Weiterlesen mit NEWS. Jetzt testen.
Lesezeit ca. 9 Min.

Warum Bio im Discounter so billig ist


ÖKO-TEST Kompass Discounter - epaper ⋅ Ausgabe 7/2011 vom 08.06.2011

Milch und Eier, Möhren und Kartoffeln, Müsli und Nudeln – seit einigen Jahren gibt es die in Discountern auch in Bio-Qualität. Die Nachfrage ist da, und deshalb haben sich die Discounter in kürzester Zeit zu einer wichtigen Vertriebsschiene für die ökologisch angebauten Lebensmittel entwickelt. Für die etablierten Naturkostläden und Bio-Supermärkte hat das viele Nachteile. Aber auch einige Vorteile.


Artikelbild für den Artikel "Warum Bio im Discounter so billig ist" aus der Ausgabe 7/2011 von ÖKO-TEST Kompass Discounter. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Foto: Henry Schmidt/Fotolia.com

Das Vertrauen ist nicht groß. Gerade einmal neun Prozent der Verbraucher gehen davon aus, dass Bio-Lebensmittel aus dem Discounter die strengen Kriterien des ökologischen ...

Weiterlesen
Artikel 1,00€
epaper-Einzelheft 4,99€
NEWS 30 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von ÖKO-TEST Kompass Discounter. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1000 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 7/2011 von Gute Zeiten, schlechtere Zeiten. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Gute Zeiten, schlechtere Zeiten
Titelbild der Ausgabe 7/2011 von Wem gehören die Discounter?. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Wem gehören die Discounter?
Titelbild der Ausgabe 7/2011 von Aldi: Vom Tante-Emma-Laden zum größten deutschen Discounter. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Aldi: Vom Tante-Emma-Laden zum größten deutschen Discounter
Titelbild der Ausgabe 7/2011 von Lidl: Aufholjagd mit renoviertem Image. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Lidl: Aufholjagd mit renoviertem Image
Titelbild der Ausgabe 7/2011 von Netto: Weg von den Eigenmarken. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Netto: Weg von den Eigenmarken
Titelbild der Ausgabe 7/2011 von Penny: Sorgenkind im Rewe-Konzern. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Penny: Sorgenkind im Rewe-Konzern
Vorheriger Artikel
Wer zahlt die Zeche?
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel Wie fair ist Lidl?
aus dieser Ausgabe

Das Vertrauen ist nicht groß. Gerade einmal neun Prozent der Verbraucher gehen davon aus, dass Bio-Lebensmittel aus dem Discounter die strengen Kriterien des ökologischen Landbaus völlig erfüllen. Das ergab die Ökobarometel-umfrage 2010 des Bundesernährungsministeriums. Bil-uäden, -Bäckern und -Metzgern dagegen schlägt nicht so große Skepsis entgegen, ihre Vertrauensquoten liegen zwischen 47 und 55 Prozent. Gleichzeitig stellten die Meinungsforscher aber fest, dass die Discounter zu den beliebtes- ten Einkaufsstätten für Bil-uebensmittel gehören. 60 Prozent der befragten Bio-Käufer greifen auch bei Aldi, Lidl & Co. zu.

Warum sich die Bio-Ware aus dem Discounter trotz der verbreiteten Vorbehalte so gut verkauft, liegt auf der Hand. Der Preis macht’s, insbesondere in Zeiten knapper Kassen. Bio bleibt auf dem Einkaufszettel, aber es muss günstig sein. Zum Erfolg trägt außerdem bei, dass sich die großen Discounter auf wenige, aber gefragte Bio-Artikel beschränken: Milch und Milchprodukte, Eier, Müsli, Nudeln, Kartoffeln sowie einige wichtige Obst- und Gemüsesorten. Dazu gibt es noch Öl, Honig, Kaffee und Tee und neuerdings auch etwas Wurst fürs Frühstücksbrötchen und ein wenig Frischfleisch. Das genügt vor allem den Kunden, die nur einige Grundnahrungsmittel in Bio-Qualität suchen. Sie können bequem konventionell und ökologisch erzeugte Produkte in einem Geschäft kaufen.

Alles Bio, oder was? Von wegen, die Discounter beschränken sich auf ein Grundsortiment aus gefragten Artikeln.


