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Wenn der Alltag Angst macht


ÖKO-TEST Kompakt Fit & Gesund - epaper ⋅ Ausgabe 16/2008 vom 01.08.2008

Angststörungen gehören zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. Die Krankenkassen schlagen Alarm, weil immer mehr Menschen wegen Panikattacken nicht mehr arbeiten können. Sind sie die Folge traumatischer Kindheitserlebnisse oder ein Symptom der Zivilisation? Noch sind die Ursachen umstritten. Doch die Wissenschaftler sind der Angst auf der Spur.


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Foto: David Q/Photocase

Angst gehört zum Leben. Kinder graulen sich vor Monstern oder wilden Tieren. Jugendliche haben Angst, von Gleichaltrigen abgelehnt zu werden. Erwachsene sorgen sich um ihren Job oder die Familie, vor Krankheit oder Einsamkeit. Angst ist ...

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Angst gehört zum Leben. Kinder graulen sich vor Monstern oder wilden Tieren. Jugendliche haben Angst, von Gleichaltrigen abgelehnt zu werden. Erwachsene sorgen sich um ihren Job oder die Familie, vor Krankheit oder Einsamkeit. Angst ist kein angenehmes, aber ein nützliches Gefühl. Sie ist eine natürliche Reaktion des Körpers, die uns warnen und beschützen soll.

Fest im Griff der Angst. Bei immer mehr Menschen werden Phobien und Angsterkrankungen diagnostiziert. Über die Ursachen streitet die Forschung.


Foto: Bungo/Photocase

Foto: Nikinix/Pixelio

Ob wir uns vor Dunkelheit, einem Vorstellungsgespräch oder genetisch veränderten Lebensmitteln fürchten: Dahinter verbirgt sich stets eine tiefer reichende Angst vor Verlust, Schmerz oder Tod. Angst ist eine der ältesten menschlichen Emotionen. Schon vor Urzeiten konnten unsere Vorfahren nur überleben, weil sie fähig waren, Furcht zu empfinden: vor Giftschlangen, Raubtieren, Unwettern oder großen Höhen. Dieses evolutionäre Erbe bewahrt uns bis heute davor, zu hohe Risiken einzugehen, auch wenn die direkte Bedrohung durch die Natur geringer geworden ist.

Angst schützt vor Gefahren, weil bei entsprechenden Warnsignalen Körper und Geist in Sekundenbruchteilen reagieren: Die Nebennieren schütten Stresshormone aus, Atmung und Herzschlag werden schneller, der Blutdruck steigt, die Muskeln spannen sich an, es besteht höchste Konzentration. Alles ist bereit für die Entscheidung: „flight“ oder „fight“, fliehe oder kämpfe. In bedrohlichen Situationen können Menschen ungeahnte Kräfte mobilisieren. Angst verleiht Flügel, wie es in einem Sprichwort heißt. Lampenfieber beispielsweise oder Prüfungsangst spornen die Betroffenen manchmal zu Spitzenleistungen an, zu denen sie unter gewöhnlichen Umständen gar nicht fähig wären. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass ein mittlerer Angstlevel zu den besten Ergebnissen führt. Zu viel Angst dagegen kann auch lähmen, sodass die Betroffenen nicht mehr handlungsfähig sind. Sie ‚erstarren‘, weil sie vom Schrecken buchstäblich überwältigt werden – vergleichbar mit dem Totstellreflex bei Tieren.

Alles auf Flucht. Bei den richtigen Schlüsselreizen gerät der Körper in Alarmstimmung.


Foto: DJG3770/sxc

Reale und irreale Ängste

Beim Klettern im Gebirge ist Angst ein sinnvolles Warnsignal, in der überfüllten Straßenbahn ein quälender Zustand.


Foto: DAK/Wigger

Angst hat viele Facetten. Normalerweise fühlen sich Menschen durch Situationen bedroht, durch die sie tatsächlich zu Schaden kommen können. Zur instinktiven Furcht vor den Naturgefahren sind neue Ängste hinzugekommen: die Angst vor Armut oder sozialem Abstieg, der Gedanke, Opfer eines Terroranschlags oder einer Atomkatastrophe zu werden. Manchmal nehmen moderne Ängste sogar hysterische Züge an: Hunderte von Katzen und Ziervögeln wurden beispielsweise Anfang 2006 in Tierheimen abgegeben oder einfach ausgesetzt, weil ihre Besitzer sich vor dem berüchtigten Vogelgrippevirus fürchteten. Doch auch solche übertriebenen Sorgen gründen in der Regel auf einer realen Gefahr. Ähnliches gilt für den kalkulierten Nervenkitzel beim Bergsteigen, Fallschirmspringen oder in der Achterbahn. Ist das Risiko berechenbar, kann die Überwindung von Angst sogar Glücksgefühle erzeugen.

