Interpretationen Tür und Tor geöffnet. Im Grunde sind Kopf und Hals nur der „Hebel“, um das eigentliche Ziel, das Verbringen der Rückenlinie (Wirbelkörper) in eine nahezu waagerechte Position, zu erreichen. Buggelenk und Hüftgelenk kommen dabei ebenfalls (bei einem normal gebauten Pferd) auf eine Höhe. Ein großer Teil dieses Weges mit entsprechender Gewichtsumlastung Richtung Hinterhand kann, durch Schließen des Lumbosakralgelenks, sogar ohne Hankenbeugung erreicht werden. Erst nach dem Schließen des Lumbosakralgelenks von vorne nach hinten kann dieses für eine gesunde Hankenbeugung nach hinten wieder geöffnet werden und der Rest der Waagerechtstellung durch Hankenbeugung erzielt werden. Die Hinterhand tritt in die Spur der Vorhand! Ein tieferes Untertreten über die Spur der Vorhand hinaus, wie es beispielsweise Waldemar Seunig erwähnt, bringt das Pferd – auch nach Meinung von Gustav Steinbrecht – auf die Vorhand. Soweit zur altpreußischen Art, ein Pferd in ein gesundes Gleichgewicht bei gesunder, für eine längere Belastung ausgelegte dezente Hankenbeugung zu verbringen. Eine Umformung, bei welcher das Pferd zunächst von vorne nach hinten zu arbeiten ist. Dem konträr gegenüber steht die anglomane Reiterei.

Der falsche Weg der anglomanen Reiterei

Anglomanie, die übertriebene Nachahmung alles Englischen, hatte schon lange vor de la Guérinière die Reiterei erfasst. Die englische Vorliebe für Jagd-, Spring-, und Rennreiten, das versammlungs- und haltungslose Vorwärts, fand auch auf dem Kontinent mehr und mehr Anklang und Verbreitung in der gesamten Reiterei. Und mit ihr setzte sich auch die Meinung fest – und dies war das eigentliche Problem – dass diese Pferde nicht mehr nach den Regeln der Reitkunst ausgebildet werden müssten, da sie einer solchen Ausbildung nicht bedürften: Das Gelände würde es schon richten!

Bringt man es auf einen knappen Nenner, so ist anglomanes Reiten, „sportliches“ Reiten, nur um des Reitens willens, fernab von Reitkunst und damit zu Lasten der Pferde! Die Hauptgangart des anglomanen Reitens ist der Galopp, die Vorbilder entstammen aus dem Rennreiten.

Während man nach altpreußischer Manier die Pferde vorne aufrichtete, um sie gesund auf die Hinterhand „zu setzen“, gelang der anglomanen Reiterei durchaus auch so etwas wie die Waagerechtstellung der Rückenwirbellinie, allerdings durch ein ungesundes Absenken der Hinterhand, die Pferde wurden und werden quasi hinten tiefergelegt! Übungen wie: Arbeiten über Bodenricks oder Stangen (Rückenkiller No. 1), 3-Spur-Schulterherein oder Vorwärts-Abwärts sind Übungen, die dieses Tieferlegen begünstigen.

Für den Reiter mag der gefühlte Eindruck entstehen, an dem er sich erfreut, dass sein Pferd „bergauf“ gehen würde, de facto aber hat es sich nur hinten abgesenkt, zu Lasten der Gelenke, Bänder, Sehnen und Muskeln der Hinterhand und unter Reduzierung der Stoßdämpfung in der Vorhand, mit entsprechenden körperlichen Auswirkungen. Ein solches Vorgehen schränkt – neben den schädlichen Auswirkungen auf die körperliche Gesundheit des Pferdes – die Möglichkeiten, ein gesundes Gleichgewicht zu erreichen, drastisch ein.

Weder ist eine Aufrichtung mit Senkrechtstellung der Halsbasis (im Ansatz siehe Bild links – Pferd im Gleichgewicht) und damit deutliche Gewichtsumlastung in Richtung Hinterhand wie bei den alten Preußen, noch eine echte Versammlung (Energiekonzentration) seriös möglich!

Wie aber kam es zu dieser Fehlentwicklung, in deren Schlepptau sich auch das Vorwärts-

Abwärts etablierte?

