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August fängt Feuer


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G Geschichte Porträt - epaper ⋅ Ausgabe 4/2021 vom 19.11.2021

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Bildquelle: G Geschichte Porträt, Ausgabe 4/2021

Die Dame ... Als Venus posiert 1712 die Gräfin Cosel. Der kleine Liebesgott auf ihrem Schoß, Cupido, ist ihr neugeborener Sohn Friedrich August

Noch kann August nicht ahnen, dass es an diesem Abend zu einem ganz besonderen Rendezvous kommen wird. Als galanter Verführer hat er schon häufig Feuer gefangen, aber noch nie im wortwörtlichen Sinn. Das ändert sich am 7. Dezember 1704. Beunruhigt vom Alarm der Feuerglocke, blickt er aus dem Fenster und sieht in der Dunkelheit einen Feuerschein ganz in der Nähe des Dresdner Stadtschlosses. Eilig lässt er sich vom Kutscher in die Kreuzgasse fahren, wo er bestürzt erkennen muss, dass das Haus seines Ministers Adolph Magnus von Hoym in Flammen steht. In Panik rennen die Bewohner auf der Gasse hin und her. Doch inmitten des Infernos erblickt August eine rußverschmierte junge Frau, die scheinbar seelenruhig die Löscharbeiten beaufsichtigt und den Männern Befehle erteilt.

Als er näherkommt, erkennt er die Hausherrin Anna Constantia von Hoym, der er auf höfischen Festen schon mehrmals begegnet ist. Was ...

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... für ein Prachtweib, das hier todesmutig seinen Mann steht und den verstörten Kerlen sagt, was sie zu tun haben. Unglaublich! Die Flammen sind bald gelöscht, aber August hat Feuer gefangen. Er wird diese Constantia zu seiner nächsten Mätresse machen.

Sie ist nicht die erste, denn August liebt die Frauen – außer seiner eigenen. Er hat Christiane Eberhardine von Brandenburg-Bayreuth vor allem aus politischen Gründen geheiratet, doch die fromme Protestantin ist überhaupt nicht nach seinem Geschmack. Selbst das Volk verspottet sie als »sächsische Betsäule«. Schon längst hat sich die Königin auf ihr Schloss Pretzsch bei Wittenberg zurückgezogen, wo sie ein stilles und wohltätiges Leben führt. Das kann August nur recht sein. Ganz nach dem Vorbild des französischen Sonnenkönigs Ludwig XIV. gehört es auch für ihn zum guten Ton, stets eine hübsche Mätresse an der Seite zu haben. An willigen Damen herrscht kein Mangel, denn die Position ist äußerst lukrativ.

Mätresse zu sein ist ein öffentliches Amt und finanziell sehr lukrativ

Die Mätresse bekleidet gleichsam ein öffentliches Amt und nimmt an allen Staatsakten, Empfängen und Festlichkeiten teil – selbst dann, wenn die Gattin des Fürsten anwesend ist. Zwar ist die Stellung meist nur vorübergehend, doch wenn es die Mätresse geschickt anstellt, hat sie bis an ihr Lebensende ausgesorgt. August ist da sehr großzügig, auch was seine acht außerehelichen Kinder betrifft, die er alle anerkennt und finanziell gut absichert.

»Sie kostete so viel, als eine Armee zu unterhalten. Unsägliche Summen gingen darauf«

Der zeitgenössische Schriftsteller Johann Michael von Loën über die Gräfin Cosel

Bestes Beispiel ist die erste kurfürstliche Mätresse, die attraktive Maria Aurora von Königsmarck. Als sie 1696 nach zwei Jahren den Laufpass bekommt, erhält sie die gut dotierte Position der stellvertretenden Äbtissin des Damenstifts Quedlinburg, und ihr Sohn Moritz wird später eine glänzende Militärkarriere machen.

Ein hübsches Gesicht allein reicht nicht immer aus. Als Sachsens Kurfürst 1697 König von Polen wird, braucht er, um bei seinen neuen Untertanen zu punkten, eine polnische Mätresse. Schon bald findet er Gefallen an der jungen Ursula Katharina Lubomirska, die er 1704 zur Reichsfürstin Teschen erheben lässt. Doch ihre Zeit ist spätestens mit dem Verlust der polnischen Krone 1706 abgelaufen. Mit einer satten Abfindung wird sie entlassen.

