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Accessoires: Tummelplatz der Kreativen


ÖKO-TEST Ratgeber Kosmetik und Wellness - epaper ⋅ Ausgabe 93/2010 vom 17.06.2010

Zu einem tollen Kleid gehören passende Schuhe und eine schicke Tasche. Auch Schuhe und Accessoires gibt es aus nachhaltiger Produktion.


Artikelbild für den Artikel "Accessoires: Tummelplatz der Kreativen" aus der Ausgabe 93/2010 von ÖKO-TEST Ratgeber Kosmetik und Wellness. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Foto: irisblende.de

Wer ein schickes Designerkleid vonInka Koffke oderNoir trägt, mag „untenrum“ nicht in Öko-Latschen mit Gesundheitsschuh-Charme auftreten. Muss „frau“ auch nicht. Nachhaltig produzierte Schuhe gibt es in allen Varianten: niedliche Ballerinas, sportliche Sneakers, robuste Cowboystiefel, hochhackige Pumps und bequeme Sandaletten. Zwar ist bei Schuhen und Accessoires die Auswahl an Nachhaltigem und Modischen noch nicht so groß wie bei der ...

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Wer ein schickes Designerkleid vonInka Koffke oderNoir trägt, mag „untenrum“ nicht in Öko-Latschen mit Gesundheitsschuh-Charme auftreten. Muss „frau“ auch nicht. Nachhaltig produzierte Schuhe gibt es in allen Varianten: niedliche Ballerinas, sportliche Sneakers, robuste Cowboystiefel, hochhackige Pumps und bequeme Sandaletten. Zwar ist bei Schuhen und Accessoires die Auswahl an Nachhaltigem und Modischen noch nicht so groß wie bei der Bekleidung. Aber wer ein wenig sucht, findet Schönes und Pfiffiges.

Wie bei der Naturmode ist auch bei der Suche nach ökologisch vertretbaren Schuhen und Taschen das Internet eine Hilfe. So manches findet sich in Umwelt-Onlineshops wiearmedangels, Hess Natur, Glore oderUnique Nature. Meist kann man aber auch direkt bei den Produzenten bestellen, selbst wenn sie im Ausland sitzen.

Kreative Resteverwertung

Ein großer Teil der Produzenten von alternativen Accessoires setzt auf Recycling. Da werden ausgediente Feuerwehrschläuche zu Gürteln, alte Gymnastikmatten und Lkw-Planen zu Laptoptaschen. In Österreich wurde kürzlich sogar ein Wettbewerb ausgeschrieben, der Slow Fashion Award. Die Aufgabe: aus Recyclingmaterial tolle Accessoires zaubern.

Recyclingmode ist ausgefallen, trendy und immer wieder anders – weil der Gestalter eben mit den Mitteln arbeiten muss, die gerade zur Verfügung stehen. Modisch sind die Teile top – aber ökologisch nicht eher ein Flop? Schließlich kann das Ausgangsmaterial schadstoffbelastet sein.

Dr. Kirsten Brodde, Hamburger Expertin für „grüne“ Mode, räumt ein: „Ganz streng betrachtet wird belastete Ware durch Recycling nicht reingewaschen.“ Allerdings müsse man die Alternative bedenken: Wenn das Material sonst auf dem Müll landen würde, sei es besser, ihm ein zweites Leben zu schenken. Brodde: „Ich bin in der Beziehung nicht päpstlicher als der Papst. Wenn eine Sache durch Wiederverwertung sehr viel langlebiger wird, ist das für mich wahrlich ökologisch.“

Urlaubserinnerung zum Umhängen

Gerade in der schnelllebigen Modewelt hat es Charme, aus Altem Neues zu schaffen, findet Brodde. „Es geht ja auch darum, die Menge zu reduzieren. Und wie erreiche ich das? Indem ich Dinge lange trage oder ändere und weiterbenutze.“ Manche Designer nehmen von Auftraggebern Gebrauchtes an und machen daraus ein neues Produkt. So kann man Lieblingsstücke im neuen Gewand erhalten.

