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ARTAXATA IN ARMENIEN


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Antike Welt - epaper ⋅ Ausgabe 5/2022 vom 21.09.2022

«Artaxata bei der Araxenischen Ebene, eine schön angelegte Stadt und Königssitz des Landes; sie liegt auf einer halbinselförmigen Landzunge: ihre Mauer ist ringsum, außer auf der Landenge, durch den Fluss geschützt und die Landenge mit einem Graben und einem Wall abgeriegelt.»

(Strabon, Geographika, Buch XI, 14, 6)

Mit einer Höhe von 5137 m erhebt sich der Ararat über die gleichnamige Ebene im Gebiet des antiken Königreichs Armenien. Durch die Ebene fließt der antike Fluss Araxes und unmittelbar nordöstlich des Berges auf der Ostseite des Flusses liegen die markanten Hügel der hellenistischen Residenzstadt Artaxata. Wer heute den Ort besucht, kommt zumeist wegen des berühmten mittelalterlichen Klosters Khor Virap, das sich malerisch vor der Kulisse des Ararat aufbaut (Abb. 1). Der Tradition nach wurde an diesem Ort in einem tiefen Loch (Armenisch «Khor Virap») Gregor der Erleuchter (um 240–331 n. ...

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Bildquelle: Antike Welt, Ausgabe 5/2022

Abb. 1 Blick von Hügel XIII auf den Ararat und das Kloster Khor Virap.
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... Chr.) von König Tiridates III. gefangen gehalten, um ihn vom christlichen Glauben abzubringen. Gregor bekehrte aber den König und so wurde 301 n. Chr. die erste christliche Staatskirche der Welt in Armenien gegründet. Der Gefängnisort lag auf einem der 16 Hügel der antiken Residenzstadt Artaxata (Abb. 2).

Artaxata wuchs aufgrund dieser günstigen Lage rasch zu einer bedeutenden Metropole Armeniens und blieb mit kurzen Unterbrechungen Hauptstadt des armenischen Königreichs bis in die Spätantike. Auch auf der Tabula Peutingeriana, eine mittelalterliche Kopie einer spätantiken Karte des römischen Straßennetzes, ist Artaxata als wichtiger Verkehrsund Handelsknotenpunkt verzeichnet.

Forschungsgeschichte

In den 1970er und 1980er Jahren führte die Armenische Akademie der Wissenschaften archäologische Feldforschungsprojekte im Stadtgebiet durch. Hierbei stand neben der topographischen Aufnahme der Hügel, die Dokumentation der Stadtbefestigung im Vordergrund. Großflächige Grabungen wurden vor allem auf den Hügeln I und VIII durchgeführt. Während die Bebauung auf Hügel I in Form von Wohnhäusern, Baracken, Lager- und Wachräumen hauptsächlich fortifikatorischen Zwecken diente, handelt es sich bei den Gebäuden auf Hügel VIII um ein Wohnquartier mit Korridorhäusern. Zudem wurden dort zwei Badeanlagen mit Hypokausten freigelegt. Für alle Bauphasen ließ sich feststellen, dass die Bebauung nach einem zugrundeliegenden, regelmäßigen Bauplan erfolgte. Die benachbarten Häuser entstanden in Wohnblöcken, untergliedert von Straßen und Gassen. Anhand der Befunde lässt sich eine dichte Bebauung des gesamten ummauerten Stadtgebietes erschließen.

Die Stadtmauer, deren Errichtung in die Gründungsphase der Stadt datiert wird, umfasst mit einer Gesamtlänge von 3,8 km die Hügel I bis IX und somit eine Fläche von ungefähr 30 bis 35 ha. Ein System von befestigten Gängen und Toren sowie zahlreiche Rundtürme schützten die Kernstadt vor feindlichen Angriffen. Es ist allerdings davon auszugehen, dass die besiedelte Fläche zur Blütezeit der Stadt bis zu 600 ha betrug.

Im Zentrum der Oberstadt und an ihrem höchstgelegenen Punkt (Hügel II) befand sich vermutlich der königliche Palast. Dies erschließt sich aus der zentralen Lage und der Einbindung in die Befestigungsanlage, so dass der auch heute noch sehr steile Hügel nur durch schmale, umwehrte Passagen von Hügel I im Nordosten und Hügel III im Südwesten zugänglich war. Bemalte Bauornamentik und Stuckfragmente zeugen von einer reichen Ausstattung der nur punktuell erforschten Bebauung. Schon in urartäischer Zeit war die Hügelkuppe von einer gewaltigen Mauer umgeben.

