Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 7 Min.

Wechseljahre


Kleiner wohnen - epaper ⋅ Ausgabe 1/2021 vom 01.09.2020

„Wechseljahre“ haben nicht immer etwas mit Endokrinologen und Frauengold zu tun. Es gibt sie immer mal wieder im Leben, bei Männern, Frauen, Heranwachsenden, Wechsel der Arbeitsstelle, des Partners oder eben der eigenen vier Wände. In diesem Beitrag geht es um Menschen ab 50, die sich bewusst für eine Veränderung entscheiden, die ihr Lebensumfeld verkleinern möchten, sich von Dingen im Übermaß verabschieden und räumlich reduzieren wollen. Auslöser ist häufig der Auszug der Kinder. „Plötzlich“ sind da Wohnflächen, die nicht mehr gebraucht werden, aber bespielt, gewartet und gereinigt werden wollen.

Ein eigenes kleines Haus im Garten der Kinder, in einem Wohnprojekt oder einfach auf einem neuen Grundstück ist inzwischen für viele 50- bis 60-Jährige die ideale Alternative zum Wohnenbleiben im zu groß gewordenen Familienhaus. Hersteller von Tiny Houses, Minihäusern oder Zirkuswagen bestätigen, dass bis ...

Artikelbild für den Artikel "Wechseljahre" aus der Ausgabe 1/2021 von Kleiner wohnen. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.
Der Wagen von Christiane Greve. Dass ihre Erzieherin fast wie Fritz Fuchs aus der Serie ?Löwenzahn? lebt, gefällt auch den Kinderhaus-Kindern.
Weiterlesen
epaper-Einzelheft 6,99€
NEWS 14 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Kleiner wohnen. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 1/2021 von Klein wohnen statt Lockdown-Freuden. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Klein wohnen statt Lockdown-Freuden
Titelbild der Ausgabe 1/2021 von Der Tiny-House-Parasit. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Der Tiny-House-Parasit
Titelbild der Ausgabe 1/2021 von Die Sims 4 – ganz aus dem Häuschen. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Die Sims 4 – ganz aus dem Häuschen
Titelbild der Ausgabe 1/2021 von Probewohnen in der „Geheimen Welt von Turisede“. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Probewohnen in der „Geheimen Welt von Turisede“
Titelbild der Ausgabe 1/2021 von Alltag im Tiny House. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Alltag im Tiny House
Titelbild der Ausgabe 1/2021 von So gelingen Tiny-House-Projekte. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
So gelingen Tiny-House-Projekte
Vorheriger Artikel
Auszeitorte und Rückzugsräume
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel Vom Blauen Wunder und den alten Ägyptern
aus dieser Ausgabe

... zu zwei Drittel ihrer Kunden aus dieser Altersgruppe stammen.

Den Jugendtraum verwirklichen

Während viele erst jetzt, angeregt durch die Tiny-House-Bewegung, auf die Idee des kleinen Wohnens kommen, hegen andere schon lange den Wunsch nach einem überschaubaren, eigenen Rahmen, einem kleinen Haus, gerne nah an der Natur oder in einem gemeinsamen Wohnprojekt. „Meinen Traum vom Leben im Bauwagen gibt es schon, seitdem ich meiner kleinen Schwester aus dem Bilderbuch ‚Der Xaver und der Wastl‘ vorgelesen habe, in dem zwei Jungen sich gemeinsam eine verlassene Baubaracke herrichten“, erzählt Christiane Greve, die sich nun endlich mit Anfang 60 diesen Traum erfüllt. Mit vier Kindern wäre es in der Form vielleicht ohnehin etwas schwierig geworden. Vor allen Dingen aber teilte ihr Mann diesen Traum nicht. Nach der Trennung und dem Auszug des jüngsten Sohnes begann die Idee wieder Form anzunehmen.

