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Angst – die missverstandene Emotion und wie wir sie managen können


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Die Mediation - epaper ⋅ Ausgabe 2/2022 vom 31.03.2022

Schwerpunkt: Angst

Jeder kennt Situationen in seinem Leben, in denen er Angst empfunden hat – sei es vor einer konkreten Gefahr, vor einer diffusen Bedrohung oder aus Sorge um andere. Unsere Reaktion auf die jeweilige Gefahrenlage kann höchst unterschiedlich sein. Sie wird von äußeren Umständen bestimmt wie auch von unserer inneren Verfasstheit. Sie kann uns blockieren bis hin zu lähmungsartiger Erstarrung, aber auch Ressourcen freisetzen, die uns zu Höchstleistungen befähigen. Vor diesem Hintergrund geht unser Autor der Frage nach: Können wir unsere Angst wirkungsvoll so regulieren, dass sie uns nicht hemmt, sondern im besten Fall sogar nutzt – und wenn ja, wie?

Dirk W. Eilert

Wahrscheinlich haben Sie das auch schon mal erlebt: Sie bereiten sich akribisch auf ein wichtiges Gespräch, eine bedeutende Verhandlung oder Prüfung vor, und wenn der entscheidende Moment gekommen ist, wissen Sie plötzlich ...

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Bildquelle: Die Mediation, Ausgabe 2/2022

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... nichts mehr. Die gut vorbereitete Argumentationskette, das Wissen, das Sie sonst ohne Problem abrufen können, ist plötzlich wie weggeblasen – um just im Augenblick danach wieder aufzutauchen. In anderen Momenten haben Sie aber vielleicht auch schon die Erfahrung gemacht, dass Angst Sie anspornen kann. Eine gewisse Aufregung – etwa vor einem wichtigen Vortrag – hilft, uns zu fokussieren, unsere Leistungsfähigkeit voll und punktgenau abzurufen.

Vor allem die Emotion Angst spielt gesellschaftlich in den letzten Jahren eine zunehmend tragende Rolle. So konnte eine Untersuchung belegen, dass bedingt durch die Corona-Pandemie Angststörungen weltweit um 25 Prozent zugenommen haben (Santomauro et al. 2021). Covid-19 hat die Welt wirtschaftlich wie emotional auf den Kopf gestellt. Und genau dies ist eben ein kulturübergreifender Trigger für diese Primäremotion: Wenn wir den Verlauf von Ereignissen nicht mehr einschätzen können; wenn es uns schwerfällt zu planen, weil sich ständig die Bedingungen ändern, ohne dass wir diese beeinflussen können; wenn wir unseren bewährten Routinen nicht mehr folgen können – dann löst dies Angst aus. Zumindest schafft es Verunsicherung.

Wenn Angst sprechen könnte, würde sie uns zurufen: „Bring dich in Sicherheit!“

Im Alltag beschreiben wir die Emotionsfamilie Angst je nach Intensität durch Gefühlsbegriffe wie unsicher, beunruhigt, besorgt, bange, beklommen, erschrocken, verängstigt und panisch. Das universale psychologische Thema – also der kulturübergreifende Auslöser – dieser defensiven Primäremotion ist eine empfundene Bedrohung des körperlichen oder psychischen Wohlbefindens. Die Bedrohung muss hier nicht unbedingt greifbar sein. Wenn wir uns zum Beispiel in einer neuen, unbekannten Situation befinden, kann uns bereits die Ungewissheit ängstigen, ob wir die Herausforderung bewältigen. Die empfundene Gefahr muss auch nicht zwangsläufig die eigene Person betreffen, es können ebenso ein vertrauter Mensch, ein geliebtes Tier oder ein für uns bedeutsamer Gegenstand im Fokus stehen. Manchmal ist es nicht einmal die Anwesenheit einer Bedrohung , welche die Angst auslöst, sondern die Abwesenheit von etwas, das sonst Sicherheit vermittelt (z. B. bei einem Kleinkind die Abwesenheit der Geborgenheit vermittelnden Mutter).

