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Wochen im Bett


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ÖKO-TEST Spezial Kinder & Familie - epaper ⋅ Ausgabe 4/2022 vom 07.04.2022

Wochenbett

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Diese Liebe, diese ungeheuer machtvolle Liebe. Und: diese Sorge, diese allumfassende Sorge. Imke Peters erinnert sich noch genau an den Gefühlssturm, den sie nach der Geburt ihres ersten Kindes erlebte. „Ich war so glücklich – und gleichzeitig so überfordert.“ Da war ein neues Menschenleben – und sie allein dafür verantwortlich.

Kurz vor der Geburt hat ihr Mann erzählt, dass er schon wenige Tage nach der Geburt für zwei Wochen beruflich in die USA reisen muss. „Allein, mit einem neugeborenen Kind – das konnte ich mir nicht vorstellen.“ Sie erinnerte sich daran, dass die Hebamme, die ihren Geburtsvorbereitungskurs leitete, von einer Frau erzählt hat, die frischgebackene Mütter bekocht. „Brauch’ ich nicht, das schaff ich allein“, dachte Imke Peters damals. Die Nummer notierte sie sich dennoch. Und war nun dankbar dafür. „Mir wurde klar, dass ich das nie und nimmer alleine schaffen kann.“ ...

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... Ihre Familie wohnte nicht in der Stadt, viele Freundinnen waren ebenfalls schwanger – oder hatten gerade ein Kind bekommen. „Mir wurde bewusst, dass ich nicht viel Unterstützung haben werde nach der Geburt.“ Kurz nach der Ankündigung ihres Mannes rief sie die Nummer an. „Es war die beste Entscheidung überhaupt.“

Einfach da sein für andere Mütter

Erika kam einmal in der Woche. Kochte frisch und fror gleich noch ein paar Portionen ein. „Mehr noch als das Kochen genoss ich die Gesellschaft, die Gespräche.“ Als sich nur acht Monate später Kind Nummer zwei ankündigte, rief sie sofort wieder an. „Irgendwann habe ich ihr dann erzählt, dass ich sie mal beerben werde, dass ich das, was sie für mich tut, auch für andere Mütter machen will.“ Heute macht Imke Peters genau das. Sie ist Mütterpflegerin. „Ich war überzeugt davon, dass ich mit diesem Gefühl der Überforderung nicht alleine bin, dass es auch anderen Frauen so geht – und für sie wollte ich da sein.“

Das Wochenbett ist eine Zeit der Umstellung, einer extremen Umstellung. Ein neues Menschenleben kommt auf die Welt. Aus einer Frau wird eine Mutter, aus einem Paar eine Familie. Die Geburt ist eine enorme körperliche Anstrengung. Auch dann, wenn alles reibungslos verläuft. Und erst recht, wenn es Komplikationen gibt. Jetzt stellt sich der Körper um. Die Gebärmutter bildet sich zurück, der Milcheinschuss kommt – und diese Veränderungen bringen oft auch Hormonschwankungen und ein großes Gefühlschaos mit sich. Das alles braucht: Zeit. Zeit und Ruhe. Dennoch scheint es noch immer als erstrebenswert zu gelten, diese Umstellung möglichst schnell zu bewältigen. Möglichst schnell wieder im „Vorher“ zu landen, mit einem Pre-Baby-Body und einem perfekt geführten Haushalt.

„Der Sinn und die Bedeutung des Wochenbetts finden in unserer Gesellschaft immer noch zu wenig Beachtung“, sagt Ulrike von Haldenwang vom Deutschen Hebammenverband. Sie selbst ist seit 1984 als Hebamme tätig. „Damals war es noch vollkommen üblich, dass die Männer nach drei Tagen zurück zur Arbeit gingen. Der Haushalt blieb an den Frauen hängen.“ Es hat sich einiges getan seitdem. „Aber noch lange nicht genug.“ Vor allem eines ist ihr wichtig: „Es heißt nicht umsonst Wochenbett. Das Leben von Mutter und Kind sollte sich tatsächlich vorwiegend im Bett abspielen. Und am besten, der Rest der Familie gesellt sich, so oft es geht, dazu.“ Das heißt natürlich nicht, dass die Mutter nun wochenlang nicht aufstehen soll. „Das darf sie natürlich, wenn ihr danach ist. Aber sie muss nicht, wenn sie nicht will.“

„Ich war überzeugt davon, dass ich mit diesem Gefühl der Überforderung nicht alleine bin.“

Imke Peters Mütterpflegerin

Vor allem in den ersten zehn Tagen sollte das Bett – oder die Couch – das Zentrum des Familienlebens sein. „Diese Zeit nennen wir das frühe Wochenbett“, erklärt von Haldenwang. „Hier ist Ruhe wirklich essenziell. Geburtswunden brauchen Zeit, um zu heilen. Viele Mütter sind auch überrascht, dass Nachwehen durchaus schmerzhaft sein können.“ Die Gebärmutter beginnt, sich zurückzubilden. Vier bis sechs Wochen kann der Wochenfluss andauern, bis die Rückbildung abgeschlossen ist. Gleichzeitig beginnt der Körper, Milch zu bilden. Zwischen dem zweiten und fünften Tag kommt es zum Milcheinschuss. Auch diesen empfinden einige Mütter als unangenehm, manchmal auch als schmerzhaft.

