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Wundergärten – reiner Luxus


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Welt und Umwelt der Bibel - epaper ⋅ Ausgabe 4/2022 vom 21.10.2022
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Bildquelle: Welt und Umwelt der Bibel, Ausgabe 4/2022

3-D-?Rekonstruktion? der Hängenden Gärten, von Florent Pey, 2016.

Odysseus war, wie Homer in derOdysseeerzählt, auf seinen Irrfahrten zu den Phäaken verschlagen worden; dort hatte er Aufnahme bei König Alkinoos gefunden. Bevor er aber dessen Palast betrat, schaute er sich um und staunte über das prächtige Haus – und den dazugehörenden, umfriedeten, 4 Morgen (etwa anderthalb Hektar) großen und märchenhaft üppigen Garten:

... Aber Odysseus / nahte dem herrlichen Schloss des Alkinoos. Vieles erwog er, / stehen bleibend, bevor er zur ehernen Schwelle gelangte. / Denn genauso wie Strahlen der Sonne oder des Mondes / leuchtete blendend der hohe Palast des mutigen Königs. ... Jenseits des Hofs, vor dem Tore, erstreckte, vier Morgen bedeckend, / sich ein herrlicher Garten; / allseitig war er umfriedet. / Ragende Bäume standen darinnen, in üppigem Grünen, / Birnen, Granaten und Apfel, behangen mit prächtigen Früchten, / köstliche Feigen, dazu noch Oliven in prangender ...

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... Fülle. / Niemals gehen hier aus und niemals verderben hier Früchte, / Winter wie Sommer, das ganze Jahr; nein, immerfort schmeicheln / westliche Winde, lassen Früchte hier keimen, dort reifen. / Birne auf Birne gelangt zur Reife, Apfel auf Apfel, / Feige auf Feige, am Weinstock jedoch auch Traube auf Traube. ... Derart beschenkten das Haus des Alkinoos glänzend die Götter. / Immer noch stand der göttliche Dulder Odysseus und staunte, / als er nach Herzenslust den köstlichen Anblick genossen, / trat er über die Schwelle geschwind in das Innre des Hauses.(7,81ff., Übers. D. Ebener)

Immer etwas Besonderes

Für die Menschen der antiken Mittelmeerwelt und des Orients waren Gärten stets etwas Besonderes, zumal es wegen des oft so heißen Klimas für die Anlage und Pflege eines Gartens besonderer Kunstfertigkeit bedurfte. Schon zu den meisten altorientalischen Palästen gehörte ein umfriedeter Park, der mit den königlichen Gemächern durch einen direkten Zugang verbunden war und es dem Herrscher ermöglichte, sich ungestört zu erholen (vgl. Beitrag von F. Lippke, S. 20). Ja, das Wort für diese Anlagen ging aus dem Orient ins Griechische und so auch in unsere Sprache ein: Aus persisch „pairidaeza” wurde griechisch „paradeisos” und deutsch „Paradies”.

Palastgarten des Nebukadnezar II.

Dem uns aus der Bibel als Eroberer Jerusalems 597 vC bekannten König Nebukadnezar II. (Nabu-kudurri-usur, König 605–562 vC) verdankt Babylon seinen Ausbau zum prächtigen Herrschaftszentrum. Auch im Babylon Nebukadnezars II. wird es einen Garten beim Palast gegeben haben, wenngleich eindeutige zeitgenössische Belege dafür ( jedenfalls bisher) nicht vorliegen. Zudem fehlt ein konkreter Hinweis gerade in den beiden frühesten erhaltenen Schriftquellen zur Topographie Babylons: Weder in der keilschriftlichen StadtbeschreibungTintiristBabylon(Edition: A. R. George, BabylonianTopographicalTexts,Leuven 1992) noch in der griechischen Schilderung von Babylon, die der „Vater der Geschichte“, der griechische Historiker Herodotos von Halikarnassos (1,178ff.), in der Mitte des 5. Jh. vC verfasst hat, ist ein Palastgarten in Babylon erwähnt. Wollte man ihn nicht erwähnen, weil er unzugänglich war?