Foto: Netto Marken-Discount/Martin Meyer

Erst spät auf Bio gesetzt

Die Gelegenheit dazu haben sie noch nicht lange. Beim Thema Bio waren die Discounter systembedingt Spätzünder. Denn nur was in Massen nachgefragt wird, schafft bei den Billiganbietern den Weg ins Regal. Die Bio-Premiere ging – unbeachtet von der Öffentlichkeit – Anfang Februar 1998 über die Bühne. Einige Aldi-Süd-Filialen in Unterfranken verkauften als Aktionsangebot Bio-Möhren der Marke Bergquell für 1,59 DM das Kilo. In den folgenden Jahren testeten verschiedene Discounter immer wieder Bio-Lebensmittel in Aktionen, vor allem Kartoffeln, Eier oder Käse. 2002 startete dann Plus mit seinem BioBio-Sortiment. Die Wettbewerber zogen erst 2006 mit eigenen Bio-Marken nach. Und rollten drei Jahre lang den Markt auf.

2010 entfielen vom geschätzten Umsatz mit Bio-Lebensmitteln von 5,9 Milliarden Euro etwa 30 Prozent auf die Discounter. Deren Bio-Anteil ist aber seit zwei Jahren leicht rückläufig. Das liegt daran, dass die überwiegend preissensiblen Kunden der Discounter ihre Bio-Einkäufe dort angesichts der Wirtschaftskrise 2009 deutlich zurückgefahren haben. Die Bio-Stammkunden, die bei den Vollsortimentern, vor allem aber im Naturkostfachhandel einkaufen, zeigten sich dagegen unbeeindruckt von der Krise. Als Reaktion auf die zurückgehende Nachfrage „haben vor allem Netto, Lidl und Penny ihr Ökl-ungebot spürbar reduziert“, schreibt Markus Rippin vom Marktforschungsunternehmen AgroMilagro. Vor allem Lidl habe sein Bio-Sortiment gegenüber dem Vorjahr deutlich gestutzt, berichtet die Lebensmittelzeitung. Der Anteil am Umsatz betrage nur noch zwei Prozent. Kaum höher sei er bei Netto, schrieb das Fachblatt unter Berufung auf Zahlen der GfK. Lediglich bei Aldi halte sich der Bio-Anteil stabil.

Die wichtigsten Obst- und Gemüsesorten wie Äpfel, Möhren und Kartoffeln gibt es auch bei Aldi und Co. in Bio-Qualität.


Foto: Contrastwerkstatt/Fotolia.com

Trotz dieses Rückgangs ist in manchen Bereichen der Mengenanteil und damit die Marktbedeutung der Discounter weiterhin besonders hoch. So verkauften Aldi, Lidl und Co. 2010 nach Angaben der Agrarmarkt Informations-Gesellschaft (AMI) 77 Prozent aller Bio-Möhren. Bei Kartoffeln war es in den letzten Jahren rund die Hälfte. Auch schlägt es sich deutlich in der Statistik nieder, wenn ein Discounter wie Aldi ein Produkt neu listet, zum Beispiel Bio-Hackfleisch. Auch wenn nach Ansicht der Discounter das Geschäft zu wünschen übrig lässt, so will doch niemand mehr auf die ökologischen Nahrungsmittel verzichten: Denn die Kunden erwarten zumindest einige Basislebensmittel im Sortiment.

Und auch der etablierte Naturkosthandel kann paradoxerweise vom Vertriebskanal Discounter profitieren: Denn Kunden, die sich für Bio-Möhren entschieden haben, wollen oft auch Bio-Sahne oder Bil-unanas. Sind die beim Discounter nicht zu bekommen, werden sie im Bio-Supermarkt eingekauft, wo es ein umfassenderes Sortiment an ökologisch produzierten Waren gibt.

Wichtiger Vertriebskanal

Für den Bio-Markt ist die Bedeutung der Discounter enorm groß. Bei Filialnetzen von 2.000 und mehr Märkten werden dort Mengen umgesetzt, die kaum ein anderer Vertriebskanal erreicht. Deshalb lassen sich Ziele wie „Bio für alle“ oder „20 Prozent Bil-unteil bei Lebensmitteln“ nur mit den Discountern erreichen. Und für die Umwelt ist jeder Quadratmeter Acker, der auf ökologischen Landbau umgestellt wird, ein Gewinn.

