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„WOLLT IHR DEN TOTALEN KRIEG“?


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Clausewitz Jahrbuch - epaper ⋅ Ausgabe 2/2022 vom 03.09.2022
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IM ABWEHRKAMPF: Mehrere deutsche Sturmgeschütze (StuG III) fahren durch die ukrainische Stadt Shitomir. Rechts am Straßenrand steht ein SdKfz 10/5 mit einer aufgesetzten leichten Flak 38. Auch die verbesserte materielle Ausstattung half der Wehrmacht nicht, die Rote Armee aufzuhalten

Der 30. Januar 1943 war der zehnte Jahrestag der „Machtübergabe“ an Adolf Hitler. Doch was ein Tag unbeschreiblichen Jubels und neuer Meldungen über große Erfolge sein sollte, erwies sich bei näherem Hinsehen als ein Tag der Hiobsbotschaften. Die Niederlage der bei Stalingrad eingeschlossenen 6. Armee war nur noch eine Frage von Stunden. Symbolträchtig ernannte Hitler deren Oberbefehlshaber, Generaloberst Friedrich Paulus, an diesem Tag zum Generalfeldmarschall. Die Hoffnung, damit entweder den Widerstand in letzter Minute noch einmal zu stärken oder aber Paulus den Selbstmord vor dem Feind nahezulegen, erfüllte sich nicht. Bereits am Folgetag ergab sich Paulus mit seinen Soldaten. Hitlers geplante große Rede anlässlich des 10. Jahrestages fiel aus. An seiner Stelle sprach sein Stellvertreter, Reichsmarschall Hermann Göring. Doch bevor diese Rede stattfinden konnte, griff die Royal Air Force, die ...

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... Wind davon bekommen hatte, das Stadtzentrum von Berlin an, um den Willen der Alliierten zum Sieg zu unterstreichen.

„Wollt ihr den totalen Krieg?”

Am 18. Februar 1943 trat Joseph Goebbels, seit 1933 Reichsminister für Propaganda und Volksaufklärung, vor die Mikrofone und Kameras. Angesichts zahlreicher Niederlagen und der Berichte über die zunehmend fatalistische Stimmung in der Bevölkerung wollte er trotzig Mut machen. Seine zweistündige Rede vor ausgewählten Parteifunktionären, in der er einmal mehr im NS-Jargon die vermeintliche Bedrohung für das „Abendland“ durch „Bolschewismus“ und „jüdischen Terror“ beschwor, um den Vernichtungskrieg im Osten zu rechtfertigen, gipfelte in der rhetorischen Frage: „Wollt Ihr den totalen Krieg? Wollt ihr ihn, wenn nötig, totaler und radikaler, als wir ihn uns heute überhaupt noch vorstellen können?“ „Vieltausendstimmige Sprechchöre“, so das Protokoll, antworteten darauf: „Führer befiehl, wir folgen!“ Von Kapitulation konnte angesichts dieser Zustimmung keine Rede sein. Dass ein Teil der Bevölkerung inzwischen anders dachte, spielte keine Rolle.

Nach den Rückschlägen vor Moskau im Dezember 1941 und den anschließenden Rückzügen hatte es anfänglich so ausgesehen, als wenn das NS-Regime den Krieg im Osten, aber auch an anderen Fronten in einem zweiten Anlauf doch noch gewinnen könnte: Im Sommer war die Wehrmacht im Süden Russlands vorgestoßen, Gebirgsjäger hatten sogar die Reichskriegsflagge auf dem Elbrus im Kaukasus gehisst. Bei Stalingrad war die Wolga erreicht, bei Charkow war es gelungen, der Roten Armee eine schwere Niederlage zuzufügen, und auch Sewastopol war endlich in deutscher Hand.

In Nordafrika hatte Generaloberst Erwin Rommel die britische Armee bis an die ägyptische Grenze zurückgedrängt, bei Dieppe die Wehrmacht einen britischen Landungsversuch zurückgeschlagen. Die Kriegsmarine hatte mit ihren U-Booten große Erfolge im Zufuhrkrieg zu verzeichnen gehabt.