Früheste Erwähnung des Gartens

Als älteste Angabe über den Garten muss uns daher die desKtesiasvonKnidosgelten, dessen Persikávon seinem Aufenthalt am Hof des Perserkönigs um 400 vC handeln. Seine Aussage ist zwar nicht direkt überliefert, liegt aber vielleicht einer Passage über Babylon zugrunde, die sich bei dem kaiserzeitlichen römischen Historiker QuintusCurtiusRufusin dessen lateinischer Biografie Alexanders des Großen findet (5,1,32ff.):

Beim Palast von Babylon sind – ein in griechischen Erzählungen gefeiertes Wunder – die Hängenden Gärten (pensileshorti). SieliegeninderHöhederMauerkroneundsinddurchvieleschattenspendende,hochgewachseneBäumeanmutig.AusNatursteinsindPfeilererrichtet,diedasganzeWerktragen,undüberdenPfeilernisteinBodenausQuadersteinenverlegtfürdieErde,diehochdaraufliegt,undauchfürdasWasser,dasdiesefeuchthält.UndderartmächtigeBäumeträgtdiesesBauwerk,dassihreStämme8Ellendickwerdenundsiebiszu50FußhochindenHimmelragen,jasogarFrüchtetragen, als würden sie vom Mutterboden genährt. Und während sonst der Zahn der Zeit nicht nur Werke von Menschenhand zernagt, sondern allmählich sogar die der Natur selbst, steht dieses wuchtige Bauwerk mit all der Last so viel Wurzel schlagender Bäume, ja eines ganzen Haines, noch in unangetasteter Dauer; 20 Fuß breite Wandmauern tragen es nämlich, die voneinander jeweils nur 11 Fuß entfernt sind. Schaut man von fern darauf hin, so glaubt man deshalb, natürliche Wälder ragten hier auf ihren Bergen empor.

Ktesias von Knidos,

griechischer Arzt und Geschichtsschreiber aus dem späten 5. und frühen 4. Jh. vC. Berühmt wurde er durch seine nur fragmentarisch überliefertenPersiká,einem Geschichtswerk über das Achämenidenreich.

Ein König von Syrien, der in Babylon herrschte, soll diesen Bau geschaffen haben, und zwar aus Liebe zu seiner Gemahlin. Sie hatte aus Sehnsucht nach ihren Hainen und Wäldern den Gatten dazu bewogen, mitten im Flachland mit einem derartigen Bauwerk die anmutige Natur nachzuahmen.

Ktesias ist auch sonst für seine Fantastereien bekannt. Über das Aussehen der Gärten von Babylon bietet dieser Bericht ebenfalls manche wahrhaft fantastische Angabe: Bäume von 8 Ellen, also gut 3 ½ mStammdurchmesser konnten im ganzen Orient wohl nicht einmal auf gutem Mutterboden wachsen! Ob er die Gärten überhaupt gesehen hatte, muss offen bleiben: Über die Lage findet sich hier wenig Genaues: Gesagt wird nur, dass sie sich „beim Palast“ befanden. Und als Bauherr erscheint ein nicht näher bestimmter „König von Syrien“.

Konkreter sind hingegen die Aussagen, die sich zumindest in ihrem Kern auf Begleiter Alexanders des Großen (König 336–323 vC) zurückführen lassen, etwa auf Onesikritos von Astypalaia, dessen Werk wohl dem griechischen Geografen Strabon von Amaseia, einem Zeitgenossen des Kaisers Augustus um die Zeitenwende, vorlag. Dort heißt es (16,1,5 C 738):

Zu den sieben Weltwundern wird sowohl die Mauer gezählt als auch der Hängende Garten (kremastoskepos), derbeiviereckigerGestaltanjederSeite4Plethrenmisst.ErwirdgetragenvonGewölbenaufBögen,dieeinerüberdemanderenaufwürfelähnlichenPfeilernruhen.DiePfeilersindhohlundmitErdegefüllt,sodasssiedieWurzelndergrößtenBäumefassen,undsowohlsiealsauchdieBögensindausgebranntenZiegelnundAsphaltausgeführt.DasobersteVerdeckhattreppenähnlicheAufstiegeunddieanliegenden„Schnecken“,mittelsdererdamitbeauftragteLeuteunaufhörlichdasWasserausdemEuphratindenGartenemporbefördern.Der1StadionbreiteStromfließtnämlichmittendurchdieStadt,undderGartenliegtamStrom.

