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Wo die Milch noch aus dem Euter fließt


ÖKO-TEST Kompakt Kinder & Eltern - epaper ⋅ Ausgabe 13/2008 vom 08.12.2008

Milch kommt von der Kuh, Brot wird aus Getreide gebacken, Äpfel wachsen auf dem Baum und Kartoffeln unter der Erde – alles klar? Kinder wissen so etwas heute längst nicht immer. Auf dem Schulbauernhof lernen sie es mit allen Sinnen – ein guter Start in ein geschmackvolles Genießerleben.


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Alle Fotos: Oliver Heimann, Fotostudio-Giessen.de

Lars kann gar nicht genug bekommen von der euterwarmen Milch. Laut schmatzend saugt er an der Gummizitze des Nuckeleimers. Mia, Niklas und Felix staunen über den Appetit des Kalbes. „Gebt ihm ruhig noch mehr Milch, er muss noch wachsen“, ruft ihnen Goetz Hoffmann vom ...

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Lars kann gar nicht genug bekommen von der euterwarmen Milch. Laut schmatzend saugt er an der Gummizitze des Nuckeleimers. Mia, Niklas und Felix staunen über den Appetit des Kalbes. „Gebt ihm ruhig noch mehr Milch, er muss noch wachsen“, ruft ihnen Goetz Hoffmann vom Nachbarstall zu. Dort stehen die Milchkühe.

Der Bauer hat heute Morgen viele kleine Helfer im Kuhstall. Die Tiere sind das gewöhnt, der Tannenhof im hessischen Allendorf-Lumda ist ein Schulbauernhof und gehört zur Bundesarbeitsgemeinschaft Lernort Bauernhof Auf Schulbauernhöfen lernen Kinder bei mehrstündigen Hofführungen oder bis zu zweiwöchigen Aufenthalten, welche Arbeiten auf einem Bauernhof anfallen. Sie erleben, wo und wie Lebensmittel entstehen und wie sie schmecken. Im Zeitalter von McDonalds, Pizza Hut oder Burger King ist dieses Wissen keine Selbstverständlichkeit, wie die Ernährungswissenschaftlerin Angelika Meyer-Ploeger betont.

„Den abwechslungsreichen Einkauf auf dem Wochenmarkt mit seinen frischen, regionalen und saisonalen Produkten oder das Ernten von Obst und Gemüse im eigenen Garten kennen viele Kinder nur noch von Erzählungen der Großeltern“, sagt die Professorin an der Universität Kassel-Witzenhausen.

Um das alles mit eigenen Augen zu sehen und zu erleben, gehen 18 Abc-Schützen von der Salzbödetal-Schule im hessischen Lollar-Salzböden Bauer Hoffmann drei Tage lang zur Hand. Seit Jahren schon besuchen die Lehrer dieser Grundschule mit ihren Schützlingen den Tannenhof – wie viele andere Schulen auch.

„Wir haben vor Mitte 2009 keine freien Termine mehr“, erzählt Goetz Hoffmann.

Gewöhnlich kommen Kinder im Alter zwischen acht und elf Jahre auf den Tannenhof. Die Kinder der Salzbödetal-Schule gehören zu den jüngsten Gästen, sie sind zwischen sechs und acht und gehen alle in eine Klasse. Das gehört zum altersgemischten Konzept dieser Grundschule.

So wird gemolken

So richtig wach wirken die Mädchen und Jungen in der Melkgruppe um 6.30 Uhr noch nicht. Still stehen die Knirpse mit ihren bunten Gummistiefeln im Stroh und betrachten die Kühe, die am Heu kauen. Dass Heu getrocknetes Gras ist, haben sie gestern schon gelernt. Nach dem aufregenden Tag musste Lehrerin Sandra Becker ihre Schützlinge heute Morgen aus dem Tiefschlaf wecken. So früh stehen sie zu Hause normalerweise nicht auf. Doch auf dem Bauernhof herrscht jetzt Hochbetrieb – die Kühe und Schweine haben Hunger, die Kühe müssen gemolken werden.

Unterricht im Stall: Bauer Goetz Hoffmann erklärt den Kindern, wie gemolken wird. Danach dürfen die Kids selber Hand anlegen.


Gerade erklärt Bauer Hoffmann, wie das geht. „Kinder, macht mal wie ich mit zwei Fingern einer Hand ein O!“ Fünf Hände recken sich brav nach oben. „An einer Zitze dürft ihr niemals ziehen!“, erklärt Bauer Hoffmann weiter. Er zeigt, wie man den zum O geformten Ring oben um die Zitze legt und wie sich die Finger auf und ab bewegen müssen, damit so ein schöner Milchstrahl wie gerade eben in den Eimer spritzt.

