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Was macht Sinn, was nicht?


ÖKO-TEST Ratgeber Gesundheit & Fitness - epaper ⋅ Ausgabe 5/2009 vom 04.08.2010

Wer häufiger zum Arzt geht, kennt das Spiel: Früher oder später kommt die Rede auf eine medizinische Leistung, die von den Krankenkassen nicht (mehr) bezahlt wird. Wir haben die vielen Zusatzangebote auf Herz und Nieren geprüft und sagen Ihnen, welche Maßnahmen sinnvoll sind.


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Foto: Falk/Fotolia.com

Gesundheit lässt sich kaufen. 35 Euro bewahren ältere Männer vor Prostatakrebs. 25 Euro schützen den Patienten vor dem grünen Star und damit vor immerwährender Dunkelheit. So viel kostet die jährliche Vorsorgeuntersuchung. Mit ihrer Hilfe kann der Arzt die Krankheit rechtzeitig erkennen und behandeln. „Die ...

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Gesundheit lässt sich kaufen. 35 Euro bewahren ältere Männer vor Prostatakrebs. 25 Euro schützen den Patienten vor dem grünen Star und damit vor immerwährender Dunkelheit. So viel kostet die jährliche Vorsorgeuntersuchung. Mit ihrer Hilfe kann der Arzt die Krankheit rechtzeitig erkennen und behandeln. „Die Kasse zahlt das allerdings nicht …“

Mehr als ein Viertel aller Patienten hat schon die Erfahrung gemacht: Der Arzt empfiehlt eine Untersuchung oder Behandlung, deren Kosten von der gesetzlichen Krankenkasse nicht übernommen wird. Oft sind es Vorsorgeuntersuchungen, zusätzliche Tests oder be sondere Verfahren, für die der Doktor gute Argumente hat. Das Neinsagen fällt vielen Patienten schwer. Schließlich will der Arzt ja nur das Beste. Und für die eigene Gesundheit kann man schon mal in die Tasche greifen.

Das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient könnte leiden, wenn Ärzte zunehmend als Verkäufer von Gesundheitsleistungen auftreten.


Foto: Corbis RF

Individuelle Gesundheitsleistung, kurz IGeL, heißen im Medizinerjargon Behandlungen, die entweder nicht mehr oder noch nie von den Krankenkassen bezahlt wurden: Schönheitsoperationen gehören ebenso dazu wie alternative Heilverfahren oder sportmedizinische Checks. Aber auch manche sinnvolle Vorsorgeuntersuchung muss der Patient selber zahlen, ebenso wie einige Labortests. Insgesamt machen die Ärzte mit IGeL bei Kassenpatienten gut eine Milliarde Euro Umsatz im Jahr, schätzt das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO).

Es hat 2008 bei einer Befragung von 3.000 Versicherten festgestellt, dass in zwei Drittel aller Fälle die IGeL aktiv von den Ärzten angeboten wurden. Das ist verständlich, denn sie verdienen bei IGeL mehr als beim Abrechnen von Kassenleistung. Manche Ärzte sind auf die zusätzlichen IGeL-Einnahmen angewiesen. „Auf Dauer werden viele Arztpraxen ohne IGeL-Angebote ihre Existenz nicht sichern können“, sagt der Praxisberater Oliver Frielingsdorf. Er hat 2006 zusammen mit der Universität Köln erstmals die IgeL-Umsätze von Arztpraxen ermittelt und kam auf einen Schnitt von 21.000 Euro pro Jahr. Allerdings gab es deutliche Unterschiede: 15 Prozent der Befragten gaben an, weniger als 1.000 Euro mit den Individuellen Gesundheitsleistungen zu verdienen. 7,5 Prozent der Praxen nahmen mehr als 50.000 Euro damit ein.

Auch kritische Stimmen unter den Medizinern

Eines hatten viele befragte Ärzte allerdings gemeinsam: Sie wollen ihre Erträge in diesem Bereich noch deutlich ausbauen. Die Zahlen zeigen aber auch, dass viele Ärzte kaum IgeL anbieten. Tatsächlich gibt es unter den Medizinern auch kritische bis ablehnende Stimmen. Sie warnen insbesondere vor einem Vertrauens verlust für Ärzte, wenn diese als Verkäufer von Gesundheitsleistungen auftreten. Die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM), in der zahlreiche Hausärzte organisiert sind, spricht sich gegen das aktive Anbieten von IGeL aus. Sie befürchtet, dass harmlose Symptome zu Krankheiten aufgebläht werden. Wissenschaftlich unbelegte IGeL-Angebote wie Injektionen oder Infusionen könnten die Fixierung der Patienten auf körperliche Leiden zementieren und sie chronisch werden lassen.

