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Wie nachhaltig sind Baudenkmale?


Denkmalsanierung - epaper ⋅ Ausgabe 1/2019 vom 17.07.2019
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Bildquelle: Denkmalsanierung, Ausgabe 1/2019

Wie nachhaltig sind Denkmale? In diesem neogotischen Denkmal in Coburg durfte der Autor einen Teil seiner Kindheit verbringen.


Baudenkmale sind selten. Das Deutsche Nationalkomitee für Denkmalschutz zahlte 2008 nur 748 105 Baudenkmale, das sind ca. 3,7 % des Gebäudebestandes. Und diese haben ganz besondere Eigenschaften: Sie weisen ein hohes Alter auf, sind Vertreter vergangener Baukunst, geniesen als Kulturgut Öffentliches Interesse, sind Zeugnis menschlicher Geschichte und Entwicklung, stiften Identifikation und Identitat, pragen den Charakter ihrer Region und spielen nicht zuletzt als ...

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... Wirtschaftsfaktor eine wichtige Rolle. Nicht nur Neuschwanstein oder die Elbphilharmonie mogen kurzfristig betrachtet unertraglich hohe Baukosten verursacht haben. Berechnet man ihre Wirtschaftlichkeit über einen langeren Zeitraum, so ist ihr Wert für Image, Kultur und Tourismus nicht zu überschatzen. Aber auch kleinere Denkmale spielen eine sehr wichtige Rolle. Sie erhohen die Bekanntheit und pragen entscheidend, wie der gesamte Ort wahrgenommen wird.

Das Vorhandensein und die Existenz von Denkmalen tragt wesentlich zur Bewertung einer Stadt bei. In der Sprache des Marketings sind diese „Alleinstellungsmerkmale“. Ihre Bedeutung geht weit über den Nutzen des Eigentumers hinaus. Man kann sie nicht besitzen, man darf sie hochstens eine Weile auf ihrem Weg durch die Zeiten begleiten. Deswegen sollte man sie pfleglich und respektvoll behandeln, da man sie irgendwann an die nachste Generation übergeben muss. Das Bewohnen und Bewahren eines Denkmals ist der Gegenentwurf zu unserer schnelllebigen Zeit, in der es bereits EinwegGebäude gibt. Ein Denkmal weist tief in die Vergangenheit, und wenn man alles richtig macht, dann weist es auch weit in die Zukünft. Das verpflichtet Eigentumer und Gesellschaft zu einem verantwortungsvollen, nachhaltigen Umgang mit diesen alten Personlichkeiten.

NACHHALTIGES BAUEN

Unsere Gebäude verbrauchen nicht nur viel zu viel naturliche Ressourcen, sie sind auch für 54 % des deutschen Mullaufkommens verantwortlich und verursachen 35 % der nationalen CO2-Emissionen. Aber sie verkorpern auch 75 % des Privatvermogens und bieten uns in über 90 % unserer Lebenszeit Schutz und Geborgenheit. Neben vielen weichen Faktoren gibt es harte Faktoren, mit denen sich die Nachhaltigkeit von Gebäuden sogar berechnen lasst. Die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) hat dafür ein differenziertes Bewertungssystem entwickelt, welches sich auf Neubauten und Sanierungen und somit auch auf Denkmale anwenden lasst. Ziel des nachhaltigen Bauens ist es, die gebaute Umwelt zum Wohle aller so zu planen und zu betreiben, dass die Interessen der folgenden Generationen nicht darunter leiden, und dies mit möglichst wenig Einschrankungen für die heutige Generation. Das nachhaltige Bauen bewertet, ob Ressourcen geschont und die Umwelt entlastet werden, ob die Qualitat und der Wert von Gebäuden gesichert sowie Bauwerke mit einem hohen sozialen Nutzen geschaffen oder erhalten werden. Okologische, ökonomische und soziale Ziele werden gleichberechtigt berucksichtigt. Der gesamte Lebenszyklus des Bauwerks wird von der Planung bis zum Ruckbau betrachtet. Grundlage ist ein sorgfaltig ausbalanciertes Zusammenspiel von Effizienz, Suffizienz und Konsistenz.

