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Warten auf den Tag X: Die große Unbekannte


ÖKO-TEST Spezial Kinder & Familie - epaper ⋅ Ausgabe 11/2017 vom 16.11.2017

Welche Sorgen, welche Hoffnungen verbinden Schwangere mit der Geburt? Werdende Mütter, ein Vater, Ärztinnen und Hebammen erzählen von typischen Ängsten, übertrieben sorgfältiger Vorbereitung – und vom Vertrauen darauf, dass schon alles gut gehen wird.


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Foto: imago/Science Photo Library/Ian Hooton

Es ist Charlottes 35. Schwangerschaftswoche. In der Wohnung ist alles vorbereitet, nur das Bettchen muss noch aufgebaut werden. Die 29-Jährige will alles fertig haben, wenn es losgeht. Ihr erstes Kind – ein großes Abenteuer für die Kulturmanagerin aus Süddeutschland und ihren Partner. Charlotte fühlt sich wohl in ...

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... der Schwangerschaft; der Geburt sieht sie mit gemischten Gefühlen entgegen: „Im Moment mischen sich ein bisschen Sorge und manchmal leicht aufkeimende Panik mit viel Vorfreude – und immer wieder mit einer gewissen Gelassenheit, über die ich mich selbst ein wenig wundere.“

In der Zeit, in der ein Baby im Bauch heranwächst, beschäftigen sich werdende Eltern zwangsläufig mit dem „Tag X“. Sie stellen sich typische Fragen: Wie und wo soll das Kind zur Welt kommen? Welche Risiken gibt es dabei für Mutter und Kind? Oder: Was kann man gegen die gefürchteten Schmerzen während der Wehen tun? Professorin Maritta Kühnert, Leitende Oberärztin der Geburtshilfe und Perinatalmedizin an der Uniklinik Marburg, ist seit mehr als 30 Jahren im Geschäft. Dabei erlebt sie Frauen, die die Geburt ganz unterschiedlich angehen. Was ihr auffällt: „Werdende Mütter lesen oft viel zu viel – und das völlig ungefiltert.“

Foto: Paul Bradbury/getty images


Blutige Geschichten aus dem Kreißsaal hört sich keine Schwangere gern an


Es sind ja vor allem Horrorgeschichten, die im Internet kursieren oder die immer wieder erzählt werden. „Schwangere sind hochsensibel, sie sind nah am Wasser gebaut, erleben alles viel intensiver; natürlich überfordert sie das.“ Die Ärztin rät Frauen, lieber persönlich über ihre Ängste zu sprechen: mit Freundinnen, mit Hebammen, mit Ärzten.

Um Horrorgeschichten von Geburten kommt man als Schwangere tatsächlich kaum herum, das erlebt auch Charlotte: „Es gibt immer jemanden, der dir erzählt, wie katastrophal es bei ihr gelaufen ist.“ Sie will gar nicht die Augen vor dem verschließen, was passieren kann. „Aber detailreiche, blutig ausgeschmückte Geschichten aus dem Kreißsaal sind wirklich nicht das, was eine Schwangere gern hören möchte.“

Nun gibt es sie aber: Paare, die eine ziemlich schlimme erste Geburt hinter sich haben – und sich trotzdem für ein zweites Kind entscheiden. So wie Timm, 36, und seine Frau. Von dem Moment an, als sie ihm vor gut zwei Jahren sagte, dass es losgeht, bis die Tochter der beiden per Kaiserschnitt auf die Welt geholt wurde, dauerte es 40 Stunden. „Ich hätte nicht gedacht, dass es so heftig werden würde“, erinnert sich Timm. „Meine Frau hat phasenweise sehr gelitten, und ich stand hilflos daneben, konnte ihr nur Mut zusprechen. Sonst nichts.“

Mit Frauen, die bereits traumatische Geburten erlebt haben, hat Babett Ramsauer, Leitende Oberärztin der Geburtsmedizin am Vivantes-Klinikum Neukölln, oft zu tun. Bei ihnen kommen dann viele Gefühle wieder hoch. Mit diesen Schwangeren plant das Team die nächste Geburt so gut es geht, um ihnen die Ruhe zu geben, die sie brauchen. „Natürlich immer mit dem Wissen, dass am Ende alles ganz anders kommen kann.“