Kulturübergreifend zeigt sich Angst auf die gleiche Weise in der Mimik durch drei Kernbewegungen, die einzeln, aber auch in Kombination auftreten können (Eilert 2020):

a) das Hoch-und Zusammenziehen der Augenbrauen, wodurch sich die für Angst typische Wellenform der Augenbrauen ergibt;

b) das Hochziehen der Oberlider, manchmal verbunden mit dem Anspannen der unteren Lider;

c) das seitliche Auseinanderziehen der Mundwinkel.

Jeder Emotion wohnt eine evolutionspsychologische Funktion inne. Das bedeutet, eine Emotion möchte stets etwas für uns tun, für uns sorgen. Dies wird häufig vergessen und ist wohl eines der größten Missverständnisse in Bezug auf Emotionen. Dies rührt unter anderem daher, dass in der Psychologie zwischen negativen und positiven Emotionen unterschieden wird. Doch Emotionen dienen uns in jedem Fall, sie zielen darauf ab, unser Wohlbefinden zu erhöhen. Es gibt deshalb keine negativen Emotionen! Im Falle von Angst liegt die universale Funktion darin, eine empfundene Bedrohung zu vermeiden oder den erwarteten Schaden zu reduzieren. Da Angst eine Vermeidungsmotivation aktiviert, ist unser innerer Fokus darauf gerichtet, der drohenden Gefahr zu entfliehen (z. B. nicht durch die Prüfung zu fallen). Hier zeigt sich nun ein entscheidender Unterschied zwischen Angst und Resignation, die der Emotionsfamilie Trauer zugehörig ist. Denn wo Angst ist, ist stets auch Hoffnung. Wenn wir keine Hoffnung mehr spüren würden (z. B. die Prüfung noch bestehen zu können), empfänden wir Resignation statt Angst. Machen wir uns Sorgen, haben wir zugleich noch die Hoffnung , dass die Situation einen guten Ausgang nehmen kann. Deshalb macht Angst uns auch grundsätzlich wach und kann die Leistungsfähigkeit erhöhen, uns sogar in einen Flow-Zustand führen. Uns fokussieren. Doch dafür müssen wir in der Lage sein, übermäßige Angst zu managen.

In Angst ruht damit die Kompetenz, unser Bedürfnis nach Sicherheit zu erfüllen. Erleben wir eine funktionale Angst und somit die helle Seite dieser Primäremotion, hilft sie uns dabei, uns beispielsweise sorgsam auf eine Prüfung oder Verhandlung vorzubereiten und so leistungsfähiger zu sein. Eine dysfunktionale Angst, also die dunkle Seite, blockiert uns hingegen und führt dazu, dass wir im schlimmsten Fall erstarren und nicht mehr handlungsfähig sind. In manchen Fällen mit dramatischen Folgen: Als am 28. September 1994 die MS Estonia unterging , waren viele Passagiere starr vor Angst und griffen fatalerweise auch nicht nach den Rettungswesten, die ihnen zugeworfen wurden. Eine blockierende Angst kann im schlimmsten Fall also sogar Leben kosten. Die entscheidende Frage lautet deshalb: Wie können wir eine übermäßige und damit dysfunktionale Angst wirkungsvoll regulieren, sodass wir wieder handlungsfähig werden bzw. erst gar nicht blockieren?

Eine innere Frage, die hilft, aus der Dysfunktion in die Funktion zu kommen, lautet: Was kann ich tun, damit ich mich sicher fühle? Manchmal besteht hier die Lösung schlichtweg darin, sich auf die Situation – wie eine Verhandlung oder Prüfung – inhaltlich vorzubereiten. In anderen Fällen erdet uns aber auch dies nicht. Wie ist dieses Phänomen zu erklären, dass trotz aller Argumente, dass wir eigentlich ruhig bleiben könnten, dennoch die Sorgen an uns nagen? Und vor allem: Wie können wir in solch einer Situation die Angst effektiv managen? Werfen wir, um diese Fragen zu beantworten, einen Blick in eines der größten Wunder der Evolution, unser Gehirn – einem neuronalen Netzwerk aus rund 86 Milliarden Nervenzellen.