Airbag Craftworks aus Kleestadt zum Beispiel fertigen Taschen aus Luftmatratzen. Bleibende Urlaubserinnerungen sollen so geschaffen werden. Bei Kirsten Brodde hat’s geklappt. Sie hat ihre alte Schwimmunterlage umfunktionieren lassen. „Ich liebe diese Tasche“, erklärt die Hamburgerin. Mode hat eben immer auch etwas mit Emotionen zu tun. Aber davon abgesehen stellt auch Brodde klar: „Vermeiden ist besser als verwerten.“

Wer nichts Recyceltes haben will, der findet auf dem Markt Accessoires auch aus ökologischen Naturmaterialien wie Hanf, Baumwolle, Wollfilz, Kokosfasern oder weiteren. Im besten Fall zersetzt sich ein Schuh aus Naturmaterialien sogar rückstandslos. Doch von diesem Ideal sind auch die umweltbewussten Hersteller oft noch ganz schön weit entfernt, räumt zum Beispiel der SchuhproduzentTerra Plana ein. Es ist eben nicht so einfach, einen robusten, wasserresistenten und auch noch modischen Schuh herzustellen, ohne dabei auf irgendwelche künstliche Hilfsmittel zurückzugreifen.

Leder-Zeichen

Der Internationale Verband der Naturtextilwirtschaft (IVN) hat für das von ihm zertifizierte Naturleder strenge Anforderungen an den Schadstoffgehalt, aber auch an die Produktionsbedingungen. Chromgerbung ist verboten.

Das Siegel Öko-Tex Standard 100 – Textiles Vertrauen wird auch für Leder vergeben. Es garantiert die Einhaltung bestimmter Grenzwerte, etwa für Chrom oder Pentachlorphenol im Endprodukt, abhängig auch vom Hautkontakt.

Leder – umweltgerecht hergestellt – schadstoffgeprüft: Die Gerberschule Reutlingen überprüft für ihr Siegel nicht nur die Einhaltung gesetzlicher Schadstoffgrenzwerte, sondern stellt auch die Anforderung, dass bei der Produktion die hiesigen Umweltstandards eingehalten werden.

Das Logo SG-Schadstoffgeprüft des TÜV Rheinland, des Institut Fresenius und des Prüf- und Forschungsinstituts Pirmasens garantiert, dass das Leder keine krebsund allergieauslösenden Farbstoffe und kein Chrom VI enthält. Für andere ledertypische Schadstoffe gelten Grenzwerte unterhalb der gesetzlichen Vorgaben.

Das geht auf keine Kuhhaut

Eine eher ethische Frage ist, ob die modischen Zutaten aus Leder bestehen dürfen. Vegane Schuh- und Taschenlabels wieVegetarian Shoes oderMatt & Nat lehnen tierische Zutaten ab. Die Alternative neben textilen Materialien: Kunstleder, sprich Kunststoff. Da denkt man einerseits an den Erdölverbrauch zur Herstellung des Rohmaterials, andererseits an Schweißfüße. Doch das britische LabelBeyond Skin verteidigt sein Material Polyurethan (PU) als das „kleinere Übel“ im Vergleich zu Leder. 25 Prozent der Erdoberfläche seien für Viehweiden reserviert, rechnet das Unternehmen vor, hier würde man besser Bäume pflanzen oder Getreide anbauen. Vor allem aber ist die umweltbelastende Lederherstellung fürBeyond Skin ein Grund, sich für PU und Recyclingmaterialien zu entscheiden.

Robin Webb, Gründer vonVegetarian Shoes , hat im Jachtbau ein Mikrofasermaterial entdeckt, das im Unterschied zu anderen Plastiksorten atmungsaktiv ist und nutzt diesen Stoff, um Schuhe, Jacken, Handschuhe und Gürtel zu fertigen, die nach Leder aussehen, aber auf keine Kuhhaut gehen.