Timm spricht viel mit seiner Frau über ihre Ängste und Gefühle. „Als Mann kannst du ja nicht alles nachvollziehen, du spürst nicht alles, was sie spürt. Deswegen musst du ganz genau hinhören, dich mit allem ernsthaft auseinandersetzen – auch mit Dingen, die du nicht verstehen kannst.“ Für den Verwaltungsfachangestellten ist das „eine Art Männerpflicht“. So schlimm die erste Geburt auch verlaufen ist, für das Paar war trotzdem schon bald klar, dass sie ein zweites Kind wollen. Werdende Väter erlebt Babett Ramsauer übrigens manchmal besorgter als ihre Partnerinnen: „Ihnen fehlt eben dieses innere Gefühl. Frauen spüren einfach, dass alles gut gehen wird.“

Das lange Warten hat ein Ende : Endlich können die Eltern ihr Baby in den Armen halten. Manche Frauen und Männer sehnen die Geburt herbei.


Einige sehnen die Geburt herbei, andere werden ein wenig wehmütig


Viele Frauen sehnen am Ende der Schwangerschaft die Geburt regelrecht herbei. Gerade diejenigen, deren Alltag beschwerlich geworden ist. Die werdenden Mütter können nicht mehr richtig schlafen, haben Probleme wie Rückenschmerzen oder Wassereinlagerungen. „Der Körper sendet Signale und zeigt, dass eine intensive und kräftezehrende Zeit sich dem Ende neigt. Natürlich möchten sie ihr Baby jetzt auch endlich im Arm halten“, sagt Hebamme Karolin Rustler, die sowohl freiberuflich arbeitet als auch am Uniklinikum in Jena angestellt ist. Sie erlebt aber auch das Gegenteil: Frauen, deren Schwangerschaft nahezu problemlos verläuft, die diese besondere Zeit sehr genießen können. „Wenn mit der Geburt die Familienplanung abgeschlossen sein soll, können Frauen sogar wehmütig sein.“ Dann wird die bevorstehende Geburt zur Kopfsache: Sie lassen unbewusst nicht los und gehen nicht selten tatsächlich über den Termin, erklärt die Hebamme.


Keine Panik, das haben doch andere Frauen auch schon geschafft


Ein Gedanke, der der 33-jährigen Jennifer fremd ist. Sie bekommt in knapp drei Monaten Zwillinge. Ihr Bauch wird also noch um einiges größer, aber schon jetzt hat sie oft Rückenschmerzen. Dafür, dass es der erste Nachwuchs ist und gleich zwei Babys unterwegs sind, ist die Controllerin sehr entspannt: „Ich sage mir: Keine Panik, andere haben das auch schon geschafft. Und das Team im Kreißsaal macht das jeden Tag; die wissen schon, was sie tun.“ Fast jeder, mit dem sich die werdende Mutter unterhält, geht davon aus, dass ihre Kinder per geplantem Kaiserschnitt zur Welt kommen. Sie selbst dachte anfangs ebenfalls, man mache das bei zwei Babys grundsätzlich so. Dann recherchierte sie, fragte nach, bat Ärztin und Hebamme um eine Einschätzung. „Man hört und liest natürlich viel: zum Beispiel, dass manche Kliniken lieber Kaiserschnitt machen, weil es sicherer ist. Andere, weil ein Kaiserschnitt mehr Geld bringt“, erzählt Jennifer. Sie lässt sich davon nicht verunsichern und hört auf ihr Gefühl. „Und es sagt mir, dass ich eine natürliche Geburt schön fände.“ Vielleicht sei das eine gute Erfahrung für die Kinder, aber auch für sie selbst.

Andere Frauen hingegen haben riesige Angst davor. Sie würden ihr Kind lieber gleich per geplantem Kaiserschnitt auf die Welt holen lassen. Schwangere wollen jedenfalls oft schon im Vorfeld sehr genau wissen, wie die Klinik mit dem individuellen Schmerzempfinden umgeht. Julia Hennicke, freiberufliche Hebamme aus Berlin, findet es wichtig, Schwangeren die Risiken eines Eingriffs aufzuzeigen und sie dazu zu ermutigen, auf ihre eigenen Kräfte zu vertrauen. Und auch Ärztin Maritta Kühnert betont: „Ein Kaiserschnitt ist kein Allheilmittel, um die Schmerzen einer natürlichen Geburt zu umgehen.“ Je näher der Geburtstermin rückt, desto größer wird oftmals die Angst. „Frauen nehmen Schmerz aber ganz unterschiedlich wahr“, erklärt die Expertin. Was für die einen schon ganz schlimm sei, empfänden andere noch als sehr harmlos.

