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Wie das Christentum nach Armenien kam


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Welt und Umwelt der Bibel - epaper ⋅ Ausgabe 3/2022 vom 22.07.2022

Die frühe Geschichte

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Bildquelle: Welt und Umwelt der Bibel, Ausgabe 3/2022

Prof. Dr. Dr. h. c. mult.

Martin Tamcke ist emeritierter Professor für Ökumenische Theologie und Orientalische Kirchenund Missionsgeschichte an der Universität Göttingen. Im Mittelpunkt seiner Forschungen stehen seit Jahrzehnten die christlichen Kulturen des Vorderen Orients und Mittleren Ostens sowie die Fragen der interreligiösen und westlich-östlichen Beziehungen.

Armenische Schülerinnen und Schüler an der Kirche der Märtyrerin Hripsime, einer der wichtigsten Gestalten der Christianisierung Armeniens. Die Kirche wurde über einem Mausoleum für sie errichtet und im Jahr 618 vollendet. Der Bau zählt heute zum UNESCO-Welterbe.

Heute leben weniger als fünfzig Prozent der Armenier in der Republik Armenien, der größere Teil lebt in der weltweiten Diaspora. Das Christentum wurde zu einem der wichtigsten Identitätsmarker armenischer Existenz.

Die Armenier berufen sich auf einen ...

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... apostolischen Ursprung ihres Christentums: Wie Petrus in Rom, Paulus in Antiochia oder Andreas in Konstantinopel im Mittelpunkt stehen, so sind es in Armenien Thaddäus und Bartholomäus.

Doch ist es ein hartes Stück Arbeit für Forscherinnen und Forscher, den historischen Gehalt der Berichte, die zu den Aposteln Armeniens erhalten sind, zu ermessen und aus dem Gewirr der oft kleinen Texte bis hin zu den späteren umfänglichen Textstücken die frühe Geschichte zu rekonstruieren: Sie sind etwa herausgefordert, Konstruktionen von Historikern wie Moses von Choren (5. Jh.) auf deren Vorlagen und Vernetzungen hin zu überprüfen. Moses behandelt u. a. die Zeit, in der die Christen in Armenien greifbar werden, also die Zeit von 149 bis 332. Gerade sein Verständnis dessen, was „Armenien“ ist, macht eine Bewertung der Details nicht leicht. Er bezieht etwa das syrisch-aramäische Edessa mit ein, das Zentrum der aramäischen Christenheit. Die spätere armenische Literaturgeschichte sieht in Moses neben Agathangelos (wohl späte Mitte des 6. Jh.) dennoch den Vater der armenischen Geschichtsschreibung.

Das armenische Christentum zwischen Politik und Spiritualität – eine Vorbemerkung

Wenn dieser Beitrag den Vorgang der Christianisierung Armeniens beschreibt, lohnt ein genauerer Blick, denn man muss zwei Dinge unterscheiden: das Christliche (im Sinne einer ethischen Lebenshaltung, die immer im Fluss ist) und die Christianisierung (als politischer Vorgang, vereinfacht gesagt: Der König lässt sich taufen und das Volk muss sich ebenfalls taufen lassen). Schon frühe Quellen, die Texte der armenischen Historiker Moses von Choren und Agathangelos (5. und 6. Jh.), zeigen, wie stark das Christentum in Armenien an Strategien zum politischen Überleben gebunden war – und bis heute ist. Andererseits erwachsen der armenischen Tradition bedeutende Vertreter der Spiritualität und Mystik jenseits der Verquickung mit der Politik. Diese beiden Wege, christlichreligiöses Leben einerseits und politische Christianisierung andererseits, liegen in Armenien besonders eng beieinander.