Die Anglomanie fand auch in der militärischen Reiterei bis in die höchsten Kreise immer mehr Anhänger. Nach dem Frieden von 1815 legte man in den meisten Armeen verstärkt Wert auf Querfeldeinreiten, einer größeren Angleichung an den Sattel und den Sitz des Jagdreitens, und vor allem auf die Verminderung der von den Pferden zu tragenden Last. Der Galopp wurde wieder zur zentralen Gangart des Angriffs.

Bis ca. 1848 (Rechnung Otto von Monteton11) konnten preußische Stallmeister, die noch im Sinne der Reitkunst vor 1806 gearbeitet hatten, sich noch gegen diesen Trend stemmen. Doch mit deren Ausscheiden aus dem Dienst übernahm mehr und mehr die anglomane Reiterei das Zepter. Im Feldzug 1870 – 71 trat, zum wahrscheinlich letzten Mal, die Kavallerie, allen voran die von allen Seiten in höchstem Maße gelobte preußische Kavallerie, in ihren klassischen Vorgehensweisen an. Wohl zum letzten Mal kam es in diesem Feldzug zum Zusammenziehen und auch Aufeinandertreffen größerer Kavalleriemassen. Aber es kamen auch „neue“ Strategien und Taktiken zum Einsatz, welche in der Vergangenheit allenfalls zu den Aufgaben irregulärer Kavallerie gehörten, die nun aber von regulärer Kavallerie durchgeführt wurden. Zu diesen neuen Taktiken gehörte es beispielsweise, dass kleine Reitertrupps Sabotageaktionen im Feindesland ausführten. So schwärmte der französische Oberst-Leutnant Bonie von Aktionen „moderner“ preußischer Reiterei:

„In kleiner Anzahl zu fünf oder sechs galoppieren sie dahin, zerstören die Telegraphendrähte, auf den Hals ihrer Pferde gebeugt durchjagen sie die Dörfer und beängstigen die Bevölkerung. Dies ist ein getreues Bild ihrer Art und Weise. Sie kommen, jagen vorüber wie der Wind und verschwinden ebenso schnell, um heimzukehren.“12

Bilder einer „neuen“ Kavallerie, mit einem anderen Anspruch an die Pferde. Solche Veränderungen waren notwendig, denn es zeichnete sich in diesem Feldzug überdeutlich ab, dass die Kavallerie in ihrer bisherigen Form wohl nicht mehr haltbar war. Die Kanonenreichweiten nahmen zu, die Repetierbarkeit der Handfeuerwaffen entwickelte sich immer stärker. Die Infanterie erhielt dadurch deutliche Überlegenheit. Dazu passte diese auch noch ihre Taktik so an, dass es für die Kavallerie schwer wurde, Erfolge gegen die Infanterie zu erzielen. Das anglomane, haltungslose Vorwärts bahnte sich „jagend wie der Wind“ seinen Weg. Militärisches Reiten wurde „sportlicher“ oder wie Otto von Monteton es ausdrückte, „schneidiger“.


Militärisches Reiten wurde „sportlicher“ oder wie Otto von Monteton es ausdrückte, „schneidiger“.


„So viele dicke Sehnen und struppirte (überanstrengte) Pferde hatten wir in alter Zeit nach dem Manöver nicht, wir hatte nur magere und einige gedrückte Pferde, aber weniger verletzte Kinnladen und Knochenauftreibungen wie heute; denn das durchgerittene (rittige – im Sinne der Reitkunst ausgebildete) Pferd ermüdet nur, kommt von Kräften bei großer Anstrengung, aber leidet keinen Schaden an seinen Beinen.“13