Aber, so ein altes Sprichwort: wie gewonnen, so zerronnen – die großen Offensiven im Osten waren am Jahresende völlig gescheitert. Aus dem Kaukasus hatte sich die Wehrmacht eiligst zurückziehen müssen, um zu verhindern, dass die Rote Armee sie dort einkesselt. Bei Stalingrad war dies nicht geglückt. Hartnäckige Haltebefehle mündeten schließlich in die Katastrophe der 6. Armee vom Januar 1943. Erstmals hatten die Wehrmacht und ihre Verbündeten in einer Schlacht Verluste in Höhe von über einer Million zu beklagen; 108.000 Wehrmachtssoldaten gingen zugleich in sowjetische Gefangenschaft, nur wenige kehrten später zurück. In den beiden Jahren zuvor war es noch umgekehrt gewesen.

Doch auch in Nordafrika hatte sich das Blatt gewendet. Auf Rommels Siege folgten nun schwere Niederlagen. Mitte November hatte das Afrikakorps die Schlacht bei El Alamein verloren und flüchtete seitdem nach Westen. An der afrikanischen West- und Nordküste landeten im Rahmen der Operation „Torch“ zugleich amerikanische und britische respektive Commonwealth-Truppen sowie Einheiten des Freien Frankreichs. Diese sollten das Afrikakorps von Norden und Westen in die Zange nehmen und vernichten, um dann von Süden über Sizilien die Front in Europa aufzurollen.

„Nur kleine Haken schlagen“

Die Katastrophen im Osten und bald auch in Nordafrika zwangen das NS-Regime zu neuen Entscheidungen. Große Offensiven erschienen kaum möglich. Dazu waren nicht nur die Verluste an Soldaten und Material zu ungeheuerlich gewesen. Auch die Operation „Torch“ hatte gezeigt, dass die Alliierten an verschiedenen Fronten zuschlagen konnten, ohne dass die Wehrmacht in der Lage war, dies zu verhindern.

Die strategische Defensive war die einzige Möglichkeit, die „Festung Europa“ zu verteidigen, wie es euphemistisch hieß. Am 18. Februar 1943, dem Tag von Goebbels Rede im Sportpalast, erklärte Hitler in einer Besprechung im Hauptquartier der Heeresgruppe Süd in der Ukraine, er könne „nur kleine Haken schlagen.“ Von großräumigen Rückzügen, um das eigene strategische Glacis zu sichern, wollte der Diktator nichts wissen. Vor allem das Donez-Becken mit seinen wertvollen Rohstoffen wollte er keineswegs aufgeben. Zum einen lagen dort die Rohstoffe für die eigene Rüstung für die „nächsten 500 Jahre“, wie er seinen Generalen erklärte. Zum anderen würde dessen Aufgabe Stalins Rüstung große Vorteile verschaffen.

Beschränkte Offensiven von rein operativer Bedeutung sollte es aber dennoch geben. Diese Ansätze waren dann auch die Geburts- stunde des Unternehmens „Zitadelle“ mit ihrem Schwerpunkt bei Kursk. Damit sollte die Wehrmacht deutlich machen, dass sie nicht bereit war, die Initiative aus der Hand zu geben – koste es, was es wolle. „Die besten Verbände, die besten Waffen, die besten Führer, große Munitionsmengen sind an den Schwerpunkten einzusetzen. Jeder Führer, jeder Mann muß von der entscheidenden Bedeutung dieses Angriffs durchdrungen sein. Der Sieg von Kursk muß für die Welt wie ein Fanal wirken“, hieß es in Hitlers Operationsbefehl vom 15. April 1943.