Dass Frauen sehr verschieden mit der bevorstehenden Geburt umgehen, hat sicherlich auch mit dem Alter und dem sozialen Hintergrund zu tun. „Sehr junge Schwangere sind oft unbekümmerter, während Frauen im zunehmenden Alter und mit statistisch steigenden Gefahren sehr viele Informationen suchen“, sagt Hebamme Karolin Rustler. Sie bringen zwar viel Vorwissen mit und fragen interessiert nach.

„Die Kehrseite aber sind viele Gedanken und möglicherweise Sorgen, die sie belasten.“ Die Berliner Vivantes-Klinik, in der Oberärztin Babett Ramsauer arbeitet, liegt im Stadtteil Neukölln – einem sozial schwachen, sehr kinderreichen Bezirk. „Wir erleben hier auch viele Frauen, die – ohne großes Brimborium – einfach ein Kind bekommen“, berichtet sie. Sie erscheinen nicht zu Vorbereitungsgesprächen, sie entbinden einfach. Das sei auf den ersten Blick natürlich unkomplizierter als Schwangere, „die – überspitzt gesagt – im Vorfeld am liebsten auch noch die Helligkeit des Lichts im Kreißsaal besprechen wollen“. Aber für die Teams im Krankenhaus sind auch diese Fälle, über die sie fast nichts wissen, eine Herausforderung. Das sind nun aber zwei Extreme, zwischen denen noch sehr viel liegt.


Manche Frauen sind unbekümmert, manche aber voller Sorgen und Ängste


Wichtig ist es, im Gespräch zu bleiben – gerade, weil Schwangere in Kliniken durch die Schichtdienste immer wieder mit wechselndem Personal zu tun haben. Wünsche äußern, fragen was geht, klären was nicht: Das ist notwendig und völlig in Ordnung. Doch auch wenn viele Teams versuchen, werdenden Eltern die Situation so angenehm wie möglich zu machen: Eine Geburtsstation ist kein Wellnesstempel.

Die Lage in Kliniken ist angespannt, viele klagen über Personalmangel, nicht wenige Geburtsstationen machen zu. Die aktuellen Berichte über überfüllte Abteilungen, schließende Kreißsäle und den Hebammenmangel beschäftigen natürlich auch werdende Eltern: „Inzwischen fragen viele in der Klinik genau nach: Bekomme ich denn die Garantie, dass ich hier gebären kann? Werde ich auch wirklich nicht abgewiesen, wenn es so weit ist?“, berichtet Hebamme Julia Hennicke. Diese Sorge, dass man keinen Platz bekommt, keine Hebamme findet, nicht gut versorgt wird, stehe jetzt bei vielen an erster Stelle.

Die Angst, dass etwas mit dem Baby nicht stimmen könnte, rückt hingegen bei vielen in den Hintergrund. „Der Arzt hat uns in den Vorsorgeuntersuchungen immer wieder versichert, dass alles in bester Ordnung sei. Darauf habe ich mich verlassen“, sagt Timm. Wenn die Hebamme oder der Arzt keine Auffälligkeiten feststellen, machen sich die wenigsten zukünftigen Mütter und Väter im späteren Schwangerschaftsverlauf noch große Gedanken über die Gesundheit des Kindes, bemerkt auch Hebamme Karolin Rustler.

Die Geburt ist ohne Frage für viele werdende Eltern etwas ganz Großes, dem sie mit viel Respekt entgegen blicken. Gerade dann, wenn sie zum ersten Mal ein Kind bekommen oder es beim vorherigen Mal Komplikationen gab. Und doch ist die Geburt nur der Anfang eines komplett neuen Lebens. „Viel mehr als der Tag der Geburt selbst hat mich im Vorfeld beschäftigt, wie ich als Vater wohl sein werde“, sagt Timm. Und auch Charlotte betont: „Die Geburt, das ist ein Tag, vielleicht eineinhalb, dann ist es geschafft. Das, was daraufhin ansteht, ist eine viel größere Aufgabe, auf die ich mich sehr freue.“