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Zukunft


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ÖKO-TEST Spezial Umwelt & Energie - epaper ⋅ Ausgabe 10/2021 vom 07.10.2021

TITEL

Energiewende

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Für 100 Prozent erneuerbare Energien braucht es viel Fläche. Am besten vor Ort und dort, wo es reichlich Wind und Sonne gibt.

Am Ende musste es schnell gehen. Jetzt soll sie kommen – die Energiewende, die Verkehrswende, die Heizungswende, die Klimawende. In den letzten Monaten ihrer Amtszeit hat die scheidende Bundesregierung ihre Klimaziele neu definiert. Der Ausstoß von Klimagasen soll bis 2030 um 65 Prozent sinken, bis 2045 wird Deutschland klimaneutral. Auch die EU-Kommission macht Druck. „Fit for 55“ nennt sich der erste Schritt. Bis 2030 sollen die Mitgliedsstaaten ihre Emissionen gegenüber 1990 um mehr als die Hälfte reduzieren, die Klimaneutralität steht für 2050 im Kalender.

Spätestens, nachdem das Bundesverfassungsgericht im April 2021 das deutsche Klimaschutzgesetz von 2019 als unzureichend beanstandet hatte, war klar, dass der Umstieg auf einen erneuerbaren, klimaschonenden oder gar klimaneutralen Alltag konsequenter und schneller erfolgen muss.

„Die Ziele des geltenden ...

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... Klimaschutzgesetzes sind äußerst ambitioniert.“

Corona hatte bis dahin vieles überdeckt. Doch nach der Krise des Jahrzehnts wartet die Krise des Jahrhunderts. Nein, sie wartet nicht – sie ist schon da. Dass etwas geschehen muss, daran bestehen bei Vernünftigen keine Zweifel. Starkregen und Flutkatastrophe, Dürren und Monsterfeuer rund um den Erdball machen klar: Wir sind mittendrin, wir müssen etwas ändern. Jetzt.

Nur: Zahlen in Papieren und Redemanuskripten lassen sich einfach neu schreiben. Ziele hochsetzen, Zeiträume verkürzen – das geht per Federstrich und wirkt dynamisch. Machen dagegen dauert: Wind- und Solaranlagen bauen, Stromnetze erweitern, Häuser dämmen, Heizungen austauschen, Infrastrukturen ertüchtigen, ganze Industrien umbauen. E-Ladestationen statt Tankstellen, grüner Wasserstoff statt Kerosin und Schweröl. Und nicht zuletzt: Die Menschen dabei nicht vergessen. Denn schlussendlich sind wir alle vom Wandel betroffen und müssen ihn mittragen. Wo geht die Reise hin, und wie gelingt die Wende?

Leben nach dem fossilen Zeitalter

„Die Ziele des geltenden Klimaschutzgesetzes sind äußerst ambitioniert“, sagt Dr. Martin Pehnt, Energieexperte und wissenschaftlicher Geschäftsführer des Heidelberger Ifeu-Instituts. Man könnte auch sagen, die Herausforderung ist riesig. Und zwar für alle Beteiligten, nicht nur für die Politik. Denn unser fossiler Lebensstil ist am Ende. Es gilt, nicht weniger als eine Entwicklung von rund 200 Jahren umzukehren. Ende des 18., Anfang des 19. Jahrhunderts tauchten die ersten Kohleöfen auf und nutzten die aufkommenden Industrien erstmals Kohle statt Wasserkraft oder Holz. Es folgten Erdöl, später Erdgas als Treiber von Wirtschaftswachstum und materiellem Wohlstand. Die Risikoenergie Kernspaltung nicht zu vergessen. Jetzt soll die Wende in gut 23 Jahren erfolgen – in nicht mal einer Generation. Eine gigantische Aufgabe, auch für die viertgrößte Industrienation der Welt.