Die materielle Kultur der Stadt ist geprägt sowohl von lokalen Charakteristika als auch weitreichenden Austauschbeziehungen mit der Mittelmeerwelt sowie dem Partherreich (Abb. 3). Mehrere Inventare von Siegelabdrücken zeugen von weitverzweigten Handelsbeziehungen in alle Himmelsrichtungen.

Die Chronologie der Stadtgeschichte, beginnend mit der hellenistischen Gründung und in vier aufeinanderfolgende Phasen unterteilt, wurde zunächst nah an den literarischen Quellen orientiert. Darüber hinaus konnte aber auch festgestellt werden, dass der Ort bereits im Chalkolithikum, der mittleren Bronzezeit und in urartäischer Zeit besiedelt war. Auffällig ist hierbei eine Besiedlungslücke zwischen der Eisenzeit und der hellenis- tischen Neugründung, die auch das aktuelle Forschungsprojekt vor eine zentrale Herausforderung stellt.

Nach den umfangreichen feldarchäologischen Untersuchungen der 1970er und 1980er Jahre wurden nur noch punktuelle Maßnahmen durchgeführt. So wurde beispielsweise in der südlichen Unterstadt der sog. Complex with Pillars ausgegraben. Südöstlich des hellenistischen Stadtgebietes legte man 1990 Teile einer früheisenzeitlichen Siedlung frei. Seit 2003 und bis heute andauernd widmet sich die Armenische Akademie der Wissenschaften der archäologischen Untersuchung des sog. Riverside District südöstlich von Khor Virap (Abb. 4).

Das Armenian-German Artaxata Project (AGAP)

Seit 2018 erforscht das Armenian-German Artaxata Project (AGAP), ein Kooperationsprojekt zwischen dem Institut für Klassische Archäologie und Christliche Archäologie der Universität Münster und der Abteilung für Archäologie der Armenischen Akademie der Wissenschaften, die östliche und südöstliche Unterstadt Artaxatas. In der ersten Kampagne 2018 wurde zunächst ein Testschnitt auf Hügel XIII angelegt. Dieser liegt am Übergang von der Ober- zur Unterstadt und war ebenso Untersuchungsgegenstand einer parallel durchgeführten geophysikalischen Prospektion, wie die nördlich und südlich daran angrenzende Ebene (Abb. 5). Insgesamt wurden etwas mehr als 11 ha Fläche magnetisch untersucht. 2021 kamen weitere 20 ha im Bereich der südlichen Unterstadt hinzu (Abb. 6).

Hügel XIII: Vom Heiligtum zum Wohnquartier

Basierend auf den vielversprechenden Ergebnissen der Magnetik, wurden mit Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft großflächige Ausgrabungen im Untersuchungsgebiet vorgenommen. Auf Hügel XIII konnte eine dreiphasige Bebauung festgestellt werden, deren Chronologie anhand von 14C-Daten gesichert ist. Von allen drei Phasen sind Bruchsteinmauersockel für aufgehende Lehmziegelarchitektur erhalten. In Phase I (ca. 180–66 v. Chr.) befand sich auf der östlichen Hügelkuppe ein mutmaßlich sakrales Gebäude, bestehend aus einem zentralen Breitraum mit reichhaltigem Stuckdekor und Ausstattungselementen aus Basalt (Abb. 7). Umgeben war der Raum von einem umlaufenden Korridor, dessen Ende im Südosten den einzigen Zugang bildete. Besonders auffällig ist die elaborierte Dekoration des Türrahmens, welche die zentrale Bedeutung des Breitraums unterstreicht (Abb. 8).

Spuren von Feuer in diesem Bereich deuten an, dass das Gebäude zumin- dest teilweise zerstört wurde. Im Süden und Südwesten fanden sich Mauern, die teilweise wiederverwendete Bestandteile der Wanddekoration aufweisen. Offenbar verlagerten die Nutzer des Areals ihre Bauaktivitäten nach dem Brand in diesen Bereich. Mit dem Niedergang des sakralen Gebäudes im Zentrum der Hügelkuppe ist ein Funktionswandel einhergegangen, so dass davon auszugehen ist, dass in einer kurzen Übergangsphase, die auf Phase I folgte, hier Wohnräume entstanden sind.