Doch es gibt auch irreale und krankhafte Ängste, die vielen Menschen zu schaffen machen. Betroffene haben panische Furcht vor Situationen, die eigentlich harmlos sind: Ein Aufenthalt im 13. Stock eines Hochhauses treibt ihnen die Schweißperlen auf die Stirn. Fahrten mit dem Lift sind für sie ein Ding der Unmöglichkeit, Supermärkte oder voll besetzte Kinos Orte des Grauens. Andere überfällt ohne ersichtlichen Grund die Angst, an einem Hirnschlag oder Herzanfall zu sterben. Oder sie werden das absurde Gefühl nicht los, von ihren Mitmenschen beobachtet, für dumm, unattraktiv und ungeschickt gehalten zu werden. Überschießende Angst äußert sich in unterschiedlichen Krankheitsbildern. Weitverbreitet sind einfache Phobien, die sich nur auf bestimmte, klar umrissene Situationen richten. So können manche Leute die Nähe von Spinnen oder Hunden nicht ertragen. Andere fallen beim Anblick von Blut in Ohnmacht, plagen sich mit lästigen Flugängsten oder Höhenphobien herum. Schlimmer trifft es Menschen mit Panikstörungen. Urplötzlich erleben sie heftige Angstattacken, teilweise mit Atemnot, Brustschmerzen oder extremen Schwindelgefühlen. Panikpatienten entwickeln oft zusätzlich eine sogenannte Agoraphobie, im Volksmund auch als „Platzangst“. Sie meiden Menschenansammlungen oder enge und geschlossene Räume, weil sie beispielsweise fürchten, bei einem Panikanfall nicht rechtzeitig ärztliche Hilfe zu bekommen.

Immer mehr Krankschreibungen

Arbeit kann krank machen. Die stark gestiegenen beruflichen Anforderungen hinterlassen ihre Spuren.


Foto: DAK/Müller

Eine andere Form ist die generalisierte Angststörung. Die Betroffenen ängstigen sich nicht nur vor bestimmten Situationen, sondern leben praktisch in einem permanenten Angstzustand: in ständiger, unerträglicher und unkontrollierbarer Sorge um alltägliche Dinge, um zukünftige Unglücke oder Erkrankungen, die sie selbst oder Angehörige gefährden könnten. Viele Menschen leiden auch unter sozialen Ängsten. Sie befürchten, die Erwartungen anderer nicht zu erfüllen und abgelehnt zu werden. Sie hassen es, im Mittelpunkt zu stehen, Partys oder Familientreffen sind ihnen eine Horrorvision. Schon bei harmlosen Gesprächen reagieren die Betroffenen mit Erröten, Zittern oder Schweißausbrüchen, was sie als peinlich empfinden und ihre Ängste vor sozialen Kontakten noch erhöht. Manche versuchen, diesem Teufelskreis mit Alkohol oder Beruhigungsmitteln zu entkommen, andere flüchten in die Isolation.

Angsterkrankungen gehören zu den häufigsten psychischen Störungen. Nach Schätzung von Experten werden 20 bis 25 Prozent aller Menschen irgendwann in ihrem Leben davon betroffen sein. Frauen haben ein doppelt so hohes Risiko wie Männer. Schon ist die Rede von einer neuen Volkskrankheit – mit beträchtlichen gesellschaftlichen Folgekosten. Die DAK berichtet, dass der deutschen Wirtschaft jährlich über 70 Milliarden Euro verloren gehen, weil Angestellte unter Ängsten leiden und deshalb zeitweise oder langfristig nicht arbeiten können. Auch nach den Statistiken des Bundesverbands der Betriebskrankenkassen (BKK) haben psychische Störungen wie Depressionen und Angsterkrankungen deutlich zugenommen. Sie kletterten auf Rang vier der häufigsten Leiden und verursachen fast zehn Prozent aller Ausfalltage. Vor dreißig Jahren lag dieser Anteil nur bei zwei Prozent. Besonders betroffen ist der Dienstleistungssektor, vor allem Beschäftigte in der Sozial- und Krankenpflege. Aber auch bei Berufen mit einem eher niedrigen Krankenstand wie Juristen, Ärzten oder Hochschullehrern werden immer häufiger psychische Erkrankungen diagnostiziert.