HINTERGRUND

DAS KAISERREICH JAPAN 1943

Am 18. April 1943 gerät im Rahmen der alliierten Operation „Vengeance” (Unternehmen „Rache”) ein Flugzeug über der Insel Bougainville in das Visier der Alliierten. An Bord ist kein Geringerer als Japans militärischer Chefstratege Isoroku Yamamoto. Der Abschuss des Admirals mit Todesfolge stellt den größten personellen Verlust Japans dar – nicht nur im Jahr 1943, sondern im gesamten Krieg. Operation Vengeance steht sinnbildlich für Japans Situation im Kriegsjahr 1943: Die alliierten Geheimdienste können inzwischen seit Monaten mühelos japanische Funksprüche mitlesen. Dieser Vorteil in der Aufklärungsarbeit hatte im Vorjahr auch zum Sieg der Amerikaner in der Schlacht bei den Midway-Inseln (4.–7. Juni 1942) geführt. Japan verlor vier seiner Flugzeugträger und mit diesen die besten Piloten des Landes. Als Folge von Midway büßte Japan die Initiative im Krieg ein. Das Reich ist nun in die Defensive gedrängt und sieht sich zunehmend dem militärischen Druck der Alliierten ausgesetzt. Wie wenig Japans Marine die Weiten des Pazifiks noch kontrollieren kann, zeigt sich beim Desaster in der Bismarcksee, als Anfang März 1943 australische und US-Luftstreitkräfte vier japanische Zerstörer und acht Truppentransporter mit Tausenden Soldaten an Bord versenken. Wie dieses Beispiel verdeutlicht, gelingt es Japan immer weniger, seine Besatzungsgebiete und Frontlinien – in diesem Fall Neuguinea – mit personellem Nachschub zu versorgen. Nachdem Kaiser Hirohito am 31. Dezember 1942 Japans Truppenrückzug und die Aufgabe Guadalcanals angeordnet hat, gelingt es den Amerikanern im ersten Halbjahr 1943, die monatelang hart umkämpfte Salomoneninsel vollständig einzunehmen. Der Seeweg zwischen den USA und Australien ist nun endgültig gesichert. Ende Oktober 1943 schätzt der Kaiser in einer offiziellen Verlautbarung die Lage Japans als „wirklich ernst“ ein. Mitte November landen knapp 20.000 US-Marineinfanteristen auf Tarawa und Makin in Mikronesien. Die Einnahme der Gilbert-Inseln ist der Auftakt der amerikanischen Strategie des „Inselspringens“, des sukzessiven Vorarbeitens von Insel zu Insel gen Japan. Diese Taktik prägt die letzten beiden Jahre des Pazifikkriegs und resultiert schließlich in der Kapitulation Japans im August 1945.

Dr. Takuma Melber

Menetekel des Zusammenbruchs

Noch einmal traten fast 800.000 Soldaten mit zirka 2.500 teils neuen Panzern der Typen „Panther“, „Tiger“ und „Ferdinand“ sowie über 7.400 Geschützen zur größten Landschlacht des Zweiten Weltkrieges an. Sie sollte eine „Wendung des Krieges“ zur Folge haben, wie es in Hitlers Tagesbefehl vom 4. Juli hieß. Trotz einiger Erfolge gegen die fast 1,9 Millionen Rotarmisten und deren zirka 5.000 Panzer sowie fast 31.500 Geschützen brach Hitler den Kampf nach zwei Wochen ab. Verantwortlich dafür war neben dem Scheitern der geplanten schnellen Einkesselung der sowjetischen Verbände, die den Angriff erwartet und sich dementsprechend vorbereitet hatten, eine Gegenoffensive der Roten Armee an der Brjansker Front gegen die 2. Panzerarmee. Diese drohte nach großen Einbrüchen in die deutschen Stellungen die 9. Armee einzuschließen.

Bei genauerem Hinsehen war das Scheitern bei Kursk jedoch ein „Menetekel für den sich abzeichnenden Zusammenbruch der Ostfront“ (Karl-Heinz Frieser). Nicht nur bei Brjansk, sondern auch in anderen Abschnitten trat die Rote Armee in der zweiten Jahreshälfte 1943 zum Gegenangriff an. Seit dem 22. Juli griff sie am Ladoga-See an, um Leningrad zu befreien. Nach hohen Verlusten auf beiden Seiten kam diese Offensive Ende August zwar vorerst zum Stehen. Lange konnte sich die deutschen Armeen dort nicht mehr halten. Aufgrund immer mehr Abgaben von Truppenteilen an andere bedrohte Frontabschnitte war die Leningrader Front kaum noch zu verteidigen. Anfang Januar 1944 brach sie beim erneuten Ansturm zusammen.

