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Begegnung zwischen Zeiten und Welten


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Abenteuer Philosophie - epaper ⋅ Ausgabe 2/2022 vom 31.03.2022

Reisen

Artikelbild für den Artikel "Begegnung zwischen Zeiten und Welten" aus der Ausgabe 2/2022 von Abenteuer Philosophie. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Abenteuer Philosophie, Ausgabe 2/2022

? Die Skyline von Sevilla bei Sonnenuntergang, der Fluss Guadalquivir und der Torre del Oro (rechts, deutsch: der Goldturm), eines der Wahrzeichen der Stadt.

Auf der Fahrt vom Flughafen ins Stadtzentrum komme ich mit dem freundlichen Taxifahrer ins Gespräch. Wie es denn so sei, jetzt, in Corona-Zeiten mit dem Tourismus, frage ich ihn. „Es kommen schon Touristen! Schließlich ist Sevilla ja eine schöne Stadt! Es ist die schönste Stadt der Welt!“ Sein Tonfall und seine Mimik lassen keinen Zweifel an seiner Aussage aufkommen, vielleicht drücken sie ein wenig Verwunderung aus, dass es jemanden wie mich geben kann, der das (noch) nicht weiß.

Im Laufe meines Aufenthalts beginne ich, meinen Taxifahrer zu verstehen. Und auch in der Frage nach den Touristen hat er recht behalten. Einerseits werden Kulturveranstaltungen von Spaniern gestürmt, nach langen Monaten des Eingesperrt-Seins ist der Hunger nach Ablenkung, nach Kultur groß. Andererseits gibt es sie auch, die ausländischen Touristen, wenn auch nur sehr wenige, in der schönsten Stadt der Welt … ...

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Sevilla, die Hauptstadt der südlichsten spanischen Provinz mit dem klingenden Namen Andalusien, ist für mich ein Spiegel, ein offenes Buch europäischer Geschichte und in gleicher Weise eine Art Vision, wie in der Zukunft ein friedliches und harmonisches Zusammenleben möglich sein könnte. Andalusien ist eine Grenzregion: Die Küste Nordafrikas ist an klaren Tagen am Horizont sichtbar – schließlich stammt der Name Andalusien von den maurischen (arabisch-moslemischen) Eroberern aus Nordafrika. Beinahe 1000 Jahre, zwischen dem 5. und dem 15. Jahrhundert, dauerte die maurische Herrschaft über weite Teile der iberischen Halbinsel, die den Namen al-Andalus erhielt. Juden, Christen und Muslime lebten mit-und nebeneinander, befruchteten die Kultur der jeweils anderen. Vielleicht ist es auch der südeuropäischen Gelassenheit zu verdanken, dass es eine gewisse Kultur des „Lebens und Leben-Lassens“ gab. Jede Konfession hatte ihre Traditionen und Bräuche und wurde weitgehend respektiert. Natürlich riskiert der Blick in die Vergangenheit, diese zu idealisieren und zu idyllisieren, allerdings gab es im europäischen Mittelalter keine Region, in der das Mit-und Nebeneinander der drei Konfessionen dermaßen friedlich blieb. Das zeigt sich auch in der Architektur. Blicken Sie von Ihrem Reiseführer auf und schauen Sie sich um – Sie werden staunen und nachdenklich werden, was in früheren Zeiten alles möglich war. Wieder ertappe ich mich dabei, wie ich mich von der heutigen Zeit der Intoleranz, des (politisch geförderten) Aufoktroyierens von Werten und Vorstellungen auf allen Seiten, des Lächerlich-Machens der eigenen oder anderen Kulturen und Religionen abwende und fast ein wenig wehmütig in die Vergangenheit blicke.

Auf der Fahrt ins Stadtzentrum fallen mir die Straßen auf, die, von Orangenbäumen flankiert, vom Platz der großen Kathedrale ausgehend ihre Strahlen durch Sevilla ausdehnen. Im Moment faszinieren mich die Orangen, prall, duftend und (anscheinend) saftig hängen sie an den Bäumen. Was für ein Duft muss durch die Straßen Sevillas ziehen, wenn all diese Bäume blühen? Und wie bezaubernd muss Sevilla im Frühling zurzeit der Mandelblüte sein?