EFFIZIENZ

Effizienz bedeutet eine bessere Nutzung der verfugbaren Mittel, was sowohl Material, Energie als auch finanzielle Mittel beinhaltet. Eine gute Sanierung optimiert den Komfort so weit, dass das Gebäude angenehm, aber mit Einschrankungen bewohnbar bleibt. Das ist sowohl der historischen Konstruktion als auch dem Geldbeutel geschuldet. Allerdings muss ein Mindestmas an Komfort und Energieeffizienz erreicht werden, damit das Gebäude langfristig bewohnbar bleibt, denn nur ein bewohntes bzw. genutztes Denkmal wird überleben.

SUFFIZIENZ

Suffizienz will dem viel zu hohen Verbrauch von Ressourcen Grenzen setzen. Je langer ein Gebäude genutzt wird, desto langer konnen die Baustoffe wieder nachwachsen, desto weniger Herstellungsenergie und Mull fallen an, desto sparsamer ist der Umgang mit dem knappen Gut der Ressourcen und desto besser werden die Arbeitsbedingungen bei der Sanierung dieses hochwertigen Gegenstandes sein. Das spricht für langlebige Gebäude.

KONSISTENZ

Konsistenz bezeichnet den übergang zu naturvertraglichen Technologien. Okosysteme sollen genutzt werden, ohne sie zu zerstoren; es geht um das Denken und Handeln in Kreislaufen. Der Markt für gebrauchte Baustoffe und Bauteile hat sich zuerst im Bereich Denkmal etabliert. Hier ist es inzwischen möglich, gebrauchte Bauteile zu finden, da nur sie die passenden Qualitaten und Gestaltungsmerkmale aufweisen. Mit modernen Bauteilen oder Verbundwerkstoffen ist man beim Denkmal zuruckhaltender als im Neubau, dagegen ist der Anteil an Wiederverwertung und Wiederverwendung hoher.

KARDINALE NACHHALTIGKEITSKRITERIEN

Die DGNB bewertet ein Gebäude mit 37 Kriterien. Es ist nachhaltig, wenn es bei möglichst vielen Kriterien überdurchschnittlich abschneidet, wobei der Durchschnitt mit den gesetzlichen Mindestanforderungen definiert wird. Die DGNB gewichtet bei WohnGebäuden die Kriterien „Okobilanz“, „Lebenszykluskosten“ und „Flexibilitat und Umnutzungsfahigkeit“ mit jeweils ca. 9 % am hochsten, gefolgt von den Kriterien „Risiken für die lokale Umwelt“, „Marktfahigkeit“ und „Innenraumluftqualitat“ mit jeweils ca. 5 % Gewichtung. Allein diese sechs kardinalen Kriterien, die 42 % der Gesamtbewertung abdecken, sollen hier stellvertretend für alle 37 Kriterien angewendet werden. Damit wird für ein frisch saniertes, über 50 Jahre altes Denkmal abgeschatzt, wie nachhaltig es konkret einzustufen ist.