Neuronale Piraterie: Wie Angst unseren Verstand kapert

Von besonderer Bedeutung für die Emotionsregulation – und damit für den wirkungsvollen Umgang mit Angst – ist der präfrontale Cortex (PFC), der Teil des hinter der Stirn liegenden Frontallappens ist. Der PFC ist in der menschlichen Evolution erst spät entstanden, macht heute aber etwa 30 Prozent des gesamten Neocortex aus. Kein anderes uns bekanntes Lebewesen hat einen vergleichbar großen PFC wie der Mensch. Während dieser bei uns rund 30 Prozent des Neocortex ausmacht, sind es bei der Katze nur 3,5 Prozent, 12,5 Prozent beim Hund und selbst bei unserem nächsten Artverwandten, dem Schimpansen, macht er nur 17 Prozent aus. Das evolutionäre explosive Wachstum des präfrontalen Cortex bei uns Menschen ist verantwortlich für unsere herausragende kognitive Leistungsfähigkeit. Er ist der Hauptsitz unserer Intelligenz – mit ihm denken, planen, entscheiden wir. Und er reguliert unsere Emotionen, wenn es mal heiß hergeht. Ebenso erweitert der PFC unseren Zeithorizont, sodass die Antizipation von beliebig weit in der Zukunft liegenden Handlungsfolgen prinzipiell möglich ist. Wir können planen und mental Probehandeln sowie kurzfristige Belohnungen zugunsten langfristiger Ziele aufschieben. Kurzum: Wir können unser Verhalten von unmittelbaren Reizsituationen entkoppeln. Der präfrontale Cortex kreiert den Raum, den der Begründer der Logotherapie Viktor Frankl im Sinn hatte, als er sagte: „Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion. In unserer Reaktion liegen unsere Entwicklung und unsere Freiheit.“

Schon gewusst?

Klimakrise, Steuererhöhungen, Lebenshaltungskosten – die größten Ängste der Deutschen

Die Überschwemmungen im Ahrtal im Juli 2021 haben die Deutschen nachhaltig beeinflusst. Während sich vor dem Hochwasser noch 41 Prozent der Menschen hierzulande über Naturkatastrophen und Wetterextreme Gedanken machten, stieg die Zahl nach dem Ereignis auf 69 Prozent an. Ähnliche Veränderungen lassen sich auch in Bezug auf die Klimakrise beobachten. Vor dem Hochwasser fürchteten sich 40 Prozent der Deutschen vor dem Klimawandel, danach waren es 61 Prozent. Auch die Covid-19-Pandemie ist nicht spurlos an den Menschen vorübergegangen. Im Jahr 2021 sahen sich die Deutschen am meisten von Steuererhöhungen beziehungsweise Leistungskürzungen infolge von Corona bedroht (53 %). Auf Platz zwei und drei rangierten die Furcht vor steigenden Lebenshaltungskosten (50 %) sowie vor Kosten für die Steuerzahler durch die EU-Schuldenkrise (50 %). Sorgen machten sich die Bundesbürger daneben um die Überforderung des Staates durch Geflüchtete (45 %) und um Schadstoffe in Nahrungsmitteln (43 %). Auch die Furcht, im Alter zum Pflegefall zu werden, zählte 2021 zu den größten Ängsten der Deutschen (43 %).

Quelle: R+V Allgemeine Versicherung AG (2022): R+V-Studie: Die Ängste der Deutschen. Online abrufbar unter: https://www.ruv.de/newsroom/themenspezial-die-aengste-der-deutschen/grafiken-zahlen-ueberblick.