Das endgültige Ende der Phase I fällt in die Zeit militärischer Auseinandersetzungen zwischen Tigranes dem Großen und dem römischen Reich sowie dessen Verbündeten. Am Ende dieser Konflikte musste sich Tigranes geschlagen geben und seine neue Hauptstadt Tigranakert sowie große Teile seines Reiches, das sich zur Zeit seiner größten Ausdehnung vom Südkaukasus bis in die Levante erstreckte, aufgeben. Ab dieser Zeit war Artaxata erneut Hauptstadt des armenischen Königreiches. Um die Mitte des 1. Jhs. v. Chr. datiert auch der Beginn der Phase II auf Hügel XIII, wo nun Wohnhäuser errichtet wurden. Zwei durch eine Gasse voneinander getrennte Korridorhäuser konnten bisher vollständig oder zum Teil freigelegt werden.

Aus bisher nicht bekannten Gründen wurden die Wohnhäuser der Phase II in einer dritten Phase nahezu deckungsgleich überbaut. In einem der Räume des östlichen Wohnkomplexes wurde ein Becken und eine in die Gasse führende Abwasserleitung installiert. Im Osten wurde einer der Räume durch eine Zwischenmauer unterteilt. Darüber hinaus lassen sich zwischen den Phasen II und III keine baulichen und somit funktionalen Veränderungen fassen.

Das Ende von Phase III markiert vermutlich die Militärkampagne des römischen Feldherrn Corbulo, der nach Ausweis der literarischen Quellen 59 n. Chr. auf Anweisung Neros Artaxata erreichte. Laut dem römischen Historiker Tacitus öffneten die Bewohner der Stadt dem Feind widerstandslos die Tore. Da aber Artaxata zu groß war, um es besetzt zu halten, wurde die Stadt von den Römern zerstört, bevor Corbulo seinen Feldzug gen Osten fortsetzte.

Archäologisch lässt sich nachweisen, dass die Bewohner von Hügel XIII ihre Wohnhäuser bereits vor der Zerstörung der Stadt verließen, denn es lässt sich keine gewaltsame Niederlegung der Häuser erkennen. Eine im Vergleich mit anderen Siedlungsorten recht geringe Menge an Funden zeugt davon, dass die Häuser geplant und kontrolliert aufgegeben wurden. Zudem ist zu beobachten, dass nahezu der gesamte Hügel von einer rund 30 cm dicken Schicht von Lehm bedeckt ist, der von geschmolzenen Lehmziegeln des aufgehenden Mauerwerks stammen muss, und die leerstehenden Häuser über einen langen Zeitraum der Witterung ausgesetzt waren. Der Hügel wurde in der Folgezeit nicht wieder besiedelt. Funde von Keramik und die Installation eines Ofens deuten jedoch an, dass der Ort im Mittelalter sporadisch aufgesucht wurde.

Östlichster Bogenaquädukt des Römischen Reiches

Nördlich von Hügel XIII lässt sich die spätere Präsenz der Römer in Artaxata nicht nur indirekt nachweisen. Eine deutlich sichtbare Anomalie in Form einer Punktreihe im Magnetogramm, die von Osten kommend auf Hügel I zuläuft, erwiesen sich als Spuren eines römischen Bogenaquädukts (Abb. 9). Es handelt sich um Fundamentblöcke aus in Schichten gegossenem opus caementitium. Insgesamt konnten 17 solcher Pfeiler, die mindestens 3,50 m tief in den Boden ragen, archäologisch nachgewiesen werden. Fertiggestellt wurde der Aquädukt, der vermutlich aus dem rund 25 km östlich von Artaxata gelegenen Quellgebiet des Flusses Vedi gespeist werden sollte, allerdings nie. Es haben sich keinerlei Überreste einer aufgehenden Architektur gefunden, was darauf hindeutet, dass dieses Megabauprojekt abgebrochen werden musste.

Verantwortlich für das unvollendete Bauprojekt ist wohl Kaiser Trajan (reg. 98−117 n. Chr.), der 114 n. Chr. Armenien eroberte und als Provinz mit Artaxata als Statthaltersitz in das Imperium Romanum eingliederte. Vermutlich wurden die Arbeiten am Aquäduktbau recht zeitnah aufgenommen und durch die Legio IIII Scythica mit dem Beinamen operosa felix (fleißig, glücklich) durchgeführt. Die Anwesenheit dieser Legion ist neben Stempeln auf Dachziegeln, durch eine monumentale, dem Kaiser Traian gewidmete Inschrift nachgewiesen (Abb. 10).