Schwermetalle im Schuh – ein Spießrutenlauf

Der Lederkritik der Veganer kann man schwerlich widersprechen. Die Herstellung des tierischen Materials ist eine gewaltige Umweltbelastung. Der Wasserverbrauch ist hoch, und es kommen bis zu 200 potenziell umwelt- und gesundheitsgefährdende Chemikalien zum Einsatz.

In Deutschland, wo Auflagen den Umweltschutz in der Lederproduktion regeln, gibt es nur noch rund 50 kleine Herstellungsbetriebe. Der Löwenanteil der Lederproduktion findet in Niedriglohnländern wie Indien und China statt. Dort wird das Material meist auch zu Endprodukten wie Schuhen und Handschuhen weiterverarbeitet. Umwelt- und Fair-Trade-Organisationen kritisieren immer wieder die Arbeitsbedingungen in den Lederfabriken. Oft stehen die Arbeiterinnen und Arbeiter völlig ungeschützt in der Gerbbrühe und sortieren mit bloßen Händen die in Salz eingelegten Felle. Abfälle und Abwässer aus den Lederfabriken verunreinigen ganze Landstriche.

Interview

Die Kunden wissen zu wenig

Der Spanier Pedro Martin sieht sich als Vorreiter nachhaltiger Schuhherstellung. Mit seiner auch in Deutschland erhältlichen Kollektion aus pflanzengegerbtem Leder will er beweisen, dass modische Schuhe fußgesund sein können (www.martin-natur.de).

ÖKO-TEST: Wie kamen Sie auf die Idee, pflanzlich gegerbte Schuhe anzubieten?
Pedro Martin: Ich hatte schon immer eine hohe Affinität zu Bio-Produkten. Durch meine eigene Allergie und die meines Sohnes habe ich nach Alternativen zu herkömmlichen Lederschuhen gesucht und kontinuierlich an der Weiterentwicklung gearbeitet.

ÖKO-TEST: Wissen Sie immer woher das Leder stammt, das Sie beziehen?
Pedro Martin: Ja. Seit 1996 arbeiten wir ausschließlich mit der Firma Ecopell aus Bayern zusammen. Dort hat man sich Anfang der 1990er-Jahre für Pflanzengerbung entschieden, und damit gleichzeitig für den Verzicht auf umweltgefährdende Hilfsmittel. Das Unternehmen legt den gesamten Herstellungsprozess offen und macht die Ledererzeugung transparent.

ÖKO-TEST: Achten Schuhkäufer auf ökologisch produziertes Leder?
Pedro Martin: Allgemein kann man sagen: ja. Es besteht aber noch ein Informationsdefizit. Ledergerbung ist in der Öffentlichkeit kein Thema, so weiß kaum jemand, dass bei der herkömmlichen Gerbung Schwermetalle zum Einsatz kommen. Genauso wenig sind die Alternativen bekannt. Die meisten Kunden stoßen leider erst auf uns, wenn sie schon gesundheitliche Beeinträchtigungen haben.

ÖKO-TEST: Hat pflanzlich gegerbtes Leder andere Trageeigenschaften als konventionell produziertes?
Pedro Martin: Unbedingt! Das Leder ist naturbelassen und dadurch offenporig, atmungsaktiv und isolierend. Es ist trocken, warm und es entstehen keine unangenehmen Gerüche. Herkömmlich gegerbtes Leder ist oftmals noch mit Polyurethan versiegelt, um eine einheitliche Oberfläche zu gewähren – die Luftdurchlässigkeit wird dadurch meist enorm beeinträchtigt.

ÖKO-TEST: Wie viel teurer ist pflanzengegerbtes Leder?
Pedro Martin: Uns kostet das Leder ca. 20 Prozent mehr als konventionell hergestelltes Leder aus Deutschland und es ist 50 Prozent teurer als Leder aus Asien. Trotzdem bieten wir unsere Schuhe nicht teurer an als konventionelle Ware. Wir wissen, dass manche Chromallergiker auf unsere Schuhe angewiesen sind.