Verantwortlich für die schwierige Lage im Norden waren die Angriffe im Bereich der Heeresgruppen Mitte und Süd. In fast pausenlosen neuen Offensiven drückte die Rote Armee die Wehrmacht seit Mitte September an allen Abschnitten zurück: Smolensk, Brjansk und Orel, Charkow, Mariupol und die sogenannte Nogaische Steppe, also die Landverbindung zur Krim, sowie der Kuban-Brückenkopf gingen bis Ende des Jahres verloren.

In der „Panther“-Stellung, auch „Ostwall“ genannt, die von der Ostsee entlang Narva und Dnepr bis zu dessen Mündung am Schwarzen Meer lief, wollte die Wehrmacht die Rote Armee im kommenden Kriegsjahr aufhalten. Zu spät begonnen und nur schlecht ausgebaut, bot sie aber kaum Schutz. Beim ersten Ansturm noch im Winter 1943/44 brachen die sowjetischen Armeen an vielen Stellen ohne Probleme durch.

Diesen Angriffen hatte die Wehrmacht allein personell immer weniger Kräfte entgegenzusetzen. Seit „Zitadelle“ war die Ist-Stärke des Ostheeres um mehr als eine halbe Million auf nunmehr 2,6 Millionen Soldaten gefallen. Die monatlichen Verluste beliefen sich auf 150.000 Mann. Reserven waren kaum noch vorhanden. Die Rote Armee hingegen konnte nach Einschätzung der Abteilung Fremde Heere Ost auf ein unerschöpfliches Reservoir zurückgreifen. 6,6 Millionen standen an der Front; trotz Verlusten in Höhe von 900.000 Mann allein im Juli und August verfügte sie über eine Reserve von 2,5 Millionen Soldaten. Kaum weniger dramatisch stellte sich die materielle Lage dar. Hinsichtlich der Stärke an Panzern und Flugzeugen war die Sowjetunion dank eigener Produktion wie auch aufgrund von Lieferungen der Alliierten haushoch überlegen. Wie grotesk die Lage war, wird daran deutlich, dass es aufgrund des Mangels an Fahrzeugen an vielen Abschnitten zu einem Wettlauf zwischen deutschen Pferdefuhrwerken und sowjetischen Panzern kam. Viele deutsche „Panzerarmeen“ verdienten daher ihren Namen nicht. Goebbels Aufruf zum „Totalen Krieg“ und das Rüstungsprogramm des neuen Rüstungsministers Albert Speer hatten daran trotz des rücksichtlosen Einsatzes von „Fremdarbeitern“ und „Fremdarbeiterinnen“ wenig ändern können.

„Verbrannte Erde“

Die Rückzüge der Wehrmacht im Osten gingen einher mit einer gezielten Politik der „verbrannten Erde“. Bereits bei der „Büffelbewegung“, das heißt der Räumung des Frontvorsprungs bei Rzev und Vjaz’ma im März, hatte das Oberkommando befohlen, das Räumungsgebiet in eine „Wüstenzone“ zu verwandeln. Brunnen, Brücken, Unterkünfte wurden systematisch zerstört, das Gelände weitgehend vermint und die Ernten verbrannt. Ähnliches galt für den Orelbogen, den die Wehrmacht im Juli räumte. „Der Russe soll nichts als ein Trümmerfeld vorfinden“, berichtete ein junger Infanterist nach Hause. Zerstörungen gingen einher mit massenhaften Plünderungen. Hunderttausende wurden zwangsevakuiert oder zu Tross- und Schanzarbeiten im Frontbereich oder auch in den Rüstungsbetrieben im Reich gezwungen. Alte und Kranke, Frauen und Kinder hingegen überließ die Wehrmacht als „unnötige Esser“ sich selbst oder verschob sie „feind- und banditenwärts“ auf dem Gefechtsfeld. Widerstand wurde brutal durch Exekutionen gebrochen.