Gefunden wurde die Inschrift 1967 rund 1,5 km östlich von Artaxata, in dem Dorf Pokr Vedi. Der Kontext ist zwar unbekannt, jedoch wurde vermutet, dass die Inschrift zu einem römischen Militärlager gehörte. Bei Grabungen eines armenisch-polnischen Teams von Archäolog:innen in der unmittelbaren Nähe des Fundortes stieß man vor einigen Jahren wohl auf ein altes Flussbett, welches möglicherweise den antiken Verlauf des Metsamor markiert. Somit wäre es auch möglich, dass die Inschrift von einer Brücke stammt. Ein unmittelbarer baulicher Zusammenhang mit dem Aquädukt ist aufgrund des unfertigen Zustandes der Wasserleitung nicht zu erwarten, aber die Anwesenheit der «fleißigen» Legio IIII unter Kaiser Traian ist hinreichend belegt.

Bereits unter Traians Nachfolger Hadrian (Reg.-Zeit 117−138 n. Chr.) wurde die Provinz Armenia – und somit auch der Aquäduktbau – aufgegeben. Der (unfertige) Bogenaquädukt von Artaxata ist der östlichste des Imperium Romanum, denn unter Traian erreichte das römische Reich seine größte Ausdehnung, die unter keinem seiner Nachfolger je wieder erreicht wurde.

Eine urartäisches Bauwerk im Süden

Während der letzten Kampagne 2021 widmete sich das AGAP erstmals auch dem südlichen Bereich des Untersu- chungsgebietes. Dort zeichnete sich im Magnetogramm ein hallenartiges Bauwerk mit einer Länge von über 60 m ab. In zwei großangelegten Grabungsschnitten mit einer Fläche von insgesamt 195 m² wurde hier die nordwestliche Ecke des Bauwerks und ein dreiteiliges Doppeltor im Zentrum freigelegt (Abb. 11). Die Funktion dieses monumentalen Gebäudes bleibt vorerst unklar. Sicher ist aber, dass die Struktur um 800 v. Chr. und damit in urartäischer Zeit (9.−6. Jh. v. Chr.) errichtet wurde.

Aus der Zeit Urartus stammt auch der älteste Teil der Stadtmauer auf Hügel II. Während aus dem übrigen Stadtgebiet Funde von Keramik bekannt sind, die in diesen Zeitraum datiert werden können, so ist das urartäische Gebäude neben der Mauer auf Hügel II die erste monumentale Architektur dieser Epoche auf dem Stadtgebiet des späteren Artaxata. Rund 500 m weiter südlich wurden im Herbst 2021 weitere Besiedlungsreste urartäischer Zeit entdeckt. Offenbar erstreckte sich ein Teil der urartäischen Siedlung in die südliche Ebene.

Perspektiven

Die Arbeiten auf Hügel XIII sind – zumindest was die östliche Hügelkuppe angeht – weitgehend abgeschlossen. In der kommenden Kampagne 2022 wird die Westseite des Hügels Gegenstand der Untersuchung sein. Hauptaugenmerk wird aber auf dem südlich gelegenen urartäischen Bauwerk liegen, um zu klären, welche Funktion das Gebäude hatte und wie lange es genutzt wurde, da es sich hier um das bislang bedeutendste Monument zur urartäischen Besiedlung des Stadtgebietes handelt. Das Magnetogramm gibt Anlass zu der Vermutung, dass sich ein Teil der urartäischen Siedlung weiter in die Ebene erstreckt. Die urartäischen Schichten sind für uns auch deshalb von großem Interesse, da in der armenischen Archäologie derzeit intensiv diskutiert wird, wie die Zeit zwischen dem Untergang Urartus im 6. Jh. v. Chr. und der Etablierung eines armenischen Königreichs in hellenistischer Zeit ausgesehen hat. Gab es eine Kontinuität oder ist das Wiederaufblühen alter urartäischer Orte in hellenistischer Zeit ein bewusstes Wiederanknüpfen? Oder ist es vielleicht nur Zufall und der naturräumlich günstigen Lage der Siedlungsplätze zu verdanken? In den kommenden Jahren erwarten wir uns neue Erkenntnisse zu diesen Fragen, die unmittelbar mit dem Selbstverständnis des hellenistischen Artaxata zu tun haben.

Die bisherigen Arbeiten konnten das Bild der urbanen Entwicklung der hellenistischen Residenzstadt Artaxata um wichtige Erkenntnisse erweitern. So zeichnet sich deutlich ab, dass die Auseinandersetzungen mit Rom sowohl direkt als auch indirekt weitreichenden Einfluss auf die Gestaltung der Stadt hatten. So lässt sich zwischen den Phasen I und II ein Funktionswandel in der Nutzung des Siedlungsgebietes auf Hügel XIII von einem kultischen Ort hin zu einem Wohnquartier fassen.