ÖKO-TEST: Noch ist das Angebot an nachhaltig produzierten Schuhen nicht sehr groß. Woran liegt das?
Pedro Martin: Sowohl bei der Gerbung als auch bei der Schuhfertigung sind aufwendige und teils sehr komplizierte Produktionsschritte einzuhalten, um eine gleichbleibend hohe Qualität zu gewährleisten. Schwermetallfreies Naturleder zu verarbeiten, heißt unter anderem die Produktion muss langsamer und schonender sein. Diese sanftere Verarbeitung führt zu höheren Kosten in der Produktion und folglich auch im Verkauf. Das schreckt die meisten Hersteller und Anbieter ab.

Problematisch auch für die Konsumenten und die spätere Entsorgung des Leders ist die Gerbung mit Chrom. 90 Prozent des weltweit hergestellten Leders wird mit dem Schwermetall behandelt. Durch Verunreinigungen oder Oxidation kann sich bei der Ledergerbung giftiges Chrom VI oder Chromat bilden, das Krebs auslösen kann und schon in geringen Mengen allergisierend wirkt. Rund eine halbe Million Menschen in Deutschland reagieren allergisch auf das sechswertige Chrom. Für sie wird der Schuhkauf zum Spießrutenlauf.

Eine ehrliche Haut tut der Umwelt gut

Ihnen bleibt nur, auf pflanzlich gegerbtes Leder auszuweichen, eine Alternative, die auch der Umwelt guttut und von einigen Nischenanbietern praktiziert wird. Einen Namen hat sich vor allem das in Bayern gegerbteEcopell gemacht. Schon 1992 stieg der Ledergroßhändler Johann Peter Schomisch auf Pflanzengerbung um. Er verwendet natürliche Gerbstoffe, gewonnen aus dem peruanischen Tarabaum, Rhabarberwurzel oder der Valonea-Eiche. Unabhängige Institute überprüfen die Hautfreundlichkeit des Leders. Pflanzengegerbtes Leder kommt zum Beispiel in den Schuhen vonMartin Natur zum Einsatz oder wird vom eidgenössischen LabelRoyal Blush zu edlen Taschen verarbeitet. Im Unterschied zu chemisch behandelten Tierhäuten behält vegetabil gegerbtes Leder seine natürlichen Eigenschaften. Die Oberfläche ist nicht versiegelt, die individuelle Struktur des Leders bleibt gut sichtbar und mit der Zeit gewinnen der Schuh oder die Tasche sogar eine Patina, die bei Kennern als richtiges Qualitätsmerkmal gilt.

Fotos: Dreef/Fotolia.com (2)

Beim Gerben von Leder – meist in Indien und China – stehen die Arbeiter oft völlig ungeschützt in der Gerbbrühe und sortieren die Felle mit bloßen Händen.


Allerdings kann auch Ecopell-Hersteller Schomisch nicht dafür sorgen, dass die nachhaltig behandelten Häute ausschließlich von Bio-Rindern stammen. Damit sich die Verarbeitung lohnt, müssen nämlich mindestens 250 Rohhäute gleichzeitig in die Gerbfässer gegeben werden. Solche Mengen an Häuten aus kontrolliert biologischer Tierhaltung (kbT) kann der Hersteller aus Weitnau in seinem Umkreis überhaupt nicht auftreiben. Um die Transportwege trotzdem kurz zu halten und wirtschaftlich arbeiten zu können, nutzt er deshalb sowohl Bio-Häute als auch solche konventionell gehaltener Tiere. Gleichzeitig appelliert der Lederproduzent an die Verbraucher, sie sollen mehr Bio-Fleisch kaufen. Denn das fördert zum einen die artgerechte Haltung der Tiere und sorgt andererseits auch dafür, dass immer mehr korrektes und gesundheitlich unbedenkliches Leder in den Handel kommt.