Ein Stadion misst 600 Fuß, etwa 180 m, ein Plethron 100 Fuß, etwa 30 m. Der Hängende Garten (Strabon verwendet die Einzahl) hatte demnach eine Fläche von 120 m auf 120 m, mithin etwa anderthalb Hektar – oder 4 Morgen, also gerade die Größe des Gartens beim Palast des Alkinoos. Bewässert wurde der Garten diesem Bericht zufolge mittels „Schnecken“, die es ermöglichten, Wasser aus dem Euphrat in die Höhe zu befördern; der Garten lag am Fluss.

Nachahmung einer persischen Landschaft?

AuchKleitarchos,ebenfalls ein Begleiter Alexanders, hat offenbar diesen Park beschrieben, denn auf seine Aussage bezieht sich wohl der griechische Historiker Diodoros von Tauromenion (1. Jh. vC) bei seiner Schilderung, die er zwischen zwei Passagen über die legendäre Königin Semiramis einschiebt (2,10,1ff.):

Da gab es auch den sogenannten Hängenden Garten (kremastoskepos) beimPalast,undzwarnichtvonSemiramis,sondernvoneinemderspäterenKönigevonSyrien,dendiesereinerseinerNebenfrauenzuliebeanlegte.DiesesollpersischerAbstammunggewesenseinundvollerSehnsuchtnachihrenheimatlichenBergwiesendenKöniggebetenhaben,mithilfederGartenbaukunstdieEigenartpersischerLandschaftnachzuahmen.

QUELLEN TEXT

Die Kunst der Bewässerung

Antike Autoren berichten, dass die Hängenden Gärten mithilfe einer Schraube bewässert wurden, die das Wasser vom tiefer liegenden Euphrat nach oben zu den Pflanzen transportierte. Besonders ausführlich ist die Beschreibung eines Autors aus dem 3. Jh. nC, der unter dem NamenPhilonvonByzanz(3. Jh. vC) veröffentlichte:

„Der sogenannte Hängende Garten (keposkremastos)hat den Bewuchs überirdisch und wird so in der Luft bebaut, wobei er mit den Wurzeln der Bäume wie ein Dach von oben den gewachsenen Erdboden überdeckt. Unten sind steinerne Säulen aufgestellt, so dass der ganze Ort durch die Pfeiler unterirdisch ist. Auf den Pfeilern liegen Palmen als Querbalken, jede für sich, und lassen jeweils nur einen ganz engen Zwischenraum. Dieses Holz fault als einziges von allen nicht; befeuchtet und belastet wölbt es sich nach oben, und es nährt die Triebe der Wurzeln, indem es die Wurzelknoten von außerhalb zu sich in seine eigenen Lücken aufnimmt. Auf diese Querbalken ist viel tiefe Erde aufgeschüttet, und schließlich sind breitblättrige und insbesondere Gartenbäume gepflanzt, ebenso vielerlei Blumen aller Art – kurz, alles was anzuschauen am erfreulichsten und zum Genuss am angenehmsten ist. Bebaut wird der Ort wie der gewachsene Boden, ja er lässt den Anbau von Sprösslingen ähnlich wie festes Land zu. Diese Äcker also liegen über den Häuptern derer, die bei den Tragpfeilern umhergehen. Wenn die Oberfläche von oben betreten wird, bleibt die Erde unten auf den Decken wie bei Orten mit sehr tiefer Erde unbewegt, ja völlig unberührt.

Die Zufuhr von Wasser, das Quellen an höher gelegenen Orten schütten, erfolgt teils, indem es in geradem Lauf bergab fließt, teils, indem es, in „Schnecken“ hinaufgedrückt, nach oben läuft; dabei fließt es durch mechanische Kräfte um die Schraubengänge der Maschinen. Es wird in zahlreiche große Bassins ausgeschüttet und bewässert den ganzen Garten, tränkt die Pflanzenwurzeln in der Tiefe und hält das Ackerland feucht, weshalb eben die Wiesen immerblühend und die Baumblätter, die an zarten Zweigen wachsen, taugenährt und windumweht sind. Indem nämlich die Wurzel unablässig durstlos gehalten wird, saugt sie immerfort die vorüberlaufende Feuchte der Wasser auf, und indem sie sich im unterirdischen Geflecht fest verklammert, bewahrt sie den hohen Wuchs der Bäume fest und sicher gegründet. Üppig und königlich ist das kunstvolle Werk und besonders überwältigend darin, dass es die Arbeit des Landbebauens gleichsam über die Häupter der Betrachter aufhängt.“ (Philon 1)