Der eigenständige religiöse Impuls des Christentums vermochte in Armenien immer auch kritisches Potenzial gegen Institutionen wie Staat und Kirche hervorzubringen. Andererseits gab es Zeiten, in denen das Christentum von Armeniern im Geist des sowjetischen Atheismus bekämpft wurde. Daran wird deutlich, wie differenziert Aussagen hier abgewogen werden müssen. (Auf welche Weise „christlich sein“ und „armenisch sein“ im Laufe der Geschichte zusammengehörten und wie das heute ist, vgl. auch das Interview mit Dr. Harutyun Harutyunyan S. 50).

Wenn auf die Apostel Thaddäus und Bartholomäus hingewiesen wird, so ist das nicht in erster Linie eine Frage historischer Korrektheit, sondern eine Frage der Charakterisierung von Geschichte, Tradition und Intention: Denn der Hinweis auf die Apostel schließt die armenische Geschichte an die Jünger und deren direkte Nähe zu Jesus an. Mit ihm lebten sie in Gemeinschaft und in dieser Gemeinschaft waren sie Kirche. Die beiden Apostel selbst hätten dann ihre jeweiligen Nachfolger durch Handauflegung für den Dienst bestimmt. In der Rückführung auf die Gemeinschaft der Jünger liegt zu allen Zeiten ein Potenzial für die Gestaltung von christlicher Lebensführung. Doch die Traditionen der Legenden zu den Aposteln – die zu umfangreicheren Texten anwachsen – lassen beide als Märtyrer enden. Sie werden Opfer einer armenischen Staatsmacht, die vermutlich aufgrund der politischen Nähe zum Römischen Reich keinen Schutz für Christen bot (wie lange Zeit das persische Sassanidenreich) und im Geiste des dominanten Nachbarn Rom handelte.

Das allererste Christentum in Armenien zahlte seine Existenz also mit einem Blutzoll im Vernichtungswillen der Herrschenden im Land. Beide Apostelmärtyrer werden noch heute von den Armeniern verehrt.

Ein König wird getauft

Zu den Opfern noch kurz vor der Christianisierung werden Hripsime und ihre Lehrerin, die Äbtissin Gajaneh, gezählt. Sie und ihre 37 Gefährtinnen hatten in Armenien Schutz vor der Christenverfolgung im Römischen Reich gesucht. Nach der Legende soll sich König Tiridates III. († 330) in die schöne Hripsime verliebt haben. Als sie ihn abwies, habe er sie enthaupten lassen. Der grausame Tod ereilte die beiden Frauen in Etschmiadzin, zunächst Hripsime unter dem geistlichen Beistand ihrer Äbtissin, sodann Gajaneh. Beide fanden relativ schnell Verehrung, weshalb an den traditionell benannten Orten ihrer Hinrichtung schon bald Kirchen zum Gedenken beider gebaut wurden. Die Legende erzählt weiter, dass Tiridates darüber in einen „Wild-Eber“ verwandelt worden sei, also zu einem Symbol wilder, archaischer Gewalt. Seine Schwester bekehrt sich daraufhin und sucht ihren Bruder zu heilen. Sie träumt, dass der in einer Kloake gefangen gehaltene Gregor († um 331) helfen könne. Dieser war der einzige Überlebende aus der Familie des Attentäters, der Tiridates’ Vater, Chosrau II., ermordet hatte. Gregor war vom König bereits benachteiligt behandelt und schließlich in der Kloake, in der er gefangen gehalten wurde, weithin vergessen worden.

Chronologie:

9.–7. Jh. vC Reich der Urartäer im armenischen Hochland

6.–4. Jh. vC Herrschaft der persischen Achämeniden, „Armenier“ werden erstmals inschriftlich genannt

4.–1. Jh. vC Nach den Eroberungen Alexanders d. Gr. ist Armenien teilweise Klientelkönigreich im seuleukidischen Großreich, für kurze Zeit unter Tigranes d. Gr. auch unabhängiges Königreich Großarmenien

1. Jh. vC –3. Jh. nC Zeit des Römischen Reichs und der Parther-Herrschaft in Persien: Armenien wird zum Spielball. Kurzzeitig römische Provinz, meistens abhängiges Königreich unter römischer und parthischer Oberherrschaft