Beim Akquirieren von IGeL-Kunden geht tatsächlich nicht jeder Arzt seriös vor. Bei Verbraucherzentralen, Patientenberatungen und Ärztekammern laufen immer wieder Beschwerden ein. Da werden den Patienten schon vor einer Untersuchung IGeL angeboten oder Untersuchungen als IGeL verkauft, die bei akuten Fällen Kassenleistung wären. Das Wis senschaftliche Institut der AOK monierte in seiner Befragung, dass in 62 Prozent der Fälle „die erforderliche schriftliche Vereinbarung zwischen Arzt und Patient vor der Behandlung unterblieb. Jede sechste erbrachte Leistung erfolgte ohne Rechnung.“ Bundesärztekammerpräsident Jörg-Dietrich Hoppe bringen solche Fälle in Rage: „Es kann nicht sein, dass Geld ohne Quittung über den Tresen geht. Der Patient darf nicht das Gefühl haben, dass der Arzt das wie eine Art Trinkgeld in die Tasche steckt und das Finanzamt nichts davon erfährt“, redete er imDeutschen Ärzteblatt seinen Kollegen ins Gewissen. Wer so handle, schade dem Ruf der ganzen Ärzteschaft. Der deutsche Ärztetag hat deshalb 2006 Regeln für den Umgang mit IGel beschlossen (siehe Kasten).

Gesundheit ist mehr als das Kurieren von Krankheiten

Liegt eine Erkrankung oder auch nur der konkrete Verdacht auf eine Erkrankung vor, muss die Behandlung über die Chipkarte abgerechnet und von den Kassen bezahlt werden. Doch für diese Behandlung schreibt das Sozialgesetzbuch vor, dass sie „ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich“ und zudem notwendig sein muss. Neue oder umfassendere Therapien, die über das bekannte oder notwendige Maß hinausgehen, gehören deshalb oft nicht zum Leistungskatalog der Kassen. Außerdem ist Gesundheit mehr als das Kurieren von Krankheiten. So gibt es zahlreiche Vorsorgeleistungen, die nicht von den Krankenkassen übernommen werden. Drei von vier IGeL entfallen auf diesen Bereich: Krebsfrüherkennungsuntersuchungen gehören zum Teil ebenso dazu wie die Glaukomvorsorge, einige Gesundheitschecks oder die medizinische Beratung und Impfung bei Fernreisen. 60 Prozent der Deutschen akzeptieren es, Vorsorgeuntersuchungen und Gesundheitschecks aus der eigenen Tasche zu bezahlen, hat die Unternehmensberatung Roland Berger in einer repräsentativen Umfrage festgestellt.

Allerdings ist auch nicht alles notwendig, was den Patienten als privat abzurechnende Leistung angedient wird. Das IGeL-Angebot uferte in den vergangenen Jahren deutlich aus – und das hat nicht zwingend etwas mit dem medizinischen Fortschritt zu tun. Denn erlaubt ist, was gefällt und sich rechnet: von der Anti-Aging-Beratung über die Erstellung eines Stressprofils bis hin zur Wärmetherapie im Sandbett. In manchen Praxen informieren schon die Arzthelferinnen bei der Anmeldung über mögliche Zusatzuntersuchungen und deren Kosten; in anderen läuft im Wartezimmer ein Filmchen über den Sinn der neuen Angebote. Berater, Agenturen und Verlage verdienen ihr Geld damit, die Ärzte beim Igeln professionell zu unterstützen. So listet die ZeitungArzt & Wirtschaft in einem jährlichen Renditecheck die profitabelsten IGeL-Leistungen auf. Originalton: „Greifen Sie zu: Im zweiten Gesundheitsmarkt warten satte 60 Milliarden Euro darauf, an IGeL-Ärzte verteilt zu werden.“

Viele Leistungen nur noch auf Rechnung

IGeL-Geschichte

Als IGeL-Erfinder gilt Lothar Krimmel. Der Facharzt für Allgemeinmedizin war Ende der 90er-Jahre Vizegeschäftsführer der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). Die KBV legte 1998 eine Liste mit rund 80 Leistungen vor, die die Kassenärzte künftig nur noch gegen Rechnung erbringen würden. Diese IGeL-Liste war die Reaktion der Ärzte auf die 1993 erfolgte Budgetierung. Damals wurde der Honorartopf für die Ärzte gedeckelt, aber nicht geregelt, welche Leistungen genau von der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) übernommen werden. Um zu verhindern, dass sie für die GKV-Patienten immer mehr Leistungen bei gleichbleibendem Honorar erbringen mussten, definierten die Ärzte, was als IGeL für die Kassenpatienten künftig nicht mehr kostenlos sein würde.
Der Begriff IGeL ist weder klar definiert noch gesetzlich geschützt. Auch gibt es keine abschließende IGeL-Liste. Aus den ursprünglich 80 Behandlungen sind über 300 geworden. Von IGeL spricht man bei Patienten der gesetzlichen Krankenkassen. Ob privat Versicherte entsprechende Leistungen selber zahlen müssen, ist je nach Versicherung unterschiedlich.

Was IGeL kosten dürfen

Die individuellen Gesundheitsleistungen werden nach der Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ) berechnet. Der Arzt kann – wie bei Privatpatienten – bis zum 2,3-fachen Satz abrechnen. Er kann sogar das 3,5-fache verlangen, muss es aber dann schriftlich begründen. Erbringt der Arzt während eines Praxisbesuchs nur IGeL, wird keine Praxisgebühr fällig. Das Standardwerk für die IGeL-Preise heißt MEGO (MedWell-Gebührenverzeichnis für Individuelle Gesundheitsleistungen), wird jährlich aktualisiert und listet über 300 verschiedene Leistungen auf. Angegeben sind jeweils der einfache Gebührensatz und der meist 2,3-fache Höchstsatz. Die Kostenangaben in unserer Übersicht auf den folgenden Seiten stammen aus MEGO 2009 und sind in der Regel auf ganze Euro gerundet.