Angst liegt in der Familie

Angst kann man vererben. Die Forschung bestätigt, dass die genetische Disposition eine große Rolle spielt.


Foto: DAK/Wigger

Aber wie kommt es, dass das natürliche Alarmsystem entgleist? Wo liegen die genauen Ursachen für fehlgeleitete Ängste? Einig sind sich die Experten, dass die Gene eine wichtige Rolle spielen.

Wissenschaftler untersuchten Panikstörungen bei Zwillingen. Sie fanden bei eineiigen Pärchen, die ja identische Anlagen haben, eine zwei- bis dreifach höhere Übereinstimmung als bei zweieiigen Zwillingen, die sich biologisch genau so ähnlich wie normale Geschwister sind. Mehrere andere Studien bestätigen eine Mitwirkung erblicher Faktoren. „Zu 30 bis 40 Prozent spielt die genetische Disposition eine Rolle“, sagt Dr. Angelika Erhardt, Leiterin der Angstambulanz am Münchner Max-Planck-Institut für Psychiatrie. Angst liegt in der Familie, das haben auch Forscher der TU Dresden nachgewiesen. In einer der weltweit größten familiengenetischen Untersuchungen stellten sie fest, dass Kinder panikkranker Eltern ein höheres Risiko haben, ebenfalls eine Angststörung zu entwickeln. Sie erkranken häufiger und auch wesentlich früher als Kinder aus unbelasteten Familien. Jetzt wollen die Dresdner Wissenschaftler prüfen, ob Eltern nicht nur durch ihre Gene, sondern auch durch bestimmte Verhaltensweisen die eigenen Ängste auf ihren Nachwuchs übertragen. Hinweise dafür gibt es genug. Die Baseler Kinder- und Jugendpsychologin Prof. Silvia Schneider warnt in diesem Zusammenhang vor den langfristigen Folgen einer übertriebenen Fürsorge und Kontrolle.

Gemeint ist ein Erziehungsklima, in dem ängstliche Mütter oder Väter ihren Sprösslingen ständig alles Mögliche abnehmen, um sie vor vermeintlichen Gefahren zu beschützen. Kinder bekommen dann schon früh das Gefühl, dass sie alleine schwierige Situationen nicht bewältigen können: vielleicht der Grundstein für eine mögliche Angsterkrankung, die meistens im jungen Erwachsenenalter beginnt.

Ängstliche Eltern können durch ihr Verhalten Ängste auf ihre Kinder übertragen.


Dass Angsterkrankungen alleine durch verdrängte Erfahrungen in der Kindheit entstehen, wird von vielen Experten angezweifelt.


Foto: Oliver Barmbold/Photocase

Es gibt also eine angeborene Angstbereitschaft, die durch bestimmte Erziehungsstile noch gefördert werden kann. Doch das ist es nicht allein. Wenn Menschen unter unerklärlichen und unkontrollierbaren Ängsten leiden, dann wirken immer mehrere Faktoren zusammen. „Es handelt sich möglicherweise um einen Schwellenmechanismus“, erklärt Fachmedizinerin Erhardt. „Bei Menschen mit Veranlagungen zu Ängsten reichen geringere Belastungen aus, um die Schwelle zu überschreiten. Bei anderen, die erblich nicht vorbelastet sind, ist die Toleranz höher, bis eine Angsterkrankung ausbricht.“ Die Experten gehen von einer Fehlsteuerung des Angst-Stress-Reaktionssystems aus. Das Problem besteht anscheinend darin, dass die durch eine unangenehme Erfahrung ausgelöste Angst eine Eigendynamik entwickelt. Die Betroffenen versuchen, die gefürchtete Situation unter allen Umständen zu vermeiden, wodurch die Störung weiter aufrechterhalten und gefestigt wird. Die Angstreaktion mit ihren typischen körperlichen Symptomen verselbstständigt sich allmählich und hat schließlich mit der realen Furcht gar nichts mehr zu tun. Doch welche Art von Stress ist es, die so viele Menschen in die Psychokrise treibt?

