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Wie Hong Hao 90.000 Leben rettete


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Terra Mater - epaper ⋅ Ausgabe 2/2022 vom 03.03.2022

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Johannes Preiser-Kapeller Der gebürtige Waldviertler forscht an der Akademie der Wissenschaften in Wien, wo er die Arbeitsgruppe Byzanz leitet. Hier analysiert er ? ganz klassisch ? überlieferte Depeschen, integriert aber auch ? weniger klassisch ? Netzwerkanalysen, Klimadaten und Befunde aus der Paläogenetik in seine Studien.

ES IST GERADE VIEL LOS IM LEBEN DES FORSCHERS: Kurz vor Weihnachten hat er seinen Habilitationsvortrag präsentiert, umständehalber per Videoschaltung; im April wird eine Ausstellung über Reiternomaden in Europa auf der niederösterreichischen Schallaburg eröffnet, zu deren Katalog er beigetragen hat. Nebenbei unterrichtet er an der Universität Wien, leitet Kurse am Jüdischen Institut für Erwach senenbildung und unterhält seine Follower auf Twitter mit Nachrichten aus Vergangenheit und Gegenwart. Dennoch wirkt er gelassen, gesammelt und bestens organisiert. Seine Argumente untermauert er mühelos mit einer wohlsortierten Auswahl an historischen Fakten und naturwissenschaftlichen Daten, die ihm allesamt präsenter sind als manch anderem der eigene Bankomat-Code. Und so wird ein Gespräch über die jüngere Menschheitsgeschichte zur leichtfüßigen, aufschlussreichen Reise durch die Jahrtausende. ...

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ES IST GERADE VIEL LOS IM LEBEN DES FORSCHERS: Kurz vor Weihnachten hat er seinen Habilitationsvortrag präsentiert, umständehalber per Videoschaltung; im April wird eine Ausstellung über Reiternomaden in Europa auf der niederösterreichischen Schallaburg eröffnet, zu deren Katalog er beigetragen hat. Nebenbei unterrichtet er an der Universität Wien, leitet Kurse am Jüdischen Institut für Erwach senenbildung und unterhält seine Follower auf Twitter mit Nachrichten aus Vergangenheit und Gegenwart. Dennoch wirkt er gelassen, gesammelt und bestens organisiert. Seine Argumente untermauert er mühelos mit einer wohlsortierten Auswahl an historischen Fakten und naturwissenschaftlichen Daten, die ihm allesamt präsenter sind als manch anderem der eigene Bankomat-Code. Und so wird ein Gespräch über die jüngere Menschheitsgeschichte zur leichtfüßigen, aufschlussreichen Reise durch die Jahrtausende.

Sie untersuchen, wie Naturereignisse den Lauf der Geschichte verändern. Beginnen wir also im Jahr 536, das mitunter als das „schlimmste Jahr der Geschichte“ bezeichnet wird. Was ist damals passiert?

536 gab es einen großen Vulkanausbruch, die Aerosole in der Atmosphäre verdunkelten für mehrere Monate die Sonne – das wurde von China bis Irland beobachtet. Im Jahr 540 gab es dann eine weitere große Eruption. Das führte in den Jahren 541 und 542 indirekt zu einer ersten großen Pestpandemie, die den Mittelmeerraum und den Nahen Osten heimsuchte – für die nächsten 200 Jahre.

Wie das?

Die vulkanischen Aerosole trugen zu einer Abkühlung der Nordhalbkugel bei, und es gab eine Häufung von Extremregen-Ereignissen, mehr Stürme, mehr Dürren, das alles in schneller Folge. Auch in Zentralasien und in Ostafrika, wo der Pesterreger endemisch war, gab es zunächst mehr Niederschläge, was den dortigen Nagetierpopulationen zusagte. Ratten und Mäuse vermehrten sich und damit auch ihre Flöhe. Die wiederum trugen den Pesterreger Yersinia pestis in sich. Und dann kam es zu einer Dürre, weil eben das Klima eine Zeitlang verrücktspielte – das dezimierte die Nagetiere. Damit stieg für die Flöhe der Anreiz, auf Haustiere überzuspringen und somit auch auf den Menschen. In der Folge breitete sich der Pesterreger über die Handelsrouten im Mittelmeerraum aus.