Was sich alles ändern muss und ändern wird, haben Experten in ausführlichen Szenarien längst beschrieben und ausgerechnet. Kurz gesagt, ist das ein massiver Ausbau der erneuerbaren Energien bei einer gleichzeitig enormen Steigerung der Energieeffizienz. Sprich, mit weniger Energie den gleichen Nutzen erreichen, zum Beispiel eine warme Wohnung, eine Fahrt von A nach B oder die klimaneutrale Herstellung nahezu jedes in Deutschland und anderswo hergestellten Produkts – vom Babyschnuller bis zum Langstreckenjet.

Diese Dekarbonisierung erfordert in weiten Teilen eine völlig neue Infrastruktur. Christoph Kost, Gruppenleiter Energiesysteme und Energiewirtschaft am Fraunhofer- Institut für Solare Energiesysteme (ISE) in Freiburg, sagt: „Da der Ausbau der erneuerbaren Energien zentralster Baustein der Energiewende ist, werden noch erheblich mehr Photovoltaik- und Windkraftanlagen sowie Stromnetze benötigt. Daneben ist der Aufbau von Elektrolyseuren und eines Wasser stoffübertragungsnetzes erforderlich, um grünen Wasserstoff an die Industrie zu liefern.“

Zusätzliche Windräder

Was das heißt, werden viele von uns vor der eigenen Haustür beobachten können. Denn um Öl, Kohle und Gas durch Wind, Sonne und andere erneuerbare Energien zu ersetzen, sind viele Tausend zusätzliche Windräder und Solaranlagen nötig. „Um die Klimaziele zu erreichen, müssen wir die Leistung der Solaranlagen in Deutschland bis 2030 verdreifachen und die Windanlagen an Land und auf der See verdoppeln“, erklärt Martin Pehnt vom Ifeu. Wer die Klima wende will, muss auch die Windkraftanlage auf der nächsten Anhöhe akzeptieren oder glitzernde PV-Anlagen von der Größe mehrerer Fußballfelder in Sichtweite. Und das ist erst der Anfang.

Denn lediglich auf die Erzeugung von Öko-Strom zu schielen, ist zu kurzsichtig. Energieexperte Martin Pehnt weiß, dass es auch bei der Erzeugung von Wärme einer Wende bedarf „So wichtig die Energie wende beim Strom ist – tatsächlich verbrauchen wir mehr Energie für Wärme in Wohnhäusern und Industrie als Strom. Die Wärme ist daher der schlafende Riese der Energiewende. Wir brauchen einen massiven Ausbau von Wärmenetzen und den Ausbau von Wärmepumpen. Mit Wärmenetzen können wir erneuerbare Energien und Abwärme erschließen und die Wärmeversorgung aus Erdgas und Heizöl verdrängen“, sagt Pehnt.

Der Wandel stört die Infrastruktur Es sind also nicht nur Windräder und PV-Felder, an die wir uns gewöhnen müssen. Damit es gut fürs Klima läuft, müssen wir sehr viele Baustellen akzeptieren – für Leitungen, Heizzentralen und Anlagen zur Nutzung sogenannter Abwärme, die bislang einfach in Umwelt entweicht. Und das über Jahre hinweg. Quellen für diese Abwärme können riesige Industrieprozesse wie die Stahlherstellung sein. Aber auch Klimaanlagen in kleinen und großen Gebäuden.

„Um die Klimaziele zu erreichen, müssen wir die Leistung der Solaranlagen in Deutschland bis 2030 verdreifachen und die Windanlagen an Land und auf der See verdoppeln.“

Dr. Martin Pehnt

Apropos Baustellen: Die Dämmung von Wänden und Dächern und der Austausch alter Fenster dürfte zur Daueraufgabe werden. Wenn alle 19 Millionen Gebäude in Deutschland bis 2045 klimaneutral werden sollen, dann kostet das große Anstrengungen. Viele kleine und große Baustellen werden die Optik und in die Infrastruktur von Städten und Gemeinden empfindlich stören. Ein kleiner Trost dabei: Einiges wird auch schöner. Christoph Kost, Gruppen leiter Energiesysteme und Energiewirtschaft am Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme prophezeit den Abbau alter Anlagen. „Viele konventionelle Infrastrukturen brauchen wir nicht mehr: Kohlekraftwerke und ihre Abbaugebiete sowie Transportinfrastrukturen, Raffinerien und konventionelle Tankstellen“, sagt Kost. Gleichzeitig steige mit einer erneuerbaren Energieversorgung die Luft- und Wasserqualität, umgekehrt sinke die Lärmbelastung, etwa im Verkehr.