Es gibt in der Forschung unterschiedliche Erklärungsmodelle: Psychoanalytiker führen Angststörungen in erster Linie auf belastende Erlebnisse oder unlösbare Konflikte in der frühen Kindheit zurück. Um diesen Erinnerungen auszuweichen, würden sie ins Unbewusste verdrängt, quasi auf den Dachboden des Gehirns verschoben, um von dort aus die Angstsymptome auszulösen. Oder sie würden – wie im Fall von Phobien – auf ein Pseudoobjekt übertragen: eine andere, nur scheinbare Gefahr, die den Vorteil hat, dass der Betroffene ihr leichter aus dem Weg gehen kann. Inzwischen sind die meisten Experten jedoch von solchen rein tiefenpsychologischen Deutungen abgerückt. „Mit dem Mechanismus der Verdrängung arbeitet man bei Angsterkrankungen heute gar nicht mehr. Wir wissen nicht einmal, ob es so etwas überhaupt gibt“, sagt Borwin Bandelow, Professor an der Psychiatrischen Klinik der Göttinger Universität. Der renommierte Angstforscher hält es zwar für erwiesen, dass bestimmte traumatische Kindheitserlebnisse wie eine längere Trennung von den Eltern oder sexueller Missbrauch die Entstehung von Angststörungen begünstigen können. „Sie spielen aber keine so große Rolle, wie allgemein angenommen wird“, schränkt Bandelow ein.

Traumatische Erlebnisse können Panikattacken und Phobien begünstigen.


Foto: Angela Parszyk

Foto: Infocenter R+V Versicherung

Die Folgen der Globalisierung

Grenzen des Wachstums. Für immer mehr Menschen sind die unübersehbaren Folgen der Globalisierung mit Ängsten behaftet.


Foto: wagg66/sxc

Foto: Ullrich Böhnke

Unschuldige Medien. Bilder von Umweltkatastrophen und Krisen tragen laut Experten nicht zum Anstieg der Angsterkrankungen bei.


Foto: Bonesdog/sxc

Häufig werden dagegen gesellschaftliche Hintergründe angeführt und Angsterkrankungen als ein Phänomen unserer modernen westlichen Welt gedeutet. Leben wir tatsächlich in einer Angstgesellschaft, wie immer wieder behauptet wird? Sind die über die Massenmedien verbreiteten Bilder von Kriegen, Terroranschlägen und Umweltkatastrophen schuld daran, dass sich noch mehr Menschen wegen ihrer Ängste therapieren lassen müssen? „Nein“, sagt Experte Bandelow. „Es ist eine andere Angst, die die Leute in die Behandlung treibt. Weder die Anschläge vom 11. September, noch das SARS-Virus, Vogelgrippe oder Kofferbomben haben zu einem Anstieg der Patienten in den Angstambulanzen geführt.“ Eher sind es schon die Folgen einer globalisierten Wirtschaft, auf die immer mehr Menschen mit psychischen Problemen reagieren. Unsicherheiten im Beruf, steigender Leistungsdruck und Furcht vor dem Jobverlust machen die Leute krank, davon sind viele Wissenschaftler überzeugt.

Empirische Erhebungen stützen diesen Verdacht. So konnte der Medizinsoziologe Johannes Sigrist von der Universität Düsseldorf in Langzeitstudien zeigen, dass Beschäftigte, die in ihrem Arbeitsalltag trotz großer Anstrengungen wenig menschliche Anerkennung erfahren, mehr Stress empfinden und ein höheres Angstrisiko haben als weniger belastete Kollegen. In einer anderen Untersuchung kam heraus, dass besonders in der IT-Branche erschreckend viele Mitarbeiter unter körperlicher und seelischer Erschöpfung litten – trotz flexibler Arbeitszeiten und großer Eigenverantwortung.

Aber vielleicht sind es gerade die vielen vermeintlichen Freiheiten der modernen Informations- und Dienstleistungsgesellschaft, die Angst erzeugen und die Psyche überfordern. „Wir haben Angst vor dem Risiko“, äußerte der Heidelberger Psychotherapeut Arnold Retzer kürzlich in einem Interview. Er meint damit die Angst, eine freie Entscheidung zu treffen, mit dem Risiko, womöglich einen Fehler zu machen oder eine wichtige Chance zu verpassen. Früher war dieses Risiko nicht so groß, weil das Leben in vorgezeichneten Bahnen verlief. Heute haben wir die Qual der Wahl: Ständig müssen wir uns zwischen vielfältigen Handlungsmöglichkeiten entscheiden, für deren Konsequenzen wir dann allein verantwortlich sind. Fatales Motto: Jeder ist seines Glückes Schmied. Und wenn nur der Erfolg zählt, kann die Angst vor dem individuellen Scheitern zum übermächtigen Begleiter des Lebens werden. „Freiheit ist immer mit potenzieller Angst verbunden“, schreibt der bekannte Schweizer Psychiater Gion Condrau. „Fürchtet sich aber der Mensch vor der Freiheit, wird die Angst krankhaft.“

Rasante Beschleunigung aller Lebensbereiche

Größer, schneller, weiter – die ständige Beschleunigung unseres Alltags wird von immer mehr Menschen als Belastung wahrgenommen.