Ende 1. Jh. Ein syrisch geprägtes Christentum sickert vom christlichen Edessa aus ein, fasst aber nicht Fuß

252 Sassaniden lösen die Partherherrschaft ab

296/297 Kämpfe der römischen und persischen Heere auf armenischem Boden: Das Königreich Armenien bleibt unter wechselnder Oberherrschaft bestehen

298 Tiridates III. wird römischer Klientelkönig und verfolgt die Christen. Einkerkerung Gregors

301/315 Gregor heilt Tiridates und tauft ihn im Euphrat. Das Christentum wird im ersten Reich zur Staatsreligion; Zerstörung heidnischer Tempel und Bau von Kirchen

387 Aufteilung des großarmenischen Territoriums (s. Karte rechts) zwischen Sassaniden und Römern. Das christliche Bekenntnis der Armenier verschmilzt spätestens jetzt mit einem nationalen Bewusstsein. Entwicklung des armenischen Alphabets und Übersetzung der Bibel ins Armenische als Teil der Identitätswahrung

4. Jh. Die armenische Kirche übernimmt die Beschlüsse der Konzilien von Konstantinopel und Ephesus

451 Konzil von Chalzedon ohne Teilnahme Armeniens. Berühmte Schlacht von Awarayr mit Verteidigung des Christentums gegen die Sassaniden, die den Zoroastrismus als Religion im sassanidischen Teil durchsetzen wollten. Nach langem Widerstand 484 Erlaubnis, christlich zu bleiben

505/506, 555 Synoden von Dvin: Armenier verwerfen Beschlüsse Chalzedons, u. a., um die armenisch-christliche Identität gegenüber Kaiser Justinian (527–565) zu wahren (vgl. S. 15)

7. Jh. Arabisch-islamische Eroberung. Die Hoheit über das Gebiet wechselte fortan mehrfach zwischen Ostrom/Byzanz und islamischen Kalifaten.

8.–11. Jh. Zeit einer kurzen staatlichen Unabhängigkeit; Blüte der Königsstadt Ani (vgl. S. 34); Aufspaltung in Kleinreiche unter byzantinischer Herrschaft

12. Jh. Eroberung durch die Seldschuken, Verlust der Eigenstaatlichkeit und Geburtsstunde der armenischen Diaspora besonders in Kleinasien, in der Ukraine, auf der Krim; armenische Flüchtlinge gründen das Königreich von Kilikien, das bis ins 14. Jh., bis zur Eroberung durch die Mamelucken, besteht.

Schon im 2. Jh. hatte es Christenverfolgungen in Armenien gegeben, aber die Verfolgungen unter Tiridates haben sich der kollektiven Erinnerung der Armenier konkreter eingeprägt. Denn es gelang Gregor, Tiridates mittels ritueller Gebete zu heilen und Tiridates wird daraufhin Christ. Er gibt seinem Staat nunmehr ein christliches Gepräge und – deutliches Zeichen der gewandelten Stellung der Kirche im Land – lässt die Tempel der alten Religion zerstören. Besonders eindrücklich berichtet Agathangelos über diese Zerstörungen und lässt an der Anwendung von Gewalt gegen den „Götzentempel des Meher“ (eine vorchristliche urartäische Gottheit) keinen Zweifel: Der Tempel wird umgehend „bis zu den Fundamenten“ niedergerissen.

Tiridates verbindet aber diesen Akt zugleich mit sozialem Handeln, indem er die im Tempel gesammelten Schätze an die Armen verteilen lässt. Nach der Zerstörung des Tempels ersetzt ein Kirchenbau die traditionelle religiöse Stätte.

Zwar ist es der König, der hier von einer Seite auf die andere wechselt, aber der eigentliche Held dieser Geschichte ist eben doch der standhaft in der Verfolgung widerstehende und darüber hinaus doch zur Hilfe bereite „Gregor der Erleuchter“ (armen. Grigor Lusavorich). Mit der Konversion des Tiridates und seiner Taufe war grundlegend die Christianisierung Armeniens eingeleitet und das traditionelle Datum 301 (auch wenn alternative Daten in der Forschung das Geschehen gut ein Jahrzehnt später ansetzen) gilt bis heute als das Datum Armeniens als eines „christlichen“ Staates.