Im PFC sind die zentralen neuronalen Areale verortet, die sowohl stressende Emotionen regulieren als auch überschäumende euphorische Handlungsimpulse hemmen können. Fordert uns eine schwierige Verhandlungssituation heraus oder verlockt uns die Werbeanzeige des neuen Smartphones, so ist es der PFC, der gewissenhaft analysiert und prüft, ob die in diesen Situationen automatisch entstandenen Emotionen auch wirklich situationsgerecht und angemessen sind. Normalerweise gelingt es dem PFC, dabei in Balance mit der Amygdala – dem „Boss“ des limbischen Stressnetzwerks – zu bleiben. Denn er ist in der Lage, über neuronale Nervenbahnen zur Amygdala deren Aktivität zu reduzieren. Ist eine Situation allerdings emotional zu stark aufgeladen – wir sind nicht nur leicht besorgt, sondern stark verunsichert –, so kann es zum Amygdala-Hijack (von engl. Hijack = Entführung ) kommen. Die Amygdala „kidnappt“ den präfrontalen Cortex, sodass sich dieser „abschaltet“. Mit der Folge, dass wir uns in solchen Situationen nicht sonderlich intelligent verhalten. Aber wie auch?! Der präfrontale Cortex fällt als Regulativ ja aus.

Die Amygdala, die der Chef des Stressnetzwerks ist, hat im Gegensatz zum PFC keinen eingebauten Überhitzungsschutz. Ihre Hauptfunktion besteht darin, unser Überleben in potenziellen Gefahrensituationen zu sichern, und dafür ist ihr fast jedes Mittel recht. Sie ist 24 Stunden am Tag , sieben Tage in der Woche in Alarmbereitschaft. Der PFC hingegen ist nur bis zu einem gewissen Grad belastbar. Wenn er erschöpft ist, stellt er ganz einfach seine Funktionen ein.

Genau dieses Phänomen untersuchten Forscher: In einer Studie fiel es Probanden nach einer exzessiven Sporteinheit (die dafür nötige Willenskraft fordert den präfrontalen Cortex) schwerer, Entscheidungen zu treffen. Gleichzeitig agierten sie impulsiver, zeigten also weniger Selbstkontrolle. Die Forscher konnten durch Hirnscans nachweisen, dass dieser Effekt durch einen „erschöpften“ präfrontalen Cortex hervorgerufen wurde (Blain et al. 2019). Der gleiche neuronale Erschöpfungseffekt zeigt sich bei einer anstrengenden kognitiven Arbeit, zum Beispiel einer hohen Konzentration über einen längeren Zeitraum (Blain / Hollard / Pessiglione 2016). Durch diesen im Frontallappen eingebauten Überhitzungsschutz hat die Amygdala auch in emotional aufgeladenen Momenten leichtes Spiel, denn sie ist bereit, sich so sehr anzustrengen und so viele Überstunden zu machen, wie es nötig ist. Dies führt genau zu solchen „Hijackings“. Die Amygdala ruft den Notstand aus und nimmt den Rest unseres Gehirns, vor allem den präfrontalen Cortex, in Beschlag. Das könnte man als neuronale Piraterie bezeichnen. Sie zwingt den anderen neuronalen Strukturen ihre Agenda auf. Das geschieht in einer derartigen Geschwindigkeit, dass der rational denkende Neocortex gar keine Zeit hat, die Situation eingehend zu prüfen und zu entscheiden, ob wirklich Gefahr im Verzug ist. Solche limbischen Überfälle passieren durchaus nicht selten. Sie zeigen sich nicht nur bei Angst, sondern auch bei anderen Emotionen wie Ärger. Denken Sie einmal an typische Konfliktsituationen, in denen wir etwas sagen, von dem wir eigentlich genau wissen, dass dies die Situation nicht besser macht, sondern eher eskaliert.