Die große Kathedrale im Zentrum Sevillas bildet fast eine Welt für sich. Sie ist die größte gotische Kathedrale Spaniens und in vielerlei Hinsicht eine absolute Ausnahmeerscheinung. Die Abgrenzung zur Welt „drumherum“ ist auch heute noch sichtbar. Der Platz um die Kathedrale ist von Säulen umgeben, zwischen denen Ketten gespannt sind. Diese Ketten bildeten die Grenze zwischen der weltlichen Judikatur außerhalb und der kirchlichen Rechtsprechung innerhalb dieser Begrenzung. Da ich mir keiner Schuld bewusst bin, beantrage ich kein Kirchenasyl, betrete dennoch die Kathedrale über die Pforte der Eidechse. Ich amüsiere mich über diesen Namen, den mir mein Audio-Guide nennt, da ich ihn eher in einem Fantasy-Roman als in einer gotischen Kathedrale vermuten würde. Doch kaum habe ich die Pforte passiert, entdecke ich ein Krokodil, das von der Decke hängt. Auch wenn es nicht beißt, ist es kein alltäglicher Anblick in einer Kirche. Bei dem Krokodil handelt es sich um ein Geschenk des Sultans von Ägypten an Alfons X. den Weisen, König (von Kastilien und León (Reg. 1252 – 1284). Der Sultan hatte ein Auge auf eine Tochter Alfons‘ geworfen und das Krokodil als Hochzeitsgeschenk den weiten Weg nach Spanien gebracht. Ein jahrhundertealtes Krokodil ist aber nicht die einzige Besonderheit der Kathedrale: Das atmende Gewölbe! Bei Restaurierungsarbeiten fand man heraus, dass sich das Gewölbe der Kathedrale bei großer Hitze im Laufe des Tages einige Zentimeter hebt und bei Abkühlung am Abend wieder senkt. Was müssen das für Baumeister gewesen sein, die so etwas fertigbrachten oder auch nur planten! Ist es heute möglich, ein atmendes Gewölbe zu bauen?

Photo 237499335 © David Pillow | Dreamstime.com, Photo 25344836 / © Javarman | Dreamstime.com, Photo 220019893 / Day © Arkadi Bojaršinov | Dreamstime.com

Der Grundriss der Kathedrale ist im Gegensatz zu anderen gotischen Kirchen quadratisch. Die Kathedrale wurde über einer Moschee gebaut, die Fundamente hat man praktischerweise beibehalten. Ein Vergleich mit Istanbul, einer anderen Stadt in einem Grenz-und Übergangsgebiet drängt sich auf, besonders die Hagia Sophia, die ursprünglich als Kirche gebaut wurde und später zu einer Moschee wurde. Durch das Moscheefundament der Kathedrale rückt ein anderer Gedanke mein anfangs vielleicht zu idyllisches Bild des Zusammenlebens der Konfessionen und Volksgruppen in Andalusien ein wenig zurecht. Die 1000 Jahre währende Idylle wäre zu einfach, zu idealistisch und zu wenig menschlich gewesen. Höchstwahrscheinlich gab es auch im mittelalterlichen Andalusien Zeitspannen größerer echter Toleranz, die sich mit Zeiten des Gegeneinanders abwechselten.

Die Giralda, der Glockenturm der Kathedrale, ist mit 82 Metern der höchste in ganz Spanien und darüber hinaus der einzige Glockenturm der Welt ohne Stufen! Wer wie ich gerne Minarette oder Kirchtürme in aller Welt erklimmt, kennt sicher die Enge der Aufgänge und die vielen, vielen Stufen, die spätestens am folgenden Tag in den Beinen spürbar werden. Nicht so in Sevilla. Eine Art Straße, ein sich windender Weg führt in luftige Höhe. Die Giralda ist ein Minarett der früheren Moschee und verfügt nicht über Treppen, da der Muezzin mit dem Pferd den Turm erklomm, um einerseits die Gläubigen zum Gebet zu rufen, andererseits auch wichtige Botschaften möglichst schnell verbreiten zu können. Es müssen sportliche Gebetsrufer gewesen sein, denke ich mir. Es ist angenehm, den Weg auf die Turmspitze zu gehen, aber in höchster Eile auf einem Pferd – gleichsam zu fliegen? Für mich wäre das eher nichts.

Nach dem Besuch der Kathedrale und dem Wiedereintritt in die „irdische“ Welt des heutigen Sevillas, beschließe ich, einen Hammam, ein arabisches Badehaus, zu besuchen. Und schon wieder befinde ich mich in einer Art Grenzgebiet. Die indirekte verschiedenfarbige Beleuchtung der Becken mit unterschiedlich temperiertem Wasser, die Düfte, das intensive Wahrnehmen der Wärme der Steine, auf denen ich ordentlich durchgewalkt werde, der marokkanische Minztee und das verstärkte Körperbewusstsein lassen meinen Geist die Enge seiner Grenzen sprengen. Bin ich noch in Sevilla? Oder in einem Traum aus 1001 Nacht? Alles erscheint unendlich weit weg und doch nehme ich alles sehr genau wahr.