Die zarte Nele ist als Erstes dran. Sie reicht der großen Kuh gerade mal bis zum Bauch. Nele soll sich dem Tier ruhig nähern, es kurz streicheln, damit sie merkt, dass jemand da ist und erst dann mit dem Melken beginnen. Alexander hält derweil den Kuhschwanz fest, so kann das Tier nicht mehr damit wedeln und Nele treffen. Milchkuh Anna rührt sich nicht und frisst gemächlich weiter, während sich Nele am Melken versucht.

Ran ans Futter: Mit der Mistgabel wird Heu in die Schubkarre geschaufelt und an die Tiere auf dem Tannenhof verfüttert.


Pommes wachsen nicht auf Bäumen

„Etwa zwei Jahre braucht eine Kuh, bis sie sich geduldig und ruhig gegenüber den Kindern verhält“, weiß Bauer Hoffmann. Er hat seinen Hof vor acht Jahren zum Schulbauernhof umgebaut. Seitdem leben er und seine Familie bis auf etwa zwei Monate im Jahr immer mit einer Horde Kindern auf dem Hof. Immerhin kann der diplomierte Agraringenieur jetzt Vollzeitbauer sein, vorher warf der Hof nicht genug zum Leben ab. Gewöhnlich bleiben die Gruppen eine Woche, die angefüllt ist mit den verschiedensten Arbeiten. Auf dem Tannenhof müssen viele Tiere versorgt werden. Neben den Milchkühen und Kälbern leben hier Muttersauen und Ferkel, Schafe, rund 30 Hühner und ihre Küken, Kaninchen und einige Katzen. In Frühjahr, Sommer und Herbst geht es außerdem raus aufs Feld zum Säen, Jäten, Unkraut rupfen und Ernten. Rund um den Hof, der biologisch bewirtschaftet wird, liegen fünf Hektar Wiesen und neun Hektar Ackerland, dazu gibt es einen großen Garten hinter dem Haus.

Dass Pommes nicht auf Bäumen wachsen, hat die Gruppe schon erfahren. Sie haben die Kartoffelernte miterlebt. Von diesen Knollen bekommen auch die Tiere etwas ab, das erledigen die Kinder der Stallgruppe, die sich heute Morgen um die Schweine kümmern. Hofhelfer Sebastian holt mit einer Schippe dampfende Kartoffeln aus dem überdimensionalen Blechtopf. „Wer will probieren?“, fragt er in die Runde. Tobias und Jakob greifen zu. Die Schweine bekommen zwar nur die zu klein geratenen Kartoffeln, aber die schmecken auch lecker, finden die beiden Jungs. In den Futtereimer mit den gekochten Erdäpfeln gibt Sebastian noch frische Milch und gemahlenes Getreide – alles Dinge, die auch Menschen essen.

Die Ferkel schreien infernalisch

Kaum schleppen die Kinder die Eimer in den noch halbdunklen Schweinestall, bricht auch schon die Hölle los. Sau Paula und die sechs halbwüchsigen Ferkel schreien infernalisch in den schrillsten Tönen, ein Futterreflex. Sebastian hilft rasch beim Füllen der Tröge, laut schmatzend und grunzend machen sich die Schweine über das Futter her. „Bei der Ankunft haben die Kinder noch gesagt, dass die Schweine stinken“, erzählt Lehrerin Sandra Becker. Inzwischen stört der Geruch niemanden mehr. Auch Alex und Julian ist es egal, dass sie im Mist herumlaufen. Sie gabeln schmutziges Stroh in die Schubkarre und fahren den Inhalt auf den Misthaufen.

Warum geben Kühe Milch? „Weil sie ihre Kälber damit ernähren“, erklärt Bauer Hoffmann.


Für die Mädchen ist die kleine Katze die Attraktion. Sie umringen das weiß-schwarz-gefleckte Jungtier, das zwischen den Strohballen mit einer kleinen Maus spielt. „Die Mutter hat die Maus gefangen und sie ihrem Kätzchen gebracht, damit es das Jagen lernt“, erklärt Hoffmann. Die Kinder werden später sehen, wie die Katze die Maus frisst – auch das ist Anschauungsunterricht auf einem Bauernhof. Genauso wie kürzlich, als Bauer Hoffmann zwei Kühe auf den Lkw verladen hat, Endstation Schlachthof. „Das war schlimm, einige Kinder haben geweint – aber das hilft ja nichts, das Schlachten gehört dazu, wenn man Fleisch essen möchte“, sagt er.