So beruhigen Sie Ihr limbisches Alarmzentrum

Aktuelle Studien der Neurowissenschaften zeigen, dass die beiden neuronalen Funktionsschaltkreise präfrontaler Cortex und limbisches Stressnetzwerk – wie gerade beschrieben – um Ressourcen konkurrieren: Sind wir emotional sehr erregt, zum Beispiel ängstlich oder wütend, fährt der präfrontale Cortex herunter. Dann kommt es zum bereits erwähnten Amygdala- Hijack. Andererseits mindert sich allerdings auch eine limbische Stressreaktion, wenn wir gezielt eine mentale Aktivierung einsetzen, indem wir etwa eine bewusste kognitive Aufgabe wie rückwärts zählen ausführen. Das ist mittels eines Hirnscans sogar messbar: Die neuronale Aktivierung der Amygdala wird signifikant reduziert (De Voogd / Hermans / Phelps 2018). Dabei muss die Aufgabe in ihrem Niveau ausgeglichen sein: Sie soll den PFC aktivieren, darf aber nicht so herausfordernd sein, dass sie unter dem emotionalen Stress nicht mehr zu bewältigen ist. Fordernd, aber nicht überfordernd, ist hier die Devise. Dieser Effekt lässt sich nun bewusst für das eigene Emotionsmanagement einsetzen, indem Sie über eine Aktivierung des präfrontalen Cortex gezielt die Emotionsregulation ankurbeln. Sinnbildlich gesprochen, geben Sie damit dem präfrontalen „Regulationsmotor“ Starthilfe.

Wie sich im Emotionsmanagement die neuronal beruhigende Wirkung einer mentalen Aktivierung auf das limbische Stressnetzwerk zeigt, können Sie in der Abbildung nachvollziehen (Firk et al. 2018): Bei den Studienteilnehmerinnen handelte es sich um 26 Mütter, denen als Stressreiz das aufgezeichnete Schreien ihrer Babys vorgespielt wurde, während sie im Hirnscanner lagen. In der Grafik (linker Balken: reiner Stressreiz) sehen Sie, dass dies zu einer signifikanten Aktivierung der Amygdala führte. Lösten die Mütter hingegen gleichzeitig eine mentale Aufgabe (sie zählten die Punkte auf einer Abbildung ), so regulierte dies die Amygdala unmittelbar herunter. Ebenso fühlten sich die Frauen emotional weniger gestresst. Dies zeigt die Effektivität der mentalen Aktivierung für die Anwendung im Selbstcoaching. Einer der großen Vorteile der mentalen Aktivierung im Alltag liegt darin, dass sie von außen nicht beobachtbar ist und damit von anderen Personen nicht bemerkt wird, wenn wir sie einsetzen. Eine Studie weist darauf hin, dass eine mentale Aktivierung nicht nur nach einer Belastung dabei hilft, den emotionalen Stress zu regulieren. Wird sie bereits während einer emotional belastenden Situation (z. B. bei einer Kränkung oder herabwürdigenden Kritik) eingesetzt, so reduziert dies im Anschluss (z. B. eine Woche später) die unangenehmen Erinnerungen daran (Krans / Naring / Becker 2009). Eine mentale Aktivierung als direkte Akutintervention kann somit auch die emotionale Resilienz erhöhen.

An dieser Stelle ist mir der Hinweis wichtig , dass ein Selbstcoaching oder Emotionsmanagement selbstverständlich kein professionelles Coaching oder gar eine Psychotherapie ersetzen kann. Leiden Sie unter starken, immer wiederkehrenden Ängsten, nehmen Sie bitte professionelle Hilfe durch einen Therapeuten in Anspruch. Für die Ängste aber, die uns im Alltag gelegentlich blockieren und in der Leistungsfähigkeit ausbremsen (z. B. in einer Präsentation, Prüfung oder Verhandlung ), können Sie das beschriebene Emotionsmanagement sehr wirksam und unmittelbar umsetzen.