Konflikte zwischen Kirche und Staat

Parallel zu den staatlichen Strukturen entstanden kirchliche. Gregor, nunmehr zum Katholikos, zum Oberhaupt der Kirche, geweiht, setzt den Anfang. Der aus der Familie Gregors stammende Katholikos Nerses (335–373) gibt der Kirche auf einer Synode im Jahr 335/336 die nötige Ordnung. In dieser Zeit waren die Spannungen zwischen Staat und Kirche massiv.Der Vater des Nerses hatte die Katholikatswürde abgelehnt. Denn er hatte dabei wiederum die Ermordung seines Vaters vor Augen, der als Katholikos die Regierung kritisiert hatte. Auch Nerses gerät in Gegensatz zur Regierung und muss zeitweilig ins Exil flüchten. In den Auseinandersetzungen zwischen Katholikos Nerses und dem König spielte der Mangel an moralischer Integrität des Königs eine entscheidende Rolle. Hier zeigt sich das Ringen kirchlicher mit staatlicher Macht, zumal der Katholikos dem Adel entstammte, möglicherweise aber auch das Christliche im Widerspruch zum Staatlichen.

Eine eigene Schriftsprache

Der Sohn des Nerses, Katholikos Sahak (Isaak, † 439) führt das armenische Alphabet ein, das wesentlich von dem Mönch Mesrop († 440, s. S. 25) entwickelt wurde. Der Verfasser der Vita des heiligen Mesrop, Koriun (5. Jh.), berichtet von einer Übereinkunft des Mesrop mit Sahak, mit dem er „in Einmütigkeit“ die „Buchstaben für die armenische Schrift“ erlangt habe. Übernommene Schriftzeichen erwiesen sich als nicht genügend und so sei es zu einer Neugeburt gekommen, „der Schrift für die armenische Sprache“. Die Übersetzung der Bibel stand nun im Zentrum, aber auch umfangreiche Übersetzungen von Literatur. Was davon erhalten blieb, lässt erahnen, wie umfassend Armenien nunmehr am Geist besonders griechischer und syrischer Texte partizipierte, macht aber auch die Texte der armenischen Überlieferung wertvoll für die weltweite Bibelwissenschaft und Patristik (Kirchenväterlehre).

Den Großmächten widerstehen

Das Land blieb in seiner geopolitisch schwierigen Lage zwischen Ost und West. Zeiten der Dominanz der Römer von Westen her wechselten mit Zeiten der Dominanz von Osten in Gestalt des Sassanidenreiches. Doch konnten die Armenier ihre Kirche durch die Zeiten der sassanidischen Herrschaft retten – und sie setzten statt des erblichen Katholikats ein gewähltes durch.

Sassanidenreich

Das zweite persische Großreich des Altertums, 3.–7. Jh. Die Sassaniden herrschten über ein Gebiet, dass die heutigen Staaten Iran, Irak, Aserbaidschan, Turkmenistan, Pakistan und Afghanistan sowie einige Randgebiete umfasst.

Bis zur Konstantinischen Wende hatte das Sassanidenreich christliche Flüchtlinge aus dem Römischen Reich aufgenommen. Dann aber sah es in den Christen Agenten des Feindes im Westen. Als der sassanidische Herrscher die Abkehr vom Christentum verlangte, da entschied sich 449 die Synode in Artaschat gegen einen weiteren Verbleib im Sassanidenreich und griff zu den Waffen. Illusionslos waren die Kämpfenden mit Blick auf den Westen, „den Trug der Römer“: Die Römer hatten die Armenier stets im Ernstfall im Stich gelassen. Der ewige Kampf zwischen Persien und Rom hatte sich schon lange auf armenischem Territorium abgespielt. Armenien hatte weder im Osten noch im Westen einen sicheren Verbündeten.