Dieser Garten ist an jeder Seite etwa 4 Plethren lang und zieht sich wie Berg-Terrassen über mehrere Stockwerke hinan, sodass das Ganze wie ein Theater [mit seinen ansteigenden Sitzstufen für die Zuschauer] aussieht. Unterhalb von diesen ansteigenden Lagen befanden sich Gänge, welche die Last der Gartenanlagen zu tragen hatten, jeder entsprechend der Neigung des Anstiegs etwas höher als der vorhergehende. Der oberste von ihnen war 50 Ellen hoch und trug auf sich die obersten Teile des Parks, etwa in gleicher Höhe mit der Brustwehr der Mauer. Die Stützmauern, die man für hohe Beträge errichtet hatte, waren 22 Fuß, ihre Zwischenräume aber nur 10 Fuß breit, die Decke bestand aus steinernen Quadern, die einschließlich des Spundes je 16 Fuß lang und 4 breit waren. Das Dach über diesen Quadern hatte zuerst eine Schicht aus Schilfrohr mit viel Asphalt, darüber eine doppelte aus gebrannten Ziegeln, die durch Gips verbunden waren; eine dritte Schicht bildeten Bleiplatten, damit nicht die Feuchtigkeit von der darauf geworfenen Erde in die Tiefe hinunter dringe. Obenauf lag eine Schicht Erde, tief genug auch für die Wurzeln größter Bäume. Der Boden selbst war geebnet und mit vielerlei Bäumen bepflanzt, wie sie in ihrer Höhe und sonstigen Schönheit die Betrachter in ihrer Seele erfreuen mussten.

Die Gänge, die ihr Licht dadurch erhielten, dass sie voneinander abgesetzt waren, hatten zahlreiche verschiedenartige Räumlichkeiten für den Aufenthalt des Königs. Nur in einem dieser Räume, und zwar in der obersten Lage, befanden sich Öffnungen und Maschinen zum Heraufholen des Wassers: Mit ihrer Hilfe wurde Wasser aus dem Fluss [Euphrat] nach oben gebracht, ohne dass die Leute draußen etwas bemerkten. Dieser Park also wurde, wie schon gesagt, erst später erbaut.

Genauer als in dem zuvor zitierten Bericht wird hier beschrieben, wie der Garten (Diodoros spricht wiederholt vonparadeisos)angelegt war. Dass der Garten am Euphrat lag, wird hier ebenfalls vorausgesetzt, als Bauherr aber erscheint ausdrücklich nicht Semiramis, sondern „einer der späteren Könige von Syrien“ – wieviel „später“, wird freilich nicht gesagt.

Größer und prächtiger als zuvor

Hören wir schließlich noch einen Mann, der aus Babylon selbst stammte und im 3. Jh. vC wirkte:Berossos.Er war Priester und schrieb ein Werk mit dem Titel Babyloniaka,das von der Urzeit bis zum Tod Alexanders des Großen reichte; das Werk war dem Seleukiden-König Antiochos I. gewidmet, dem Sohn des Nachfolgers jenes Königs in Syrien. Der jüdisch-römische Gelehrte Flavius Josephus zitiert (Gegen Apion1,19 § 140f.; Jüd.Altertümer10,11,1 § 225f.):

Nachdem er Babylon auf diese Weise mit Mauern befestigt und die Tore prächtig geschmückt hatte, fügte er dem Palast, in dem sein Vater gewohnt hatte, einen neuen hinzu, und zwar ganz in der Nähe, und der war noch größer und prächtiger als der alte. ... In diesem Palast errichtete er sehr hohe Gänge, die von steinernen Pfeilern gestützt wurden, und pflanzte den sogenannten Hängenden Garten (kremastosparadeisos), denermitallerleiBäumenbepflanzte,sodassdieAussichteinemGebirgslandgenauglich.Diestater,umseinerKöniginzugefallen,dennsiewarinMedienaufgewachsenundliebtedieBerge.

Er bepflanzte den Hängenden Garten mit allerlei Bäumen, sodass die Aussicht einem Gebirgsland glich

Berossos verzichtet auf fantastisch ausgeschmückte Berichte. Seine Aussage zur Lage des Gartens widerspricht den bisher zitierten Angaben anderer nicht; über jene hinaus aber gibt Berossos an, welcher König als Schöpfer des Hängenden Parks (auch er verwendet den Singular und das griechische Wortparadeisos)zu gelten habe: Nebukadnezar II. (625–605 vC).