VOR 75 JAHREN

DAS ENDE DER SCHLACHT UM STALINGRAD

Niederlage in Nordafrika

Im Mai 1943 kapitulierten die Reste des Afrikakorps. Erbittert hatte dieses versucht, den Vormarsch der Alliierten aufzuhalten. Da diese die See- und Luftherrschaft errungen hatten, war es angesichts mangelnden Nachschubs nur eine Frage der Zeit, wann sie sich würden ergeben müssen. Ihr Oberbefehlshaber Generalfeldmarschall Erwin Rommel empfahl daher auch die rechtzeitige Räumung Afrikas – vergeblich. Mit falschen Angaben und einer darauf fußenden positiven Lageeinschätzung unterliefen Reichsmarschall Göring und Generalfeldmarschall Albert Kesselring seine Eingabe an Hitler. Trotz lokaler Erfolge folgte auf Stalingrad im Mai Tunisgrad: 150.000 deutsche und 125.000 italienische Soldaten gerieten, unbeachtet von der Öffentlichkeit, in alliierte Gefangenschaft. So bedeutsam diese Verluste waren: Viel entscheidender war, dass damit die Tür in den Südeingang der „Festung Europa“ offen war.

Nach dem Sieg in Nordafrika landeten alliierte Einheiten bereits im Juli im Rahmen der Operation „Husky“ auf Sizilien und kämpften sich von dort den Weg an die Meerenge von Messina frei, die sie Mitte August überquerten. Von nun an gab es eine neue Front in Süditalien, aber auch den ersten Abfall eines Verbündeten: Interne Gegner stürzten Ende Juli den Duce, Benito Mussolini, Hitlers Vorbild, und nahmen ihn gefangen. Anfang September unterzeichnete die neue italienische Regierung zunächst einen Waffenstillstand, wenige Tage später wechselte sie die Seiten. Der Blutzoll, den Italien für diesen, so die deutsche Lesart, „Verrat“ bezahlen musste, war gewaltig. SS und Wehrmacht ließen in den blutigen Rückzugskämpfen in Richtung Norden in den folgenden Monaten ihre Wut an den früheren Kameraden wie auch der Zivilbevölkerung in zahllosen Massakern aus. Den Verlust Süditaliens konnten sie damit nicht verhindern, zumal die Alliierten Mitte September bei Salerno gelandet und von dort aus weiter bis zur Gustav-Linie unterhalb des Monte Cassino vormarschiert waren.

Widerstand

Auch in den besetzten Gebieten regte sich zunehmend Widerstand. Am heftigsten waren die Kämpfe zwischen Wehrmacht und Partisanen auf dem Balkan – in Jugoslawien wie auch in Griechenland. So blutig die Besatzer gegen die Zivilbevölkerung vorgingen und wie bei Kalavryta in Griechenland im Dezember oder bei Borova in Albanien im Juli ganze Dörfer ausradierte, den Widerstand konnten sie nicht mehr brechen. Dies galt erst recht für Titos Partisanenarmee, die immer größere Gebiete beherrschte. Versuche, dessen Staat in mehreren Unternehmen zu zerschlagen, scheiterten im Frühjahr und Sommer 1943. Lokale Erfolge Ende des Jahres änderten daran wenig. Auch in Frankreich setzte der Maquis der Wehrmacht zu, von den sowjetischen Partisanen im Rücken der Wehrmacht, wie erwähnt, ganz zu schweigen.

Doch auch im Reich nahm der Widerstand zu. Am bekanntesten sind die Flugblattaktionen der „Weißen Rose“ seit 1942. Die Niederlage von Stalingrad wie auch die Kenntnis der ungeheuren Verbrechen im Osten waren für diese Anlass, ihre Aktionen zu steigern. Sie bezahlten dafür ebenso mit ihrem Leben wie viele andere, die aus politischen, ethischen oder religiösen Gründen Widerstand leisteten. Aber auch in der Wehrmacht, deren Führung trotz mancher Auseinandersetzungen loyal zu ihrem „Führer“ stand und dessen Politik auch öffentlich verteidigte, wuchs der Widerstand. Generalmajor Henning von Tresckow und Oberst Claus Schenk Graf Stauffenberg und das von ihnen gesponnene Netz stehen stellvertretend für zahlreiche andere Wehrmachtsangehörige, die Hitler mithilfe eines Attentats 1942/43 aus dem Weg räumen sollten. Dabei konnten sie sich auch auf Gleichgesinnte in der Zivilgesellschaft wie Julius Leber oder Carl Goerdeler stützen. Dass all deren Mut am Ende nicht reichte, um Krieg und Verbrechen zu beenden, gehört zu den bitteren Ereignissen des Jahres 1943.