Diese Aussage von Otto von Monteton (1877) stellte dabei nur einen Ausschnitt der schädlichen Auswirkungen anglomanen Reitens auf die Gesundheit der Pferde dar. Die Pferdeverluste stiegen drastisch an, was auch zu einem Beschaffungs- und Kostenproblem wurde. General von Schmidt forderte deshalb in einem Bericht von 1874 als Voraussetzung für die Verlängerung der Galoppstrecken, dass „… die Pferde vornehmlich im Winter-Halbjahr und sodann fortgesetzt während der Sommerübungen nach den Grundsätzen und Regeln der altpreußischen Dressurmethoden14 in die ihrem Gebäude angemessene, richtige Haltung, Aufrichtung, Beizäumung und Versammlung gesetzt worden sind, dieselben sich nicht schwer auf die Zügel legen und nicht fest in der Hand ihrer Reiter, sondern in allen Teilen weich und nachgiebig sind, und ihre Hinterhand gebogen15 und untergeschoben worden ist, damit dieselbe im Stande ist, vermöge ihrer Elastizität und Spannkraft das Gewicht und die Stöße elastisch aufzunehmen und dadurch die Vorderfüße zu schonen und zu erleichtern.“16

Hier beschreibt der General, welche Anforderungen er an den Ausbildungszustand der Pferde stellt. Seine Ansichten, geboren aus sehr großer kavalleristischer Erfahrung, widersprechen dem allgemeinen anglomanen Zeitgeist, der eine derartige Pferdeausbildung nicht mehr als notwendig erachtete. Leider verstarb General von Schmidt, einer der angesehensten und erfahrensten preußischen Kavalleriegeneräle, auf dessen Meinung sehr viel Wert gelegt wurde, bereits ein Jahr später im Jahr 1875. Seine kritischen Worte hatten ohne seine Präsenz keine Wirkung mehr.

„Sportlichkeit“ gepaart mit anglomaner Bequemlichkeit konnten sich nun ungehindert weiter ausbreiten. Menschen (und deren Eitelkeiten) wurden wichtiger als Pferde und dies ist bis in die heutige Zeit so geblieben – zum Schaden der Pferde!

Ein Sachstand, der 1892 in einem Wettrennen über 572 km von Berlin nach Wien bzw. Wien nach Berlin zum Ausdruck kam. Der Eitelkeit von Menschen wurden Pferde sinnlos geopfert. Von 250 Pferden verendeten 30, darunter auch das Siegerpferd. Dieses Wettrennen unter Tierschutz-Aspekten stark umstritten. Trotz der aus diesem Grund teilweise negativen Presseberichterstattung der Zeit findet der moderne Distanzsport in diesem Ausdauerritt seinen Ursprung.

Kaiser Wilhelm II wollte immer ein großer Kavallerieführer sein, trotz einer körperlichen Behinderung ritt er natürlich, seinem Stande gemäß. Sein Leibstallmeister Paul Plinzner hatte die „heikle und beneidete Stellung, in der er für den behinderten Einhandreiter handzarte Pferde herauszubringen hatte“ 17. Plinzner war wohl auch der Erste, der das langund- tief-Einstellen des Pferdes bei „aufgewölbtem“ Rücken propagierte, womit er die Hanken der Pferde geschmeidig machen und sie zu schwungvollerem Gehen veranlassen wollte.


Menschen (und deren Eitelkeiten) wurden wichtiger als Pferde und dies ist bis in die heutige Zeit so geblieben –zum Schaden der Pferde!


Gleichwohl Berthold Schirg über Plinzners Werke schwärmend schrieb: „Seine Schriften zählen zu den schönsten und klarsten Werken der Reitliteratur“18, lässt sich aus Plinzners Veröffentlichungen bei objektiver und kritischer Betrachtung die Arbeit eines – wenig pferdefreundlichen, um nicht zu sagen tierquälerischen – Kontrollfetischisten erkennen. Möglicherweise war der Wunsch des Kaisers, ein großer Kavallerieführer zu sein und eine kavallerieromantische Generalität auch die Ursache dafür, dass im 1. Weltkrieg (1914 – 1918) Pferde sinnlos hingemetzelt wurden. Ohne jegliche Angriffsformation, welcher unabdingbar für die Steuerung eines Kavallerieverbandes war, aber angloman an Bedeutung verloren hatte, wurden die Pferde im Stile irregulärer Kavallerien (Kosaken, Mongolen …), völlig halt- und planlos, „sportlich“ im Rudel geritten, ins vernichtende und alles zerfetzende Maschinengewehrfeuer gejagt. Diese menschliche Dummheit kostete 8 Millionen (!) Reit- und Zugpferde das Leben.