Ist es ein Übermaß an Freiheit, auf die immer mehr Menschen mit Panikattacken, Phobien oder anderen seelischen Erkrankungen reagieren? Oder ist es die rasante Beschleunigung aller Lebensbereiche in einer technischen Zivilisation, die unsere Psyche bedroht? Viele Forscher halten überschießende Angst für eine Fehlreaktion auf die permanenten Veränderungen in der Arbeitswelt, das Wegbrechen sozialer Bindungen und die Informationsüberflutung, die durch das Internet auf die Spitze getrieben wird. Der Publizist und Psychologe Robert Schurz vergleicht Angstneurosen und Depressionen mit anderen Zivilisationskrankheiten wie etwa Bandscheibenproblemen oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Seine These: Unsere Körperteile hatten Hunderttausende von Jahren Zeit, um sich den veränderten Umweltbedingungen anzupassen. Durch den „Zivilisationsschub der Neuzeit“ hinken sie jedoch den äußeren Umständen hinterher. Und so wie die Wirbelsäule für die heutige bewegungsarme Lebensform nicht geschaffen ist, glaubt Schurz, hat auch „unsere Psyche in ihrer archaischen Struktur“ große Schwierigkeiten, sich dem raschen Wandel der modernen Gesellschaft anzupassen. „Je schneller ein Prozess abläuft, desto weniger ist das einzelne Individuum in der Lage, diesen Prozess zu steuern, es verliert die Kontrolle“, schreibt der Wissenschaftsautor. Das Ergebnis sei ein diffuses Bedrohungsgefühl, ein Mangel an Geborgenheit – ein permanenter Stresszustand, der im Extremfall in eine seelische Erkrankung mündet.

Der Zerfall der traditionellen Strukturen des Zusammenlebens sind auch nach Meinung des Angstforschers Prof. Jürgen Markgraf ein entscheidender Faktor für die Zunahme psychischer Erkrankungen. Die Statistiken sprechen eine deutliche Sprache: Es gibt immer mehr Singlehaushalte. Die Menschen heiraten seltener, bekommen weniger Kinder und lassen sich häufiger scheiden. Arbeitsplätze werden ins ferne Indien oder China verlagert, Festangestellte durch Leiharbeiter oder Minijobber ersetzt. „Wir erfahren in immer stärkerem Ausmaß, dass wir in einer vernetzten Welt leben. Der Einzelne kommt sich klitzeklein vor“, sagt Markgraf, Leiter der Abteilung Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Basel. „Menschen aber, die das Gefühl haben, ihr Leben nicht kontrollieren zu können, erkranken viel eher an einer Angststörung.“

Das Furchtgedächtnis

Angst auslösende Situationen können sich regelrecht ins Gehirn einbrennen.


Die Zusammenhänge sind schwer durchschaubar, die Umwelteinflüsse umstritten und noch nicht ausreichend erforscht. Einig sind sich die Experten aber darüber, dass extreme Angstzustände auch mit biochemischen Veränderungen im Nervensystem zusammenhängen. Ähnlich wie bei Menschen mit Depressionen haben Wissenschaftler bei Panikpatienten bestimmte Abweichungen im Zusammenspiel der verschiedenen Hirnbotenstoffe beobachtet. Im Mäuseexperiment konnte der Münsteraner Neurophysiologe Prof. Hans-Christian Pape mithilfe moderner bildgebender Verfahren sogar sichtbar ma-chen, was bei Angstreaktionen in den tieferen Hirnstrukturen passiert. Und weil das Verarbeiten von Furcht bei allen Säugetieren ähnlich abläuft, lassen sich die Versuche gut auf den Menschen übertragen. Offenbar brennen sich manche als bedrohlich empfundene Erlebnisse regelrecht ein, sodass schon eine schwache Erinnerung zu unkontrollierbaren Angstgefühlen führen kann. Die Forscher sprechen dann von einem Furchtgedächtnis.