ÖKOBILANZ

Ziel ist eine lebenszyklusorientierte Planung, um emissionsbedingte Umweltbelastungen und den Verbrauch von endlichen Ressourcen über alle Lebensphasen (Herstellung, Betrieb, Ruckbau) des Gebäudes auf ein Minimum zu reduzieren. Bei einer Sanierung werden gegenüber einem Neubau ca. zwei Drittel des Materials eingespart. Die erhaltene Bausubstanz, also mindestens der Rohbau, darf in der Okobilanz unberucksichtigt bleiben, lediglich die Umweltbelastung der ausgetauschten Bauteile und der neuen Haus technik werden berechnet. Auch hier wirkt sich die Wiederverwendung etwa von alten Ziegeln, Türen, Beschlagen oder Natursteinen gunstig aus, denn ihr Herstellungsaufwand darf mit Null angesetzt werden. Die Okobilanz wird für die kommenden 50 Jahre mit Sanierung, Betrieb und Ruckbau berechnet, die Vergangenheit spielt dabei keine Rolle. Nach 50 Jahren wird ein Ruckbau angenommen, was bei Denkmalen eher nicht zutrifft. Sie werden bestimmt auch weiterhin saniert, betrieben und weiter genutzt. Ruckbau und Rezyklierung konnen daher mit Null angenommen werden. Daher wird der Energiebedarf im Betrieb zum grosten Posten in der Bilanz. Je sparsamer, effizienter und komfortabler ein Gebäude saniert wird, desto geringer werden die Emissionen sein. Daher sollte z. B. an der Ausenwand grundsatzlich ein Mindestmas an Dammung vorgesehen, Einfachglas vermieden und zur Beheizung ein regenerativer Energietrager ausgewahlt werden. Ein Denkmal bietet gunstige Voraussetzungen für eine gute Okobilanz.

RISIKEN FÜR DIE LOKALE UMWELT

Ziel ist es, alle gefahrdenden Werkstoffe, Bauprodukte sowie Zübereitungen, die Mensch und Umwelt schadigen konnen, zu reduzieren bzw. zu vermeiden. Durch eine bewusste Baustoffauswahl werden fluchtige organische Verbindungen (VOC) in der Innenraumluft reduziert. Alte Bauteile sind oft ausgedunstet oder unbedenklich. Die Baustoffauswahl muss im Denkmal grundsatzlich mit erhohter Aufmerksamkeit erfolgen, es kann daher bei diesem Kriterium überdurchschnittlich abschneiden.

LEBENSZYKLUSKOSTEN

Ziel ist ein über den gesamten Lebenszyklus kostengunstiges Gebäude. Die Lebenszykluskosten enthalten die Sanierungskosten und die Betriebskosten für die kommenden 50 Jahre und schnell konnen die Betriebskosten hoher ausfallen als die Sanierungskosten. Da sich die Betriebskosten über 50 Jahre stark aufsummieren, macht sich analog zur Okobilanz auch hier ein sparsames Gebäude positiv bemerkbar. Ein weiterer Vorteil von geringen Betriebskosten ist der hohere Komfort. Gegenüber einem Neubau werden bei der Sanierung die Baukosten für Abriss, Grundung und Rohbau eingespart. Dafür sind erhohte Kosten für spezielle Bauteile und Konstruktionen erforderlich. Insgesamt ist eine Denkmalsanierung aufwendig. Die Lebenszykluskosten werden daher im gunstigsten Fall durchschnittlich ausfallen.

Aufwendige Details machen die Sanierung von Denkmalen teuer und nicht immer wirtschaftlich – die Langlebigkeit und die verwendeten Materialien tragen aber zu einer positiven Ökobilanz bei.


FLEXIBILITÄT UND UMNUTZUNGSFÄHIGKEIT

Ziel ist es, Gebäude so flexibel wie möglich zu konzipieren und eine möglichst grose Umnutzungsfahigkeit einzuplanen. Das vermindert das Risiko eines Leerstands und tragt langfristig zur Akzeptanz des Nutzers, zur Verlangerung der Lebensdauer und zur Reduzierung der Lebenszykluskosten, also zum wirtschaftlichen Erfolg der Immobilie bei. Entscheidend sind Kennwerte wie Flacheneffizienz, Raumhohe über 2,5 m, Gebäudetiefe 11,5-13,5 m, flexible Grundrissaufteilung, nutzungsneutrale Raume, Konstruktion mit möglichst wenig tragenden Innenwanden, gunstige Schachtanordnung und flexible TGA-Anschlussmöglichkeiten. Grundsatzlich hat ein Denkmal bereits seine flexible und langfristige Umnutzung und Anpassung mehrfach bewiesen und sollte hier überdurchschnittlich abschneiden.