Eine Erbschaft ließ die Idee dann schnell konkret werden. Nach diversen Überlegungen, den Wagen komplett von einem Anbieter bauen oder ein Grundelement liefern zu lassen, um es selbst auszubauen, entschied sich die Leiterin eines Kinderhauses dafür, sich lediglich das rot lackierte Gestell zu bestellen und den gesamten Wagen von einer Zimmerin auf- und ausbauen zu lassen. „Ich hatte mir ursprünglich einen Zirkuswagen vorgestellt, nun ist es doch eher ein kleines Haus in schlichtem, geradlinigem Stil auf Rädern geworden, mit dem ich sehr glücklich bin“, so die zufriedene Wagenbesitzerin. „Ich habe nichts bereut, weder was ich gekauft habe, noch wie es verbaut wurde und schon gar nicht meine grundsätzliche Entscheidung für ein Minihaus.“ Auf Dauer allein mit dem Wagen auf dem Land und ohne die tägliche Arbeitsroutine zu leben, kann sich die Erzieherin allerdings nicht vorstellen. Daher plant sie, gemeinsam mit anderen, einen Stellplatz für mehrere Tiny-Häuser zu finden oder auf andere Weise in eine Lebensgemeinschaft eingebunden zu sein.

„Was wirklich gut getan hat, war das Ausräumen und Wegwerfen. Vor allen Dingen merke ich, wie gut es meinem Kopf tut, mich nicht mehr mit so viel Material zu umgeben. Es nimmt mir einfach das Gefühl, ständig etwas erledigen zu müssen“, so die Bauherrin. Nicht zuletzt zwinge einen die Auseinandersetzung mit dem reduzierten Raum dazu, sich zu fragen: Womit beschäftige ich mich eigentlich und was brauche ich tatsächlich? Was sind meine Hobbies? So gibt es im Tiny House von Christiane Greve einen Platz für die Nähmaschine, einen Herd mit Backofen und natürlich den Garten, in dem sie ihrer Sehnsucht nach der Natur nachkommen kann. Auch ans noch Älterwerden hat sie gedacht. Wenn sie vielleicht irgendwann schlecht Treppen steigen kann, lässt sich statt der Stufen eine Rampe an der Terrasse montieren, um barrierefrei ins Haus zu kommen. Drinnen ist ohnehin alles schwellen- und stufenlos.

Paare im Downsizing-Modus

Ähnlich verhält sich dies bei dem Ehepaar Kohler, das sich mit Beginn des Rentenalters dazu entschlossen hatte, ein 50 m² großes FlyingSpace-Hausmodul (SchwörerHaus) im eigenen Garten aufzustellen. Das 150-m²-Familienhaus auf demselben Grundstück wurde an den ältesten Sohn und seine Familie weitergegeben. „Wir haben verschiedene Spielmöglichkeiten berücksichtigt, um auch an das Altwerden zu denken: Zum Beispiel ist die Terrasse nur aufgeständert. Sie ließe sich problemlos abbauen, sodass das FlyingSpace noch einen Anbau bekommen könnte. Und die Eingangstreppe ließe sich gegen eine Rampe austauschen“, erläutert Bauherrin Dagmar Kohler.

Zunächst aber standen „Downsizing, Loslassen und Weitergeben“ auf dem Programm. Die Kohlers mussten sich mit einem Drittel der bisherigen Wohnfläche extrem reduzieren. Bei dem deutlich geringeren Platz brauchten auch sie gute Ideen bei der Einrichtung. So gibt es im Haus eine Reihe pfiffiger Lösungen wie eine Küchenarbeitsfläche auf Rollen, die bei Bedarf zur Seite geschoben werden kann, oder eine Duschtür, die sich vor ein Regal schieben lässt. „Ich bin sehr glücklich mit unserer Entscheidung!“, betont Dagmar Kohler. „Wir mussten uns von vielen Dingen trennen. Aber wenn man es schafft loszulassen, ist es einfach befreiend. Man schleppt sehr viele Sachen durchs Leben, die man eigentlich nie benutzt. Mir ging es gut damit, diese Dinge nun an andere abgeben zu können, die sie wirklich gebrauchen konnten.“

Es gibt also auch Paare, die sich gemeinsam auf ein Leben auf wenig Wohnfläche einlassen. Aber wie sieht es mit den alleinstehenden Männern aus? Bezogen auf die Zielgruppe der über 50-Jährigen scheint es sich bei der Kundschaft vieler Tiny-House- und Zirkuswagenhersteller überwiegend um Frauen zu handeln. „Auch wenn wir im Moment tatsächlich mal ein Tiny House für einen männlichen Kunden aus der Zielgruppe der über 50-Jährigen anfertigen, liegt auch bei uns der Anteil älterer, alleinstehender Damen in dem Segment bei etwa 90 %“, bestätigt Thomas Dannert von der Firma SE-TINYHOUSES. „Typischerweise sind es sehr aktive Frauen, die – oftmals nach einer Trennung und wenn die Kinder aus dem Haus sind – noch einmal neu durchstarten möchten; die sich sagen, Masse hatte ich, jetzt möchte ich mich zwar verkleinern, aber mit Qualität im Sinne von Lebenskomfort.“

Tüftler und Experimente

Vielleicht liegt der Grund für den geringen Anteil männlicher Kunden darin, dass im Durchschnitt weniger Männer überhaupt alleinstehend sind bzw. bleiben. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass sie lieber selbst bauen und tüfteln, als ein Haus in Auftrag zu geben.