Schließlich gibt es für die fleißigen Helfer noch eine kleine Unterrichtseinheit von Bauer Hoffmann. „Warum geben Kühe Milch?“ will er wissen. So richtig fällt niemand etwas dazu ein, die Kinder schauen ihn ratlos an. „Weil Kühe Milch trinken?“, meint Mia nach einer Weile. Eine gute Idee, findet Bauer Hoffmann, aber warum dann noch Kühe melken? Er zeigt auf das Kalb in seiner Box, „denkt mal daran, wie ihr vorhin den kleinen Lars gefüttert habt, was hat er getrunken?“, fragt er. Jakob fängt an zu strahlen. „Der Lars braucht Milch“, sagt er stolz. Bauer Hoffmann ist zufrieden: „Richtig erkannt, Kühe geben Milch, weil sie ihre Kälber damit ernähren.“ Bevor es jetzt gleich zum Frühstück geht, wird die Herde Rindviecher noch auf die Weide getrieben. Die Kinder lernen: Erst wenn die Tiere versorgt sind, sind die Menschen dran.

Küchendienst: Eine Hälfte der Klasse muss das Essen für alle vorbereiten.


Niemand will Chips und Limo

Im Haus hat die andere Hälfte der Klasse Küchendienst und das Frühstück fast fertig vorbereitet. Das Küchenteam schnippelt hochkonzentriert Bananen und Äpfel klein, dann werden noch Flocken aus ganzen Haferkörnern gequetscht. Dazu dreht Julian die Kurbel einer kleinen Mühle, in die Schüssel fallen kleine Haferflocken. Der Hafer wächst auf einem Acker vom Tannenhof.

Hochkonzentriertes Küchenteam: Mahlen, schnibbeln, backen – es gibt viel zu tun.


Auf den gedeckten Tischen stehen Brotkörbe, gefüllt mit dunklem Sauerteigbrot. Das hat die Schulklasse, die Anfang der Woche da war, noch gebacken. Das Getreide fürs das Mehl haben sie mühevoll mit der Hand durch eine Mühle gedreht. „Die Kinder sind stolz, wenn sie das Mehl aus eigener Kraft mahlen können“, erzählt Bauer Hoffmann.

Vieles, was die Kinder essen, kommt vom hiesigen Hof. Die Milch für den Kakao haben die Kühe gegeben. Aus ihr haben die Kinder Butter und auch den runden Käse gemacht. Beim Frühstück langen alle mit Appetit zu – Arbeit auf dem Bauernhof macht hungrig. Rebecca füllt sich die Müslischüssel zum zweiten Mal, Tobias bekundet lauthals, dass er sich zum dritten Mal Obst nachholt. Keiner sagt: „Igitt, das esse ich nicht.“ Nur Sabrina puhlt die Sonnenblumenkerne aus dem Brot. Lehrerin Sandra Becker ist überrascht: Einige Tüten Cracker und Chips sowie ein paar Softgetränke, die die Kinder mitgebracht haben, stehen seit gestern unbeachtet auf dem Tisch hinten in der Ecke, „dabei darf jeder zugreifen“, sagt sie.

Jetzt wird Käse gemacht

Nach einer kurzen Auszeit, die die Kinder zum Toben im Stroh nutzen, steht Käsemachen an. Zuerst müssen sich alle gründlich die Hände waschen und eine Mütze aufsetzen, denn fürs Käsemachen müssen alle blitzsauber sein. Bauer Hoffmann hat gemeinsam mit einigen Kindern vor dem Frühstück Buttermilch und Kälberlab in den großen Topf mit der frisch gemolkenen, warmen Milch gerührt. Was diese Zusätze mit der Milch gemacht haben, bleibt zunächst ein Geheimnis, ein Deckel verschließt den großen Topf. Nach einem Exkurs zur Verdauung und der Aufgabe von Magensäften hebt Bauer Hoffmann den Deckel vom Topf und sticht mit einem langen Messer in die Milch. Dick wie Pudding ist die Masse geworden.

Ein Kind nach dem anderen darf jetzt die Käsemasse mit dem Käsemesser schneiden. „Was ist das denn?“, fragt Le na und zeigt auf die gelbe Brühe, die sich in der weißen Masse absetzt. „Das ist Molke“, erklärt Hoffmann, „die müssen wir von dem Käse trennen.“ Dazu hebt er die brockige Milchmasse nach und nach auf ein Tuch in einem Küchensieb. Die Molke strömt ins Waschbecken. „Jetzt wird davon probiert“, sagt Hoffmann und drückt jedem der Kinder einen Becher mit etwas Molke in die Hand. Die meisten schauen etwas ungläubig, „Gar nicht so schlimm, das schmeckt ja fast wie Milch“, findet Sabrina.