MARKTFÄHIGKEIT

Ziel ist ein Gebäude mit möglichst hoher Nutzerakzeptanz und langfristigem Marktpotenzial: Ein leerstehendes Gebäude ist nicht nachhaltig. Hohe Marktfahigkeit fordert den Werterhalt bzw. die Wertsteigerung einer Immobilie, die sich dadurch leichter am Markt positionieren lasst. Bewertet werden Qualitaten wie Eingangssituation, Wegefuhrung, Stellplatze, Fahrradstellplatze, OPNV-Anbindung, Nachfrage, Nutzungsbzw. Vermietungsgrad, Jahr der Erstellung oder Nutzungsdauer. Hier kommt es einerseits auf eine fruhzeitige und konstruktive Zusammenarbeit mit dem Denkmalschutz an. Andererseits sollte sich die Nutzung an das Denkmal anpassen und nicht umgekehrt. Dann bietet gerade ein Denkmal, welches meist an einem hochwertigen Standort steht, eine überdurchschnittliche Marktfahigkeit.

INNENRAUMLUFTQUALITÄT

Ziel ist es, eine Luftqualitat im Innenraum zu gewahrleisten, die das Wohlbefinden und die Gesundheit der Raumnutzer nicht beeintrachtigt. Hohe Luftqualitat kann durch okologische Baumaterialien und eine Luftungsanlage garantiert werden. Die Baumaterialien durfen keine gefahrlichen Ausdunstungen haben und die Luftungsanlage muss zuverlassig CO2, Feuchtigkeit, VOC-Partikel und Geruchsstoffe abfuhren. Zusatzlich hilft eine Warmeruckgewinnung in der Luftungsanlage den Heizwarmebedarf deutlich zu reduzieren und den Komfort zu erhohen. Gerade in Denkmalen sollte deshalb in der Heizperiode auf die Fensterluftung verzichtet werden. Die Verwendung von okologischen Materialien und die Integration einer Luftungsanlage ist selbst in einem Fachwerkhaus mit geringer Geschosshohe genauso gut möglich wie bei jeder anderen Sanierung auch. Damit kann ein Denkmal überdurchschnittlich gute Raumluftqualitat und Schutz der Substanz erreichen.

FAZIT

Zahlreiche weiche und harte Faktoren deuten darauf hin, dass langlebige Denkmale auserst nachhaltige Gebäude sind. Die Vermutung liegt nahe, dass die Nachhaltigkeit mit dem Alter zunimmt. Trotz hoher Sanierungskosten ist es sinnvoll, diese Gebäude behutsam umzunutzen und zu sanieren, um ihren Lebenszyklus immer wieder zu verlangern. Eine Sanierung soll langfristig die Substanz sichern und gleichzeitig einen Mindestkomfort bieten, um die Nutzung zu sichern. Der letzte Weltkrieg und die darauf folgende Vernachlassigung im Osten bzw. die Umsetzung einer „Moderne“ im Westen haben unzahlige Denkmale zerstort, und wenn man sie nachtraglich rekonstruiert, wird es noch sehr viel teurer.
Ein mit solchen Qualitaten ausgestattetes Denkmal sollte den zukünftigen Anforderungen an die Gebäudewende allemal genugen, denn bei der geringen Anzahl und dem überragenden Öffentlichen Interesse an diesen Gebäuden ist es umweltpolitisch sinnvoll und möglich, diese Oldtimer von der angestrebten Klimaneutralitat des Gebäudebestandes auszuklammern.

STEFAN OEHLER
hat sich als Ingenieur und Architekt auf das solare, energieeffiziente und umweltfreundliche Bauen und Sanieren spezialisiert. 1996 baute er das erste freistehende Passiv haus in Europa, 2002 das bis dato größte Passivbürogebäude in Ulm. Von 2011 bis 2018 leitete er den Bereich GreenTech im Ingenieurbüro Werner Sobek Frankfürt und war Dozent an der Frankfürt University of Applied Sciences. 2017 erschien sein Fachbuch „Emissionsfreie Gebäude“. www.archkom.de