Es gibt mehrere Möglichkeiten, wie Sie die mentale Aktivierung für Ihr Emotionsmanagement nutzen. Um einige Beispiele zu nennen: Wenn Sie in einer Situation spüren, dass die Angst die Kontrolle zu übernehmen droht, beginnen Sie damit, im Kopf Rechenaufgaben zu lösen, rückwärts zu zählen, das Alphabet rückwärts aufzusagen, die Anzahl rechteckiger oder runder Formen im Raum zu zählen oder auch schlichtweg Ihren Atem achtsam zu steuern. Hier gibt es schier unbegrenzte Wege, wobei das Atmen besonders effektiv zu sein scheint. Sylvain Laborde, einer der weltweit führenden Forscher auf dem Gebiet des „Slow-Paced-Breathing“, hat die Wirkung einer bewusst langsamen und gleichmäßigen Atmung (fünf Sekunden einatmen und fünf Sekunden ausatmen, vorzugsweise mit tendenziell etwas längerer Aus-als Einatmung ) mit folgenden Worten sehr gut auf den Punkt gebracht: „Control your breath, to control your heart, to control your brain“ („Kontrollieren Sie Ihre Atmung , um Ihr Herz zu kontrollieren, um Ihr Gehirn zu kontrollieren“). Die Forschung gibt ihm recht: Kontrollieren wir bewusst unseren Atemrhythmus, so aktiviert dies in der Tat den präfrontalen Cortex (Critchley et al. 2015). Die Funktionsweise der Resonanzatmung – wie wir diese Technik in dem von mir entwickelten Emotionscoaching-Ansatz emTrace® nennen – liegt in der natürlichen Kopplung von Atmung , Herz und Gehirn. Das bewusst langsame und gleichmäßige Atmen harmonisiert die Herzfrequenz, was wiederum über den Vagusnerv beruhigend auf die Amygdala und positiv anregend auf den präfrontalen Cortex wirkt.

In einem Experiment konnten Forscher nachweisen, dass bereits zwei (!) Minuten Resonanzatmung ausreichen, um eine signifikant positive Wirkung auf das emotionale Stresslevel und die kognitive fähigkeit zu erzielen: Die Probanden sollten sich vorstellen, dass sie Führungskraft eines fiktiven Einzelhandelsunternehmens in der Bekleidungsbranche sind. Dann bekamen sie schriftliche Unterlagen, die eine problematische Situation schilderten, die sie zu lösen hatten. Dafür sollten sie im ersten Schritt alle Informationen (E-Mails, Notizen, Nachrichten auf dem Anrufbeantworter und Memos) durchgehen, um anschließend zügig, aber konzentriert eine festgelegte Anzahl an Multiple-Choice-Fragen in begrenzter Zeit zu beantworten. Die Probanden der Experimentalgruppe führten vorher zwei Minuten lang die Resonanzatmung durch. Die Kontrollgruppe sollte in dieser Zeit einfach ruhig und entspannt warten. Das Ergebnis ist faszinierend: Die Teilnehmer der Resonanzatmungs-Gruppe zeigten im Kontrast zu denen der Kontrollgruppe 1. keinen Anstieg des Stressempfindens, sie b lieben emotional ruhig, und 2. sie gaben knapp 50 Prozent mehr richtige Antworten, trafen also bessere Entscheidungen (De Couck et al. 2019). Der Volksmund liegt also gar nicht so falsch, wenn er uns in stressigen Situationen empfiehlt: „Atme erst mal tief durch und zähl bis drei.“ Wobei es eigentlich richtig heißen müsste: „Atme erst mal tief durch und zähl von drei an rückwärts.“

Buchtipp

Integratives Emotionscoaching mit emTrace

Unter dem Titel IntegrativesIntegrativesEmotionscoachingEmotionscoachingmitmit emTrace.emTrace.WieWieemotionaleemotionaleVeränderungVeränderungwirklichwirklichgelingtgelingt ist im September 2021 die neue Publikation von Dirk W. Eilert erschienen: ein umfassendes und an der aktuellen Forschung ausgerichtetes Grundlagenwerk über integratives Emotionscoaching.