Spätestens nach dem 1. Weltkrieg war die Bedeutung der Kavallerie auf einem absoluten Tiefpunkt angekommen. Ein Nutzen über Aufklärungs- und Sabotageritte im Stile irregulärer Kavallerien hinaus konnten sich allenfalls noch irgendwelche „Romantiker“ vorstellen. Entsprechend verstärkte sich der anglomane Trend und die „Kavallerie“ wurde „sportlicher“. Gleichwohl mit der DVE 12 von 1926 noch einmal so etwas wie Ansätze von „Reitkunst“ aufblitzten, welche sich aber nicht wirklich in einer praktischen Umsetzung niederschlugen.

Die Kavallerieschule in Hannover, immer ein Hort der anglomanen Reiterei, in der Jagd-, Spring- und Rennreiten gepflegt wurden, sorgte für die Verbreitung des anglomanen Geistes. Die Qualität der Schule war zeitweise so schlecht, dass man Privatreiter wie Otto Lörke hinbeorderte, um den Schulstall auf Vordermann zu bringen. Dies natürlich auch im Hinblick auf die olympischen Spiele von 1936.

Man arbeitet die Pferde kaum mehr dressurmäßig, sondern die Geländereiterei wurde immer höher priorisiert. Die Pferde durften sich „langmachen“ und Vorwärts-Abwärts deutete sich immer stärker an. Es war einfach und erforderte kein großes Wissen – Wissen, welches sowieso schon nicht mehr wie in den Zeiten vor 1850 vorhanden war.

Ende 19., Anfang 20. Jahrhundert begann etwas, was ich als „Rückenwahn“ bezeichnen möchte. Plötzlich wurde der Rücken als ein bedeutendes Element der Pferdebewegung entdeckt und man war bestrebt, alles zu tun, um diesen zu lockern, zum „Schwingen“ zu bringen und zu stärken. Veterinäre wie Dr. Udo Bürger und Dr. Haase lieferten mit „befremdlichen“ (freundlich ausgedrückt) biomechanischen Begründungen, die bis in die Neuzeit unreflektiert weitergetragen und literarisch verarbeitet wurden, die „intellektuelle“ Untermauerung des „Rückenwahns“ und damit auch für das Vorwärts-Abwärts. Bei den olympischen Spielen konnte man zwar sechs Goldmedaillen erringen, aber die Ritte in der Military und im modernen Fünfkampf zeigten vorwärtsstürmende, kaum zu haltende Pferde, etwas, was es bei den alten Preußen nicht gegeben hat – nicht dort, wo man von rittigen Pferden sprach.


Bei den olympischen Spielen konnte man zwar sechs Goldmedaillen erringen, aber die Ritte in der Military und im modernen Fünfkampf zeigten vorwärtsstürmende, kaum zu haltende Pferde, etwas, was es bei den alten Preußen nicht gegeben hat – nicht dort, wo man von rittigen Pferden sprach.


Die HDv. 12 von 1937 ist die „vereinfachte, knapper gehaltene Nachfolgerin“19 der DVE 12 von 1926, sie ist Ausdruck dieser reduzierten Reiterei und war zugeschnitten auf die oft schlichten Gemüter damaliger Reiteleven und trug „dem beschleunigten Rhythmus des Ersatzes“20 Rechnung. Die letztgenannte Aussage von Waldemar Seunig darf als Hinweis auf einen hohen „Pferdeverschleiß“ gedeutet werden, welcher nicht zwingend als kriegsbedingt betrachtet werden kann, sondern eher auf schlechte und sportlich motivierte Reiterei zurückzuführen war. An General von Schmidts mahnende Worte erinnerten sich in dieser Zeit diese „schneidigen“ Herren in Uniform dabei sicher nicht.