Einer dieser Tüftler lebt im Wendland, in einem sich bis zu 330° nach der Sonne drehenden Tiny House, dem sogenannten „Tiny-Home-Karussell“, entworfen, geplant, gebaut und bewohnt von Axel Ewen, der sich bereits Zeit seines Lebens mit Erfindungen befasst hat. „In Bezug auf mein Alter und die Motivation, in ein Tiny House zu ziehen, gehöre ich vermutlich zu der klassischen Zielgruppe, die sich nach dem Familienleben auf großer Fläche die Frage stellt: Was brauche ich wirklich? Allerdings hatte ich neben dem Wunsch nach Reduzierung die Idee, durch das sich drehende Haus die Sonnenenergie maximal auszunutzen.“ Auf einer Grundfläche von 25 m² entstanden 35 m² Nutzfläche, verteilt auf zwei Ebenen. Durch die Raumhöhe von bis zu knapp 6m und raumhohe Fenster an einer Seite wirkt das Haus erstaunlich großzügig. Fast fünf Jahre lebt Axel Ewen inzwischen in seinem nachhaltigen, drehbaren Minihaus, dessen Baupläne interessierte kaufen können, um sie durch eine bauantragsberechtigte Person für einen Bauantrag zu nutzen.

Ein anderer „Tüftler“ ist der 60-jährige Baubiologe und PV-Experte Klemens Jakob, der den Einzug in sein 18 m² kleines Tiny House auch als Einzug in sein eigenes Lebensexperiment bezeichnet. Sein Ziel: Nicht mehr Ressourcen zu verbrauchen, als ihm bei einer weltweit gerechten Verteilung zustehen würden. Auslösendes Moment war für ihn die Erkenntnis, dass der Einsatz erneuerbarer Energien zwar sinnvoll und gut ist, für die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft aber nicht mehr ausreichend sein wird. Es sind deutlichere Schritte notwendig, wie beispielsweise die Reduktion der Wohnraumfläche. „Dabei geht es übrigens nur räumlich um Reduzierung. Eigentlich geht es um Maximierung, nämlich um die Maximierung von Lebensqualität und Lebenszeit“, so Jakob. „Wir verbringen sehr viel Zeit damit, Geld zu verdienen, um Dinge zu kaufen, die wir nicht wirklich brauchen. Daher haben wir uns auch dagegen entschieden, das Haus als Bausatz zu verkaufen, wie wir es anfangs vorhatten. Dennoch unterstützt unser Verein für solidarische Bauwirtschaft Menschen sowohl beratend als auch bei der praktischen Umsetzung, die sich ein solches Haus bauen möchten.“

Bei dem Holz-Lehm-Kalk-Haus von Klemens Jakob handelt es sich um ein vollkommen autarkes Gebäude. Die Wärme wird über einen Badeofen und den Folienanbau sowie ein eingebautes Phasenwechselmaterial erzeugt. Der Solarstrom kommt direkt vom Dach. Wasser wird nicht ver-, sondern gebraucht und durch eine Pflanzenkläranlage sowie eine Umkehr-Osmose-Anlage gefiltert und wiederaufbereitet. In seinem Wintergarten baut er zudem den Großteil seines Gemüses an.

Klemens Jacob wollte das Experiment starten und ausprobieren, ob es möglich ist, praktisch so zu leben, wie er es theoretisch für richtig hält.

Es ist möglich – und zudem scheint Ballast abzuwerfen richtig glücklich zu machen!

NINA GREVE, Dipl.-Ing., studierte Architektur in Braunschweig und Kassel und arbeitet heute als freie Journalistin mit den Themenschwerpunkten Architektur, Bauen und Wohnen. Dabei gilt ihr besonderes Interesse Nachhaltigkeitsund Energiekonzepten im Neubau und bei der Sanierung. 2002 gründete sie das Journalismus-Büro abteilung12. www.abteilung12.de