Vollkommen entspannt erwache ich aus meinem Wachtraum und komme wieder im Hier und Jetzt an. Ich lasse mich treiben und wandere ziellos durch die Stadt, versuche die Atmosphäre und Energie der Stadt und ihrer Einwohner zu erspüren.

Photo 61809679 © Pierre Jean Durieu | Dreamstime.com

Ich komme vorbei am „Teatro del Flamenco“ und beschließe, an einem der kommenden Abende eine Aufführung zu besuchen. Im Flamenco, einem der wohl bekanntesten Aushängeschilder spanischer Kultur, tobt das Temperament, bezaubern Körperbeherrschung und -spannung, reißen die schnellen stampfenden Rhythmen mit. Im ursprünglichen Flamenco stand der Gesang, wild und wütend oder anklagend und abgrundtief traurig, im Vordergrund und oftmals endeten alle Beteiligten in einer tiefen Trance, womit wir wieder bei einer Grenzerfahrung wären. Ich ertappe mich dabei, wie ich bereits nach dem Kauf einer Karte im Teatro del Flamenco, erfüllt von Vorfreude und den Schwingungen des Theaters, die Fersen energischer setze, mich gespannter bewege …

Am gegenüberliegenden Ufer lande ich auf dem Markt „Mercado de Triana“, direkt am Fluss Guadalquivir gelegen. Der eher unscheinbare Eingang lässt nichts von der Welt dahinter erahnen, die mit Bergen an Obst und Gemüse, Kräutern, Käse, Fleisch und Fisch alles bietet, was das Herz bzw. in diesem Falle eher der Gaumen (oder der Magen) begehren. Die einzelnen Marktstände haben Aufschriften mit den typisch südiberischen blau-weißen Kacheln. Die ungewöhnliche Position des Marktes am Flussufer ist den Fischern geschuldet, die in früheren Zeiten ihren Fang nicht durch die halbe Stadt transportieren mussten, sondern direkt neben der Anlegestelle ihrer Boote verkaufen konnten.

Ich gehe meiner Nase nach und beschließe spontan, auf dem Mercado de Triana einen Paella-Kochkurs zu besuchen. Reisfleisch ist nicht unbedingt mein Lieblingsgericht, aber was die Pizza für Italien ist, ist die Paella für Spanien. Und so lerne ich einen sympathischen spanischen Koch, der auch viel über die Geschichte der Paella zu erzählen weiß, und ein reizendes deutsch-amerikanisches Paar kennen, das ebenso wie ich auf der Suche nach dem authentischen Geschmack Spaniens ist. Die ursprüngliche Paella war – auch das eine Gemeinsamkeit mit der Pizza – ein typisches „Arme-Leute-Essen“ und bestand aus lediglich drei Zutaten, die in der Region jede Familie zu Hause hatte: Reis, Safran und Olivenöl. Im Laufe der Geschichte und mit der Veränderung der Essgewohnheiten änderten sich auch die Zutaten der Paella. Wir in Sevilla fügen zu den drei Grundzutaten noch Hühnerfleisch und Gemüse (Zwiebeln, Bohnenschoten und Tomaten) hinzu. Theoretisch sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt, nur – so meint unser Koch – bitte geben Sie keinesfalls Chorizo, die pikante spanische Wurst, in eine Paella! In anderen Regionen Spaniens werden Erbsen und verschiedene Fleisch-oder Fischsorten, einzeln oder in Kombination, ebenso in die große Paella-Pfanne geworfen wie Meeresfrüchte. Es gibt sogar Paella mit Kaninchen und Schnecken. Aber egal, aus welchen Zutaten Sie Ihre Paella bereiten, durch die Einfachheit und den ehrlichen Geschmack der Zutaten, gekrönt von der goldenen Farbe des Safrans und seinem unverwechselbaren Aroma, wird es wie ein leidenschaftlicher Flamenco für Sie oder all Ihre Gäste sein und einen Hauch von Sevilla – der schönsten Stadt der Welt, Sie erinnern sich – auf Ihre Teller zaubern.

Die ursprüngliche Paella war ein typisches „Arme-Leute-Essen“ und bestand aus drei Zutaten, die jeder zu Hause hatte: Reis, Safran und Olivenöl.