Klar ist auch, dass die Bil-uebensmittel beim Discounter tatsächlich Bio sind. Alle hierzulande angebotenen Bio-Lebensmittel müssen die Anforderungen der EU-Ökl-uerordnung erfüllen. Das signalisiert den Kunden das sechseckige Bio-Siegel bzw. seit Juli 2010 auch das EUBil-uogo, in dem die EU-Sterne in Form eines Blattes vor einem grünen Hintergrund angeordnet sind. Und auch die Untersuchungen von ÖKOTEST bestätigen die Qualität: Die meisten Bio-Produkte vom Discounter schneiden mit den Noten „sehr gut“ oder „gut“ ab.

Für so manchen Verbraucher bedeutet „Bio“ jedoch mehr als ökologischer Anbau. Die Lebensmittel sollen auch regional, saisonal und fair erzeugt und gehandelt werden. Umweltschutz und nachhaltiges Wirtschaften auf dem Hof, beim Verarbeiter und im Laden sind für überzeugte Bio-Käufer ein Muss. Doch die zusätzliche ökologische und soziale Kompetenz trauen viele Kunden den Discountern nicht zu. Aus ihrer Sicht bleibt bei Billigpreisen die soziale und ökologische Qualität der Produkte auf der Strecke. Das erklärt auch die schlechten Vertrauensnoten in der Öko-Barometer-Umfrage.

Niedrige Preise für Bio – wie geht das?

Dass Bio beim Discounter billig ist, hat mehrere Gründe: Entscheidend sind, wie auch bei konventionellen Lebensmitteln, die geringen Kosten durch das eingeschränkte Sortiment, den fehlenden Service und die ausgefeilte Logistik. Da kann ein Naturkostladen oder Bio-Supermarkt mit mehreren Tausend Produkten und fachkundigem Personal nicht mithalten. Er muss zur Deckung seiner Unkosten wesentlich mehr aufschlagen und zudem noch die Leistungen des ihn beliefernden Großhändlers mitzahlen. Doch es gibt noch andere Gründe für die günstigeren Preise.

So gibt die EU-Öko-Verordnung nur Mindeststandards für die ökologische Landwirtschaft und die Verarbeitung der Rohstoffe vor. Strengere Richtlinien haben sich die acht deutschen Bio-Anbauverbände auferlegt, von denen Bioland, Demeter und Naturland die bekanntesten sind. So müssen Verbandsbauern ihre Betriebe komplett umstellen. Auf ein und demselben Hof Bil-uchweine mästen und konventionelle Zuckerrüben anbauen, das geht hier nicht. Beim Zukauf von Dünger und Futtermitteln gelten für die Bauern der ökologischen Anbauverbände strengere Auflagen. Die EU-Öko-Verordnung hingegen erlaubt deutlich mehr Dünger. Bio-Äcker dürfen sogar mit konventioneller Gülle gedüngt werden. Auch müssen EU-Bio-Bauern ihre Schweine und Hähnchen nicht mit Futter vom eigenen Hof versorgen.

Bei der Herstellung von Bil-uebensmitteln schränken die Anbauverbände die erlaubten Zusatzstoffe, Aromen und Enzyme deutlich weiter ein als die EU-Öko-Verordnung. Zudem verbieten sie bestimmte Herstellungsverfahren, die das Lebensmittel zu stark beeinflussen. Das macht in vielen Fällen die Herstellung handwerklicher, aber auch schwieriger und teurer. Wer die Spielräume der EU-Ökl-uerordnung ausnutzt, kann als Bio-Bauer oder Verarbeiter auf dem Markt billiger anbieten und sich so einen Vorteil verschaffen.

Aroma oder echter Geschmack?

Zum Beispiel bei Kirschjoghurt: Der lässt sich gut mit elf Prozent Kirschen und ohne natürliche Aromen herstellen. Oder man setzt Geschmacksstoffe zu, kommt mit sechs Prozent Kirschen aus und färbt den Joghurt mit etwas Rotebetesaft rosa. Billiger wird es auch, wenn man den Fettgehalt der Milch für den Joghurt auf exakt 3,5 Prozent einstellt. Das so gewonnene Fett lässt sich extra vermarkten. Wer dagegen der Milch ihren natürlichen Fettgehalt belässt, liefert ein naturnäheres Lebensmittel, muss aber dafür mehr verlangen. Frucht- und Gemüsesäfte können direkt gepresst und abgefüllt oder aber – billiger – aus Konzent- rat hergestellt werden. Kosten spart auch, wer zum Beispiel bei Fruchtaufstrichen den Zusatzstoff Zitronensäure statt echtem Zitronensaft einsetzt.