Anfängliche Stillprobleme

„Stillen ist eine sehr innige – und sehr sensible Angelegenheit. Das funktioniert oft nicht von Anfang an reibungslos“, sagt von Haldenwang. Die Mamillen, die Brustwarzen, werden sehr beansprucht, sind anfangs oft gereizt und können sich entzünden. Die Brüste spannen, das Kind trinkt nicht richtig. Doch die Hebamme macht Mut: „Fast jede Mutter kann stillen. Es gibt wenige Gründe, die tatsächlich dagegen sprechen, und nach ein paar Startschwierigkeiten klappt es bei den meisten.“ Wichtig sind auch hier: Zeit und Ruhe. Je entspannter die Atmosphäre, desto schneller spielt sich die Stillbeziehung meist ein. „Viel Körpernähe, am besten schon direkt nach der Geburt, ist für das Stillen sehr förderlich.“ Bei Problemen sollten Eltern jedoch nicht zu lange warten, denn dauerhafte Schmerzen sind nicht normal. „Wer sich beim Stillen quält, braucht Hilfe – und sollte sich auch nicht scheuen, sich diese zu holen.“ Etwa bei einer Hebamme oder einer Stillberaterin.

Heilen, Rückbilden, Stillen, Bonding. Kuscheln, so viel es geht. Schlafen, wann immer es geht. Es klingt nicht nach viel. Doch es ist ein Vollzeitjob. Ein enorm wichtiger und einer, der viel Kraft kostet. „Diese ersten zehn Tage verbrauchen sehr viele Ressourcen“, sagt Hebamme von Haldenwang. „Da ist für den Alltag eigentlich nichts mehr übrig.“ Einkaufen, kochen, putzen, waschen: All das sollte in dieser Zeit jemand anderes übernehmen. „Wenn der Partner, die Partnerin das übernehmen kann, ist das schon mal gut. Noch besser, wenn man einzelne Aufgaben komplett abgeben kann.“ Denn auch für den Rest der Familie ist diese Zeit eine große Umstellung. „Ein ganzes Dorf“ hat Imke Peters ihren Service als Mütterpflegerin genannt. Weil genau das eine Familie im Wochenbett braucht: viele liebe Menschen, die den Alltag aus der Wochenbettblase heraushalten. „Das muss natürlich keine Mütterpflegerin sein“, sagt sie. „Ich freue mich selbst am meisten, wenn eine Familie mich nicht braucht – weil Verwandte oder Freunde sich kümmern.“ Die Oma, die den Einkauf erledigt, der Opa, der mal den Kinderwagen – ganz ohne die Eltern – um den Block schiebt. Der Onkel, der das Geschwisterkind bespaßt, die Freundin, die statt der zehnten Babyrassel einen Nudelauflauf mitbringt. Und Kaffee machen sich sowieso alle selbst.

Wenn Besuch, dann stressfrei

Wie viel Besuch die Familie empfangen will, ist individuell. Manche genießen den Trubel, wollen den Nachwuchs unbedingt gleich der ganzen Familie vorstellen, andere igeln sich ein und bleiben lieber erst mal für sich. „Das ist wirklich sehr unterschiedlich. Wichtig ist nur, dass das Paar vorher genau abspricht, was es will – und dies dann auch der Verwandtschaft gegenüber klar kommuniziert“, sagt von Haldenwang.

„Es ist ganz oft so, dass bei meinem ersten Besuch nach der Geburt des Kindes alles tipptopp ist. Die Mutter frisch geduscht und angezogen, das Baby frisch gewickelt und fleckenfrei, die Wohnung aufgeräumt“, erzählt Imke Peters. „Das legt sich dann recht schnell.“ Sie lacht. Nach ein paar Tagen öffnet die Mutter im Bademantel, in der Küche stapelt sich das Geschirr, im Wohnzimmer die Wäsche. „Das freut mich dann immer sehr. Für mich muss sich niemand verstellen – und so sehe ich gleich, wo ich mit anpacken muss.“ Und genauso sollten die Eltern es bei jedem Besuch machen. „Besuch sollte keinen zusätzlichen Stress bedeuten – sondern, im Gegenteil, Stress rausnehmen und den Eltern Zeit mitbringen“, sagt Hebamme von Haldenwang.