„In den Alpen wuchsen die Gletscher, die Baumgrenze sank. Höher gelegene Almen, die noch im Hochmittelalter bewirtschaftet wurden, mussten aufgegeben werden.“

Was war die Folge?

Neueste paläogenetische Untersuchungen weisen darauf hin, dass im 6. Jahrhundert ein Drittel der Bevölkerung gestorben ist, in Konstantinopel von 500.000 Menschen vielleicht sogar die Hälfte – und das innerhalb weniger Monate. Nach einer Lungenpestinfektion war man innerhalb von 24 Stunden tot.

Was machte das mit den Menschen?

Davon können die naturwissenschaft lichen Daten allein nichts erzählen, dazu brauchen wir wieder die Schriftquellen, die Augenzeugenberichte.

Was erfuhren Sie aus diesen Berichten?

Dass zeitweilig alles zusammengebrochen ist und die Leute psychisch komplett am Boden waren. Jeder hatte Tote zu beklagen, jeder hatte Angst, selbst betroffen zu sein – und dass die Menschen unterschiedlich reagierten. Wir erfahren, dass etwa im Heiligen Land manche Dörfer sich besonders fromm zeigten und neue Kirchen bauten. Ein Nachbardorf hingegen schwor dem christlichen Glauben ab und kehrte zu heidnischen Göttern zurück. Auch das sehen wir heute wieder: dass Menschen eben ganz unterschied liche Bewältigungsstrategien entwickeln.

Haben Sie Techniken gefunden, die sich bewährt haben im Kampf gegen Naturgefahren und Seuchen?

Der österreichische Umwelthistoriker Christian Rohr beschreibt die Etablierung von „Katastrophenkulturen“ etwa am Beispiel der Stadt Wels an der Traun in Oberösterreich. Die Ratsherren ab dem 14. Jahrhundert wussten, dass alle zwei oder drei Jahre ein Hochwasser die Brücken zerstören würde. Also sorgten sie dafür, dass immer ausreichend Bauholz für einen Neubau bereitlag. Es gibt Bilder, auf denen dieser Vorrat zu sehen ist.

Hat sich das Risiko für solche Katastro phen mit den klimatischen Veränderungen erhöht?

Die Vermehrung der Zahl der Überschwemmungen war eine Folge des Übergangs zur Kleinen Eiszeit, die ab dem 14. und 15. Jahrhundert für niedrigere Temperaturen und mehr Niederschläge sorgte.

Was hat diesen Wandel verursacht?

Es kam ab dem späten 13. Jahrhundert zu einer Abnahme der Sonnenaktivität und damit zu einer Verminderung der Energiemenge, die auf die Erde trifft. Zusätzlich trugen – wie im 6. Jahrhundert – große Vulkanausbrüche zur Abkühlung bei. Dies zusammen beeinflusste auch die Wetterküche Europas im Nord atlantik. Dort schwächte sich der Druckunterschied zwischen dem Azorenhoch und dem Islandtief ab. Wenn das geschieht, haben wir in Mittel- und West europa in der Regel sehr viel feuchtere Sommer, in denen die Ernte gleichsam ertrinkt, und sehr viel kältere Winter. Und dies war in der Kleinen Eiszeit häu figer der Fall als zuvor.

Welche Auswirkungen hatte das?

In den Alpen wuchsen die Gletscher, die Baumgrenze sank. Höher gelegene Almen, die im Hochmittelalter noch bewirtschaftet wurden, mussten aufgegeben werden. Das wurde auch in den Geschichten reflektiert, etwa in der Sage von der übergossenen Alm, die von Eis und Schnee bedeckt wird, weil die Menschen angeblich nicht gottesfürchtig genug gewesen sind.

Und in niedrigeren Lagen?

Damals wurde in Teilen der Steiermark und Niederösterreichs rund die Hälfte der Ortschaften aufgegeben. Im Waldviertel, wo ich aufgewachsen bin, gibt es viele solcher Wüstungen. Früher hat man gedacht, dass diese Orte von der Pest entvölkert worden wären. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Die Menschen sind dort auch wegen der vielen Missernten weggezogen und weil es anderswo klimatisch günstiger war, Landwirtschaft zu betreiben.