Angststörungen sind mit einem erheblichen Leidensdruck verbunden. Weil die Betroffenen versuchen, unerträgliche Situationen zu vermeiden, sind sie in ihrer Lebensqualität stark eingeschränkt. Doch es gibt auch gute Nachrichten: Quälende Ängste müssen kein Dauerzustand sein. Zwar schaffen es die meisten nicht, sie alleine zu überwinden. Aber mit Verhaltenstherapien und Medikamenten kann heute gut geholfen werden. „Menschen mit Ängsten zu behandeln, macht übrigens Spaß“, findet Bandelow. „Sie sind nicht selten feinfühlige, charmante und interessante Mitbürger.“ Auch Erich Kästner hat das schon gewusst. Von ihm stammt das Zitat: „Wenn einer keine Angst hat, hat er keine Fantasie.“

Kein Grund zum Verzweifeln. Mit professioneller Hilfe und dem richtigen Therapieansatz kann man die Angst in den Griff bekommen.


Foto: Oliver Barmbold/Photocase

Haben Ängste wirklich zugenommen?

Vor einer sinnvollen Behandlung steht zuerst die Ursachensuche. Bei der Entwicklung einer Angsterkrankung spielen meist mehrere unterschiedliche Faktoren eine Rolle.


Foto: Kallejipp/Photocase

Foto: AOK/Mediendienst

Ist Angst eine neue Zivilisationskrankheit? Die These klingt plausibel, aber sie hat einen Haken: Aus wissenschaftlicher Sicht lässt sich nämlich nicht klar sagen, ob Angststörungen in den vergangenen hundert oder fünfzig Jahren überhaupt zugenommen haben. Das hat mehrere Gründe: Differenzierte und einheitliche Kriterien zur Diagnose psychischer Störungen gibt es erst seit den 80er-Jahren. In Deutschland wurden Angsterkrankungen erstmals 1998 in einer repräsentativen Studie erfasst. Es fehlen also Vergleichsdaten aus der Vergangenheit. Die einzigen echten Hinweise für einen Anstieg liefern die Statistiken der Krankenkassen. Doch die könnten auch damit zusammenhängen, dass Angststörungen früher häufiger falsch diagnostiziert, beispielsweise als Burn-out-Syndrom oder depressive Verstimmung verkannt wurden. Heute sind die Hausärzte besser informiert, und die Betroffenen sprechen offener über ihre Symptome. Sie sind eher bereit, sich mit Angststörungen an einen Arzt oder Psychotherapeuten zu wenden. Schließlich spielen die Kosten eine Rolle, denn anders als noch vor Jahrzehnten wird die Behandlung inzwischen von den Kassen bezahlt.

„Angst ist ein kulturell unabhängiges Phänomen. Und Angststörungen wie Panikattacken oder soziale Phobien sind wahrscheinlich in jedem Land und zu allen Zeiten immer da gewesen“, glaubt Borwin Bandelow. Er bezweifelt eine Zunahme von Erkrankungen aufgrund der sozioökonomischen Entwicklung: „Es gibt keine einfachen Erklärungen. Pathologische Ängste haben vermutlich mehr mit dem Menschen an sich zu tun, als mit Arbeits-losigkeit, Ehescheidungen oder dem Dasein als Einzelkind.“ In New York beispielsweise, wo familiäre Bindungen nur eine geringe Rolle spielen, gebe es nicht mehr Angstpatienten als in Kulturen mit vielen Großfamilien. Aus Sicht von Bandelow entstehen Angsterkrankungen durch ein kompliziertes Zusammen wirken verschiedener Fak toren.

Hauptgrund ist eine genetisch begründete Überempfindlichkeit gegenüber Angstsignalen, wobei bestimmte Lebenserfahrungen die „Hemmschwelle für das Lostreten der Angstlawine“ noch herabsetzen können. Dazu kommen weitere Stressereignisse, die sich wiederum gegenseitig beeinflussen. In seinem „Angstbuch“ veranschaulicht Bandelow die schwierige Ursachenforschung an einem konkreten Fall: Ein Angstpatient hat einen ebenfalls unter Panikattacken leidenden Vater, der Alkoholiker ist, Frau und Kinder schlägt und sich nur selten zu Hause blicken lässt. Welches sind nun die Gründe für die Angststörung des Sohnes: das Vorbild des Vaters, die Gewalt, die fehlende Zuwendung oder die zerrüttete Beziehung der Eltern? Oder wurde die Angststörung allein durch die Gene übertragen? Und sind nicht auch die Alkohol- und Gewaltexzesse des Vaters nur eine Folge von dessen Erkrankung?