Die Aufgabe der Wohngebäude wiederum zeigt, dass sich das Stadtgebiet offenbar im Zuge der Zerstörung durch Corbulo verkleinerte und sich die Bewohner der Stadt in den ummauerten Siedlungskern zurückzogen oder aber das Siedlungsgebiet sich verlagerte. Die Auswertung von Satellitenbildern deutet an, dass die Stadtmauer auch Teile der Ebene südlich vor Khor Virap miteinschloss. Der «Riverside District» war somit vermutlich ebenfalls Teil der befestigten Stadt. Hier sind vermehrt ab dem 1. Jh. n. Chr. Bauaktivitäten nachweisbar. In einer weiteren geophysikalischen Prospektionskampagne soll dieser Bereich eingehender untersucht werden, um zu verstehen, ob tatsächlich ein kausaler Zusammenhang zwischen der Aufgabe der Wohnbebauung auf Hügel XIII und anschließender Zunahme von Aktivität am «Riverside District» besteht.

Parallel zu diesen Arbeiten sollen anhand von gezielten Sondagen weitere in der Geomagnetik sichtbare Strukturen in der südlichen Unterstadt und am Osthang des Hügels II siedlungsgeschichtlich untersucht werden. Im Fokus steht hierbei weiterhin die Gründungsphase von Artaxata. Geklärt werden soll, wie die neugegründete artaxiadische Residenzstadt im Detail aussah und wie sich die römische Zerstörung und spätere Präsenz auf die Urbanistik auswirkte.

Zahlreiche Fragen hinsichtlich der Ausprägung des armenischen Hellenismus zwischen Tradition, Innovation, Adaption und Transformation sind noch offen und können nur mit weiteren Materialstudien geklärt werden. Zu diesem Zweck ist eines der Ziele auch die Erarbeitung einer Keramiktypologie, die sich an 14C-datierten stratigraphischen Beobachtungen orientiert.

Darüber hinausgehend ist das Ziel aller am AGAP beteiligten Wissenschaftler:innen die Vertiefung der sehr gewinnbringenden armenisch-deutschen Wissenschaftskooperation und die Implementierung naturwissenschaftlicher Forschungsmethoden, um der Bedeutung des kulturellen Erbes am Fuße des Ararat gerecht werden zu können.

Weitere Informationen

projekte/

Adresse der Autoren

Prof. Dr. Achim Lichtenberger Westfälische Wilhelms-Universität Münster Institut für Klassische Archäologie und Christliche Archäologie/Archäologisches Museum Domplatz 20–22 D-48143 Münster

Torben Schreiber, M.A. Westfälische Wilhelms-Universität Münster Institut für Klassische Archäologie und Christliche Archäologie/Archäologisches Museum Domplatz 20–22 D-48143 Münster

Dr. Mkrtich H. Zardaryan National Academy of Sciences of the Republic of Armenia Institute of Archaeology and Ethnography 15 Charents Street ARM-0025 Yerevan

Bildnachweis

Abb. 1. 2. 5. 6−9. 11: © AGAP; 3: ©History Museum of Armenia; 4: © National Academy of Sciences of the Republic of Armenia; 10: © Mkrtich H. Zardaryan.

Literatur

V. BECKER, Faunal remains from the 2018 excavation campaign of the Armenian-German Artaxata Project, Boreas 41/42 (2018/2019) 49–62.

H. A. GYULAMIRYAN / S. R. MURADYAN / M. H. ZARDARYAN / A. LICHTENBERGER / T. SCHREIBER, The Armenian-German Archaeological Project: Results from the Excavations in Artaxata 2018−2021, in: 2/24 (2021) 5−18. .

A. LICHTENBERGER / M. H. ZARDARYAN, Preliminary Report of the 2018 campaign of the Armenian-German Artaxata Project, in: Boreas 41/42 (2018/2019) 39−48.

A. LICHTENBERGER / C. MEYER / M. H. ZARDARYAN, Report on the 2018 Magnetic Prospection at Artaxata/ Artashat in Armenia, in: Archäologischer Anzeiger 2/2019 (2019) 70−89. .

A. LICHTENBERGER / T. SCHREIBER / M. H. ZARDARYAN, The Armenian-German Artaxata Project: preliminary report on the excavations in Artashat 2019, in: Aramazd 14/1–2 (2020) 184−227.

DIES., First Results and Perspectives of a New Archaeological Project in the Armenian Capital Artaxata: From Artashes-Artaxias I to Roman Imperialism, in: Electrum 28 (2021) 245−276. 9EL.21.016.13374.

DIES., Failed Roman Imperialism. An Unfinished Roman Aqueduct at Artaxata in Armenia, in: Archäologischer Anzeiger 2021/1, § 1–81, .