China hatte zu der Zeit schon Maßnahmen gegen große Ernteausfälle entwickelt.

Dort gab es seit der Antike zeitweilig ein effizientes System, in dem die Regierung Getreide auf kaufte, wenn die Preise niedrig waren. Das stabilisierte die Preise zum Zusatzfoto: Mandelbaum Verlag Nutzen der Bauern. Wenn der Preis stark stieg oder es zu Ausfällen kam, wurde das Getreide billig oder gratis abgegeben. China war das am stärksten bevölkerte Land der Welt mit 60 bis 100 Millionen Einwohnern, so viele lebten im Mittelalter in ganz Europa. Das System funktionierte über Jahrzehnte hinweg, solange die Regierung nicht in Schieflage geriet oder sich die Notfälle häuften. Dabei wurde das Getreide weit transportiert, über ein gewaltiges System von Kanälen, die insgesamt eine Länge von 2.000 Kilometern hatten.

Gab es nicht Streit um die Verteilung?

Im 12. Jahrhundert lenkte der Beamte Hong Hao auf eigene Faust und unter Gefahr für sein Leben so einen Getreidetransport um. Der hätte in die Hauptstadt gehen sollen, aber dieser Beamte sagte: „Nein, das Getreide bleibt hier, weil bei uns die Leute hungern.“ Damit rettete er 90.000 Landsleute. Menschen wie er sind die unbesungenen Helden der Geschichte. Jeder kennt Dschingis Khan, der Tausende auf dem Gewissen hat. Aber Hong Hao kennt keiner.

Und wie gingen die Menschen in Europa mit den großen Pestepidemien um?

Im 6. Jahrhundert ging es vor allem um die Frage, wer schuld an der Seuche ist, und um die Frage „Was können wir tun, um Gott zu besänftigen?“. Man intensivierte die Heiligen- und Ikonenverehrung. Der heilige Sebastian wurde zum Pestheiligen umgedeutet. All das sollte den Menschen spirituelle Zuflucht bieten. Aber organi satorisch wurde wenig geändert, einen echten Lerneffekt gab es nicht. Und bei der nächsten großen Pestepidemie im 14. Jahrhundert wurde wieder das alte Rezept probiert. Diesmal erklärte die Kirche Rochus von Mont pellier zum Pest patron. Aber das funktionierte nicht mehr so gut – zu der Zeit war der Zweifel an der Kirche schon größer.

Wie wirkte sich das große Sterben auf das Zusammenleben der Menschen aus?

Noch im Frühmittelalter waren die Armen Anlass, wohltätig zu sein, denn das war gut für das eigene Seelenheil. Das änderte sich nach der Pest, als Arbeitskräfte rar wurden und erstmals die Idee aufkam, effizienter zu sein. Jeder müsse arbeiten, und wer nicht arbeiten wolle, der solle auch nicht essen. Plötzlich gilt: Wer nicht arbeitet, untergräbt das effiziente System unserer Wirtschaft. Das ist mentalitätsgeschichtlich ein großer Wandel. Die Pestgesetzgebungen boten einen Anlass, dass man diese unerwünschten Gruppen aus der Stadt entfernte.

Gab es noch weitere Maßnahmen, um die Seuche zu stoppen?

Ja. Ab dem 14. Jahrhundert gab es erstmals Beschränkungen des Verkehrs und der Kontakte, also die Grundlage der Quarantäne. Die wurde in den Seerepubliken an der Adria – in Dubrovnik und Venedig – entwickelt. Schiffe, die aus Risikogebieten kamen, mussten wochenlang bei vorgelagerten Inseln ankern, bevor die Mannschaften an Land gehen durften. So wurde verhindert, dass die Seeleute Seuchen einschleppten.