Nach dem 2. Weltkrieg vereinfachte und entmilitarisierte man diese Dienstvorschrift und entwickelte daraus – Jahre später – die „Skala der Ausbildung“, welche erstmalig unter der Bezeichnung „sogenannte Skala der Dressurausbildung“21 in der heute gebräuchlichen Stufung bei Harry Boldt in seinem Buch „Das Dressurpferd“ schriftliche Erwähnung fand. Ehemalige schlichte Kavalleristen unterrichten Privatreiter, oft streng, aber auch nur in jener vereinfachten Form des Reitens, bei der der Sitz nahezu ausschließlich im Fokus stand. Auf diese Art von Reitlehrern und deren Qualitäten wies Otto von Monteton schon 1877 kritisch mit folgender Aussage hin „… jedoch sie geben nur den Leuten Unterricht, aber nicht den Pferden, das ist ja der Unterschied zwischen Anglomanie und Reitkunst, …“22. Damit macht er auch deutlich, dass Anglomanie und Reitkunst sich konträr entgegenstehen.

Auch wurde die natürliche Haltung der Pferde von manchem, als „Zeitzeuge“ deklarierten „Reitmeister“, mit der Nase knapp über den Boden verortet und mit Begrifflichkeiten wie „Jagdhundschnüffelei“ oder „Trüffelsuche“ verniedlicht. Eine völlig falsche und gedankenlose Interpretation der Tiefe. Da diese (anglomanen) Herren große Reputation genossen, wurde deren Wissen verstärkt „Allgemeingut“. Vorwärts- Abwärts wurde salonfähig. Während man beim Militär im Zweifel noch auf die Einhaltung der Vorschriften – in welchen kein Vorwärts- Abwärts oder Dehnungshaltung oder dergleichen vorkam – pochen und Verstöße sanktionieren konnte, fiel dieses Regulativ bei den Privatreitern weg. Deren Bequemlichkeit wurde zum Dünger für die moderne Vorwärts-Abwärts- Reiterei.

Im Laufe der letzten 30 – 40 Jahren kam noch eine hohe emotionale Komponente hinzu. Viele Reiter / innen suchten nach pferdfreundlichen Varianten und Übungen für ihre Pferde. Vorwärts-Abwärts entsprach diesen Vorstellungen, bekam man doch von allen Seiten erklärt, wie wichtig Vorwärts-Abwärts für die Gesunderhaltung des Pferdes sei. Körperliche Probleme, welche dennoch bei den Pferden auftraten, schob man anderen Ursachen zu. Last but not least, das Westernreiten machte aus dieser tiefen Kopf-Halseinstellung – völlig sinnfrei und gedankenlos – ein für die Pferde absolut gesundheitsschädliches Stilelement.


Vorwärts-Abwärts ist aus biomechanischen und begrifflichen Fehlinterpretationen und Begründungenentstanden und wird begünstigt durch reiterliche Bequemlichkeit.


Schlussbemerkung

Weitere Erklärungen oder Begründungen zu finden, warum in der Neuzeit manch anerkannte Reiterpersönlichkeit Vorwärts-Abwärts (Dehnungshaltung etc.) praktiziert, sind völlig unnötig. Denn gegenüber der Vergangenheit (nicht anglomanen Reitens) gibt es weder zusätzliche trainingstechnisch sinnvolle Erkenntnisse, noch existiert besseres biomechanisches Wissen, welches zur Verbesserung der Gesundheit des Pferdes beitragen könnte (eher ist das Gegenteil der Fall) und auf deren Basis sich eine solche Übungsform stützen könnte. Vorwärts-Abwärts ist aus biomechanischen und begrifflichen Fehlinterpretationen und Begründungen entstanden und wird begünstigt durch reiterliche Bequemlichkeit. Denn für Vorwärts-Abwärts – auch in der Dehnungshaltung – ist kein großer reiterlicher Sachverstand notwendig und man bekommt von allen Seiten suggeriert, etwas Gutes für sein Pferd getan zu haben. Es ist allerhöchste Zeit umzukehren, wieder zurückzufinden auf den Weg wahrhaft korrekter Pferdeausbildung, ohne jeglichen Schnickschnack und Spielerei und vor allem ohne Vorwärts- Abwärts!