Schon in der Antike eines der sieben Weltwunder

Als Weltwunder bezeichnet wird der Hängende Garten bereits in der ersten vollständig erhaltenen Liste der sieben Weltwunder, nämlich einem Gedicht desAntipatrosvonSidonaus dem 2. Jh. vC. Er erscheint hier neben den Pyramiden, den Mauern von Babylon, der Statue des Zeus von Olympia (am Fluss Alpheios), dem Koloss des Helios von Rhodos und dem Mausoleum von Halikarnassos (Anthologia Palatina9,58, Übers. D. Ebener):

Anschauen durfte ich mir des ragenden Babylons Mauern, / die man mit Wagen befährt, dann den alpheïschen Zeus, / auch die Hängenden Gärten (kaponaiorema) unddenKolossdesHelios,/diePyramiden,einWerk,mächtigzurHöhegereckt,/unddasgewaltigeGrabmaldesMausolos.AberderTempel,/dersichinWolkenverliert,heiligderArtemis,ließ/allesandreverblassen.Ichsprach:„VomOlympabgesehen,/hatGottHeliossolchWunderwerkniemalserblickt!“

Technische MeisterleistungWas machte die Hängenden Gärten zum Weltwunder? War es die schiere Größe und technische Meisterleistung ihrer Erbauung? In den bisher angeführten Texten wird zum einen die massive Konstruktion nicht nur aus Ziegel-, sondern auch aus den (im Zweistromland nicht anstehenden) Natursteinen hervorgehoben, zum anderen die mittels „Schnecken“ oder „Maschinen“ bewerkstelligte Bewässerung auch der oberen Lagen des Parks.

An diesem technischen Aspekt war ein Autor besonders interessiert, der wohl im 3. Jh. nC unter dem Namen des (gut ein halbes Jahrtausend früher lebenden) IngenieursPhilonvonByzanzeine Art Reiseführer zu den sieben Weltwundern schrieb:

Die Zufuhr von Wasser, das Quellen an höher gelegenen Orten schütten, erfolgt teils, indem es in geradem Lauf bergab fließt, teils, indem es, in „Schnecken“ hinaufgedrückt, nach oben läuft; dabei fließt es durch mechanische Kräfte um die Schraubengänge der Maschinen.(Philon 1; ganzer Text siehe Kasten S. 40)

Wie die Autoren, deren Aussagen man gewöhnlich auf Ktesias und Kleitarchos zurückführt, nennt also auch Philon Bewässerungs-Maschinen oder „Schnecken“, die es ermöglicht hätten, die hoch gelegenen Teile des Gartens kontinuierlich zu bewässern. Tatsächlich erlauben die nach ihrem Erfinder Archimedes (287–212 vC) benannten „archimedischen Schrauben“ ja, durch die Drehung einer Spirale, die in eine Röhre eingefügt ist, Wasser nicht durch die Saugkraft, wie sie eine Pumpe voraussetzt, sondern durch die Nutzung einer einfachen Drehbewegung (etwa einer Tretmühle) in die Höhe zu befördern. Erfunden aber war die- se Form der Wasserhebemaschine zur Zeit des Nebukadnezar II. (oder gar der Semiramis) noch gar nicht, aber auch nicht zu der des Ktesias und Kleitarchos.

Ist es also gar kein Zufall, dass Berossos – dessen Text der früheste uns im wörtlichen Zitat erhaltene ist – keine solchen Maschinen erwähnt? Sind sie in die anderen, eben nicht wörtlichen Zitate aus Onesikritos bei Strabon und aus Kleitarchos bei Diodoros nur von den jeweils späteren zitierenden Autoren eingefügt worden, weil ihnen einzig diese Maschinen aus der zeitgenössischen Erfahrung als nächstliegende Methode des Wasserhebens einfielen? Wie glaubwürdig sind dann aber ihre anderen Nachrichten?

Wirklich von Nebukadnezar II.?

Und ist es dann kein Zufall, dass die keilschriftliche TopografieTintiristBabylonund Herodot überhaupt nicht über die Gärten sprechen? Sind sie vielleicht erst im 3. Jahrhundert angelegt worden und meint der „spätere König von Syrien“ einen der in diesem Land (nach Alexander dem Großen herrschenden) Könige? Welchen? Warum bezieht sich dann aber der Babylonier Berossos in seinem – einem Seleukiden gewidmeten – Werk ausdrücklich auf Nebukadnezar II. als Bauherrn auch der Gärten?