12.000 Jahre auf 825 Seiten

Wie Seuchen und Klimaschwankungen die Menschheitsgeschichte beeinflussten, erzählt Johannes Preiser-Kapeller mit wissenschaftlicher Gründlichkeit, aber auch so facetten- und detailreich, dass selbst Geschichts unterricht- Geschädigte schnell in den Sog der Zeit geraten. „Die erste Ernte und der große Hunger“ und „Der lange Sommer und die Kleine Eiszeit“ sind im Mandelbaum Verlag erschienen. Gemeinsam 825 Seiten, jeweils ca. 25 Euro

„Die Priester hatten sich beschwert. Die Gastwirte protestierten, weil sie kein Geschäft machten, auch die Kaufleute. Viele versuchten, die Pestmaßnahmen zu unterlaufen.“

Obwohl das funktionierte, dauerte es lange, bis sich solche Ideen auch anderswo durchsetzten. Warum?

Weil es großen Widerstand gab. Das lässt sich am Beispiel der Bergbaustädte Schwaz oder Sterzing in Tirol zeigen. Schwaz hatte im 16. Jahrhundert 20.000 Einwohner, fast so viele wie damals Wien. Aus allen Richtungen kamen Menschen, um hier Silber abzubauen. Die hygienischen Bedingungen waren schlecht, Menschen lebten auf engem Raum zusammen – ideale Voraussetzungen für die Verbreitung von Infektionskrankheiten. Diese Orte hatten enge Handelsverbindungen nach Venedig, also erfuhren die Menschen von den dortigen Quarantäneregeln. Aus dem Jahr 1534 gibt es eine Verordnung aus Sterzing, die besagt, dass bei den ersten Pestanzeichen niemand mehr in die Stadt kommen darf. Die Gasthäuser werden geschlossen, es soll keine Gottesdienste geben, die Schulen bleiben zu, alle sollen daheimbleiben.

Und die Tiroler hielten sich daran?

Kurze Zeit später wurde eine zweite, sehr ähnliche Verordnung erlassen. Schon daran sieht man, dass vieles nicht funktioniert hat. Die Priester hatten sich beschwert, weil sie keine Begräbnisse in der üblichen Form zelebrieren durften – die aber brachten einen Teil ihres Einkommens. Die Gastwirte protestierten, weil sie kein Geschäft machten, auch die Kaufleute. Viele versuchten, die Pestmaßnahmen zu unterlaufen. Dabei wusste man damals schon seit 200 Jahren, dass die Pest tödlich ist – zu einem hohen Prozentsatz.

Wie ließen sich die Maßnahmen schließlich doch noch durchsetzen?

Im Jahr 1560 gab es in Wien zum Beispiel die erste Postwurfsendung. Darin wurden Pestvorkehrungen an alle Haushaltsvorstände übermittelt. Die hafteten dann auch für deren Durchsetzung. Auch vieles, was wir an Instrumenten der modernen Staatlichkeit kennen, ist zum Teil eine Reaktion auf die Pest. Bis zu einem gewissen Grad stärkten die Maßnahmen die Muskeln des Staates: Grenzkontrollen, Ausgangskontrollen, Meldewesen – vieles von dem hat mit der Bekämpfung der Pest zu tun. Das sind Lerneffekte; die Maßnahmen in West- und Mitteleuropa begannen zu greifen und trugen dazu bei, dass die Pest im 18. Jahrhundert verschwand. Aber es hat Jahrhunderte gedauert.

Menschliche Gesellschaften sind also lernfähig, auch im Angesicht von Krisen. Da könnte man ja auch dem gegenwärtigen Klimawandel entspannt entgegenblicken.

Dieses Argument höre ich oft. Es gab eine sogenannte mittelalterliche Warmzeit zwischen dem 9. und dem 13. Jahrhundert, in der es im Durchschnitt wärmer war als davor und danach. Manche argumentieren, dass das ja eine gute Zeit ge wesen sei. Die Wikinger konnten Grönland besiedeln, und die Dörfer und Städte seien aufgeblüht. Diese Generalisierung stimmt aber nicht. Und: In den vergangenen Jahrtausenden sind die Durchschnittstemperaturen um höchstens ein Grad über oder unter einem Mittelwert geschwankt. Diesen Bereich, in dem unsere komplexen Gesellschaften in den vergangenen Jahrtausenden funktioniert haben, verlassen wir jetzt. Mit einer Klimaerwärmung um 1,5 Grad Celsius sind wir schon deutlich darüber. Mit einer Erwärmung um 2 oder 2,5 Grad sind wir weit über dem, was wir bislang beobachten oder rekonstruieren können.