Sechs Wochen bis drei Monate dauert das Wochenbett. „Wie sich die Mütter nach den ersten zehn Tagen fühlen, ist sehr unterschiedlich“, sagt von Haldenwang. Doch oft sei es so, dass die Frauen ihre Kräfte überschätzen. Zu früh zu viel wollen. Denn neben der großen körperlichen Veränderung, ist es auch psychisch eine enorm herausfordernde Zeit. Das fängt schon mit der Geburt selbst an. „Das ist so ein gewaltiges und machtvolles Erlebnis. Es braucht Zeit, das zu verarbeiten – und zwar völlig unabhängig davon, ob es als gutes oder schlechtes Erlebnis empfunden wird.“

Rund um die Rückbildung der Gebärmutter und den Milcheinschuss wird der Hormoncocktail im weiblichen Körper ganz neu gemixt. Prolaktin und Oxytocin regen die Milchbildung an, die Plazenta fehlt, und mit ihr ziehen sich die Schwangerschaftshormone Östrogen und Progesteron zurück. Das kann für ziemliche Gefühlsschwankungen sorgen. „Hinzu kommt diese große Verantwortung für einen anderen Menschen. Es gibt da oft ein ‚Zuviel‘ an Gefühlen“, erklärt von Haldenwang. Zu viel Liebe, zu viel Sorge. Viele Frauen sind davon völlig erschlagen. Sie weinen. Aus Freude, aus Angst, aus Glück, aus Überforderung. Der „Babyblues“ trifft mehr als die Hälfte aller Mütter. Er taucht meist in der ersten Woche nach der Geburt auf, dauert ein paar Stunden oder Tage und geht wieder. Wie ein Regenschauer. Und so ein Regenschauer ist natürlich erst mal völlig normal – und kann auch durchaus gut tun. Hilfe sollte sich die Familie dann suchen, wenn der Regen nicht aufhört. 

„Wichtig ist, dass im Wochenbett alle Gefühle ihren Raum bekommen. Die guten und die schlechten. Wer mit dem Partner, der Partnerin oder auch der Hebamme offen darüber reden kann, was gerade nicht so gut läuft, was traurig macht oder schlicht überfordert – der hat schon viel gewonnen“, sagt Hebamme von Haldenwang. Denn dass nicht alles von Anfang an rundläuft, ist völlig normal. Perfektionismus ist im Wochenbett fehl am Platz. Und manchmal braucht es auch seine Zeit, bis Mütter und Väter eine Bindung zu ihrem Kind auf bauen. Umso wichtiger ist es, dass sie diese Zeit haben – und sich nehmen.

Die Mütter bemuttern

Eine Mütterpflegerin wie Imke Peters kann eine wertvolle Ergänzung zur Hebamme sein – gerade wenn die Verwandtschaft oder der Freundeskreis die Rolle des Dorfes nicht übernehmen kann. In den vergangenen Jahren hat sich dabei in Deutschland einiges getan, immer mehr Stellen bieten Ausbildungen an – wie die Gesellschaft für Geburtsvorbereitung (GfG), bei der auch Peters ihre Weiterbildung gemacht hat. Eine Mütterpflegerin übernimmt keine medizinischen Leistungen, darf sie auch gar nicht. Ihre Aufgabe sieht Imke Peters darin, die Mütter zu betüddeln. „Ich bemutter’ quasi die Mütter“, sagt sie und lacht. Sie nimmt ihnen so viel Alltag ab wie möglich. Die Krankenkassen übernehmen die Kosten dafür, wenn eine Haushaltshilfe genehmigt wird. Diese steht Versicherten zu, wenn ihnen die Führung des Haushalts nicht weiter möglich ist – und das auch keine andere Person übernehmen kann, etwa der Partner in Elternzeit. Diesen Bedarf kann ein Arzt, eine Ärztin oder die Hebamme bescheinigen. Die Nachfrage ist riesig, berichtet Imke Peters, gerade auch während der Pandemie. Manche Frauen fragen auch ohne Rezept bei ihr an. Ein Luxus, den sich allerdings nur wenige leisten können. „Das ist schon traurig. In anderen Ländern wie den Niederlanden wird das viel mehr anerkannt, wie wichtig diese Wochenbettzeit ist und dass Frauen in dieser Zeit selbstverständlich Unterstützung brauchen – und verdient haben.“

„Habt Geduld mit euch, erwartet nicht zu viel. Ihr habt so viel geleistet, ihr habt es verdient, im Wochenbett verwöhnt zu werden.“

Ulrike von Haldenwang

Auch Ulrike von Haldenwang hofft, dass sich der Stellenwert des Wochenbetts in der Gesellschaft weiter verbessert. Dass die Ampelkoalition einen bezahlten Urlaub für den Partner oder die Partnerin nach der Geburt einführen will, ist für Haldenwang ein Schritt in die richtige Richtung. Doch gerade auch angesichts des Hebammenmangels müssten für sie noch viele weitere Schritte folgen. Solange appelliert die Hebamme an die Mütter: „Habt Geduld mit euch, erwartet nicht zu viel. Ihr habt so viel geleistet, ihr habt es verdient, im Wochenbett verwöhnt zu werden.“

Einen Tipp hat die Hebamme noch an das Umfeld von frischgebackenen Eltern: „Haltet euch mit Ratschlägen zurück! Ich finde ja das Wort ‚schlagen‘ darin sehr bezeichnend. Jede Mutter, jede Familie hat ihren eigenen Weg, und den gilt es zu respektieren.“