Der ewige Kampf zwischen Persien und Rom hatte sich schon lange auf armenischem Territorium abgespielt

Die kämpfenden Widerständler, die um die Freiheit Armeniens rangen, fielen in der Schlacht bei Awarayr 451. Sie schrieben sich mit diesem aufrechten und aussichtslosen Kampf aber in die kollektive Erinnerung der Armenier ein und wirkten besonders im nationalen Sinne fort. Trotz der vernichtenden Niederlage wurden schließlich Autonomie und Religionsfreiheit erreicht und ein Marzban für den sassanidischen Teil eingesetzt (eine Art Markgraf des iranischen Sassanidenreiches). Dieser politische Anführer bedeutete eine gewisse Selbstständigkeit, wenn auch eingegliedert in das persische Reich. Die folgende Zurückdrängung der Sassaniden führte zu schwierigen Auseinandersetzungen mit den Byzantinern. Die Armenier mussten mit Erschrecken feststellen, dass nun schwere Kämpfe und Übel von Menschen ausgingen, „die auch für Christen galten“. Gegenüber den Byzantinern beriefen sich die Armenier bei ihren Klagen gegen die vermeintlichen Mitchristen – so Johannes von Ephesos (507–589) – auf deren fehlende Gottesfurcht und Erbarmungslosigkeit.

Das christologische Bekenntnis der Armenier

Während der Kämpfe in Armenien tagte das Konzil von Chalzedon (451) und formulierte auf Drängen des byzantinischen Kaisers hin eine christologische Formel zur Gottheit und Menschheit Christi, die die Christenheit zu einen beabsichtigte. Die Armenier konnten an diesem Konzil auf dem Boden von Byzanz wegen des Krieges nicht teilnehmen und verweigerten sich in einem wohl längeren Prozess der Annahme der chalzedonensischen Formel, sobald diese ihnen bekannt wurde. Traditionell wird dafür eine Synode im Jahr 555 in Dvin in Anspruch genommen, die aber – wie auch vorangegangene – eher der Zurückdrängung und Verurteilung des persischen Christentums galt, in Gestalt der von ihnen sogenannten „Nestorianer“. Damit wurde verketzernd die „Kirche des Ostens“ bezeichnet, also der Ostsyrer, deren Oberhaupt heute im Irak residiert und die sich offiziell „Assyrische Kirche“ nennen (s. Grafik S. 15).

Die Zurückweisung der mit der sassanidischen Staatsmacht in Armenien präsenten „Nestorianer“ geht einher mit parallelen Kontakten zu den westsyrischen Christen („Aramäer“), deren Tradition heute die Syrisch-Orthodoxe Kirche weiterführt. Mit Aramäern, Kopten und Äthiopiern wuchsen eigene Interaktionen der Armenier. Das bildete den Boden für eine eigene Kirchenfamilie, die nicht im chalzedonensischen Sinne orthodox ist, sehr wohl aber ihrem eigenen Selbstverständnis nach. „Der vollkommene Gott wurde vollkommener Mensch, mit dem Geist, Verstand und Leib: eine Person, ein Gesicht und eine vereinigte Natur“ – so wird in diesen Kirchen traditionell der Glaube zu Christus, dessen Einheit betonend, bekannt.

Das Kloster Khor Virap („Kloster des tiefen Kerkers“) am Fuß des Ararat an der Grenze zur Türkei. Laut Legende ließ König Tiridates den heiligen Gregor hier in eine Grube werfen. 13 Jahre sei er hier gefangen gewesen, bevor man sich seiner erinnerte und ihn befreite. Gregor heilte daraufhin den König und taufte das Königshaus. Über einer Höhle wurde 642 eine erste Gregorkapelle erbaut. Das heutige Kloster stammt aus dem 17. Jh. Gäste des Klosters können über eine Leiter noch heute die unterirdische Gefängniszelle des Gregor besuchen.