Also gibt es beim Klimawandel keine Lehre aus der Geschichte?

Das Dramatische heute sind die Geschwindigkeit und das Ausmaß der Veränderung. Deswegen bin ich nicht gelassen. Das geht alles weit über das hinaus, was in den letzten 12.000 Jahren passiert ist. Heute zu sagen, wir müssen weite Regionen – etwa an der Donau – räumen, weil diese jetzt ständig überschwemmt werden, das ist aufgrund der Dichte an Infrastruktur und Bevölkerung kaum umsetzbar. Das war im 13., 14. Jahrhundert möglich; damals waren diese Gesellschaften noch flexibler, weil sie nicht so viel an kom plexen Grundlagen aufzugeben hatten, wie es bei uns heute der Fall ist.

Und wir müssen uns – nach der historischen Erfahrung – auf weitere Seuchen aus der Tierwelt gefasst machen.

Ja. Der Mensch und seine Haustiere machen mittlerweile 90 Prozent der tierischen Biomasse auf diesem Planeten aus. Der Rest sind die Wildtiere. In welche Richtung wird sich ein Erreger also entwickeln? Ein Virus wird die evolutionäre Gelegenheit nutzen, diese größte ökologische Nische, die es gibt, zu besetzen. Das haben wir schon mehrfach gesehen, etwa bei den SARS-Ausbrüchen von 2002 und 2003. Ein weiterer Faktor ist das Eindringen des Menschen in Ökozonen, die vorher unberührt waren. Bei Covid gibt es ein Szenario hinsichtlich des Ursprungs in Fledermäusen, die von Wildhunden erbeutet wurden, die wiederum auf den Märkten gelandet sind.

Vom Menschen verursachter Klimawandel und Seuchen – beides begann damit, dass der Mensch sesshaft geworden ist.

Das war letztlich der Beginn. Seit 12.000 Jahren intensivieren wir Landwirtschaft, Ackerbau und Viehzucht. Mit der Sesshaftigkeit gibt es größere Bevölkerungsdichten. Es werden die Ökosysteme verändert, es beginnen Entwaldungen, es werden Monokulturen entwickelt, die auch manchen „Schädlingen“ besonders zusagen. Es gibt erstmals eine hohe Bestandsdichte auch unter Tieren in großen Viehherden. Es beginnt ein engeres Zusammenleben mit den Tieren, das erleichtert Krankheitserregern das Überspringen von einer Spezies zur anderen. Wir kre ieren neue Nischen, in denen Ratten und Mäuse samt ihren Parasiten und Krankheitserregern gedeihen. Paläogenetische Forschungen zeigen, dass die wichtigste Salmonellenart vor rund 6.500 Jahren unter Menschenund Haus schwein-Popula tionen im Mittelmeerraum entstanden ist. 3.500 Jahren später war sie dann schon über die Seidenstraße bis China gelangt. Daran denke ich, wenn manche heute spekulieren, dass Covid kein natürliches Phänomen wäre. Wenn man die letzten 12.000 Jahre anschaut, muss man sagen: Das ist seit jeher eine Begleiterscheinung des Fortschritts und der Globalisierung.

Ist es jemals gelungen, eine weltweite Krise zu bewältigen?

Ein Beispiel wäre im Jahr 1987 die Einigung auf globaler Ebene, die Verwendung von Fluorchlorkohlenwasserstoffen – kurz: FCKW – einzudämmen. Damit wurde das Wachstum des Ozonlochs eingehegt. Das Interessante ist: FCKW wirken auch als Treibhausgas, hundertmal so effizient wie Kohlendioxid. Ohne das Verbot würden wir uns jetzt auf eine globale Erwärmung von zirka sechs Grad bis zum Ende des Jahrhunderts zubewegen. Es war 1987 vielleicht einfacher, so ein Verbot durchzusetzen, weil es gereicht hat, dass sich die USA und die Sowjetunion einigen. Das ist heute mit der Reduktion von Treibhausgasen wie Kohlendioxid viel kom plexer. Aber wir könnten in ähnlicher Weise eine Lösung finden.