Bis der Verkehr wirklich leise ist, muss die Verkehrswende aber noch einiges an Fahrt aufnehmen. Es braucht mehr und besseren öffentlichen Nah- und Fernverkehr. Die Menschen müssen mehr Wege zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurücklegen wollen und können. Dass Verbrennungsmotoren aus Pkws eher früher als später verschwinden, scheint zumindest in den Vorstandsabteilungen vieler Autokonzerne derzeit eine ausgemachte Sache zu sein. Der Umstieg auf E-Mobilität erfordert aber nicht nur andere Autos. Die Ladeinfrastruktur muss auch stimmen. Wallboxen müssen nicht nur vor Einfamilienhäusern, sondern auch an der Straßenlaterne und in Tiefgaragen von Mehrfamilienhäusern hängen. Das bedeutet einen enormen Kraftaufwand für Handwerk und Stromnetzbetreiber. Neue, leistungsstarke Kabel bis vor die Haustür kosten viel Geld und Arbeitskraft.

Akzeptanz ist das A und das O

Das Ziel Klimaneutralität scheint klar, nur gehen alle Menschen den Weg mit? Das ist die entscheidende Frage. Die Menschen mitzunehmen und ihnen nahezubringen, warum Klimaneutralität für alle einen Gewinn bringt – das ist die entscheidende Herausforderung. „Ziel muss es sein, die positiven Effekte für die Gesellschaft zu verdeut lichen und dass es kaum anderen Optionen gibt“, sagt Christoph Kost vom Fraunhofer-ISE. Er fordert, die Kosten der Wende auf viele Schultern zu legen: „Wichtig ist vor allem, dass es bei der Umsetzung der Energiewende gerecht zugeht, das heißt, dass alle ihren Beitrag leisten und nicht bestimmte Gruppen erhebliche Nachteile erleiden“, sagt er. Auch aus Sicht des Verbraucherschutzes ist das ein zentrales Thema (siehe Interview auf Seite 16).

Sozialverträgliche Klimawende

Experten und Politiker diskutieren den Aspekt der Gerechtigkeit schon längere Zeit. Bereits vor der Bundestagswahl forderten viele die Rückgabe der Einnahmen aus der CO ² -Bepreisung an die Bürgerinnen und Bürger. Die Denkfabrik Agora Energiewende hat viele Vorschläge erarbeitet, wie die Energiewende auch gerecht sein kann. Ihr Direktor, Patrick Graichen, fordert die Abschaffung der EEG-Umlage: „Der steigende CO ² -Preis, der fossile Energien teurer macht, sollte mit der Abschaffung der EEG-Umlage auf Strom kombiniert werden“, sagt er. Damit sinke der Strompreis, und grüne Schlüsseltechnologien wie die Wärmepumpe und das Elektroauto werden zum günstigen Standard. Das sei gut fürs Klima und schaffe sozialen Ausgleich. „Denn niedrigere Strompreise entlasten besonders einkommensschwache Haushalte“, sagt Graichen. Für eine sozialverträgliche Klimawende reicht das aber nicht. Nach Berechnungen des Vergleichsportals Verivox müsste 2025 – bis dahin ist der CO² -Preis gesetzlich festgeschrieben – zusätzlich eine Klimaprämie von mindestens 58 Euro pro Person im Jahr ausgeschüttet werden, um die jährlichen Mehrkosten von durchschnittlich 356 Euro auszugleichen. Der gewünschte Effekt: Wer wenig konsumiert oder klimaschonend wohnt, fährt, isst und urlaubt, profitiert auch finanziell. Wer weiterhin dauerhaft mit Öl oder Gas heizt und mit dem Spritschlucker fährt, zahlt drauf.