Damit ist die Bühne frei für jene Dame, für die August schon länger entflammt ist: Constantia, inzwischen eine geschiedene von Hoym und somit frei für den liebeskranken Fürsten. Allerdings will sich die ehrgeizige Constantia nicht mit der Position der Mätresse begnügen. Sie drängt auf Heirat. Schließlich gibt es in Adelskreisen die sogenannte morganatische Ehe, die zwar Erbansprüche von Frau und Kindern ausschließt, aber rechtliche Gültigkeit hat. Der einzige Haken an der Sache: Wenn das zu Lebzeiten der angetrauten Gemahlin geschieht, muss diese ihr Einverständnis geben. Christiane Eberhardine aber würde einer offiziellen Nebenfrau nie im Leben zustimmen. Eigentlich hätten bei August alle Alarmglocken schrillen müssen – vielleicht hat ihn die Liebe blind gemacht. Anders ist es kaum zu erklären, dass er auf Constantias zwielichtige Idee eingeht: Er unterzeichnet nicht nur einen geheimen Vertrag, mit dem er die morganatische Ehe bestätigt, sondern verspricht ihr die richtige Heirat, sollte Christiane Eberhardine vorzeitig sterben.

Mit seinem Heiratsvertrag begeht August faktisch Bigamie — und das weiß er auch

Besonders wohl ist August nicht in seiner Haut, denn bei diesem Arrangement handelt es sich um nichts anderes als um Bigamie. Er hält den Vertrag daher gut unter Verschluss und möchte lieber nicht darüber nachdenken, dass Constantia ebenfalls ein Exemplar besitzt.

Zunächst geht alles gut. Offiziell tritt Constantia weiter als Mätresse auf und sonnt sich in der Gunst des Kurfürsten. Gekrönt wird ihre glänzende Karriere 1706 durch die Ernennung zur Reichsgräfin von Cosel, die mit einer jährlichen Apanage von 100 000 Talern verbunden ist. Gleichzeitig schenkt ihr August das idyllische Schloss Pillnitz und ein luxuriöses Palais am Dresdner Schloss, heute bekannt als Taschenbergpalais. Hier hält Constantia Hof, empfängt bedeutende Gäste, Minister, Adlige und Diplomaten, gibt Soupers und veranstaltet rauschende Feste. Drei Kinder werden geboren – zwei Töchter und ein Sohn.

»Wenn sie, seiner Liebe sicher, unverschämt zu werden beginnen, verlässt er sie vernünftigerweise«

Graf Jacob Heinrich von Flemming in seinen Memoiren über Augusts Liebesleben

Constantia mischt sich in die Politik ein — das ist nun wirklich zu viel

Lange scheinen August und Constantia unzertrennlich, bis sie den Fehler macht, sich in politische Fragen einzumischen. Auslöser ist Augusts Wunsch, dass auch sein Sohn zum Katholizismus konvertiert, um eine Option auf die polnische Krone zu haben. Das lehnt Constantia strikt ab. Weil die königliche Liebe zunehmend ins Räderwerk der Politik gerät, lässt August seine Mätresse nach neun leidenschaftlichen Jahren fallen. Constantia muss sich nach Schloss Pillnitz zurückziehen. Hier könnte sie nun ein privilegiertes Leben führen, doch wieder begeht sie einen Fehler: Sie verweigert die Herausgabe des geheimen Ehevertrags, den ihr Vetter im Familienarchiv aufbewahrt. Damit wird sie für den König zur tickenden Zeitbombe: Es besteht die Gefahr, dass sie ihn aus Rache oder gekränkter Eitelkeit als Bigamisten outet.

So ist August höchst alarmiert, als er im Dezember 1715 erfährt, Constantia habe Schloss Pillnitz verlassen und sei nach Berlin gereist.

Was plant sie da? Will sie sich etwa von ihrem Vetter den Ehevertrag aushändigen lassen? Weil August genau das befürchtet, fädelt er mit Preußens König einen Deal ein, lässt Constantia auf preußischem Boden verhaften und nach Sachsen ausliefern. 1716 bringt man sie als Gefangene auf die Festung Stolpen östlich von Dresden. Hinter deren dicken Mauern ist das brisante Geheimnis gut aufgehoben. Was Constantia tatsächlich geplant hat, wird nie geklärt. Allmählich vergisst man die unglückliche Frau, die 1765 hochbetagt sterben wird, noch immer als Gefangene.

Nach Constantias Verbannung folgen andere Mätressen, deren Namen jedoch kaum erwähnenswert sind, denn sie können der Cosel nicht das Wasser reichen. Außerdem lässt Augusts Interesse an dem schönen Geschlecht spürbar nach. Geplagt von verschiedenen Krankheiten, ist er bald nicht mehr in der Lage, die Freuden der Liebe zu genießen. Feuer hat er jedenfalls nicht mehr gefangen.

LESETIPP

Von der Autorin dieses Artikels, Karin Feuerstein- Praßer: »Bettgeschichten. Schlafzimmergeheimnisse aus fünf Jahrhunderten«. wbg Theiss 2014, € 12,95