Das Fachbuch hält nicht nur für Coaches viele spannende Erkenntnisse und Praxistipps bereit, sondern ist auch für jeden interessant, der Emotionen und emotionale Veränderungsprozesse besser verstehen möchte.

Studienquellen

Blain, Bastien / Hollard, Guillaume / Pessiglione, Mathias (2016): Neural Mechanisms Underlying the Impact of Daylong Cognitive Work on Economic Decisions. Proceedings of the National Academy of Sciences 113 (25), S. 6967– 6972. DOI: 10.1073/pnas.1520527113.

Blain, Bastien et al. (2019): Neuro-computational Impact of Physical Training Overload on Economic Decision-Making. Current Biology 29 (19), S. 3289– 3297, e3284. DOI: 10.1016/j.cub.2019.08.054.

Critchley, Hugo D. et al. (2015): Slow Breathing and Hypoxic Challenge: Cardiorespiratory Consequences and Their Central Neural Substrates. PLOS ONE 10 (5), e0127082. DOI: 10.1371/journal.pone.0127082.

Csikszentmihalyi, Mihaly (1997): Finding Flow – The Psychology of Engagement with Everyday Life. New York, NY: Basic Books.

Danziger, Shai / Levav, Jonathan / Avnaim-Pesso, Liora (2011): Extraneous factors in judicial decisions. Proceedings of the National Academy of Sciences 108 (17), S. 6889–6892.

De Couck, Marijke et al. (2019): How Breathing Can Help you Make Better Decisions: Two Studies on the Effects of Breathing Patterns on Heart Rate Variability and Decision-Making in Business Cases. International Journal of Psychophysiology 139, S. 1–9. DOI: 10.1016/j.ijpsycho.2019.02.011.

De Voogd, Lycia D. / Hermans, Erno J./ Phelps, Elizabeth A. (2018): Regulating Defensive Survival Circuits Through Cognitive Demand Via Large-scale Network Reorganization. Current Opinion in Behavioral Sciences 24, S. 124– 129. DOI: 10.1016/j.cobeha.2018.08.009.

Eilert, Dirk W. (2020): Körpersprache entschlüsseln & verstehen: die Mimikresonanz-Profibox. Paderborn: Junfermann.

Firk, Christine et al. (2018): Down-Regulation of Amygdala Response to Infant Crying: A Role for Distraction in Maternal Emotion Regulation. Emotion 18 (3), S. 412–423. DOI: 10.1037/emo0000373.

Gambetti, Elisa / Giusberti, Fiorella (2012): The Effect of Anger and Anxiety Traits on Investment Decisions. Journal of Economic Psychology 33 (6), S. 1059– 1069. DOI: 10.1016/j.joep.2012.07.001.

Kandasamy, Narayanan et al. (2014): Cortisol Shifts Financial Risk Preferences. Proceedings of the National Academy of Sciences 111 (9), S. 3608–3613. DOI: 10.1073/pnas.1317908111.

Krans, Julie / Naring, Gérard / Becker, Eni S. (2009): Count Out Your Intrusions: Effects of Verbal Encoding on Intrusive Memories. Memory 17 (8), S. 809– 815. DOI: 10.1080/09658210903130780.

Santomauro, Damian F. et al. (2021): Global Prevalence and Burden of Depressive and Anxiety Disorders in 204 Countries and Territories in 2020 Due to the COVID-19 Pandemic. The Lancet. DOI: 10.1016/s0140-6736(21)02143-7.

Dirk W. Eilert

Wirtschaftspsychologe; Experte für emotionale Intelligenz und Entwickler u. a. der Mimikresonanz-Methode. Einer der führenden Mimik-und Körpersprache-Experten im deutschsprachigen Raum. Dirk W. Eilert (Jahrgang 1976) ist verheiratet und hat zwei Töchter. Er lebt in Berlin und leitet dort die Eilert-Akademie. Mehr Informationen unter www. eilert-akademie.de und www.dirkeilert.com.