Etwa die Hälfte aller Bio-Kartoffeln und rund ein Viertel des Bil-uleischs wird in Deutschland über die Discounter verkauft.


Foto: stockxchng/ wa n

Foto: irisblende.de

Aus solchen Beispielen darf man nicht schließen, dass bei Discountern nur „Billil-uio“ und bei Vollsortimentern oder im Fachhandel nur Qualitätl-uio verkauft wird. Die Welt ist auch hier komplizierter. Die Qualitätsunterschiede bei Bio-Lebensmitteln lassen sich nicht an einzelnen Handelsschienen festmachen und auch nur bedingt am Preis. „Die Einteilung in Klasse und Masse macht keinen Sinn“, sagt deshalb Felix Prinz zu Löwenstein, der Präsident des Bundes ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW). Zu den Lieferanten der Discounter gehören auch Firmen, die ihre Markenprodukte über Bio-Läden verkaufen und Partner von Anbauverbänden sind. Sie mögen für die Discounter einfachere Rezepturen und billigere Rohstoffe von EU-Bio-Bauern verwenden. Trotzdem bleiben sie Hersteller mit Qualitätsbewusstsein und ökologischem Know-how.

Bei Fleisch, Obst, Gemüse und Kartoffeln aus Deutschland gehören auch Verbandsbauern zu den Lieferanten der Billigketten. „Wir bekommen von Aldi einen Preis, mit dem wir leben können – auch wenn das vorübergehend mal weniger sein kann, als einem lieb ist“, sagt Naturland-Bauer Franz Westhues, der mit anderen Landwirten des Anbauverbandes Bio-Möhren an den Discounter liefert. Aber schließlich bedeute so ein großer Abnehmer auch, dass man seine Ware zuverlässig loswerde. Dennoch verweigert der Verband den Discountern die Nutzung des Naturland-Logos auf den Produkten. „Faire Erzeugerpreise, langfristige Handelsbeziehungen und eine ökologisch orientierte und zukunftsfähige Unternehmenspolitik sehen wir bei den Discountern derzeit nicht“, begründet Naturlandsprecher Carsten Veller diese Entscheidung. Er weist darauf hin, dass rund 80 Prozent aller Erzeugnisse von Naturland-Mitgliedern in den Fachhandel gehen.

Elke Röder, Geschäftsführerin des Bundesverbandes Naturkost Naturwaren (BNN) ärgert es schon, wenn Aldi Bil-uöhren für 89 Cent anbietet: „Das ist ein Preis, der dem Wert des Produktes nicht gerecht wird. Das weiß jeder, der schon mal Bio-Möhren angebaut und sein Feld gehackt hat. Ein en- gagierter Bio-Bauer möchte zudem mit einer möglichst vielfältigen Fruchtfolge arbeiten und muss deshalb auch weniger lukrative Feldfrüchte verkaufen.“ Die Discounter aber seien daran nicht interessiert.

Preiskampf mit Folgen

Die billigen Bio-Produkte im Discounter haben einen Preiskampf mit negativen Auswirkungen ausgelöst – ähnlich wie er im konventionellen Lebensmittelhandel seit Jahrzehnten geführt wird. Betroffen davon sind nicht nur konventionelle Supermärkte, sondern auch Naturkostläden. Vor allem die großen Bio-Supermärkte möchten sich als günstige Einkaufsstätte präsentieren. Preisvergleiche zeigen, dass etliche Produkte dort nur wenig teurer sind als die Bio-Ware im Discounter. Doch beim Kunden kommt die Botschaft nicht an. Fachgeschäfte haben – branchenübergreifend – ein Hochpreisimage.

Insbesondere die beiden größten Bio-Händler Dennree und Alnatura liefern sich mit ihren Handelsmarken einen harten Wettbewerb. „Langfristig bringt dieser Preiskampf die Hersteller in große Bedrängnis, denn irgendwann müssen sie an der Qualität sparen“, befürchtet Bettina Rolle, Marketingchefin des Krunchl-uerstellers Barnhouse.