Quellen

1 Ernst-Friedrich Seidler, „Leitfaden zur systematischen Bearbeitung des Campagne- und Gebrauchspferdes“, Druck und Verlag von Ernst Siegfried Mittler, 2. Auflage 1843, Seite 47f
2 Louis Seeger, „System der Reitkunst“, 1844, Verlag Friedrich August Herbig, Allgemeiner Teil – Seite 17f
3 Gustav Steinbrecht, „Gymnasium des Pferdes“, 16. Auflage 1995 (1. Auflage 1884), Verlag Dr. Rudolf Georgi, Seite 54
4 Gustav Steinbrecht, „Gymnasium des Pferdes“, 16. Auflage 1995 (1. Auflage 1884), Verlag Dr. Rudolf Georgi, Seite 54
5 Louis Seeger, „System der Reitkunst“, 1844, Verlag Friedrich August Herbig, Allgemeiner Teil – Seite 1
6 DVE 12 von 191, “Reitvorschrift DVE 12 von 1912“, 29.06.1912, Verlag: Ernst Siegfried Mittler und Sohn, Seite 201
7 DVE 12 von 1912, “Reitvorschrift DVE 12 von 1912“, 29.06.1912, Verlag: Ernst Siegfried Mittler und Sohn, Seite 201
8 Ernst Friedrich Seidler, „Die Dressur diffiziler Pferde“, 2. Nachdruck der Ausgabe Berlin 1846, Olms-Verlag 1990, Seite 94
9 Louis Seeger, „System der Reitkunst“, 1844, Verlag Friedrich August Herbig, Allgemeiner Teil – Seite 6
10 Louis Seeger, „System der Reitkunst“, 1844, Verlag Friedrich August Herbig, Allgemeiner Teil – Seite 7
11 Otto Digeon von Monteton, „Über die Reitkunst“, 1877, Nachdruck Olms-Verlag 1995, Seite 126ff
12 Oberst-Lieutenant Bonie, „Feldzug 1870-71 – Die französische Kavallerie“, Verlag Ernst Siegfried Mittler und Sohn, 1872, Seite 5f
13 Otto Digeon von Monteton, „Über die Reitkunst“, 1877, Nachdruck Olms-Verlag 1995, Seite 90f
14 General von Schmidt spricht sich hier für die altpreußischen Dressurmethoden von vor 1806 und im Grunde noch etwa bis 1850 aus.
15 Der Begriff „Biegen“ bedeutet: das Biegen in den Gelenken, Genick, Rücken und Hinterhand und geringgradig das seitliche Biegen, welches man neuzeitlich diese Begriff zuschreibt und damit den ursprünglichen Begriffsinhalt konterkariert.
16 Kaehler, „Die preußische Reiterei von 1806 bis 1876 in ihrer inneren Entwicklung“, 1879, Verlag Ernst Siegfried Mittler und Sohn, Nachdruck Europäischer Geschichtsverlag 2015, Seite 330f
17 Paul Plinzner, „System der Reiter-Ausbildung“, 1900, 3. Auflage, Verlag Ernst Siegfried Mittler und Sohn, Nachdruck Olms-Verlag 1996, Nachwort Bertold Schirg
18 Paul Plinzner, „System der Reiter-Ausbildung“, 1900, 3. Auflage, Verlag Ernst Siegfried Mittler und Sohn, Nachdruck Olms-Verlag 1996, Nachwort Bertold Schirg
19 Waldemar Seunig, „Von der Koppel bis zur Kapriole“, 4. Nachdruck der Ausgabe von 1943, Verlag Olms, Seite 53
20 Waldemar Seunig, „Von der Koppel bis zur Kapriole“, 4. Nachdruck der Ausgabe von 1943, Verlag Olms, Seite 53
21 Harry Boldt, „Das Dressurpferd“, 1978, 2. Auflage, Edition Haberbeck, Seite 112
22 Otto Digeon von Monteton, „Über die Reitkunst“, 1877, Nachdruck Olms-Verlag 1995, Seite 150

RICHARD VIZETHUM

Foto: privat

Richard Vizethum beschäftigt sich seit über 20 Jahren intensiv mit der Ausbildung von Pferden und der Korrektur von Problempferden. Sein wissenschaftlich entwickeltes Ausbildungskonzept basiert auf dem Wissen alter Meister – insbesondere preußischer Stallmeister vor 1850. Mit seiner Firma A.R.T. Leadership bietet er u. a. auch pferdegestütztes Führungscoaching an.

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