Der Hebel, über unterschiedliche Preise für fossile und erneuerbare Energie für Gerechtigkeit zu sorgen, ist stark. Entscheidend für die Akzeptanz unter den Menschen wird es sein, hier die Balance zwischen Lenkung und Belastung zu wahren. Für den Ifeu-Experten Martin Pehnt ist klar, was für die Wende nötig ist: „Ein energieoptimiertes Haus, sparsame Geräte und ein spar sames Auto, besser noch Mobilität mit Fahrrad, Bus und Bahn – das sind Ansatz punkte für weniger fossile Energien und weniger Energiekosten“, betont er. Zugleich dürfe die Energiewende nicht auf den Schultern von Menschen mit geringem Einkommen ausgetragen werden. „Ich setze mich daher dafür ein, dass die Einnahmen aus einem CO² -Preis über eine Absenkung der EEG-Umlage, über die Förderung von Energie effizienz für Geringverdiener, über ein Klimawohngeld und einen Klimabonus zurückverteilt werden“, sagt Pehnt.

Zustimmung für das Modell eines finanziellen Ausgleichs kommt auch aus den Wirtschaftswissenschaften. Die Energieökonomin Claudia Kemfert, Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) fordert ebenfalls, die Einnahmen aus der CO²-Bepreisung an die Bürgerinnen und Bürger zurückzuerstatten. Und zwar vollständig: „Eine jährliche Pro-Kopf-Klimaprämie würde vor allem Niedrig-Einkommensbezieher, die ohnehin einen niedrigen CO²-Fußabdruck haben, besser stellen“, sagt sie.

„Eine jährliche Pro-Kopf-Klimaprämie würde vor allem Niedrig-Einkommensbezieher, die ohnehin einen niedrigen CO² - Fußabdruck haben, besser stellen.“

Prof. Claudia Kemfert Energieökonomin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung

Ausbautempo verdreifachen

Die Zeit drängt, und die Aufgabe ist riesig. Das hat die letzte Bundesregierung unter Angela Merkel mit zu verantworten. Im Rückblick war die letzte Legislatur für den Klimaschutz eine verlorene Zeit. Es ist nicht nichts passiert. Aber angesichts der Herausforderung war es zu wenig, und es war zu langsam. Das macht zusätzlich Druck.

Die Ideen für die nächsten Schritte sind so zahlreich wie grundlegend. Jetzt muss etwas passieren. „Die neue Regierung muss das größte Klimaschutz-Sofortprogramm in der Geschichte der Bundesrepublik auf den Weg bringen“, sagt der Direktor von Agora Energiewende, Patrick Graichen. Ganz oben auf der Prioritätenliste stehe die Verdreifachung des Tempos beim Ausbau der Windkraft und Solarenergie. Zudem ein vorgezogener Kohleausstieg bis spätestens 2030 und ein sinkender Strompreis bei steigenden CO₂-Preisen. Konkret müsse es deutlich einfacher werden, Bürger- und Mietersolaranlagen zu bauen und zu betreiben. Gleichzeitig müsse das Volumen der staatlichen Ausschreibungen für Anlagen nach dem Erneuerbaren-Energien-Gesetz drastisch steigen.

Ifeu-Experte Martin Pehnt macht die Bedeutung des Wärme- und Gebäudesektors für den Klimaschutz deutlich: „Der Wärmemarkt ist lange ein Stiefkind der Politik gewesen“, sagt er. Aus seiner Sicht muss der CO ² -Preis dringend weiterentwickelt werden. Ferner sei ein neues Gebäudegesetz notwendig, das Klimaschutz und nachhaltige Bau-und Wärmekonzepte voranbringe.