„Christlich“ als permanente Aufgabe

Das Christliche im christianisierten Armenien wirkte sich besonders im Bereich der Ethik aus. Katholikos Johannes Mandakuni († 490) sucht etwa die Empathie für die Armen zu stärken: Die eigene Betroffenheit soll ein Christus gemäßes Handeln hervorrufen, durch solidarisches Denken und Handeln. „Er ist mein Bruder, er ist ein Glied von mir und mein Leib, er hat Bedürfnisse wie ich.“ Ermattet bittet Johannes Mandakuni in seiner Darstellung um Mitleid, obwohl er die hartherzige Gesinnung kennt und sie dennoch in Mitleid zu wandeln sucht. Freundlichkeit, Mitleid, Barmherzigkeit werden ins Recht gesetzt und dem Reichtum wird zu entsagen empfohlen („lasst uns fliehen vor diesem gefährlichen Untier“).

Wie die Kirchen entstehen

Die Struktur der Armenisch-Apostolischen Kirche:

„Oberster Patriarch und Katholikos aller Armenier“ Sitz in Etschmiadzin

Hierarchisch untergeordnet:

• „Katholikos des Hauses von Kilikien“, mit Sitz in Antelias (Libanon). Ihm unterstehen etwa auch die nordamerikanischen Diözesen

• Patriarch von Jerusalem

• Patriarch von Konstantinopel

Kirchen in Armenien heute:

Neben der Armenisch-Apostolischen Kirche, zu der bis heute über 90 % der Christen gehören, bildet sich im 18. Jh. die armenisch-katholische Kirche, im 19. Jh. die armenisch-evangelische Kirche. Zahlreiche kleine christliche Gruppierungen sind ab 1991 hinzugekommen.

Das christlich-religiöse Erbe der Armenier enthält wegweisende Texte, die in diesem Land, das sich stets zwischen den Großmächten im Westen und im Osten, im Norden und im Süden zu halten hatte, einen ganz eigenen Klang entwickeln – wie der schöne Satz des armenischen Kirchenlehrers und Bibelübersetzers Eznik von Kolb (5. Jh.): „Und der Anlass zu den Kriegen ist von der Unersättlichkeit der Menschen gekommen.“

Armeniens Erbe ist sein Potenzial für Gegenwart und Zukunft

Solche Aufrufe zu einem „christlichen“ Leben greifen stets über die historische Wirklichkeit hinaus. Politisch werden die Armenier die Araber im Land nutzen, um den internen Kämpfen Einhalt zu gebieten. Damit weicht die Phase des Werdens nach innen nun einer Phase religiöser Koexistenz, mit der ein neues Kapitel christlich-armenischer Geschichte beginnt.

Zum Schluss

Zu Stätten, in denen neben der sozialen Arbeit die mystische Sehnsucht der Gottesbegegnung wuchs, wurden die Klöster. Da heute fast alle Klöster verlassen sind, existieren ihre mittelalterlichen Hymnen heute weithin von diesem Kontext gelöst. Dass das geistige Erbe weiterhin Menschen erreicht und bedacht wird, gehört zu den großen Leistungen, die auf dem Boden der Aufnahme des Christentums in Armenien wuchsen und zu jeder Zeit neu wachsen – und damit Armenien und die Armenier anhalten, christlich zu werden wie sie es einst wurden. Ja, Armenien wurde früh christianisiert, und seine Bewohnerinnen und Bewohner haben bis heute nicht aufgegeben das „Christliche“ auf der biblischen Grundlage nach Maßgabe ihrer Möglichkeiten wirken zu lassen. Armeniens Erbe ist sein Potenzial für Gegenwart und Zukunft. 

Lesetipps

• Friedrich Heyer (Hg.), Die Kirche Armeniens, Stuttgart 1978.

• Lothar Heiser: Das Glaubenszeugnis der armenischen Kirche, Trier 1983.

• Wolfgang Hage: Das orientalische Christentum, Stuttgart 2007 (Armenien: S. 226- 262).