Dabei wäre ein Ende des Krieges 1943 angesichts der zunehmenden Rückschläge nicht nur militärisch dringend geboten gewesen. Gleiches gilt für die furchtbaren Verbrechen. Die besetzten Gebiete wurden gnadenlos ausgeplündert, Millionen ins Reich verschleppt. Dort mussten sie Sklavenarbeit leisten, um den von Goebbels beschworenen totalen Krieg führen zu können. Hinzu kommen die willkürlichen Grausamkeiten an und hinter den Fronten sowie die Industrialisierung des Massenmords in den „Vernichtungslagern“. Systematisch ermordeten die Schergen des Regimes im Laufe des Jahres Millionen europäische Juden, Sinti und Roma sowie andere als „lebensunwert“ betrachtete Menschen in Auschwitz, Treblinka und Maidanek, nachdem sie sie ihrer Habe beraubt und, wie die griechischen Juden, oft Tausende Kilometer grausam in Viehwaggons herangekarrt hatten, um Opfer von Hitlers Rassenwahn zu werden.

Aporie des Krieges

Die letzten gescheiterten Vorstöße wie bei Kursk und die immer schwierigeren Abwehrkämpfe, die neue Front in Italien und der wachsende Widerstand allerorten, das Scheitern auf See und die Unfähigkeit, die Flächenbombardements zu verhindern, zeigten, dass 1943 die Aporie des Krieges begann. Goebbels Ausrufung des totalen Krieges konnte das furchtbare Ende nur hinauszögern, aber nicht verhindern. Die Forderung der Alliierten nach bedingungsloser Kapitulation, im Januar 1943 symbolträchtig in Casablanca formuliert, war politisch und militärisch nicht geschickt, da sie den Widerstand aus Angst vor den drastischen Folgen eher stärkte. Die Niederlage war angesichts der unerschöpflichen Ressourcen der Alliierten und ihrer Entschlossenheit, dem Regime ein Ende zu bereiten, seit 1943 dennoch unausweichlich. Dies gilt umso mehr, als der Krieg seit 1943 eine „Defensive ohne Strategie“ (Bernd Wegener) war. Daran änderte auch Hitlers Weisung Nummer 51 vom 3. November 1943 wenig, die in bemerkenswerter Weise den Schwerpunkt vom Osten in den Westen verlegte. Um dem daraus resultierenden Dilemma zu entkommen, flüchteten sich die Verantwortlichen in ideologische Wunschvorstellungen und propagandistische Vertröstungsfloskeln.

„Festung ohne Dach“

Doch nicht nur im Osten verschlechterte sich die Lage stetig. Gleiches galt für die Luftschlacht über dem Reich. Das Reich war seit den ersten Kriegstagen Ziel britischer Bomberverbände gewesen. Nach ersten Massenangriffen 1942 begannen die Bomber von Royal Air Force und U.S. Air Force 1943, bei Tag und Nacht Ziele im Reich, aber auch im besetzten Europa anzugreifen. „Morale bombing“ und die Zerstörung wichtiger Rüstungsstätten gingen dabei Hand in Hand. Ein Beispiel für diesen Feuersturm und die damit verbundenen Opfer ist die Zerstörung Hamburgs im Juli 1943. 30.000 starben allein dort. Aber auch Berlin und das Ruhrgebiet, Mannheim, Stuttgart, München, die Talsperren im Sauerland sowie das Raketenversuchsgelände in Peenemünde waren Ziele immer neuer Angriffe. Gleiches gilt für Mailand und La Spezia, St. Nazaire und Lorient. Da Luftwaffe und Flugabwehr dagegen nur wenig ausrichten konnten, war die vielbeschworene „Festung Europa“ seit 1943 sprichwörtlich eine „Festung ohne Dach“.