Oder die Verarbeiter geben den Druck an die Bauern weiter, die dann weniger Geld für ihre Erzeugnisse bekommen. Eine Bio-Bäuerin berichtete in der Fachzeitschrift BioHandel über Preisverhandlungen mit ihrer Mühle. Der Müller habe gesagt, wenn sie bei ihren hohen Preisvorstellungen bleibe, dann kaufe er seinen Weizen eben in der Ukraine.

Auch die Naturkostläden spüren den Kampf um die Preise.


Foto: Klaus Dieter Strehle/pixelio.de

Zu den Verlierern des harten Preiswettbewerbs gehören auch die kleinen Naturkostläden. Hunderte mussten in den vergangenen Jahren schließen – einige davon gehörten vor 30 Jahren zu den Pionieren der Bio-Branche.

Die Sitten werden härter

Der scharfe Wettbewerb hat innerhalb der einst eher partnerschaftlich veranlagten Bil-uranche zu einer Verrohung der Sitten geführt. „Da wurden nicht nur Rabattschlachten geschlagen. Die Bandagen in der Auseinandersetzung untereinander sind härter geworden“, stellte Elke Röder vom Bundesverband Naturkost und Naturwaren schon 2009 fest. „Wir lassen uns durch die Preispolitik der Discounter letztlich gestalten. Die ziehen an einem Fädchen, wir reagieren nur noch.“ Als Antwort darauf hat der BNN einen Branchenkodex verabschiedet. Darin findet sich das gemeinsame Ziel, eine soziale und ökologische Marktwirtschaft zu gestalten und sich über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg partnerschaftlich zu verhalten.

Der Preisdruck erhöht auch die Anfälligkeit für Betrügereien im Bio-Bereich. Wer als Verarbeiter möglichst billig produzieren muss, um einen Auftrag zu erhalten, der drückt bei fragwürdigen Rohstoffen schon mal ein Auge zu. Beispielhaft dafür ist der Fall eines Müllers, der eine Großbäckerei belieferte, die für einen Discounter Bio-Brot herstellte. Er verlor den Kunden, weil sein Mehl aus regionalem Getreide teurer war als der Backweizen eines italienischen Händlers. Dieser aber hatte im Jahr zuvor in großen Mengen belastetes und vermutlich konventionelles Getreide als Bio-Getreide deklariert nach Deutschland geliefert. Rund 10.000 Tonnen wurden beanstandet. Bei einigen Getreidehändlern und -verarbeitern steht der Italiener seither auf der schwarzen Liste. Die Großbäckerei jedoch störte das ebenso wenig wie andere Kunden, die weiterhin aus dieser Quelle billiges Getreide beziehen.

Professor Ulrich Hamm von der Uni Kassel kritisiert, dass Discounter, aber zunehmend auch Bio-Supermärk- te, zu stark auf den Preis als Leistungsmerkmal fixiert seien. In einer Verbraucherstudie kommt er zu dem Fazit: „Die Zahlungsbereitschaft von bestehenden Öko-Kunden ist bislang offensichtlich stark unterschätzt worden.“ Er empfiehlt dem Bio-Fachhandel, die soziale und ökologische Qualität seiner Produkte stärker zu kommunizieren. Das wäre notwendig, damit sich der Wunsch von Michael Radau, Vorstand des Verbandes der Bio-Supermärkte, erfüllt: „Wir wünschen uns, dass die Verbraucher Aspekte wie regionale Herkunft, Sozialstandards bei der Herstellung, echte Genusswerte oder die fachliche Qualifizierung der Mitarbeiter stärker in ihre Kaufentscheidung einbeziehen.“

Gescheiterte Hochzeit

Dass Bio und Discount in den Augen zahlreicher Verbraucher nicht zusammenpassen, zeigte auch die misslungene Allianz zwischen der Schwarz-Gruppe (zu der Lidl und Kaufland gehören) und dem Bio-Filialisten Basic. Als der Einstieg der Schwarl-uruppe bei Basic im Juli 2007 bekannt wurde, erhob sich ein Proteststurm. Lieferanten kündigten, Kunden boykottierten die Läden, die Umsätze brachen ein. Als sich die Empörung auch nach Monaten nicht legte, stiegen die Lidl-Eigner wieder aus und Basic musste die mit den Lidl-Geldern geplante Expansion abblasen. Die gescheiterte Verbindung brachte Basic an den Rand der Pleite. Die Verluste von 2007 bis 2009 summierten sich auf fast 20 Millionen Euro.