Zudem stehen der Verkehrssektor, Stichwort: attraktiver Nah- und Fernverkehr in jedem Ort, und eine neue Ladeinfrastruktur für E-Autos auf der To-do-Liste. Nicht zu vergessen die Industrie: „Die vielen erfolgreich produzierenden Industriebranchen – Stahl, Chemie, Baustoffe und andere – müssen dekarbonisiert werden“, fordert Pehnt. Klimafreundliche und gleichzeitig wettbewerbsfähige deutsche Unternehmen – das gehe nur mit politischer Unterstützung.

Das Leben von 83 Millionen Menschen klimaneutral zu machen, geht auch nicht ohne Verbote – da sind sich die Experten einig. Die Politik müsse ambitionierte Standards setzen und den Weg dahin finanziell unterstützen. „Investitionen in die Gebäudehülle oder eine neue Heizungsanlage zementieren auf Jahrzehnte den Klimastandard eines Hauses. Dieser muss daher schon heute mit der Klimaneutralität im Jahr 2045 vereinbar sein“, sagt Patrick Graichen von Agora Energiewende.

Das funktioniert mit dem Prinzip des Förderns und Forderns: Fordern durch Gebäudestandards, die die neuen Klimaziele abbilden. Fördern durch eine Verdreifachung der staatlichen Fördermittel, um die Lücke zwischen Wirtschaftlichkeit und Klima neutralität im Gebäudebereich zu überbrücken. Für Martin Pehnt sind dafür internationale Standards die Messlatte: „Auf europäischer Ebene werden Mindestklimastandards für bestehende Gebäude und Solar pflichten beim Neubau oder der Sanierung von Häusern diskutiert. Das wird sich zunehmend durchsetzen“, sagt Pehnt.

„Viele Veränderungen aufgrund vergangener und künftiger Treibhausgasemissionen sind über Jahrhun- derte bis Jahrtausende unumkehrbar.“

6. Sachstandsbericht des Weltklimarats (IPCC)

Klimaschutz für immer

Ausdauer tut not. Denn Klimaschutz ist keine Aufgabe für ein paar Jahre. Klimaschutz muss bleiben und immer neue Herausforderungen meistern. Selbst durch einschneidende Maßnahmen lassen sich die Auswirkungen nur begrenzen.

Wir sind schon bei 1,2 Grad Klimaerwärmung gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter, hat der Weltklimarat (IPCC) vor Kurzem in seinem sechsten Sachstandsbericht festgestellt. Maximal sind 1,5 Grad angepeilt. Die Zeit des Zögerns oder Abwartens ist abgelaufen. „Die Auswirkungen der ungehemmten Verwendung fossiler Energien sind beispiellos, selbst wenn man viele Jahrhunderte oder gar Jahrtausende zurückblickt“, steht im aktuellen Bericht des IPCC. Und die Folgen des fossilen Zeitalters werden uns erhalten bleiben: „Viele Veränderungen aufgrund vergangener und künftiger Treibhausgasemissionen sind über Jahrhunderte bis Jahrtausende unumkehrbar, insbesondere Veränderungen des Ozeans, von Eisschilden und des globalen Meeresspiegels“, heißt es in der Zusammenfassung des Berichts.

Spielt das Verhalten des einzelnen Menschen da noch eine Rolle? „Was heißt das für mich persönlich?“, fragen sich viele. Die Antwort ist klar: Ja, natürlich. Auf Vorgaben, Gesetze, Verordnungen der Politik zu warten, wird nicht reichen. Vielmehr zählt jede Entscheidung jedes Einzelnen, jeden Tag. Fahrrad oder Auto? Steak oder Gemüse? Bahn oder Flieger? Wärmepumpe oder Gasheizung? 130 oder 160 km/h. Dach begrünen oder nackt lassen? Malle oder Main? Bali oder Bayerischer Wald? Thujahecke oder Bienenweide? Wand dämmen oder doch nur streichen? Thermostat aufdrehen oder Pullover anziehen? Videokonferenz oder Dienstreise? Neues Handy oder altes behalten? Wir haben die Wahl. Noch.