Aber ist die Suche nach den „wirklichen“ Hängenden Gärten von Babylon überhaupt sinnvoll? Wäre es nicht ebenso gut möglich, ja sogar wahrscheinlicher, dass der – für die Öffentlichkeit ja mit Absicht unzugängliche – Palastgarten in Babylon dieFantasie der griechischen Autoren so beflügelte wie der Garten des Alkinoos, den wir der Fantasie Homers verdanken? Beide Gärten lagen bei einem prächtigen Palast, beide waren 4 Morgen groß, und beide waren allseits umfriedet. Ja, tatsächlich nennt Plinius der Ältere in seinerNaturkunde(19,49) zum Thema „Berühmte Gärten“ einmal neben zwei aus der Mythologie bekannten „diedesKönigsAlkinoosunddieHängendenGärten,seies,dassdieseSemiramisodereinSyrer-Königgemachthat“,und tatsächlich erklärt im 8. Jh. nC Kosmas von Jerusalem (PG 38,545 ff.), dass der Weltwunder-Garten der des Alkinoos war; von dem heißt es ja, wie wir gesehen haben, bei Homer: „NiemalsgehenhierausundniemalsverderbenhierFrüchte,WinterwieSommer,dasganzeJahr.“

In der Tat: In den zeitgenössischen Texten und bei Herodot im 5. Jh. vC gab es über Palastgärten in Babylon noch nichts zu sagen. Spätere Autoren aber haben in ihm immer größere Wunder „gesehen“ und sind dabei auch vor Anachronismen nicht zurückgeschreckt. Aber drängte es sich nicht geradezu auf, in dem (vielleicht gar nicht so eindrucksvollen, aber eben unzugänglichen) Palastgarten im riesigen, von einem Weltwunder geschützten Babylon immer mehr als ein Wunder zu imaginieren?

Lesetipps

• Kai Brodersen: Die Sieben Weltwunder: Legendäre Kunst- und Bauwerke der Antike (Beck Wissen 2029), 7. Aufl. München 2007.

• Stephanie Dalley: The Mystery of the Hanging Garden of Babylon, Oxford 2013.

Aber ist die Suche nach den „wirklichen“ Hängenden Gärten von Babylon überhaupt sinnvoll?

Als Antwort mag man die Rezeption der Idee der Hängenden Gärten sehen (übrigens nennt keine antike Quelle und keine antike Weltwunderliste Semiramis als Erbauerin der Hängenden Gärten; bei Diodoros wird eine solche Verbindung ja sogar ausdrücklich verworfen). In der Rückbesinnung auf die Antike in der frühen Neuzeit nämlich erscheint Semiramis als Herrin der Hängenden Gärten – wohl wegen des Zusammenhangs mit den Mauern von Babylon, die man (wenngleich ebenfalls zu Unrecht, aber zumindest im Verein mit den antiken Aussagen) auf diese legendäre Königin bezog.

Versuch der Rekonstruktion

Beide Monumente sind etwa auf dem Bild wiedergegeben, das sich im 16. Jh. Maarten van Heemskerck vonBabylonisMuri,Babylons Mauern, gemacht hat: die dreifachen Mauern und – im Hintergrund – die Hängenden Gärten auf dem Dach eines dreistöckigen Palastes (Abb. 1). Beide Bauwerke sind nun, 1572, Semiramis zugeschrieben. Eine ganz andere „Rekonstruktion“ bietet der österreichische Baumeister Johann Bernhard Fischer von Erlach in den Bildern seiner 1721 erschienenen Architekturtheorie EntwürffeinerhistorischenArchitectur.Er zeigt uns einen riesigen barocken Garten innerhalb der Stadtmauern von Babylon (Abb. 2). Mangels antiker Zeugnisse haben beide Bilderserien, die des Maarten van Heemskerck und die des Fischer von Erlach, die moderne „Anschauung“ der sieben Weltwunder geprägt, die auch eigene Kreationen hervorgebracht hat (Abb. 3 und Abb. S. 36).

Kurz: Das archäologisch nicht fassbare Weltwunder der Hängenden Gärten, das Paradies am Palast von Babylon, blühte vor allem in der antiken Fantasie – und das der Hängenden Gärten der Semiramis sogar erst in der Neuzeit.